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KapitelFuenf

Kapitel 5

Mathilda sah von ihrem Manuskript auf, daß sie sich für die Zeit ihrer Rekonvaleszenz mit in die Klinik genommen hatte. Vor ihr stand der schöne Doktor und sah sie mit geistesabwesendem Blick an. Er verärgerte sie beinahe mit dieser schwärmerischen Art. Sie hatte bereits des öfteren schmunzeln müssen, denn schon während der ersten Visite war ihr aufgefallen, daß dieser Herr Schweickart etwas mehr in ihr, als nur eine Patientin sah.

Sehr gesprächig schien der Arzt heute nicht zu sein. "Danke für die Operation, es scheint ja alles bestens zu verheilen. Ich kann mich bereits ein wenig mit meiner Arbeit beschäftigen", sagte Mathilda deshalb ein wenig zynisch, um den peinlich zähen Augenblick des Schweigens zu überspielen. "Ach ja, sie sind eine gute Patientin …", Schweickart schien seine gewohnte Fassung zurückzuerlangen, " ich wünschte, all die Menschen hätten eine derartige Verfassung und weniger schwere Leiden, dann ging es mir besser." Ganz schön wehleidig, dachte die Musterpatientin. Aber attraktiv war er. Wenn er nicht gerade diese nach innen gekehrte Verklärung aufsetzt, erinnert er beinahe an eine Mischung aus Gregory Peck und Cary Grant.

"Wir können sie im Laufe der Woche, wahrscheinlich schon am Donnerstag, entlassen", warf Schweickart ein. Mathilda war froh darüber, so schnell mit ihrem kleinen, schmerzenden Wurmfortsatz fertig geworden zu sein. Im Verlag vermißte man sie bereits, und auch ihre Doktorarbeit litt unter der Verzögerung. Robert, der ansonsten das Ressort Kunst innehatte, mußte sich während ihrer Abwesenheit mit den englischen Autoren abquälen. Als er sie nach der Operation besucht hatte, stichelte er ein wenig, daß sie bei derartiger Lektüre nunmehr stetig mit Entzündungen allerorts rechnen müsse. Das war Robert. Worauf sie mit der letzten Wetterkarte retournierte.

"Tick und Tock, macht der Regen. Der bringt Segen, verkriech dich nur in deine alten Kirchen. Rotebete und arbete." Lachen. Die Plaudereien mit ihm vermißte sie schon nach dem ersten Tag im Hospital. Ein scharfer Windhauch, der durch das leicht geöffnete Fenster zu seiner akustischen Präsenz auch noch die Temperatur merklich herabsetzte, brachte Mathilda zurück in die Gegenwart des Doktors, der noch immer wie angewurzelt da stand und auf die Lieblingspatientin starrte. Wie kann ich nur das zur Sprache bringen, dachte er insgeheim, ohne zu bemerken, daß es seiner Minne bereits unangenehm wurde. "Dürfte ich sie nach ihrer vollständigen Genesung zum Essen einladen?", entfuhr es ihm verkrampft, ohne daß er sich einen derart wagemutigen Vorstoß zugetraut hätte. In seinem Kopf verstärkte sich das ohnehin schon martialische Drehen zu einer mentalen Turbulenz, die ihn zunächst einmal außer kraft setzte. Es war unglaublich unangenehm, was da gesagt wurde, er war sich sicher, daß sein Unbewußtes ihm damit einen Streich gespielt hatte, indem es aussprach, was er eigentlich nur zu denken wagte. Sein Begehren produzierte diese Vorstellungen in seiner Phantasie, und sein imaginäres Theaterstück hieß "Ich liebe Dich". Diese schon als fertiges Bild existierende Wunschphantasie eines romantischen Essens zu zweit, in einem naturgemäß phantastischen Restaurant und der gepflegten Schäferstunde in einem ebenso phantastischen Ambiente später, suchte sich ihren Ausdruck in der wirklichen Sprache, als akustisches Signal, das von der Adressatin verstanden worden war. Nachdem es nun geschehen war, daß er sich mehr oder minder selbst in eine derart peinliche Situation versetzt hatte, jedenfalls empfand er es so, wartete Schweickart ungeduldig auf eine Antwort. Doch die sollte nicht so schnell erfolgen, denn plötzlich befiel Mathilda eine merkwürdige Schwäche. Sie verlor nach einem Seufzer kurzzeitig das Bewußtsein, und der Arzt machte sich heftige Vorwürfe wegen seines ausgesprochenen Begehrens, während er in aller Eile Schwester Annette rief, die sofort mit einem kreislaufstabilisierenden Mittel der Bewußtlosigkeit ein Ende bereitete. "Was ist geschehen?", fragte Mathilda benommen. "Es ist alles in Ordnung, machen sie sich keine Sorgen, so eine kleine Ohnmacht ist nicht ungewöhnlich für die Zeit nach einer Operation. Wir haben ihnen ein aufbauendes Mittel gegeben, so daß sie schnellstens wieder auf dem Damm sind", versuchte der Doktor die nun sehr blasse Schönheit zu beruhigen. Keineswegs beruhigt, aber in sicherer Verfassung stellte sich Mathilda die Frage, was denn vor ihrem kleinen Crackdown passiert sei. Sie erinnerte sich jetzt wieder an die, mit sehr liebem und ein wenig schüchtern-ungeschickten Ausdruck vorgebrachte, Frage des Arztes. Die zuvor empfundene Lächerlichkeit wich einem Anflug von Sympathie, und dies, so dachte Mathilda, sei doch wohl kaum ein Problem. Warum also nicht? "Um auf ihre Frage vor meiner Unpäßlichkeit zurückzukommen ja, ich nehme ihr Angebot gerne an", ein strahlendes Lächeln zeigte sich dann auf beiden Gesichtern. Er konnte es kaum fassen, daß sie sich so schnell und auch noch positiv entschieden hatte. Sie wiederum war erheitert, und nicht ohne einen Anflug von Erhebung fühlte sie sich geschmeichelt.

"Ich freue mich sehr über ihre Zusage. Es bleiben nur noch wenige Visiten und ich werde alles Mögliche tun, damit für sie überflüssige Tage in diesem Haus vermieden werden." Nach einer höflichen Verbeugung und einem Wort zum Abschied verließ er das Zimmer und begab sich zum Lift. Auf dem Korridor erwischte ihn Schwester Annette. Mit erhobenem Zeigefinger deutete sie eine Warnung an. "Mein Lieber, daß sie mir nicht unter die Haube kommen. Das wäre ein Verlust für die gesamte weibliche Singlewelt."

Schweickart lächelte und warf ein Tschüß in den hallenden Flur. vor seinem Büro hielt er inne, schloß auf, trat ein und nahm seinen Mantel von der Garderobe. Er verließ den Raum und ging zur Fahrstuhlhalle. Gerade stand die Tür zu einem der drei nebeneinander befindlichen Aufzüge offen. Er stieg ein und befahl ihn ins Erdgeschoß. Pfeifend schritt er durch die große gläserne Eingangspforte. Verabschiedete sich vom Pförtner und stand im Freien. Es war mittlerweile dunkel. Fröstelnd bahnte er sich eine Schneise durch das Meer aus Herbstlaub, das im Neon der Beleuchtung fahl, blaß und schwärzlich wirkte. Nur hier und da sprang ein besonders gelbes Ahornblatt aus dem trüben Formenwirrwarr und erheiterte das ansonsten recht unansehnliche Ensemble. Man müßte bei diesen Herbststürmen hier öfter Laub harken, dachte Schweickart, als er endlich seinen Sportwagen erreicht hatte. Er stieg ein, steckte den Zündschlüssel ins Schloß und startete den Motor. Er manövrierte den Porsche aus der Parklücke und fuhr zur Schranke. Die Lichtschranke veranlaßte ein Anheben des rot-weißen, länglichen Marschrhythmus'. Der Wagen bog ab, verließ das Klinikgelände und fuhr in Richtung Stadtrand. In einem der "besseren" Vororte besaß Schweickart ein ansehnliches Haus mit großem Grundstück, das er von einer mittlerweile uralten und steinreichen Großtante vererbt bekommen hatte. Es war ein Glücksfall gewesen, daß er just zum Zeitpunkt seiner Beschäftigung in der Stadt, ein Haus übereignet bekommen hatte. Seine Lieblingstante zog zu ihrer besten Freundin und hielt sich dort für bestens versorgt, so daß seine anfänglichen Bedenken der Freude über das neue Domizil wichen. Im Zweifelsfall war er ja noch da, um medizinisch und praktisch zu Hilfe zu kommen.

Ab und an besuchte er die beiden, etwas schrulligen Damen, die er sehr gern hatte, und denen der Stoff für angeregte Konversation niemals ausging. Großtante Karo, so wurde sie von der gesamten Familie genannt, war Künstlerin. Sie hatte an der hiesigen Akademie studiert und versuchte sich in der Zeit der wilden Zwanziger einen Namen zu machen. Die junge Karo lernte die kommerzielle Kunstszene kennen und erwarb sich mit ihren damals neusachlichen Gemälden einen recht guten Ruf in der Szene. Ihre Bilder waren heftig und schilderten wie Dix, den sie persönlich kannte, das anonymisierte, abgründige Dasein der Städter. Ihre magischen Portraits waren besonders begehrt. Man stellte sie in der ersten Sammelausstellung dieses Stils, 1929 im Amsterdamer Stedelijk Museum, aus. Die Ausstellungsbeteiligung und ihre immer weiter wachsende Popularität machten später dann die braunen Hunde auf sie aufmerksam. Ihre dezidierten Stellungnahmen gegen Hakenkreuz und BluBo zogen Ausstellungsverbot und Bildersturm nach sich. Gerade noch rechtzeitig emigrierte sie 1937 zusammen mit ihrer Freundin Rika und den beiden Ehemännern über haarsträubende Umwege in die Vereinigten Staaten. Aber nicht für lange. Nach dem Krieg kehrten sie alle Stars and Stripes, Uncle Sam und Donut den Rücken. New York und die umliegende Provinz hatte sie nicht glücklich vereinnahmen können. Als Deutsche bekamen sie all die kleinen Probleme und Abneigungen zu spüren, die Vorurteile, die bereits im Alltäglichen beim Einkauf aufschienen, und so lebten die beiden Familien in einer eng begrenzten Sphäre. Allerdings lernte sie in der deutschen Emigrantenkolonie den kärglichen Rest des Bauhauses kennen. Die Künstler und Architekten, die nun in Chicago weiterzumachen versuchten, waren sehr wichtig für Karo. Deren Gestaltungslehre hatte sie zwar immer fasziniert, doch erst jetzt beschäftigte sie sich intensiv mit den Ideen und natürlich auch den Gemälden der Künstler. Sie trennte sich von der Gegenständlichkeit und malte von nun an wieder "schick mit", wie sie sich immer ausdrückte. Schweickart bewunderte sie wegen ihres Elans, den sie nach den Strapazen der Auswanderung und vorher wegen der politischen Gängeleien in den frühen Jahren der Naziherrschaft erleiden mußte, und ihres standhaften Ehrgeizes wegen, der sie in ihrer Malerei immer wieder zu Höchstleistungen anspornte.

Nach der Rückkehr aus den USA konnten sie wieder in ihr altes Haus ziehen, daß sie 1928 erbauten. Großonkel Hans war wieder als Architekt tätig und Karo malte sich in den neuen, ungegenständlichen Betrieb. Sie hatte ihren Großneffen schon in seiner frühe Kindheit oft versorgt. Seine Eltern gaben ihn gern zu ihr, denn sie wußten, daß ihm ihre phantasievolle Art gut bekommen würde. Er erinnerte sich oft an die ersten gemeinsamen Malstunden, die vielen berühmten Leute, die bei den Kettelers aus und ein gingen. Karo sagte dann immer: "Schau nur, daß sind alles Menschen aus der Wichtigfamilie.", womit sie zumeist ein Lachen erntete. Regelmäßig wurden Museen und Galerien besucht. Karo nannte das die "Augenschule". Hier ließ sie sich vom kleinen Georg erzählen, was er denn wohl sähe. Und dabei kamen die erstaunlichsten Dinge zum Vorschein. Als Georg Schweickart noch klein war, band ihn nichts an die Konventionen der Gelehrsamkeit. Diese frühe Prägung in vielfältiger Hinsicht ermöglichte ihm, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot, im Geschehen auf der Höhe der Zeit zu sein. Erst in der Sicht auf seine Vergangenheit wurde ihm deutlich, wie umfassend die Prägung durch die enge Beziehung zu der Grand Dame gewesen war. Er erinnerte sich gern an die Zeit seiner Kindheit, denn er war sorgenfrei mit dem Wirtschaftswunder groß geworden. So hatte Georg schon bald mehr von den Menschen wissen können, als es unter Umständen der Entbehrung früherer Zeiten möglich gewesen wäre.

An einem schönen Sommernachmittag spazierten Karo, Onkel Hans und er durch den nahegelegenen Forst. Am blauen Himmel summte ein Sportflugzeug. Den Pfad flankierten alte, große Laubbäume. Durch das grüne Dach stachen Strahlen der Sonne und spendeten der Luft ein gezacktes Muster. Georg tobte voraus und zickzackte den Weg mit seinen Sprüngen. Karo war begeistert. Die Kraft des Kindes gab ihr die Erinnerung an ihre eigene Kindheit wieder. Hans, der sich von einem wichtigen Auftrag ein wenig zu erholen versuchte, blieb plötzlich stehen und öffnete weit die Augen. Er fragte Karo, was noch zu erwarten sei. Karo verstand die Frage nicht sogleich, aber sie hatte schon lange bemerkt, daß sich irgend etwas in ihrer beider Leben verändern sollte. Sie war jetzt 54 Jahre alt. Das Leben war immer ein wenig beschwerlich gewesen, trotz des dauernden relativen Wohlstandes. Und mittlerweile war aus dem relativen ein richtiger Reichtum geworden. Ihre Bilder verkauften sich gut und das Büro von Hans lief bestens.

"Karo, ich werde sterben müssen", ein Satz der ein Schlag war, eine Explosion. Karo konnte nicht sprechen, nicht denken. In ihre Welt war eine Macht eingedrungen, die so selbstverständlich war, daß sie nicht wahrgenommen wurde. Erst als Hans nach und nach erzählte, daß der Arzt Krebs festgestellt hatte, kam sie wieder zu klaren Gedanken und ordnete ihre Gefühle mit einem Strom von Tränen. Dieser Mann hatte sie ihr halbes Leben begleitet. Hatte ein Haus geschaffen, in dem beide immer recht glücklich waren. Bald schon sollte dies alles vorbei sein. Es gab nichts, was hätte falsch gemacht werden können. Alle Anzeichen seines merkwürdigen Andersseins der vergangenen Monate, die Schlaflosigkeit, das wenige Essen, was er zu sich nahm, ein bis zum Exzess gesteigerter Tabakkonsum, alle diese großen und kleinen Veränderungen verdeutlichten Karo im Nachhinein, daß Hans bereits lange an dieser unheilbaren Krankheit gelitten haben mußte, ohne daß er je davon erzählte, geschweige denn selbst davon gewußt hätte. Während er früher selbstsicher und souverän erschien, veränderte sich vor einiger Zeit dieser äußere Anschein. Karo erklärte sich dies mit der Erweiterung seines Architektenbüros und den neuen gewachsenen Anforderungen, welche es mit sich brachte. Nach einer längeren Zeit des alleinigen Arbeitens waren wegen der gestiegenen Auftragslage nach und nach junge Architekten angestellt worden. Die Homogenität und der Zusammenhalt unter seinen Mitarbeitern stellte sich erst langsam ein, so daß Hans bisweilen entnervt nach Hause kam, nichts weiter berichtend, als die permanenten Querelen mit den Neuen. Er fragte Karo dann oftmals, ob er dem Betrieb noch gewachsen sei. Konnte er in seinem Alter noch standhalten mit den neuen Entwicklungen. Er fühlte sich alt und überflüssig. Karo empfand diese Unruhe, die sich schleichend durch ihr Leben zog, wie ein trauriger Herbstnebel. Diskret und im Kleinen tätig, spannte er sie alle an und produzierte eine unangenehme Stimmung. Karo versuchte auf Hans mehr als sonst einzugehen. Sie bemühte sich, ihm das Gefühl zu geben, daß sie ihn verstand. Ihre Liebe zu ihm half Hans sicher mit der Arbeit fertigzuwerden. Von der Krankheit wußte sie allerdings nichts. Hans war vor einer Woche zum Arzt gegangen, hatte sich untersuchen lassen und das Ergebnis erhalten. Diese eine Woche der Gewißheit wurde ihm zur Qual, denn er wußte nicht, wie er es Karo erzählen sollte. An diesem Nachmittag wollte er eigentlich nicht darüber reden, doch irgendwie schien die Stimmung der Außenwelt ihn dazu zu veranlassen, auch wenn Georg da vorne sein Sommerspringen veranstaltete.

Der Tod trat kurze Zeit später auf. Es war eigentlich der letzte gemeinsame Spaziergang. Hans hatte einen Monat später auf der Baustelle einen Zusammenbruch erlitten, war eingeliefert worden, und man operierte ihn. Doch schon bald stellten sich neue Metastasen ein. Er starb wenige Tage darauf unter nicht geklärten Umständen. Dieser Spaziergang war das Schlüsselerlebnis Georgs, denn als er wieder zu seinen Großeltern zurücklief, sah er die Trauer der beiden. Er verstand, als sie ihm erklärten, warum ihre Fröhlichkeit verschwunden war. Die liebe Karo war so traurig, noch lange nach Hans' Tod, so daß in dem sechsjährigen der Wunsch heranreifte, Arzt zu werden, damit er niemanden mehr verlieren könne. Auch wenn sich diese Vorstellung mit wachsendem Alter als Illusion erwies, so war an diesem Nachmittag nichts weniger, als die Festlegung der eigenen Zukunft initiiert worden.

KapitelSechs

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

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