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KapitelDreizehn

Kapitel 13

Henrich hatte Robert den verdienten Urlaub in der klassischen "ja, eigentlich ist es unmöglich"-Manier abgesegnet. Aus dessen geräumigem Büro heraustretend begegnete er Ghiberti, einem italienischen Mitarbeiter, der das glückliche Los gezogen hatte, Ressortleiter für Italiens Phrasenschmiede zu sein. Der Verlag hatte im Bereich der schöngeistigen Literatur eine sprachliche Struktur, die derjenigen Europas gleichkam. Der Gründer versuchte, mit Spanien angefangen und den ethnischen Minderheiten Osteuropas endend, das gesamte Spektrum zeitgenössischer Literatur abzudecken. Es kam zwischendurch des öfteren zu Balkankrisen, Spanienembargos, Deutschlandrestriktionen und empirelichen Omnipotenzphantasien seitens verschiedener Staaten. Übersee ließ man beim Aufbau des Unternehmens außer acht. Als kleines Aperçu veröffentlichte man, das hieß Robert, die Reihe "Kunstkammern" Hier forderte die bildende Kunst ihr Daseinsrecht ein. Bildbände bedeutender Meister, Ausstellungskataloge zu besonderen Präsentationen in besonderen Editionen und theoretische Arbeiten aus dem In- und Ausland wurden von Robert ediert. Die "Kunstkammer” war eine Idee Roberts gewesen. Er dachte dabei an die gleichnamigen Gemälde flämischer Altmeister, die in zum Teil beispielloser Fülle Einblicke in Räume gewähren, die ein Spiegel des damaligen sozialen und wirtschaftlichen Überflusses waren. Gemälde und Betrachter waren dort zu sehen. Aus der distanzierten Position eines kritischen Galeriebesuchers konnte man die Fülle des Besitztums der Herrschaft und des Bürgertums bewundern und von einem erhöhten Betrachterstandpunkt auf das Geschehen hinabschauen, denn Kunstwerke waren Luxusgüter und bereits markterfaßte Handelswaren. Vereint im Gespräch versammelte der Maler dort ebenfalls Künstler, Gelehrte und Potentaten, wie reiche Bürger gleichermaßen. Die Übertragung des feststehenden kunstgeschichtlichen Begriffs auf die Edition des BÆnditverlages erschien Robert mehr als sinnvoll. Er vertrat immer den Anspruch, ein wenig pädagogisch zu wirken, indem er den unverstandenen Künstlern einen festen Ort im Verlag beschaffte und sie mit Autoren versorgte, die sich durch solide und engagierte Arbeit auszeichneten. Überchaute man die bereits aufgelegten Titel, so wurde klar, daß diese Reihe eine neue, zeitgemäße Kunstkammer war. Auf den Tischen der Kunstkammern fand sich auch Sammelsurium. Skizzen, Rechnungen, Krimskrams. Dem wurde eine regelmäßig erscheinende Unterreihe gerecht, in der alles seinen Platz fand, was mit Kunst zu tun hatte. Gelungene Dissertationen, Reprints der Proportionslehren der Renaissance und nicht zuletzt auch dieser französische Held postmoderner Kunstschreiberei. In immer gleicher Ausstattung und Format nahm diese Edition einen wichtigen Platz in der Fachwelt ein. Als alleiniger Arbeiter an der Kunstkammer blieb ihm wenig Zeit, sich mit anderem zu beschäftigen, denn der Output mußte stimmen. Doch trotz der anstrengenden Tätigkeit konnte sich Robert als glücklicher Mensch fühlen, hatte er doch Arbeit gefunden. Als promovierter Kunstgeschichtler waren die Aussichten auf eine feste Anstellung mehr als düster. Er hatte nach seinem etwas zu lang geratenen Studium in einem Düsseldorfer Museum volontiert und war danach ohne festen Arbeitsplatz gewesen. Er verdiente sein Geld mit Rezensionen und Kritiken mehr schlecht als recht, bis seine Aufmerksamkeit eines Tages von einer Anzeige in Anspruch genommen wurde. Die unangenehme Durststrecke mit stetig wachsender Ebbe auf dem Konto wollte er durch seine Bewerbung beenden. Er hielt sich für den Richtigen. Seine Selbsteinschätzung war keineswegs vermessen und überheblich, sondern in Ordnung gewesen. Der Posten kam in seine Hände und die Reihe erblühte in beinahe vollständiger Eigenverantwortung. Nur ab und an versuchte Henrich seine Favoriten auf ihn abzuwälzen, wie auch jetzt gerade. Aber er hatte seinen Urlaub bekommen. Ghiberti drückte ihm auf den Weg in die Mittagspause einen Stoß Papier in die Hand und bat ihn, das Konvolut zu lesen. Es war eine frische Probe der Übersetzerleistung des Italieners.

"Das wird eine Überraschung, so etwas hast du noch nicht gelesen. Die ganze Geschichte ist eine Endlosschleife. Obwohl er eine relativ strenge Kapiteleinteilung angibt, vermischt er auf den verschiedenen Erzählebenen Wirklichkeit mit Fiktion. Das irritiert derartig, daß einem schwindlig wird. Es ist, als ob man sich zwischen zwei Spiegeln erblickt. Ein Bild, immer dasselbe, wiederholt sich bis in die Unkenntlichkeit der Unendlichkeit. Da taucht der Autor in der Handlung auf, doch der Autorenname ist ein Pseudonym. Dann stellt sich heraus, daß das Buch eine Fiktion in der Fiktion ist. Also ist es gar kein Buch im herkömmlichen Sinn. Lies es, es wird dir Freude bereiten.", sagte Ghiberti und steckte sich eine Zigarette an.

Es war kalt geworden. Der Boden des Herbstes verlangte nach der blattgelben Nahrung, die ihm die Bäume bereitwillig zusprachen. Robert nahm das Bündel Papier und steckte es in die Innentasche seines Mantels.
"Weiß man, wer dieser Pietro Inciso gewesen ist?"
"Nein, interessanter weise nicht. Der Roman ist irgendwann auf einem Schreibtisch des Mailänder Verlages Garamond aufgetaucht. Die haben derartig chaotisch gearbeitet, daß ihnen der Verfasser des Buches glatt durch die Lappen gegangen ist. Na ja, immerhin habe ich ihn entdeckt, nachdem er dort trotzdem noch ediert worden war", sagte Ghiberti stolz. Also ein rätselhafter Fall. Robert kannte einen Mitarbeiter bei Garamond namens Diotallevi und nahm sich vor, diesen zu interviewen. Er vermutete aber, daß sich irgendeine verrückte Crew von Studenten der Literaturwissenschaft daran gemacht hatte, die literarische Welt ein wenig zu verwirren. Er konnte sich genau vorstellen, wie die eifrigen Umstürzler in den Ferien vor den Bildschirmen saßen und sich die neuesten Kapitel in ihre Mailboxen jagten. Als dann die Geschichte fertig war, haben sie sich einfach den renommierten Intellektuellenverlag ausgesucht, und wie zufällig fand sich ein Stoß Papiere auf Diotallevis unordentlichem Schreibtisch. Unbekannter Autorenname -Verwunderung, erstes Lesen -Begeisterung. Aktion -Publikation. Und Ghiberti fand das Buch dann während einem seiner Streifzüge durch die literarische Welt Mailands. Dann fragte er bei Garamond nach, wo ihm die Lektoren verwundert erzählten, daß ihre Recherchen nach Pietro Inciso in Leere gelaufen waren und schon amalgamierte die Urlaubsstimmung mit der Faszination für das Kryptische. Eine kritische Masse entstand im Schädel des Freundes, und ohne es zuvor mit Henrich abgesprochen zu haben, erwarb Ghiberti die deutschen Rechte für bÆndit.
Aber keine allzu schnellen Vorurteile bitte. Robert beschloß, dieses Buch erst einmal in aller Ruhe zu lesen, sofern er überhaupt Zeit dazu fände. Aber dieser erste Auszug müßte zu schaffen sein, ansonsten würde er die Stunden der Atlantiküberquerung nutzen.
Nutzen - das häßliche Wort. Und noch häßlicher war die Redewendung "die Zeit nutzen". Robert war in einer familiären Situation aufgewachsen, in der der Nutzen einer Sache, einer Handlung und der Zeit schlechthin, als etwas Selbstverständliches galt und als eine Heiligkeit behandelt wurde. Rebellionen gegen diese Lebensart zogen sich wie ein roter Faden durch sein frühes Leben. Immer wieder hatte er sich dem ganzen Rummel um die scheinbar sinnvolle Nutzung der Zeit, die Leben genannt wird, gesträubt. Er war Sitzenbleiber, und als das offenbar wurde, brach eine Welt im großelterlichen Hause ein. Seine Eltern waren zwar von Verständnis übervoll, aber insgeheim pflanzten sie in ihm den Keim der Rastlosigkeit. Nach seiner Rebellionszeit ergab er sich geistig der Hetzerei. Sein Alltag aber sah anders aus. Müßiggang sei aller Laster Anfang, hatte man ihm von Kindesbeinen an eingeprägt, und dennoch pflegte er diesen und fühlte sich dementsprechend permanent unwohl, wenn er sich bei scheinbar sinnlosen Tätigkeiten ertappte. Alles benötigte seine Zeit. Das schlimmste war für ihn, sich unter Zeitdruck entscheiden zu müssen. Überhaupt haßte er Entscheidungen. Es war ihm zu betont, zu laut, wenn es darum ging, bei vollem Bewußtsein etwas zu tun, was sowieso keinen Lustgewinn versprach. Er reagierte viel lieber spontan, aus einer bestimmten, wohldefinierten Situation heraus, die ihm nicht viele Alternativen. Vor der Welt der unendlichen Möglichkeitsvielfalt graute ihm, vor allem dann, wenn nicht genügend Zeit blieb, um sich zu entscheiden. Als Robert genau diese Denk- und Empfindungsweise an sich feststellte, meinte er, daß er ein paradoxes, widersprüchliches Wesen sei. Aber nach näherer Betrachtung begann er zwischen verschiedenen Arten der Entscheidungen zu differenzieren. Sein Entwurf von der Welt und seiner Einflußnahme auf sie erfuhr durch den Prozeß jener Selbstreflexion einen entscheidenden Wandel. Er setzte einen Kontrapunkt zu dem Ideal der konkreten Entschlossenheit, wie ihn alle Welt vordergründig praktizierte und genoß späterhin das Habhaftwerden der Dauer. Disziplin erfuhr durch ihn eine freiheitliche Umdeutung. Gemeint war nicht der Drill, dem man sich klaglos und ergeben auszuliefern hatte, sondern die Ordnung der Dinge nach zwangloser Selbstüberzeugung. Die Ebenen der Entscheidungen zog er nicht gesetzmäßig treu, sondern ließ sich die Freiheit, aus der jeweiligen Situation heraus, zu entscheiden, ob etwas Zeit benötigte oder nicht. Das reine Funktionieren war sowieso nicht der Zwang schlechthin, denn sein Zukunftskonzept ließ besondere Freiräume geöffnet, so daß er sich tatsächlich in gewisser Hinsicht frei und unabhängig fühlte. Aber so einfach war es dann doch nicht, denn immer wieder überfuhr ihn der Alltag und es stellte sich als Ballast heraus, daß seine Erziehung tief in ihm hallte. Dann verlor er den Faden seiner Privatphilosophie und verunglückte teilweise bitter. Die Folge war absolute Handlungsunfähigkeit und eine tiefe Frustration. In der jüngsten Zeit mehrten sich diese Abstürze, da er gezwungen war, allein zu leben, ohne den aufrichtenden Halt Julias. Manche hielten ihn deswegen für faul, wenn er einmal nicht den gesellschaftlichen Zwängen gehorchte und zu einer "wichtigen" Party nicht erschien, oder Termine beruflicher Natur einfach versäumte. Sein Wertesystem regierte er nun einmal weitestgehend selbst und im Verlag ließ man ihm diese Freiheit, weil man wußte, daß seine Arbeit dennoch gut war. Die produktive Geschäftigkeit seiner Umwelt erschütterte ihn, denn er sah sich nicht ausschließlich als Bewohner der Nordhalbkugel, die seiner Meinung nach verseucht von dieser Bewältigung der Zeit war. Jeden Tag war in den Nachrichten zu sehen, was das in den sogenannten Entwicklungsländern anrichtete. Und nicht nur dort. Er gedachte der frühen Herzinfarktopfer, der psychisch kranken Menschen, die jener Gesellschaft einfach nicht gewachsen waren, und demzufolge zu leiden hatten. Es lebte sich schließlich auch so, und wenn es in seiner Welt möglich war, warum dann nicht auch in den Welten, die von Termin- und Sachzwängen verseucht waren. Aber dieses Denken wurde nicht zugelassen. Die Negethik war unendliche Herrscherin des Weltreiches. Und sie okkupierte schamlos die Vernunft.

Nach der kurzen Mahlzeit in einem beliebten Schnellrestaurant schottischen Ursprungs beschäftigte Robert sich weiter mit der französischen Lektüre. Mühsam biß er sich durch den trüben Stoff, die Neugier erwachte plötzlich und er holte sich Ghibertis Übersetzung ins Terminal. Wahllos blätterte er durch die bereits bearbeiteten Seiten und fand sich an einer Stelle wieder , die ihn in äußerste Erregung versetzte. Er mußte dort lesen, daß eine der Figuren des Romans mit Namen Mathilda in einem Verlag arbeitete, nebenbei ihre Dissertation über Henry James schrieb und einen Arbeitskollegen hatte, der Robert hieß, dessen Freundin Julia.....
Eigentlich hätte er in Ohnmacht fallen müssen, doch er hielt das Werk zunächst für einen Scherz Ghibertis, der ja zweifelsohne all diese Figuren persönlich kannte. Robert stürmte aus seinem Büro in Richtung Italien. Mit Wucht stieß er die breite Glastüre auf, die krachend gegen den Stopper schlug und in sich vibrierte, als wolle sie zerspringen. Dann eroberte er das Büro Ghibertis und donnerte: "Du willst mich wohl auf den Arm nehmen? Ich habe gerade den obskuren Inciso aufgerufen und was lese ich, eine biographische Notiz meiner jüngsten Vergangenheit und die unserer lieben Kollegin Mathilda. Was soll der Scheiß?" "Nun mal sachte, lieber Roberto. Habe ich es dir nicht gleich gesagt, daß das Büchlein recht schräg ist? Ich finde mich hier genauso wieder, wie du."
"Hör zu, das Buch darf nicht an die Öffentlichkeit. Außerdem schlage ich vor, daß du es umgehend dem Reißwolf anvertraust und zudem die Spuren aus dem Computer wischst."
Robert war überzeugt, daß Ghiberti ihn immer noch an der Nase herumführte. Er konnte nicht das Unglaubliche glauben, daß ein Buch seines Lebens existierte. Wie konnte ein italienischer Schriftsteller von der Existenz einer Gruppe von Lektoren und deren Freunde wissen, wenn nicht ein Bekannter sich hinter diesem Werk verbarg. Außerdem ging scheinbar auch Ghiberti davon aus, daß der Verfasser bereits das zeitliche gesegnet hatte. "Ich habe mit Garamond telefoniert", meinte der Verursacher dieser Konfusion, "und da hat mir Belbo versichert, daß es sich um ein Originalmanuskript eines Anonymos handelt. Was soll ich also tun? du kannst doch also überhaupt nicht gemeint sein, genauso wenig wie ich, auch wenn alle Fakten dafür sprechen, auch wenn sämtliche Namen den unsrigen entsprechen. Ich denke, das beste wäre, eine Lektorenkonferenz einzuberufen und gegebenenfalls eine Detektei auf den mysteriösen Signore Inciso anzusetzen", schloß Ghiberti und kraulte sich die Schläfe.
"OK, wenn du meinst, daß wir damit das Phänomen verstehbar machen können, dann geh' zu Henrich und mach einen Termin. Wenn es geht, dann noch heute. Du findest mich in meinem Büro."
Ghiberti, gelassen wie er war, griff zum Hörer und ließ sich mit Henrich verbinden.
Robert stutzte, als er die Stimme hörte, denn normalerweise hatte der Chef selten Zeit für die Belange seiner Mitarbeiter, außer wenn es um die Ablehnung von Forderungen ging. 15.30 Uhr, Konferenzraum. Er zog sich in sein Büro zurück und öffnete noch einmal das Dokument. Dann holte er sich die Systemdatei, um das Erstellungsdatum zu kontrollieren. Alles schien in Ordnung zu sein. Das Protokoll in der zentralen Datei zeigte mit Datum und Uhrzeit genau an, daß Ghiberti kein Lügner war. Der italienische Text war komplett im Speicher. Erfaßt worden war er von einem der Scanner und per OCR konnte das Dokument bearbeitet werden. Parallel dazu stellte Robert fest, daß Ghiberti tatsächlich peu à peu seine Übersetzung verfaßt hatte. Was mußte nur in dessen Kopf vorgegangen sein, als er alles gelesen hatte. Immer wieder dachte er über die Echtheit des Textes nach. Er überlegte, was über seine Zukunft herauszufinden sei. Dabei interessierte ihn das gar nicht. Dann wiederum erklärte er sich für verrückt und den Roman für einen Zufall. Robert versuchte abzuwiegeln, geriet aber erneut in den Strudel des Zweifels. Er beschloß die Krisensitzung abzuwarten, um dann eigene Schritte zur Aufklärung des Falls zu unternehmen.

KapitelVierzehn

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

18.06.2004 · MatthiasWeiss · r1