Endlich wieder zu Hause, dachte Mathilda, öffnete die Haustür und stellte den kleinen Koffer in den Flur. Das Telefon klingelte und sie begab sich ins Arbeitszimmer.
"Hallo?" "Hallo Mathilda, hier ist Robert, das ist schön, daß du wieder im Lande bist. Warum hast du mich nicht angerufen, ich hätte dich gern abgeholt?" Eine kleine Pause, dann antwortete sie: "Das wäre nett gewesen, wenn da nicht der aufmerksame Herr Doktor schneller gefahren wäre, der hat es sich nicht nehmen lassen, mich an seinem freien Tag zu befreien.", erwiderte Mathilda mit einem Unterton, den Robert an ihr sehr gut kannte. "Sag' bloß nicht, daß er dich interessiert", meinte er mit unüberhörbarem Zweifel in der Tonlage. "Sicher interessiert er mich. Er ist so lieb und schüchtern. Richtig sympathisch. Nur hat er die unangenehme Eigenschaft ein Autofreak zu sein. Wenn du einmal mit einem Hobbyrennfahrer im 72er Carrera durch die Stadt gefahren bist, so weißt du was ich meine."
Das war nun wirklich ein Problem, dem der Arzt nicht gewachsen war. Gegen sein Faible für geschwindes Fahren konnte er nicht handeln. Im Gegenteil. Seit sein Konto es zuließ, kaufte er den Stoff, aus dem die kollektiven Kinderträume deutscher Männer bestehen: Immer schon wollte er diesen Porsche 911. Und zwar in Quietschorange mit Felgen aus Goldchrom. Zwar war das kein Geschoß von heute, aber sein Traumsportwagen schlechthin.
Robert wollte sogleich mit einem Vortrag über Kompensationstheorie beginnen, doch Mathilda kam ihm zuvor: "Hast du heute noch irgend etwas vor?" Fast wie bei Ally McBeal, dachte sie. "Nein, ich kann aber auf einen Sprung bei dir vorbei kommen", meinte Robert. Er solle den Haufen Manuskripte mitbringen, der während ihrer Abwesenheit nicht von ihr bearbeitet werden konnte. "Wir müssen kurz besprechen, was du gelesen und bereits verarbeitet hast", sagte sie ein wenig nüchtern, angesichts des kommenden Nachholpensums.
"Ganz die alte Mathilda, gerade zurück, schon wieder nichts als Arbeit im Kopf. Ach, was mir da noch einfällt. Ich habe ein Buch aus unserer italienischen Abteilung bekommen. Es ist ein ziemlich verrückter Roman von einem Triestiner Arzt. Die Übersetzung ist jetzt druckreif und ich bringe ein Exemplar mit. Du wirst begeistert sein. Also dann bis später."
Schweickarts Tagebuch
Hallo, antwortet mir denn niemand? Um mich herum stehen Leute und starren gegen den Himmel. Halt, nein, nicht alle. Aber die meisten von ihnen. Was erwarten sie bloß? Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zu diesen Wintermantelbewehrten gestoßen bin. Ihre Hüte irritieren mich derartig, daß ich mich abwenden muß. Doch nicht gänzlich. Immer wieder schweife ich umher und versuche mich ihrer zu erinnern, was nicht gelingen will. Ich geb's auf. Ich stelle keine Fragen mehr. Ergeben erwarte ich. WAS? Das kann ich doch nicht wissen. Ist es der Tod. Ist es die Apotheose meiner Seele? Während ich warte, überkommt mich ein denkwürdiges Gefühl. Ich merke, daß mir ein das Blut, trotz der bitteren Kälte, in die Wangen steigt. Aus meinem Bauch heraus breitet sich ein an Wärme erinnerndes Gefühl aus. Ich versuche noch einmal in den Himmel zu schauen - nichts. All diese Menschen um mich herum können vielleicht ähnliche Wärme spüren. Niemand sagt etwas. Dieses Gefühl sollte sich nicht weiter ausbreiten, daher versuche ich die Koordinaten der näherliegenden Umwelt in Erfahrung zu bringen. Abgesehen von den Hüte tragenden Frauen und Männern sehe ich im Moment nur eines: Diese seltsame Vegetation scheint an keinerlei Realität gebunden zu sein. Bäume wie Abziehbilder, nein eher wie die abgezogenene Bretter vom sumpfigen Grund, durchweicht nach vielen Regentagen, die uns Kinder den Weg zum Haus beschwerlich machten.
Wenn Vater vor das Haus trat und sich dem Regen ergab, fühlte ich die tiefe Verwandtschaft zu ihm. Ich ging dann oft auf die halb verfallene Veranda, um ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten. Dann nahm er mich auf die Schultern und sagte: "Jetzt bauen wir einen neuen Weg", das sagte er nach soviel Mühsal und Kraftaufwand des Tages. Dann hob er die Bretter an, und in diesem Moment sah ich die Bäume, die ich heute sehe. Filigran verästelt, hell die Reflexionen des Lichtes auf dem Lehm.
In dieser dumpfen Farbigkeit kann ich mich nicht länger wohl fühlen. Selbst der Himmel mit seinem beinahe schon versöhnlichen Licht drängt mich beiseite und ich muß mich versuchen. Geh‘ jetzt, drängt die Stimme in mir. Aber wie erstarrt, bleibe ich dort. Daß ich mich einmal umgedreht habe, ist nach dieser langen Zeit kein Zeichen mehr für meine Kraft. Sie ist mir abhanden gekommen. Einzig das stupide Warten scheint noch Sinn zu machen. Warten auf einen Gott oder einen Teufel?
Ich kenne einen guten Menschen. Er versucht die Welt mit Liebe zu füllen, deren heilsamer Kraft sie bedürftig ist. Doch ist er kein Priester, kein Seelsorger oder Psychologe, kein Schamane oder sonst irgendein professioneller Heilsbringer.
Ich gehe bereits seit Stunden über die Mole und hänge in alten Gedanken. Mein Begleiter neben mir ist stumm. Kein Wort ist seinen Lippen zu entlocken, sein Sprechen wäre auch grausam und unerträglich. Vorn öffnet sich das Meer und sendet Sehnsüchte an meine Kopfadresse. Es wäre Zeit zu fliehen, denke ich. Aber da ist mein Begleiter, der sich immer ein wenig dümmlich neben mir hält, mal etwas zurückfällt, dann wieder nahe zu mir kommt. Er langweilt mich mittlerweile auf eine derartig penetrante Art und Weise, daß ich am liebsten ganz zum Rand ginge. Das hätte seine abrupte Aufmerksamkeit seinerseits zur Folge und ich könnte ihn ohne Probleme ins Wasser werfen. Das darf ich aber nicht, so glaube ich zumindest. Aber es zu denken, wird hoffentlich nicht bestraft werden. Aber was wäre, wenn ich ihn wirklich stieße? Wäre er dann ein für allemal seiner Überwachungsfunktion ledig? So recht glauben mag ich es nicht. Er stellte wahrscheinlich neue Hinterhalte, um sich vergewissern zu können. daß ich noch da bin. Ich glaube, ich wäre sogar verloren, wenn ich ihn verlöre, so bleibt mir eigentlich nichts weiter übrig, als stumm und bedrängt auf und ab zu gehen.
Die Mole erstrahlt gerade in ihrer vollkommensten Herrlichkeit. Wie man sich schnell denken kann, ist es Abend geworden und gegen den Horizont versucht die Sonne auf die andere Seite der Welt zu gelangen. Jetzt wandern viele Menschen mit mir über diesen Kai. Sie haben sich sehr fein zurecht gemacht, das ist hier so üblich. Da, eine schöne Frau spaziert mit einem Mann, der vielleicht ihr Vater ist. Sie trägt eins dieser körperbetonten Kleider, ganz schwarz. Auch meinem Begleiter scheint die Dame zu gefallen, denn unablässig blickt er sich auf peinlich Art und Weise nach ihr um. Das muß ich näher beschreiben, denn sonst glaubte mir niemand seine Unverfrorenheit.
Es ist die Permanenz einer absurden Nervosität, die durch die Bewegung meines Begleiters zum Ausdruck kommt. Leicht vornüber gebeugt, dabei zur gleichen Zeit die Kopfbedeckung in die Stirn schiebend, sich dann am Haaransatz kratzend und sehr schnell zur Seite drehend, versucht er einen Blick von der Frau zu erhaschen. Oder sieht er sie einfach nur an? Jedenfalls ist der Bewegungsablauf kompliziert und kaum durchschaubar. Mit unglaublicher Hektik vollzieht er diese komplexe Figur, fast wie diese Tangotänzer mit ihren gleichförmigen, abgehackten Schrittrhythmen.
Und trotz des Reizes behält er mich auch noch im Auge. Wir gehen jetzt zum x-ten Male in Richtung Stadt. Es ist unerträglich, was er da mit mir veranstaltet. Doch plötzlich geschieht eine Verwandlung. Das hektische Treiben hat ein Ende. Der Begleiter löst sich von mir und wie ein Wunder, er löst sich auf. Die Angespanntheit ist vorbei, ich gehe wieder ruhiger und vermag unbefangen diesen, so schönen Abend zu genießen. Ohne die Last meines Begleiters drückend auf mir zu spüren, gehe ich, verlasse ich die Mole mit all den abendlichen Spaziergängern. Ich überquere den Markt und es geht in die schmalen Gassen der Altstadt. Da steht das Haus, in dem ich wohne. Es ist sehr alt und der Besitzer scheint nicht viel Sorge um seinen Zustand zu tragen. Im Flur blättert der Putz von den Wänden, das Geländer ist schon lange nicht mehr lackiert worden. Aber was macht das schon. Ich fühle mich hier so wohl, wie sonst nirgends. Die dunkle Melancholie dieser Mittelmeerstadt. Triest hat so wenig von Österreich, wie von Italien. Und doch, wenn man einmal hier war, liebt man den Ort. Ich frage mich, wie lange ich noch mit dem Studium so fortfahren kann. Meine Kommilitonen sind bereits examensreif und ich muß mich beeilen, wenn ich den Anschluß behalten möchte. Aber dieser, mein erster längerer Auslandsaufenthalt, kostet Zeit. Mit der italienischen Sprache habe ich keine Probleme mehr. Aber hier zu studieren wäre reine Zeitverschwendung. Diesen Ort kann man nur genießen und erleben, Arbeit für mich als Ausländer ist fehl am Platz.
Ich muß unbedingt in der nächsten Woche nach Venedig.
Karo sagte immer: "Schau dir die Venezianer an, nicht nur die lebenden, denn von den Echten gibt's nicht mehr viele". Karo und ihre Künstler.
Heute ein Buch erworben, um auch das hochsprachliche Italienisch zu vertiefen: Il Medico, von Pietro Inciso, Empfehlung von La Professoressa De Angeli
Venedig, Herbst 1981
Gallerie d'all Accademia
1464 erbaute Bartolomeo Bon die Kirche Santa Maria della Carità. Napoleon bestimmte diesen Ort 1807 als Raum für die 1750 gegründete Akademie der Malerei und Bildhauerei. Dort lagert laut Reiseführer, die vollständigste Sammlung venezianischer Malerei. Also werde ich die Gallerie besuchen.
Ankunft in Venedig.
Es ist immer noch sehr warm. Ich komme mit dem Zug über die Ponte della Libertà und verlasse das Bahnhofsgelände. Ein merkwürdiger Widerspruch zu den historischen Gebäuden. Venedig und diese modernen Bauwerke, bei deren Anblick einem übel werden kann. Natürlich nehme ich sofort eine Gondel. Ich schaue auf die Uhr und stelle zu meiner Zufriedenheit fest, daß es erst 11.00 Uhr am Morgen ist. Prendo un cafè. Aber erst nach der schaukelnden Fahrt auf dem Canal Grande. Ich sitze allein in dem schwarzen Gefährt und lasse eine Hand im Wasser baumeln. Die kleine Plauderei mit dem Gondoliere. Sono Tedesco studio medicina a Trieste, è molto bene essere in bella Italia. Da legte er dann los, zweifelsohne ein mächtiger Bariton, der da eine Hymne auf die Sonne sang. Ich bedankte mich mit enthusiastischem Applaus und er meinte, daß ich mich wohl sehr einsam fühlte. womit er durchaus Recht hatte. Ich sagte es ihm, und er war darüber mehr als verwundert. Behauptete er doch, daß ihm noch nie ein derartig sympathischer Deutscher begegnet sei. Und das es wohl an mir liegen müsse, daß ich diese Stadt allein besuchen würde. Der weise Gondolière. Ich lasse mich am Pontile Carbon, ganz in der Nähe der Rialtobrücke, durch die wir triumphierend fuhren, absetzen und gehe zum Markusplatz. In einer Bar unter den Arkaden bade ich in Touristen aller Nationen, lausche ihren Stimmen, betrachte die müden Gesichter, die bereits am Vormittag Probleme haben, dem Programm ihrer Reiseleitung folge zu leisten -Ich bin ein Glückspilz. Was nützt denen dieser Ort, wenn sie derartig unter Druck stehen, als wären sie am heimatlichen Arbeitsplatz.
Zeitungslesen. Des Sitzens überdrüssig wandere ich querfeldein und finde mich doch noch, nach einigen Fehlschlägen, die mir erstaunlich ruhige Flecken offenbarten, die Akademie. Schlange stehen. Eintritt, Tasche abgeben, Jacke abgeben, Hinein in das Paradies für Kunsthistoriker. Zusammengeraubt aus Kirchen und Klöstern, bereichert durch Stiftungen und Hinterlassenschaften und auch durch geschickte Ankäufe. Der letzte Coup: ""Das Gewitter" von Giorgone, dem Kronprinzen der venezianischen Klassik, wenn Tizian der König ist. 1932 kam es in die Sammlung.
KapitelAcht
-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004