Es war halb neun, als das Telefon bei Julia schellte. Sie hob ab und freute sich über den unerwarteten Anruf Roberts. Das unerquickliche Tagesgeschäft, welches sie zumeist noch lange nach der Arbeit beschäftigte, verpuffte zu einer kleinen grauen Wolke, deren Staub langsam zum Bodensatz des Gedächtnisses wurde. Im Fernseher lief gerade ein Spiel der Rangers, ihrer favorisierten Eishockeymannschaft. Rauchend, den Telefonhörer zwischen die Schultern geklemmt, ging sie zum Kühlschrank ihrer Wohnküche und öffnete ein zischendes Bud. "Yo Baby, what's up with fuckin' Germany", Robert mußte über diesen Ausspruch lachen. "Du bist also schon weitestgehend assimiliert, wie ich höre." Er erzählte die Ereignisse des Abends und je mehr er sie vergegenwärtigte, desto weniger heiter hörte sich sein Tonfall an. Seine besorgte Stimmlage brachte Julia wieder zurück aus ihrer anfänglich euphorischen Freude über die Stimme an ihrem Ohr.
"Was für schräge Geschichten veranstaltet ihr eigentlich während meiner Abwesenheit. Reicht es nicht, daß es hier recht übel abläuft?", fragte sie mit liebevoll-grober Ironie. Sie wußte, daß sie mit derartig formulierten Feststellungen das Herz ihres Schatzes erweiterte; und dieser Sonnenstrahl des Humors entfaltete auch prompt seine Wirkung. Das Gespräch verlor seinen Ernst, und trotzdem, daß sie sich so vermißten, waren sie froh über die telekommunikative nähe. Im letzten Brief an Mathilda hatte sie es noch einmal in aller Deutlichkeit gesagt, daß Robert der Mann für alle Zeit sei.
Robert meinte, daß er wahrscheinlich innerhalb des nächsten Monats Urlaub nehmen werde. "Natürlich wirst du in die Südsee reisen, um dich mit irgendeiner Eingeborenen selbständig machen. Ich kenne doch dein Faible für das einfache Leben in der Natur. Aber du mußt sehr aufmerksam sein, sonst wirst du wie Gauguin enden. In einer kunstvoll gebauten Urhütte à la Marc-Antoine Laugier lebst du so lange, bis deiner Bronzehautschönheit die Lust am Klassizismus vergeht. Über deinen Gram wird sich dann der Schleier des Irrsinns legen, der dich Vergessen macht. Eine unbekannte Erkrankung, verursacht durch den unmäßigen Genuß potenzsteigernder Riesenkäfer, wird dich dahinraffen. Und wenn ich dann mit einem Segelschiff vorbeischaue, um dich aus deiner sumpfigen Einsamkeit zu befreien, finde ich dich überwuchert von der schwülstigen Fruchtbarkeit der Dschungelvegetation, der du nicht gewachsen warst. Requiescat in pace!"
Am anderen Ende ertönte ein lautes Prusten. Robert spürte die heilsame Wirkung ihrer humorvollen Spöttelei. "Nein, mein Schatz, mein Ende wird sich nicht ganz so tragisch gestalten. Um dir zu beweisen, wie sehr ich dich liebe, setze ich mich in Hamburg in mein handfabriziertes Ruderboot mit selbstgestricktem Segel, verlasse das Hafenbecken und pulle mich 3700 Seemeilen in Richtung Miss Liberty. Ich werde natürlich vom Kurs abkommen -wie du weißt, hapert es mit meinem Orientierungssinn -und im Bermudadreieck treffe ich auf Erich von Däniken, einem SAT 1-Kamerateam und Steffen Heitmann, die allesamt auf die Wiederkehr Erich Honeckers warten, der als böses Medium seit einiger Zeit die Stasiakten vom IM Helmut Kohl in aller Welt verteilt. Doch anstelle des ersehnten Sozialisten taucht nur Sepp Herbergers riesiger Kopf über den Wellen auf. Nach seinem Spruch "Der Ball ist rund und ein Fußballspiel dauert neunzig Minuten” langt er in seinen Nikolaussack und schenkt mir einen Liter Punikaoase. Ich setze mich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, leere die Flasche und schmeiße sie dann in den träge dümpelnden Altglascontainer [für weißes Glas natürlich], und nutze dann den gewaltigen Rückstoß meines Rülpsers, der mich direkt nach New York katapultiert, wo du bereits sehnsüchtig am Kai schmachtest und versaute Seemannslieder singst."
"Das sind ja rosige Aussichten. Aber im Ernst, du besuchst mich?"
"Ja, du Holde, morgen kläre ich mit Henrich alles ab und dann wird dem lang und wild ersehnten Wiedersehen hoffentlich nichts mehr im Wege stehen."
"Ich liebe dich, Robert"
"Ich liebe dich auch, Julia."
Eine Weile sehnsüchtigen Schweigens, durchbrochen nur von den atmosphärischen Störungen in der Leitung. Romantik anno 1993. "Schaffen wir es heute, das Telefongespräch zu beenden", fragte Julia scherzhaft. "Wenn ich doch nur schon im Flugzeug säße", seufzte Robert, "es dauert noch so lange, bis ich dich wirklich sehen kann. Es ist zwar schon spät, aber ich denke, daß ich noch arbeiten werde. Im Kühlschrank ist Bier für eine richtige Nachtsitzung."
"Ok, Baby, do it. Auf mich wartet das letzte Drittel der Rangers, die im übrigen gerade die Edmonton Oilers grandios vorführen."
"Ich glaube, das bekomme ich auch auf Eurosports live, dann ade du französischer Schwafelkopf. Wenn ich´s mir recht überlege, bringt das nächtliche Übersetzen sowieso nichts. Also 'ran an die Glotze."
"Lege jetzt auf Schatz, und spar dein Geld für unsere gemeinsame Zeit.", meinte Julia.
"Du hast vollkommen Recht. Ich küsse dich tausend mal tausend mal tausend "
"Ich dich auch, Robert, schlaf gut und träume von mir, ich rufe dich an und schreibe noch"
"Gute Nacht, Schatz, einen schönen morgigen Tag wünsche ich dir, ciao bella."
"Gute Nacht, Geliebter."
Sie hängten ein und setzten sich getrennt voneinander vor ihre Bildschirme. Und beide fühlten sich wohl dabei, über diese imaginäre Verbindung miteinander Kontakt zu haben, zu wissen, daß jede von ihnen in diesem Augenblick dasselbe machte. Albern dachten sie zwar, aber wenn man schon so weit voneinander getrennt war, so klammern wir uns doch an die fragilsten, seltsamsten Strohhalme, damit wir etwas gemeinsam haben.
KapitelZehn
-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004