Schweickart fühlte sich wohl in seiner Haut. Er verspürte keine Schuld mehr, wegen seiner pornographischen Vergangenheit, er ließ sich, formuliert man es mit einer gängigen Vokabel, einfach treiben. Seine Arbeit wollte er erst einmal vergessen. Also nahm er sich Urlaub und reiste nach Rom. Direkt an der spanischen Treppe befand sich ein Hotel, daß er, so simpel und preiswert es war, immer wieder aufsuchte, wenn er in die ewige Stadt ein unsichtbares, zeitverhaftetes, endliches Zeichen -ein Mal seiner begrenzten Gegenwart -setzen wollte. Als er im Zug saß, wurde im plötzlich deutlich, in welch merkwürdigen Bedeutungszusammenhängen ein Außenstehender diese Reise werten würde. Man könnte es als Flucht interpretieren. Doch nichts lag ihm ferner, als einfach zu flüchten, denn dazu hatte er keinen Grund. Er benötigte auch keine Distanz zu den Erlebnissen mit seiner Geliebten Mathilda. Vor allem hinsichtlich der vergangenen zwei Wochen, in denen er mehr als je zuvor glücklich gewesen war. Zwar gab es da noch das Gefühl des Unbestimmten, dieses Amalgam aus Bejahung und Unsicherheit über die Wirklichkeit einer Beziehung, also das Mögliche im Unterschied zum Bereits des Wirklichen, aber die Übereinstimmung beider hinsichtlich eines gemeinsamen, zukünftigen Lebens nahm schließlich immer mehr Gestalt an. Er wollte auch keine Auszeit, um sich Gedanken darüber zu machen, auf welche Weise diese erträumte und beinahe wirkliche gemeinsame Zukunft gestaltet werden müsse. Aber was war es dann? Den herkömmlichen touristischen Reiz der Stadt mußte man in der Deutung seiner Person ohnehin hintanstellen, da Schweickart bereits zum x-ten Male Roma Aeterna besuchte. Das einzige bestimmte Ziel, das er hatte, war sein Hotel. Der Rest würde sich ergeben. Er hatte diese Stadt mit allem innewohnenden Chaos zu einem zu seiner Vertrauten personifiziert. Der Dea Romana wollte er von seinem Glück erzählen. Für Schweickart war es etwas ganz normales, den Verlust an Magie in seinem chirurgischen, chromblitzenden Dasein dadurch auszugleichen, daß er Orten auf ursprüngliche Weise ein individuelles Leben zusprach, ohne sich allerdings auf einen Beistand in Nöten zu verlassen. An der spanischen Treppe konnte man ihn sehen, wie er leise vor sich hin redete, scheinbar verrückt, dennoch mit einer imaginierten Ansprechpartnerin. Mathilda hatte er erzählt, er führe zu einem Kongreß nach Rom. Er wollte sie nicht mit seiner Marotte beunruhigen.
KapitelSechzehn
-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004