wiki instituteSuche

KapitelVierzehn

Kapitel 14

Georg kam zu Bewußtsein und fand sich erwachend in Mathildas Armen. "Na, gut geschlafen, Herr Doktor?", fragte diese zärtlich. Der Schmerz an seinem Kopf klärte schnell letzteren. Etwas benommen betastete er die Stirn und fühlte einen strammen Verband. "Wenn das keine Gehirnerschütterung ist", sagte Georg und stöhnte. Aber die üblichen Symptome blieben aus und sein Bewußtseinsverlust erklärte er sich mit der intensiven Erregung, der er erlegen war. Das Sofa, auf dem er lag, war bequem, so daß es ihm nichts ausmachte, daß Mathilda aufstand, um etwas zu trinken zu holen. "Haben sie Hunger?" "Ja, wie lange lag ich denn so unbewußt herum?"

"Ungefähr drei Stunden waren sie abwesend. Ich werde den Pizzablitz bestellen, was kann ich ihnen denn anbieten?"
"Eine Calzone, bitte.", sagte Georg, ohne lang zu überlegen.
"Wie, sie auch. Das ist meine Lieblingspizza, und mein Italiener macht die beste, die ich je gegessen habe."
Na diesem Ausspruch Mathildas setzte sich Georgs Beziehungskonstruktionsmaschine in Bewegung. Unsichtbare Linien in Raum und Zeit entstanden und das Ergebnis dieses strukturalistischen Akts präsentierte ihm die Beziehung seines Lebens. Nachdem Mathilda zum Telefonieren in den Flur gegangen war, sah Georg sich ein wenig genauer um, als es ihm beim Eintreten möglich gewesen war. Neben der nahrungsmäßigen Bestätigung seines Schlüssel-Schloßgedankens, verlangte sein Trieb die Übereinstimmung im Möbelgeschmack. Er war ein Mensch, der sich immer nach harmonischen Verhältnissen sehnte, und dies nicht nur im charakterlichen, sondern auch im alltäglichen, materiellen Lebensbereich. Er gewahrte Le Corbusier, anwesend in Form der ewig schönen, schlichten schwarzen Sessel und beglückwünschte Mathilda insgeheim für ihren exzellenten Geschmack. Und in eben der konzentrierten Weise des alten Bauhauses setzte sich Möbel für Möbel aneinander, ohne je Enge zu produzieren. Wie Zahnräder griffen die Gegenstände und der Raum ineinander, ließen sich Platz für ihre Einzigartigkeit und brauchten dennoch nichts, um sich aneinander zu gewöhnen. Die reduzierte Formensprache produzierte ein Crescendo hin auf ein Gemälde, das offensichtlich höheren Werts war. Es war das Bozetto einer Himmelfahrt Mariens. Das Kennerauge Schweickarts registrierte sogleich die kunsthistorischen Eckdaten: spätvenezian. Barock, aller Wahrscheinlichkeit nach frühes 18. Jahrhundert, möglicherweise Pellegrini, wenn nicht gar Tiepolo. Ein Engelsreigen girlandiert in Wolkensphären um eine zartblaue Himmelsmitte, innerhalb derer sich die Muttergottes, schön wie Venus, auf einer sanften Cumuluswolke gen Himmel in Engelsassistenz tragen läßt. Die Gesamtfarbigkeit ist von vollendeter Einheit. Die Harmonisierung durch die Verweißung des Farbkreises übermittelt soviel Übersinnlichkeit, wie irgend möglich. Es mußte wohl ein Entwurf für das Kuppelfresko einer Schloßkirche sein, denn unübersehbar waren die erotischen Implikate. Und aus der Feingliedrigkeit der Komposition sprach Rausch. Das göttliche Licht war säkularisiert durch einen Lichtstrahl, der die stratosphärische Schleierbewölkung durchbrechen konnte und Maria seitlich bestrahlte.

Dieser Kontrast zwischen dem Formalismus der Geometer aus Dessau und der gekonnten Animation textueller Tradition beeindruckte Schweickart sehr. Er fragte sich, welcher Provenienz dieser Schatz wohl sei. Ihm waren einige Bozetti Pellegrinis bekannt, aber die befanden sich in den Sammlungen der Museen, oder in den gepanzerten Kühlschränken von Finanzidioten.
"Sie bestaunen mein Meisterwerk?" Mathilda hatte sich nach dem Anruf umgezogen. Der Citylook mußte einer bequemen Kombination aus Body und Stretch weichen.
"Aber sicher, das Gemälde ist ein Traum. Mir ist nur leider nicht bekannt, zu welchem Fresko dieses Bozetto gehörig ist." Schweickart dachte sich, daß sie als seine Patientin durchaus klare Vorstellungen von dem haben könnte, was unter einer guten Partie verstanden wird. Doch schalt er sich für seine Überheblichkeit.
"Da kann ich ihnen auch nicht weiterhelfen, denn die Komposition ist ein uraltes Erbstück. Irgendwie fand es den Weg in unsere Familie, von der ich so gar nichts weiß. Seltsam, aber mein Großvater, Urgroßvater und alles aus der Zeit davor, sie alle waren das, was gemeinhin unter den Begriff arme Leute fällt. Und soweit mir bekannt ist, gab es auch in den entfernteren Linien kaum jemand, der höher gestiegen war, als ein Feldscherer. Die meisten meiner Vorfahren, ob männlich, oder weiblich, verdingten ihr Leben als Land-, Manufaktur- oder Fabrikarbeiter, oder in Anstellungen bei den Bürgerlichen. Nur eine Erzählung meiner Großmutter verweist auf Einflüsse, die außerhalb unseres Herkunftsgebietes kamen. Da war immer die Rede von einem edlen Mann aus dem Süden. Meine Oma verhielt sich immer geheimnisvoll und meine Eltern meinten, Oma spinne mal wieder, als ich sie nach näheren Angaben zu dieser Dunkelziffer fragte. Großmama nannte ihn immer Petrus, und ich weiß nicht, ob das ein Name, oder vielmehr eine charakterliche Eigenschaft des Unbekannten war. Sie erzählte oftmals von den Geheimnissen der Familienchronik, in denen dieser Revenant immer wieder einmal auftauchte, um sich ein mystisches Stelldichein wie der Besuch eines Außerirdischen zu geben. Es hieß, er betöre die weiblichen Mitglieder der Sippe, brächte sie um den Verstand, um dann nach einiger Zeit zu verschwinden, als sei er nie dagewesen. Ich mußte dann immer an den geheimnisvollen Leonardo aus den Elixieren des Teufels von Hoffmann denken, nur das unser Fremdling nicht einen Fluch zur Ausführung brachte, sondern Casanova-like die Biederkeit unserer Verhältnisse aufmischte"

Das mutete Schweickart sehr geheimnisvoll an. Er wußte nicht, ob er den Erzählungen Mathildas einen realen Wahrheitswert beimessen sollte, doch war diese überlieferte Mixtur aus Wunsch und vielleicht einem Quentchen Wirklichkeit ihm keineswegs fremd. Auch in seiner Familie fanden sich im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Einsprengsel fremdartiger Menschen, die das gewöhnliche im Lauf der Dinge zugunsten einer Aventure außer kraft setzten. Nur ist es in den Chroniken belegt, daß Italiener auf den grand tours kennengelernt worden sind. Tagebücher aus dem 18. Jahrhundert, die er immer gern las, gaben beredt Auskunft über Liebeleien am Rande des Bildungswegs, der für die gebildeten Damen höherer Stände eine pilgerhafte Pflicht gewesen war.

Sogleich berichtete Georg, daß er, als er vor nicht allzu langer Zeit wieder einmal die Chroniken der Familie zur Hand nahm, die Geschichte einer Vorfahrin kennenlernte, die sehr außergewöhnlich gewesen sein mußte. Die junge Dame, nennen wir sie Charlotte, war im Alter von 24 Jahren mit ihrer Base über Wien, Genua, Venedig und Florenz nach Rom gereist. Es war ein langwieriges Unterfangen gewesen, den Eltern klar zu machen, daß es zwingend notwendig für sie sei, diese lange Studienreise zu unternehmen. In vielerlei Hinsicht wich Charlotte von den üblichen Verhaltensmustern innerhalb der Zeit und der familiären Umstände ab. Zunächst hatte sie sich erfolgreich einer erzwungenen Hochzeit mit einem preußischen Offizier, der weit älter war als sie und die Erzeuger nur mit seiner Abstammung und dem Reichtum beeindruckte, was ihr keinesfalls imponierte, widersetzt. Darüber hinaus widmete sie ihren ganzen Eifer der Kunst, und neben einigen wenigen, aber unbedeutenden praktischen Versuchen, schrieb sie über das, was sie sich anschauen mußte, die Werke des Altertums in den fürstlichen Sammlungen, aber auch das künstlerische Wirken ihrer Zeitgenossen. Ihre Ideen waren für jene Zeit mehr als beeindruckend. Ihr schwebte eine neue Art über die historischen Gegenstände zu schreiben vor. Anders als ihr Zeitgenosse Winckelmann interessierte sie sich besonders für die Wirkung der Werke auf den Betrachter und thematisierte ihre Gedanken in ihren Tagebüchern, die natürlich nie veröffentlicht worden sind, da sie nie das Privileg zur Drucklegung erhalten hätte.

Aber er flachte dabei zusehends ab, war immer noch erschöpft. Dann Klingel, Ende des Redens. Pizza schuf Tatsachen. Nach dem Essen gestattete er sich die Frage nach einem Wodka. Der Alkohol löste die gezwungene Spannung in ihm. Plötzlich war er wieder für die körperlichen Signale dieser Schönen ansprechbereit. Wohlig warm und gesättigt vergaß er das Indiskrete seines Blicks und genoß den Augenblick. Die Konversation tröpfelte vorbei, er schien nichts mitzubekommen. Seine Augen streichelten ihr Haar, ungeniert tasteten sie über den Körper der Frau. Eine Weile der Stille erweckte ihn. Sie sahen sich an und lachten. "Ich glaube, ich muß jetzt fahren", sagte er. "Kommt nicht infrage, sie bleiben erst einmal hier. Ihren Pieper für Notfälle haben sie ja dabei." Georg ließ sich gern entwaffnen.

KapitelFuenfzehn

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

18.06.2004 · MatthiasWeiss · r1