Robert steht vor dem Spiegel im Bad. Er überlegt, was er anziehen wird. Die Entscheidung fällt zu Gunsten der schlichten Lässigkeit aus. Das Sauerbruch, einer der mittlerweile überall aus dem Boden schießenden "Szenenläden", verlangt betonte Coolness. Das heißt T-Shirt, Jeans und schwarze Lederjacke. Es ist 20.00 Uhr und er hat noch Zeit.
Nachdem er sich rasiert hatte, ging er ins Arbeitszimmer Zwei und griff ins Regal. Das war eine seiner Gewohnheiten, denn zumeist war er lange vor dem Ausgehen angekleidet, verpaßte aber dann doch seine Verabredung, weil er immer wieder in Büchern kleben blieb. Seit seine Freundin Julia in den Vereinigten Staaten war, nahm die Marotte überhand, und alle Welt beschwerte sich über seine Unpünktlichkeit.
Er sah nur kurz auf den Einband und blätterte dann schnell. Die Erzählung, die er nur kurz anlesen wollte, war schnell gefunden. Er vertiefte sich ein wenig, bis ihm einfiel, daß er ja Mathilda abholen wollte. Insgeheim lobte er sich für seine Aufmerksamkeit, stellte das Buch zurück und machte sich auf den Weg. Mathilda war Vertraute und Lieblingskollegin. Er hoffte, daß nach bestandener Doktorarbeit als Vollzeitkraft in den Verlag übernommen würde. Ihre Aussichten waren ganz gut, denn seit ihrer Zeit als freie Mitarbeiterin, hatte sie sich peu à peu einen festen Platz in der Redaktion für englischsprachige Literatur der Gegenwart erarbeitet. Man war zufrieden mit ihr. Sie unterhielt gute Kontakte zu den Autoren, und ihre Übersetzungen wurden des öfteren als brilliant apostrophiert.
Er stand vor Mathildas Wohnungstür und klingelte. Sie öffnete und lächelte ihren Kollegen an.
"Na, Wetterfrosch, hast du es doch noch einmal geschafft, einigermaßen pünktlich zu sein", eine ihrer lockeren Begrüßungen. Robert freute sich, sie zu sehen.
"Bist du fertig, oder soll ich erst noch einen Aufsatz schreiben", Return.
"Sag mal, hast du schon Nachricht von Julia? Ich habe ihr vor zwei Wochen geschrieben und denke, daß es so langsam an der Zeit wäre, daß sie sich meldete."
"Nun drängle mal nicht so. Gestern habe ich mit ihr telefoniert. Es geht ihr augenblicklich nicht sehr gut. Sie hat gerade eine Heimwehphase; und die Leute, die in die Galerie kommen, kaufen nichts. Zumeist sind es irgendwelche Künstler, die mit Verbalinjurien über ihre Kollegen herziehen."
"New York, New York, big city - a dream, but everything in New York ain't always what it seem'", Mathilda rapte den alten Grandmaster Flash-Song.
"Sie hätte vielleicht nicht so vorschnell das Angebot ihres Chefs annehmen sollen."
"Nein, nein ", sagte Robert, "das war schon genau das Richtige, was sie machen konnte."
Mittlerweile hatten die beiden das Sauerbruch erreicht. Es war eine dieser Verzinkten Kneipen. Gitterroste als Fußboden, selbstgeschweißte Stahlbarhocker und die Wände verkleidet mit Stahlblechen, in die ein eher willkürliches Muster eingeflext worden war. Darüber dann im Eingangsbereich die obligatorischen Spiegel, und zur Bekrönung ein Lyster aus zahllosen Kristallglasanhängern, der das Ambiente dezent und, in Kontrast zur metallenen Einrichtung, warmherzig in ein weiches, gelbes Licht tauchte. Es war einmal ein Textilkaufhaus gewesen. Daher ergaben sich die zwei Etagen und die großzügigen Schaufenster, die opulente Blicke auf den Hauptverkehrsstrom zuließen, an dem die Kneipe lag. Oben war es etwas gemütlicher. Eine Beletage sozusagen. Hier standen an runden Tischen bequeme Sessel. Die Freunde hatten dort Stammplätze, direkt am Fenster, darauf bestand Robert, denn er hielt es für wichtig, daß der Blick sich in der Ferne erholen kann. Oben angekommen fanden die beiden glücklicherweise, wie Robert sofort dachte, einen "richtigen" Platz.
"Mathilda, ich bin so einsam ohne Julia. Manchmal werde ich völlig verrückt. Ich habe gerade eine Arbeit vorliegen, die mich wahrscheinlich um den Verstand bringt. Ein französischer Shootingstar unter den Ausstellungsmachern hat ein Buch geschrieben. Und das ist so ein postmodernes, halbpoetisches Gerede, ohne wahrnehmbaren Erkenntniswert. Ewig lange Beschreibungen, metaphorische Sprachweise -ich kann damit nichts anfangen. Zumal das Thema auch mehr oder weniger uninteressant ist. Und dabei spricht er so eine komplexe Sprache, daß ich Heimarbeit leisten muß, um das Lektorat zu bewältigen. Aber die Vorständler landen damit dann wieder einen Hit in der Intellektuellenszene. Das Buch wird sich zwar nicht überwältigend verkaufen lassen, aber der Verlag erntet auf der kommenden Buchmesse einhelligen Beifall."
Nach einem verschnaufenden Durchatmen fuhr er fort: "Und wenn ich das erledigt habe, buche ich sofort einen Flug nach NY. Komme was mag. Lange kann mir der Urlaub nicht mehr verwehrt werden."
Mathilda betrachtete aus dem großen Panoramafenster heraus den rauschenden Autoverkehr unten auf der mehrspurigen Allee. Und ebenso wie unten auf der Straße, war auch im Nachtcafé der Betrieb auf Touren gekommen. Die Leute kamen die Wendeltreppe hinauf, sahen sich in den entlegeneren Teilen des Raumes um und verließen ihn dann wieder. Denn es war kein Raum mehr in der Herberge der Amüsementsuchenden. Die Ventilatoren, die eingelassen in der Decke aus Stahl vor sich hin surrten, bewegten die rauchgeschwängerte Luft und die Kronleuchter. Ein taumelndes Stück Kristall hinterließ für einen Moment nur auf Roberts rechter Gesichtshälfte so etwas wie einen Flecken gleißnerischen Aufbegehrens. Das unmotivierte Strahlen, mit der kürzesten Zerfallszeit, ließ ihn wie der eingefronene Reklamemann vor dem Lagerfeuer erscheinen. Komisch daran war, daß er sich genau in diesem Augenblick eine Zigarette anzündete.
Mathilda bemerkte die stille, kurze Kühnheit seines Ausdrucks und mußte lächeln. Sie mochte ihn sehr und genoß sein Aussehen, wie man ein gutes Portrait anfüllt mit Gefühlen der Sympathie und des Staunens über den gelungenen Seelenspiegel, welchen Bildnisse manchmal zu mehr, als nur zu Abbildern einer Person erheben. Sie spielte die Möglichkeit einer beginnenden Beziehung zu Robert im Kopf durch. Sicherlich, es widerstrebte ihrer Moral, über das Denken hinaus selbst zaghafte Schritte anlaufen zu lassen. Und auch wenn es im Rahmen des Möglichen gewesen wäre, es durfte nicht sein, denn Julia war schließlich ihre beste Freundin. sie waren zusammen aufgewachsen und kannten Probleme dieser Art bereits aus Teenagerzeiten. Doch hatte es nie, oder wenn überhaupt, dann unausgesprochen, in dieser Hinsicht Streitpunkte gegeben. Daraus resultierte auch das enorme Vertrauen, das Julia während ihrer Abwesenheit in sie setzte. Im Gegenteil, sie hatte vor dem Abflug Mathilda um "Beistand” für Robert gebeten, da sie wußte, daß zwischen ihr und Mathilda das unausgesprochene, reine Gesetz der Unantastbarkeit des Liebespartners stand. Mit der mentalen Treue war es aber so eine Sache für sich. Mathilda hatte schließlich im Augenblick zumindest vor ihrem Gewissen nichts zu verlieren, vorausgesetzt, daß diese imaginäre Beziehung auch so bliebe, nämlich rein gedankliche Phantasie. Ihr Blick glitt über die Hände des abwesend schauenden Robert. Sie nahm wahr, daß diese schlanken, kaum behaarten Auswüchse, mit den hornigen Helmen am Ende, zu mehr als nur zum Schreiben in der Lage waren. Das feingliedrige Spiel, ein dezentes Streichen über das Feuerzeug, oder die Geste, mit der er sich durch die Haare fuhr, dienten ihr zum Katalysator eines Gefühls jenseits der freundschaftlichen Sympathie. Sie wandte sich ab und erwachte im Raum. Nachdem sie sich aus den Gedanken und dsiesem Gefühlswirrwarr vertrieben hatte, sprach sie Robert an, der ebenso verloren erschien:
"Was wird auf der anderen Seite passieren?" Robert schreckte leicht auf. "Wie bitte? Gib mir deine Koordinaten."
"Ich weiß nicht, aber irgendwie falle ich in ein melancholisches Erdloch. Laß uns bitte gehen."
Das kam etwas überraschend, denn sie hatten gerade ein Bier getrunken, und wenn sie schon einmal ausgingen, endete der Abend meistens morgens am Großmarkt mit einem umfangreichen Frühstück.
Mathilda zog sich die Jacke über und stand auf, nachdem sie bezahlt hatten. Plötzlich, so ganz aus heiterem Himmel, spürte sie einen Stich, irgendwo unterhalb der Gürtellinie rechts. Oh Gott, dachte sie, der Blinddarm. Schon wieder. Jetzt würde es wohl nicht mehr zu umgehen sein, sie muß sich operieren lassen. Eine Entzündung hatte sie schon überstanden und ihr Hausarzt meinte, sie solle bei den nächsten Anzeichen sofort wiederkommen, damit es nicht problematisch werde.
Es war gerade einmal Mitternacht und auf dem Nachhauseweg verstärkten sich die Schmerzen derartig, daß sie sich krümmte. Robert konstatierte auffällige Blässe und rief ein Taxi herbei. Wochenend. Es ist viel los auf den Straßen, erst das zweite oder dritte hielt.
"In die städtischen Kliniken, Notaufnahme."
Robert beruhigte Mathilda ein wenig. Glücklicherweise war das Spital nicht weit, so daß der Ruf eines Krankenwagens überflüssig erschien. Auch ließ das Stechen nach. Der Wagen bog in die Einfahrt ein und fuhr über die Rampe zum Hintereingang. Dort nahmen zwei Ärzte sie in Empfang und brachten sie ins Untersuchungszimmer. Die Anamnese war eindeutig. Blinddarmentzündung, zwar nicht schwerstens akut, aber dennoch nicht zu verachten.
"Frau Kerner, wir müssen sie hier behalten. Morgen werden sie voraussichtlich operiert werden."
"Es muß wohl so sein. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende. Robert, bitte geh' kurz zu mir und organisiere mir entsprechende Kleidung. Du findest alles im großen Schrank auf dem Flur. Und denk noch bitte an den Badezimmerkram. Mein Kunst- und Kulturbeutel liegt im Schrank unter dem Waschbecken. Ich danke dir im voraus. Hier ist der Schlüssel.", sagte Mathilda ein bißchen zynisch und war traurig über den schmerzhaften Abbruch des Abends.
"Mach dir keine Sorgen, ich bin gleich zurück."
Robert hatte den Taxifahrer gebeten zu warten. Er fand ihn auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang wieder. Bitterfäule in seinem Kopf. Er hatte Mathilda eigentlich noch eine Menge zu erzählen gehabt. Nun, allein mit sich, dachte er, daß es schon allein klappen würde. Er beschloß Julia anzurufen, auch wenn es vielleicht wieder einen Wochenlohn kosten würde. Aber gerade heute sehnte er sich unglaublich nach der Wärme und Geborgenheit bei seiner geliebten Liebe.
Er brachte Mathilda die gewünschten Dinge, verabschiedete sich von ihr und wünschte alles Gute. Dann ging er zu Fuß nach Hause.
KapitelNeun