Kapitel 10
Ich schleife mich frei in der Sprache. Und gehaßt wird, wenn es an der Zeit ist. Der Tod, einst der Meister aus Deutschland, schwärt als blasentreibendes Medium und kleistert den Kopf zu. Hilf mir, flehe ich zu Dir, mein Gott. Angesichts des Lebens halte ich nicht mehr das Wasser in der Blase und bepisse meinen Ehrgeiz, der mit der Existenzlosigkeit meiner Wahrheit kollidiert. Dies ist der Schluß, dies wird mein Ende sein und keiner, nein keiner kann sich über die Lustlosigkeit seiner Sprache hermachen. Ich habe immer davon geträumt irgendwann einmal dieses Buch zu vollenden. Jetzt weiß ich, daß alles Schreiben imgrunde vergeblich war. Lange habe ich überlegt, warum überhaupt den Griffel in die Hand nehmen, viele Gründe strebten aus dem Halbvorstellbaren hervor: Narzißmus. Ich habe etwas zu sagen. Ich habe eine Idee, die vor mir niemand hatte. Aber jetzt sehe ich mich getäuscht. Da vergeht einem die Lust an der Schrift. Ich muß erst einmal tief durchatmen, bevor es weitergehen kann. Denn der Litanei ist noch kein Ende gemacht. Vielleicht fasse ich es in die gültige Form, so daß später gesagt werden kann: Schweickart Kapitel zwei,Vers fünf. Ja, das ist mein Wunschtraum. Hybris. Der biblische Schweickart. Also rette sich wer kann. Sollte ich dazu noch etwas schreiben? Mir tut es weh, unglaublich weh, daß ich zusehen muß, wie sich der Kerl, dessen Zukunft einen anscheinend guten Anfang genommen hat, durch eine unheilvolle Abbreviatur zum Übel wird. Je länger ich Schweickart betrachte, desto mehr wird klar, daß er wahrhaft am Ende ist. Daher beschließe ich, daß ich es lassen werde. Oder ist das vielleicht doch zu radikal? Ich meine, auch wenn das Buch aus Trauer genährt wurde, kann man ihm dann seine Berechtigung absprechen und es einfach sterben lassen, kann man sich an diesem noch jungen literarischen Leben einfach vergehen, Gott spielen und es auslassen? Nein, nein und nochmals nein. Schreibe weiter. Das ist ein Gebot. Da ja alles Literatur ist, hast du keine Wahl.Eine kleine Kunstgeschichte für Leser mit Stil
KOMPLETTE AKTUALISIERUNG NOTWENDIG Ach ja, dann wäre da ja noch das leidige Teil da unten. Jenes dort, was man im allgemeinen Geschlechtsorgan zu nennen pflegt. Schweickart, du entpuppst dich nach all diesem Verdrängen und derzeitigem Kramen in deiner Erinnerung, als etwas aus Ekel Gemachtes. Deine Persönlichkeit. Denkst du manchmal noch an die Zeit, als du dich gehen ließest. Die bürgerliche Moral sagte nein zu deinen Gelüsten, und in der schamlosen Stumpfheit sich räkelnder Leiber, deren einziges Ziel es war, möglichst offen, Löcher stopfen zu lassen und zu stopfen, fandest du erstmals eine Ruhe vor deinem Schwanz. Deshalb bist du an die Orte jener sexuellen Verstopfungen geschlichen. Sahst ganz genau hin. Auch wußtest du, was da mit dir passiert. Das mußte so mit achtzehn gewesen sein. Vorher, so erinnerst du dich doch, war da nicht schon etwas gewesen? Aber sicher. Alles fing mit einer, so weit deine Erinnerungsvermögen dich zurückläßt, an sich harmlosen Allerweltsschmuddelillustrierten an. Du fuhrst mit acht oder zehn Jahren einen deiner ausgedehnten Fahrradstreifzüge durch die Vorstädte. Am Rande der Zivilisation, dort wo nur der Autofahrer und andere, nichtmenschliche Lebewesen herrschen, hast du damals einen erstaunlichen Fund gemacht. Während einer Pause: das Stöbern im Mikrokosmos der schmuddeligen Böschung. Zwischen grauen Grashalmen, das letzte Nachmittagsrot am Himmel, leere Büchsen, Glasscherben, unfarbige, verschossene Kunststofftüten. Leicht gewellt, keine Neuigkeit mehr, die Illustrierte. Bereits auf dem Titel attraktierten die runden Formen deine präpubertäre Aufnahmebereitschaft für die Primärreize des weiblichen Körper. Dieser Fund löste in dir eine Wärme aus, die dir bis dahin unbekannt gewesen war. Das Heft hast du verstohlen mit nach Haus genommen, wo es deine Mutter entdeckte und dir entwendete. Schade, daß du dich nicht mehr an die Worte erinnerst, die sie damals gesagt hatte. Jetzt ist es leider zu spät, um noch Fragen zu stellen. In Zukunft würdest du immer wieder an den Rändern der Straßen Ausschau halten. Nur einmal noch wurdest du fündig. Eins dieser unorthodoxen Kontaktmagazine, in denen es ausschließlich um anonym vermittelten Beischlaf geht. Und du erinnerst dich an das Mitbringsel eines Freundes, der einmal bei dir übernachtete. Der Internatszögling kam so gut wie mit allem damals Verbotenen in Berührung, egal ob es sich um Drogen oder Pornos handelte. Und er brachte mehrere dieser Magazine mit. Erst angewidert von den verdrehten Gestalten, und kaum fähig zur intendierten körperlichen Reaktion auf die Bilder, dann aber ohne die Chance, jene zu vergessen. Noch heute, wenn du deine Erinnerung anstrengst, geistern sie in deinen Kopf, eingebrannt für immer in die Netzhaut. Obschon der Beischlaf später nichts Unbekanntes gewesen war, schien es so, als ob in Bildern Verheißungen auf Vorrat, und vor allem bequem, zu okkupieren waren. Diese Verheißungen, die es im wirklichen Leben gar nicht geben konnte, bestanden aus Bildern. Bewegliche Fernsehbilder oder starre Fotos. Das Imago, lebendes Bild, kommunizierfähig und deiner Macht unterstellt. Und scheinbar hast du ganz genau gewußt, auf was du dich da einließest, denn irgendwie war es doch genau diese unkörperliche Seh[n]sucht, die dich befriedigte. Oder doch nicht? Da hocktest du dich in die Enge einer muffigen Kabine. Glotztest wie blöde auf das zuckende Fleisch in PAL. Irrationalität, aufgebaut aus Bildpunkten, jeder mit der gleichen Größe und verschiedener Farbe, ganz rational, genau wie die immer gleichen Abläufe. Moirées des anonymen, farbigen Wahnsinns. Das andere deines greifbaren Körpers, diese immer gleichen Abläufe, funktionierten dann sehr schnell. Aber da du schlau warst, merktest du, daß es damit nicht getan war. Für den Hausgebrauch kauftest du von dem Wenigen, das du hattest, die Magazine, jene optischen Prothesen deiner abgestumpften Phantasie. Es muß nochmal erwähnt werden: Dabei hattest du doch immer deine Beischläfereien. War das Ziel deiner Suche vielleicht die Einsamkeit, das Alleinsein mit deinem vermeintlich existentiellsten Gefühl? Denn eigentlich widerten dich die permanenten Unterwerfungsstrukturen der Frauen an. Es sei dahin gestellt. Man liest heutzutage so viel über die Wirkungen der Pornographie. Analysen mühen sich das Phänomen des Voyeurismus zu erklären. Aber differenziert man einmal ganz genau, so stellt sich heraus, daß die Betrachtung jener Videos nicht von der Lokalität zu trennen ist. Jene plumpe Anmache blinkender Lichter -alles geistlose Motorik. Das Wort Pulsieren drückt es vielleicht ganz gut aus. Genau diesen Takt schon im Vorhof zu treffen, um vorzubereiten auf die enge Verschlossenheit, in welchem das Erwartete letzten Endes zur Anschauung kommt, ist vielleicht der Kern der Strategie mit welcher in diesen Orten Geld gemacht wird. Betrachtest du einmal genau den Eingang, ein Vorhang aus schwerem, mehrschichtigem Stoff ist geteilt. Schon da findest du die erste Metapher auf das Kommende: die Vagina. Dann, im blinkenden Zwielicht zeigen sich dir zuallererst die filmischen Angebote in einem Glaskasten. Sorgfältig numeriert, so daß es leicht ist, mit der Bedienung in der Armlehne des Plastiksitzes jenes, speziell deinen Sehgewohnheiten angemessene Angebot zu finden, denn die Vielfalt des Möglichen wird eben dargeboten. Von all diesen "Nummern" überrascht, begibst du dich in die "Kabine". Es ist dunkel und du siehst nur den Schirm plus gegenüberliegendem Spiegel, auf welchen das Bild für dich projiziert wird. Überhaupt, schon allein der Verschluß der Tür erinnert dich an die Umkleidekabinen des Freibades. Vielleicht ist es auch die offensichtlichste Einsamkeit, die banalste, fortwährende Einsamkeit der kleinen, engen Räume, der hohen Wände, Wahrnehmungszellen -Selbstwahrnehmungszellen. Das Kindsein in der Umkleidekabine, allein mit deinem nacktem Körper. Aber ein klassischer Spanner, der sich vor Fenstern, in öffentlichen Bädern oder Bedürfnisanstalten auf die Lauer legte, bist du nie gewesen. Sich umkleidende Frauen, ebensowenig wie Frauen in Fenstern gegenüber, erregten dich nicht. Du wirfst das Geld ein, und los geht die Individualzoologie aus Bildern. Du analysierst, grübelst und was auch immer du mit deiner Schädelmasse anstellst, es kommt nichts dabei heraus. Immer prallst du vor das Teil da unten. Merkst, wie es dich scheinbar motiviert und lenkt. Aber egal, wen du damals mit deinem Geschlechtsorgan berührt hast, es war wohl niemals dein Erleben. Da, genau an dieser Stelle sitzt der Kern des ganzen Phänomens namens Schweickart. Und auch das Sehen da, war das phänomenal deines? Nein, gerade das nicht. Es spielt überhaupt keine Rolle, wer da sitzt. Du bist es doch nicht. Entweder hast du die Fähigkeit verloren, ganz du und identisch mit dir zu sein, oder aber du hattest in Gedanken dem Gespenst der Subjektivität vertraut. Wie dem auch sei, auf der Ebene der Identität hast du deine letzte Seinsregion verloren. Auch hier, oder gerade hier, im Ort, der dir am ehesten das Gefühl vermittelte, eine Einheit darzustellen, mußtest du die Zersplitterung jener inneren Glaskugel erleiden, die andere die Seele nennen, und das war dein erster schlimmer Tod. Alles konnte wieder nur auf die Entsetzlichkeit der letzten Vertrauensfrage des Seins hinauslaufen. Und diese wolltest du dir nicht eher, als am Rande der körperlichen Entgrenzung stellen. Ich gebe es auf, ich bin am Ende, meine Zukunft ist eine unvorteilhafte Sackgasse. Mein Sack und meine Hirnanhangdrüse. Paradoxerweise sind es genau diese Elemente, die vorgeblich das aus mir machen, was ich vorgebe zu sein, welche eben jenes verhindern. Und ich brauche diese zeitlosen Alkoholphantasmen, um mich noch weiter davon zu distanzieren. An diesem Ende hilft kein Glaube, keine Ideologie, keine Psychoanalyse. Da ich der Masse der graduellen Normalität zugehörig bin, erschreckt der eiskalte Wind der Erkenntnis doppelt. Merkwürdig erscheint nur die relative Angstlosigkeit, mit der ich meine Feststellungen für bare Münze nehme. Es ist nur eine Frage der Zeit, und dann kommt meine Implosion, mit dem Ergebnis, daß ich gnadenlos verrecken will und werde. Schluß. Dann fühle ich das Kapitulieren. Koste es aus. Die Bitternis der Erkenntnis hat dann meinen eigenen Sündenfall produziert, und da die Welt bekanntermaßen alles ist, was der Fall ist, ist dann die Welt mit mir zuende. Mit solchen oder ähnlichen Gedanken verbrachte Schweickart sein halbes Leben nach der Überschreitung einer gewissen Bewußtseinsschwelle. Die Basis allen Denkens diesbezüglich, war das Ergebnis der Erziehung zur Hypermoralität. Nur dort, wo die gutbürgerliche Moral einen direkten Zugriff auf die Seele hatte, konnte dieser barocke Blick auf das Ornament der pornographischen Körper die Diskussion über Selbst und Nichtselbst katalysieren. In einer eigenartigen Übersteigerung führte Schweickart allerdings ein Leben, das durchaus übernormal erfolgreich war. Alle Arbeit fiel ihm kaum schwerer, als das Heben der morgendlichen Kaffeetasse. Fast könnte er eine Qualität aufbieten, die faustisch genug war, um zur Bühnenreife zu eignen. Sein permanentes Nachhaken, bohren und stochern in Regionen der Lust ließ ihn das Analysierte nicht wieder synthetisieren. Sein Trieb und sein Reflektieren desselben, waren parallele Einbahnstraßen, die sich im Unendlichen des Fernsehbildes schnitten. Damit war es aber doch irgendwann einmal endgültig vorbei, und er entschied sich, einfach das zu erleben, was seinen Weg streifte. Darüber hinaus gab er es auf, vor der bürgerlichen Moralwelt den Unterleibsbesichtigungsfetischismus mit schlechtem Gewissen zu rechtfertigen. Das war mit 18 oder 20. Und immer wieder, so alle zwei Jahre, tauchte die Sehsucht auf und forderte ihn mit einer Kraft, die es ihm verwehrte, sich gegen sie erfolgreich aufzulehnen.Und dann war da plötzlich Mathilda.
Nach all diesen langen Jahren einer langen, teils qualvoll gespaltener Welterfahrung, wirkte das Auftreten dieser Frau wie eine Katharsis. Mit der hoffnungsvollen Spekulation gewappnet, daß es möglicherweise doch noch schön sein könnte, wahrhafte Körpererfahrungen zu erleben, vergaß er die dumpfe Monotonie der Halbweltprogramme und strengte sich wieder an, den Gefühlen zu trauen. Seine wiedererwachte Gleichgültigkeit gegenüber der Pornographie resultierte nicht zuletzt auch aus dem Wunsch heraus, jener Industrie qua Entzug der Finanzkraft Einbußen zuzufügen. Die Weigerung, weiter Bilder wirken zu lassen, ergab sich also nicht aus der Erkenntnis der Absurdität, daß sie nicht nur keine reale Stellvertreterposition einnehmen, sondern zudem wenig mehr sind als dasjenige, was sie zeigen: die Automatisierung menschlichen Verhaltens. Wie in vielen Bereichen der Lebenswelt löste Schweickart also sein Problem weniger, vielmehr zog er einen Schlußstrich, fand sich mit der Tatsache der Wirkung dieser Bilder ab und beschloß letztendlich sich eben dem Leben, der Lebenswelt wieder zuzuwenden. Nein, so wäre der Wandel nicht komplett vollzogen. Da war in seiner Empfindung doch so etwas wie ein Abschluß, in dem eine Lösung lag. Denn wenn er recht nachdachte, so viel ihm auf, daß eine Sättigung eingetreten war. Es gab Momente in diesen Kabinen, in denen er erst auf Umwegen die gewohnte Erwartungshaltung, Triebverfassung erreichen konnte. Nicht mehr das mächtige Anschauungsbegehren, sondern ein Zwang, den er sich geistig erbaute, um doch noch treiben zu können. Und sein tatsächliches Seinsproblem hatte zwar mit seiner Sexualität zu tun, Pornographie spielte -so erkannte er -aber doch nur eine Nebenrolle. Dem ganzen Reflektieren über sie liegt eine alte Faszination zu Grunde. Er erinnerte sich an die vielen Male, zu denen er mit seiner Großtante Karo Bildbetrachtungen unternommen hatte. In einer buchstabierten Welt ist das Bild, als ein den Augensinn affizierendes Medium und eben nicht nur den in Sprache geronnenen Geist reflektierenden Welterfahrungen, selbst eine direktere und wichtige Erfahrungsquelle. Über die Sprache zur Kommunikation befähigt, wurde der bildlichen Kommunikation nur sekundäre Funktion beigemessen. Aber der Kern der Bilderfahrung ist nicht, sich einfach nur den Wirkungen der Bilder auszusetzen, sondern vielmehr dann wieder zur Sprache zu kommen, um so auf der Ebene der anerzogenen Kommunikation jene Erfahrungen zu verarbeiten, sie in Sprache zu transformieren. Das Sich-Versprechen am und an das Bild war sicher ein ganz früh in ihm gereiftes Begehren, welches er in seinen dauernden Reflexionen über sein Verhalten gegenüber Bildern zutage förderte, egal, um welche es sich da Handelte. Daß er dann Chirurg und nicht Kunsthistoriker geworden ist, ist wohl noch in der Erinnerung des Lesers. KapitelElf -- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004