Georg erreichte das Haus. Über den schmalen Treppenaufgang an der linken Seite gelangte er zur Haustür. Wie immer fand sich der Schlüssel erst nach einigem Suchen in allen möglichen Taschen wieder. Die Schlüsselsuchkrankheit lag in der Familie. Er öffnete und trat ein. Durchs Halbdämmer des Hauses gelangte er ins Obergeschoß und setzte sich vor das große, halbrunde Fenster des Studios. Er malte sich aus und dachte darüber nach, was sich wohl in naher Zukunft ereignen würde. Und Georg erkannte, daß das Bild von ihm, welches durch alle Köpfe seiner Bekannten geisterte, gänzlich revisionsbedürftig war. Nichts war er weniger, als ein Frauen verführendes Monster. Nur im Unterschied zu Freunden und Bekannten hatte er noch nie die ersehnte Begegnung der schönsten, außergewöhnlichsten Art gehabt. Irgend etwas schien ihm immer anzuhaften, welches seine Beziehung zu Frauen komplizierte. Am Ende war es dann die berühmte Freundschaft, die blieb. Sensibel genug, um sich in die Probleme anderer hineinzudenken, hatte Georg viele Frauen mit seiner aufmerksamen Art für sich gewinnen können. Aber der zündende Funke blieb meistens aus. Immer war an entscheidender Stelle bei solcherlei Begegnungen ein Zufall der Zerstörer einer aufkeimenden Innigkeit, die der Grundstein für Beziehungen ist. Sei es, daß er in die Klinik gerufen wurde, oder aber man verriet sich in den ersten Gesprächen zuviel voneinander, so daß das Verhältnis bei darauffolgenden Begegnungen von fader Langeweile vergiftet wurde. Dann hielten sie Kontakt, bis entweder die eine oder der andere jemanden anderes kennenlernte. Und dann erzählte man sich, was für ein toller Mensch diese neue Bekanntschaft war. Eine Tragödie sozusagen, aus der er nie einen Ausweg gewußt hatte. Oder aber man beschränkte sich von vornherein auf horizontale Kommunikation. Ohne Sprache, so daß er sich einbildete, daß er jener Utopie, die zwischen beiden Extremen verortet ist, niemals nahe kommen würde.
Aber jetzt war es irgendwie anders. Mathilda war ein Mensch mit Widerständen. Nicht so leicht jenem abgedroschenen "Du-es-ist-als-kennten-wir-uns-Jahre-Gesprächsniveau" nahe kommend, das er von seinen anderen Bekannten gewohnt war, schien sie das andere, bislang vermißte Verhalten zur Bejahung einer notwendigen Distanz zu zeigen. Er dachte Mathilda, als ob sie ein Geheimnis wäre. Natürlich holte sich Georg in diesem Phantasiegedanken schnell ein und erteilte sich eine Lektion in realistischem Denken. Ich hole sie einfach ab, wenn sie entlassen wird, das wird das Beste sein, was ich machen kann, damit sie mir mehr Aufmerksamkeit schenkt, als einem Arzt, der eine nette Patientin mit einer ebenso netten Einladung betören will. Es gefiel ihm ausgesprochen gut, innerhalb dieser zukünftigen Vision zu verbleiben und ehe er noch merkte, daß er müde wurde, war er bereits eingeschlafen.
KapitelSieben
-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004