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KapitelSechzehn

Kapitel 16

In der Provençe. Wahrnehmung der uns umgebenden Welt. Reisen. Die innere Spannung, nicht Anspannung, dieser Fahrt resultiert nicht zuletzt aus der Erfahrung des Besonderen, daß sich der Beiläufigkeit eines geregelten Jahresverlaufs entgegensetzt. Während unsere Mitmenschen aus einer, durch Progression im Reiseverhalten geregelten Weise heute in immer fernere, exotischere Gefilde getrieben werden, erfindet Robert die geordnete Faszination für bürgerliche Gewohnheiten der 50er Jahre. Wie zahllose Deutsche besucht er am liebsten Orte, die er bereits kennt. Beliebtes Ziel vor der Spanien-Entzauberung war damals auch diejenige Gemeinde bürgerlich Gebildeter, welche die Provençe erschloß. Jetzt saß er nach einer enervierenden New York-Tour bei einem erholsamen Pastis in Avignon am Rathausplatz und betrachtete das mäßige Treiben in spätherbstlicher Sonne. Die war beinahe rot, wärmte noch ausreichend und er liebte sie. Wie er alle seine Sinneseindrücke hier mit einer Liebe erlebte, die er nur hier, und nirgendwo sonst, empfand.

Er freute sich über die Abwesenheit von Touristen. Die wenigen, welche zu dieser Jahreszeit noch hierher kommen, hatten längst ihre Autobusse bestiegen, ließen sich auf die Leere ein, die nach den aufreibenden Besichtigungen in der gepolsterten Blechkiste breit, schnell und lautlos durch die Köpfe einen Keil des Vergessens trieb. Das Plappern hatte ein Ende, die Beschäftigung mit dem Camcorder oder der Autofocuscamera mit eingebautem Blitz, der sensorgesteuert alles Belebte und Unbelebte aufs handtaschenfreundliche Format einfror, oder für das heimische Schneidepult Futter lieferte, hatte keinen Attraktionswert mehr. Alle Filme waren gewechselt, alle Kassetten getauscht, noch einmal gesehen. Die Macht der Fabrikanten visueller Gedächtnisprothesen verlor sich an eine träge Stille, die durch die dauerhafte Anwesenheit des Motorengeräuschs einen akustischen Grund erhielt, der den Insassen eine Art meditative Nirwanateilhaftigkeit angedeihen ließ. Kinder, die möglicherweise noch ein funkendes Spiel der Abwechslung gebracht hätten, waren bereits wieder zu Hause in den Kindergärten und Schulen. Robert kannte diese Blase kollektiver Entrücktheit und Gedankenlosigkeit gut. Er hatte während seines Studiums einige Male als Reiseführer agiert und lief mit seinem Drang Wissen zu vermitteln während solcher Rückfahrten gegen jene Stimmung an -erfolglos. Die Wir-bezogene Bildverarbeitung, unter relativer Ausblendung der interessanten Fakten, welche nur ein Ach-wie-schön zuließ, fand erst wieder im Wohnzimmer statt. So fragte Robert sich häufig, ob es nicht genüge, ließe man den Touristen eine entsprechende Cyberspaceausrüstung zukommen, um in virtual-reality die Highlights der Tour wahrzunehmen und dort zu filmen. Das schonte die Denkmäler und beseitigte lästiges Geschiebe vor Ort, welches die Anschauung im Regelfall zunichte macht. Der mögliche Effekt dieser Touristen beseitigenden "Neutronenbombe" aus Silicon-Valley amüsierte ihn und weckte den Wunsch nach Verwirklichung. Doch darauf mußte vorerst verzichtet werden. Denn leider verliert sich keineswegs die Aura des Originals, welche den Wunsch zeitgleicher Anwesenheit provoziert, und auch die Technik selbst schaffte es noch nicht, überzeugende Bilder zu liefern, wie die langweilige IBM-Projektion der Dresdner Frauenkirche bewies.

Diese und ähnliche Gedanken geisterten frei durch Roberts Kopf. Mittlerweile stand das antiquierte Karussell vor dem Hôtel de Ville still. Der Platz verschattete sich und Robert zog sein Jacket über. Er verspürte ein wenig Appetit und bestellte ein Hors d'Oevre. Krabben und Salat verspeisend dachte er noch einmal seinen undemokratischen Gedanken von vorhin und plötzlich fühlte er sich selbst als Außenseiter, gleich den Touristen, denen das eigentliche Leben vor Ort gleichgültig war, die sich an den Fetzen jener individuellen Absonderlichkeiten aufzogen und Alltag für diesen Ort ausschlossen. Auch wenn Robert relativ häufig hierhin kam, blieb der Zugang zu jenem wirklichen Leben versperrt. Er fühlte sich derartig einsam, daß er -seinem Fluchttrieb gehorchend -dieses unschöne Gefühl kompensierte, indem er zahlte, das Essen stehen ließ und ging. Er nahm sich vor, zum Haus zurückzufahren. Sein Wagen stand an der Stadtmauer. Er passierte die Biker und Teenies mit ihren Motorrollern, die geschwätzig ihre Abendplanung am Anfang des Platzes abhielten und bog links in die Fußgängerzone ein, wo nach und nach die Geschäfte schlossen. Er stopfte seine Zeitung in einen Müllkorb, nachdem er sich ein wenig albern mit ihr unter dem Arm vorkam. Ein weiterer Akt des Abschlusses gegen die Welt. Und nun, mit einem Mal verzog sich seine Einsamkeit. Sie wich einem Gefühl tiefster Zufriedenheit, denn er nahm sich und seine Umgebung mit allen Sinnen wahr. Er roch den Ort, so roch es nur hier. Er sah die Menschen, pergamentene Alte und die herbe Zierlichkeit der jungen Frauen. Sandsteintöne, Abendrot. Das Gemurmel, das Leben auf den Straßen. Vergessen die Einsamkeit, das Denken verlor sich in der Melancholie des Abends. Er fand sich vor seinem Wagen wieder und fuhr los. Bis Arles hatte er einen nicht allzu langen Weg vor sich. Die Strecke gefiel ihm besonders gut. Denn sie führte an vielen Stellen durch Platanenalleen, Bäume, deren meist kahle, silbrig schuppige Stämme, welche das Rot der untergehenden Sonne aufnahmen, ihn erfreuten. Die Alpilles, mit ihren kleinen, grünfleckigen Gipfeln, breiteten sich rechts neben ihm aus. Und in Fontvieille spielten die Alten immer noch Boule.

Im Haus erwarteten ihn Julia und ein befreundetes Paar. Er war ausnahmsweise allein nach Avignon gefahren, um den Fresken im Papstpalast seinen alljährlichen Besuch abzustatten. Julias Zeit in New York wurde beklagenswert unterbrochen, ja abgebrochen. Nach Roberts Besuch sollte sie eigentlich einen besonders finanzträchtigen Deal mit einem der avanciertesten Künstler dort abschließen. Dann kam dieses widerwärtige Ereignis. Der Bildhauer hatte die rauhen Bedingungen des Vertrages bereits akzeptiert. Der Abschluß brauchte nur noch durch die Unterschrift besiegelt zu werden, als er eines Abends, die Galerie war bereits geschlossen, im Vorbeigehen noch Licht sah und eintrat. Julia saß am PC im Hinterzimmer und feilte an dem Katalogtext zur Ausstellung des Meisters, als dieser ihr plötzlich ins Gesichtsfeld trat. Erschrocken zunächst und sich sofort darüber ärgernd, daß sie nicht abgeschlossen hatte, begrüßte sie etwas mißgelaunt den tropisch gegerbten 50jährigen. In seiner klassisch schwarzen Künstlerkluft sah er wie eine Mischung zwischen dem Heiligen Ignatius und Clint Eastwood aus. Meerblaue Augen stachen aus dem kurzgeschorenen Kopf, fixierten Julia, die durch den schmallippigen Mund für ihre attraktive Erscheinung gelobt wurde. Er trank hastig zwei Gläser vom obligaten Weißen und meinte der beruflich geprägten Atmosphäre etwas Privatheit beigeben zu müssen und vergewaltigte sie. Ihr Leben, ihre Psyche, ihr Körper war zerstört. Das Schwein wurde zwar später inhaftiert und verurteilt, doch das änderte Julias scheiß Situation auch nicht mehr. So bald als möglich kehrte sie big apple den Rücken und floh zu Robert zurück, der von der Geschichte noch nichts wußte. Während einer tristen, tränenreichen Nacht des Wiedersehens erzählte sie von dem grausamen Unglück und so beschlossen beide, erst einmal zusammen mit Freunden an einen vertrauten Ort zu reisen, an dem sie beide Ruhe und Zeit genug füreinander hatten. Robert versuchte einfühlsam Julia beizustehen, doch er merkte oft, wie wenig er helfen konnte, so unvorstellbar tief griff der Schmerz.

Julia träumte im lauen Abend. Sie saß in einem der Stühle auf der Terrasse vor dem Haus, als Robert mit seinem Wagen in den Hof fuhr. Er freute sich, daß ihre Stimmung besser war, als in der gesamten Zeit zuvor. Gerade in der vergangenen Nacht hatte sie ein Splitter der Erinnerung im Schlaf überfallen. Drei Gestalten bedrängten sie mit Waffen und sie spürte einen Messerstich in ihrem Leib. Wahrhaftig gespürt hatte sie dieses Unglück. Sie stand allein auf einer riesigen Rasenfläche, welche schier endlos gewesen war. Nichts unterbrach die grünen Horizonte, bis plötzlich, aus dem Himmel kommend, diese Schurken vor ihr standen. Keine Chance. Festgehalten von Zweien konnte sie sich nicht wehren. Der dritte zückte ein Stilett und stach ohne Vorwarnung zu, völlig sinnlos. Der Stahl traf auf den Widerstand der Haut. Mit einem leichten Ruck war er überwunden und butterweich drang die Waffe tiefer in ihren Körper. Doch dann verspürte sie etwas eigenartiges. Sie wußte, daß sie nicht sterben würde. Ihre Angst verlor sich in einem Gefühl plötzlicher Überlegenheit. Und sie ging einfach, ließ die drei Killer stehen und ging weg. Sie war sich nach diesem Traum ihrer selbst ein wenig sicherer. Die Gefühle der Schmach und die Scham entwaffnete Julia und dachte sich erstmals wieder als Wert. Sie fühlte sich wohl. Zum ersten Mal seit dieser Zeit erlebte sie etwas. In der ganzen Zeit nachdem sie vergewaltigt worden war, meinte sie, außerhalb zu stehen. Sie betrachtete sich aus einer mentalen Vogelperspektive und ließ keine Empfindung zur Erfahrung durch diese unsichtbare Mauer, welche mit einem Mal zwischen ihr und der sie umgebenden Welt stand.

Geschwindigkeit

Es sind dies eine Hand voll Reflexionen Roberts über die ihn umgebende Welt

Meine Weltwahrnehmung ist in entscheidender Weise anders geprägt, als diejenige von vielen meiner Mitmenschen. Wenn man/frau es mit dem Buchwesen zu tun hat, so hat vorab bereits eine Entscheidung zu einer gegenläufigen Haltung zum Leben stattgefunden. Sind heutzutage die meisten Berufe dadurch geprägt, daß alle Tätigkeiten in möglichst kurzen Zeiträumen erledigt werden, so spielt die Verzögerung gerade in meinem Tätigkeitsfeld die aller größte und entscheidende Rolle. Nichts klappt ad hoc, weniges nicht ohne Komplikationen. Letztere sorgen und besorgen Gefühle der Dauer, welche mit der technischen Beschleunigung aus dem modernen Leben verschwunden sind und höchstens noch beunruhigende Wirkung auf die Speedpeople ausüben. Sicher, es gibt auch in unserem Gewerbe Menschen, die davon leben, in möglichst kurzer Zeit ihre Ergebnisse zur Öffentlichkeit zu bringen. Aber hier, in dem Verlag, in welchem ich arbeite, steht das nicht in den Statuten.
Die Erfahrung der Dauer, als Nicht-Qualität aus der Perspektive der mich umgebenden Lebenswelt, welche Produktion nur anerkennt, wenn sie in einem möglichst günstigen Verhältnis zum Zeitaufwand steht, machte ich zum ersten Mal während meiner Zivildienstzeit. Einer meiner Patienten verkörperte sie förmlich. Er war durch seine Multiple-Sklerose bereits unwiderruflich ans Bett gefesselt, und fristete im Schatten einer übermächtigen Ehefrau eine mehr als karge Existenz, deren einziges Ziel der Tod heißen konnte. Dieser aber nicht in einer sicheren Erwartung überlegener Distanz und durchdachtem, abschließenden Erfahrungswillen, sondern vielmehr als unausgesprochenes Diktat der eigenen Möglichkeiten durch den Fortschritt -so makaber das Wort in diesem Zusammenhang auch klingen mag -der massiven Verringerung der eigenen Fähigkeiten hin zum Tode. Nicht reflektiert, diktiert. Dabei spielte die Frau zusätzlich eine enorme Rolle. Sie war es, die ihm den Mut gab, immer wieder darauf zu beharren, an einer nicht-neurologischen Erklärung für die Symptome der Krankheit. Der Patient war im letzten Weltkrieg am Kopf schwer verwundet worden. Wäre seine Krankheit als Kriegsverletzung anerkannt worden, so entstünden ihm dadurch finanzielle Vorteile. Aber mehrere Gutachten erklärten eben die Differenz beider Phänomene. Die Verwundung durch einen Granatsplitter hatte für alle ihn behandelnden Fachleute keinerlei Bezug zu seiner progressiv voranschreitenden Lähmung. Das einzige, worin seine Frau ihn unterstützte, war der Kampf um jene Anerkennung als Kriegsopfer. Das Leben, das sie führten, war durch die Absenz seiner Frau geprägt. Sie war Lehrerin an einer Grundschule und ansonsten recht unternehmungslustig, und verbrachte viel Zeit damit, ihre neuesten Handarbeitstechniken zu verfeinern. Sichtbares Indiz waren die vielen selbstgemachten Kleinigkeiten, die überall in der Wohnung verstreut waren. Als ich zu ihnen stieß, war ich äußerst unvorbereitet. Zwar erklärte man/frau den Zivis, was sie zu tun hatten und was sie nicht mußten, aber die Realität sah gewöhnlich anders aus. Dieser Patient nun war, von der pflegerischen Seite betrachtet, relativ unkompliziert. Ich hatte lediglich morgens ab acht Uhr dort zu sein und ihn zu betreuen, sprich auf Wünsche zu reagieren. Darin lag allerdings das Problem. Er hatte keine Wünsche. Er war ein zurückhaltender, lieber Mensch, der keineswegs darauf aus war, wie andere Patienten es waren, mich auszunutzen, relativ sinnlose Arbeiten machen zu lassen, oder mich zu schikanieren. Er lag einfach da, in seinem High-Tech-Bett, hörte Radio, las die Zeitung noch selbst und begleitete diese langwierige Prozedur mit dem Kommentar: "Vor vier Jahren konnte ich noch eine Seite zerreißen."
In solchen Momenten kam es mir dann hoch, und ich versuchte meinen Patienten dazu zu bewegen, aus dem Haus zu fahren, gesetzt den Fall, daß das Wetter schön war, um zusammen in die Stadt zu fahren. Aber während der gesamten 20 Monate ist es mir nicht gelungen, ihn auch nur einen Millimeter weiter zu fahren, als vor die Einfahrt. So trat bereits nach kurzer Zeit das ein, was ich heute mit dem Begriff der Dauer verbinde. Ich kam in die Wohnung mittels Hausschlüssel. Seine Frau war bereits zur Arbeit. Ich setzte mich, nachdem ich fragte, wie es ihm gehe. Heute erscheint mir das etwas zynisch, aber das ist der Abstand, der mich als Gesunden von den Kranken trennt. Dann kamen obligatorische Albernheiten wie das Bad säubern -es gab dort keinen Dreck -den Kaffee kochen. Dann, nachdem alles gerichtet war, setzte ich mich zu ihm. Das Schlafzimmer war relativ klein und lag zur Straße. Es war aber zu seinem Hauptaufenthaltsraum geworden, da er nicht immer Lust dazu hatte, aus dem Bett in den Rollstuhl zu steigen, um ins Wohnzimmer zu fahren, Musik zu hören, oder ins Eßzimmer, um sich etwas vorlesen zu lassen. Jeden Morgen kam die Gemeindeschwester und verrichtete die pflegerischen Bestandteile seiner Morgentoilette. Das Problem hierbei war, daß er niemals mit den armen Frauen zufrieden war. Aber man merkte sofort, daß das nicht seine Unzufriedenheit war. Zweimal in de Woche kam eine Physiotherapeutin, die mit ihm anstrengende Übungen machte. Sie war eine biedere Vierzigerin, mit halbherzigen Ambitionen, ihn wieder zum Gehen zu bewegen, jedenfalls tat sie immer so, als bestünde noch eine Möglichkeit für den alten Herrn. Sie hielt Vorträge über die Wichtigkeit des Sports, aber ihr Ehrgeiz entsprach nicht seinen Vorstellungen von den Tätigkeiten an seinem Lebensabend, so daß er jedesmal froh war, wenn das Training zuende war (ich für meinen Teil hätte sie allerdings gern einmal an der Tür abgefangen, um ihren Po und ihre Titten auf ihre Festigkeit zu überprüfen, doch dazu fehlte mir der Mut und vielleicht auch der sexuelle Wille). Sie gefiel mir und ich stellte mir oft vor, wie sie schöne Worte in mein Ohr flüsterte. Das hätte einen besonderen Reiz gehabt, da sie gebürtige Niederländerin war. So betrachtete ich den Ablauf der Woche als einen immerfort gleichen Zyklus, unterbrochen nur von den Sonntagen. Meine Aufgabe war es lediglich bis zwölf Uhr mittags zu bleiben. Aber in diesen vier Stunden über annähernd zwei Jahre hinweg, habe ich viel über die Müdigkeit gelernt. Denn die Zeit dehnte sich ins grenzenlose. Gespräche von Interesse endeten in Konfliktsituationen. Er war Soldat gewesen, ich radikaler Pazifist damals. Und just zu dieser Zeit flackerte die Diskussion über den Satz "Alle Soldaten sind potentielle Mörder" auf. Das verursachte eine, jetzt aus der Distanz betrachtet, Reibung, die darin mündete, daß ich eine Art Abmahnung seitens der Organisation erhielt, für die ich tätig war. Jetzt beiße ich mir förmlich in den Arsch, daß ich nicht mehr dazu gesagt habe. Ich wußte zwar, die Ehefrau war als problematischer Mensch von meinen Arbeitgebern erkannt worden, dennoch gab es Ärger und ich hoffte dann immer, der Ehefrau in Ausübung meiner Tätigkeit nicht zu begegnen. Aus der heutigen Perspektive muß ich sagen, daß man mich über den Tisch gezogen hat. Und das in allen Fällen. Aber darum geht es ja eigentlich nicht. Es sollte doch heißen: Wie Robert die Zeit als greifbares Phänomen entdeckte.

Ein neuer Mauerbau

Ich erinnere mich an ein Fest. Da fuhr ich vor vielleicht fünf Jahren mit einem guten Freund in die Stadt. Wir nahmen den letzten Zug und waren verabredet mit meiner damaligen -man sagt heute so schön -Lebensabschnittsgefährtin. Bier, blöde Witze. Merkwürdige Passagiere begleiteten uns in Richtung Stadt. Dort angelangt, hatten wir bereits die Trunkenheit zu unserem Gefährten. Dann gingen wir in die Kneipe, so eine Mischung aus Restaurant und Bar, Billard, Dart, alles, was damals die alternde Jugend, neben Tagliatelle und Schinkennudeln, begehrte. Vera arbeitete dort als Kellnerin. Trank ihren Osborne, und fuhr Auto, daß einem nur schlecht werden konnte. Wir warteten auf ihren Dienstschluß, dann sollte es zum Hafen gehen, wo bereits die Horde in den ausgemusterten Brachen des untergehenden Fernhandels zu feiern begonnen hatte. Mid-80s Postpunk. Gut gekleidet, Rollis und Adlerhorste, brennende Ölfässer. Old provincial germanys reminiscent to something like Bronx, but in spite of these Allstarjunk. Es war einfach so deutsch. Sowas deutsches. Die Hymne auf die vormauerbrecherischen Zeiten muß noch mal gesungen werden. No Grunge, no tekkno. Die Gitarren waren noch infiziert von dem alten Curtisvirus. Procession moves on - the shouting is over. Abbruchdevisen. Kleine Bekanntschaften, an die ich mich gern erinnere. Versuchungen, die meinen damals so moralischen Kopf in Drehung versetzten. Eine verrückte Party. Eigentlich kannte ich keinen Menschen außer die beiden, mit denen ich hingefahren war. Und dann. Verschiedene Hallen, kryptische Kellergänge. Man konnte sich leicht verlaufen und fand in der Laszivität aller, der dort in den Ecken Lauernden, seinen Seelenfrieden im Kurzatmigen. Das Schöne daran war, daß ich so recht nicht viel mit bekommen hatte. Eigentlich lief der Zug auf einem anderen Gleis ein und kaum, daß ich mich versah, saßen wir schon wieder im Wagen und fuhren ganz woanders hin, nämlich zu mir, nachdem wir den weniger betrunkenen Freund beseitigt hatten. Die Zufriedenheit über die Situation, die fahrlässigen, flüchtigen Ereignisse stellte sich aber erst viel später ein, nämlich jetzt, wo ich zu reflektieren beginne. Jetzt, aus der Distanz, erkenne ich die alten Farben der Nacht, die lang vermißten Gefühle, die den Ziegeln entströmten und irgend etwas in meinem Leib freisetzten, das ungeheuer literarisch war. Die Sehnsucht nach solchen Zuständen, deren ich zahllose in meinem Leben hatte, und die ich jetzt so vermisse, nehmen Form an, drängen meine Erinnerung zur präzisen Vergegenwärtigung, zum Zwecke des Nacherlebens. Ich glaube nicht, daß genau so etwas noch einmal möglich wäre, hoffe es nicht, will auch nur die Erinnerung. Das sollte eigentlich reichen.

Wieder in der alten Melancholie

Immer wieder drängte sich ihm der Gedanke auf, doch noch zur Seite der Aktiven überzulaufen. Das permanente Reproduzieren von sinnlich Wahrnehmbarem in Büchern, kombiniert mit einer Menge schlauer Kommentare, führte zu einer tiefen Depression. Wie oft hörte er von dem Klischee, daß jeder Kunsthistoriker ein verhinderter Künstler sei. Er nahm sich oft vor, das Studium abzubrechen; und kurze Zeit, nachdem bereits das Thema seiner Magisterarbeit mit der Dozentin abgesprochen hatte, verfiel er in sein altes Wunschgebilde zurück. Er wollte wieder malen. Immer mußte er mit ansehen, daß die vielen, zahllosen Kunststudenten irgend etwas mit den neutralen Mitteln Leinwand Papier etc. anstellten, Konzepte schufen, Ideen verwirklichten und sogar verkauften; Ideen, die er bereits gedacht hatte, nur daß er sich nie getraut hätte, sie in Gegenstände zu transformieren. Wo sollte dieser Gedanke des Produzierens von Kunst hinführen? Schließlich besaß er eine relativ gesicherte Zukunft, verdiente sein Geld und konnte sich trotz Rezession das leisten, was ihm am Herzen lag. Die schlechten Zeiten waren für ihn vorbei; es ging ihm vielleicht zu gut, würde sein Großvater zu ihm gesagt haben. Doch das war es wohl nicht. Dazu war er sich mit zu wenigen Dingen bereits zufrieden. Er hatte damals den einfachen Weg gewählt. Die Komplikation einer direkten Beurteilung seiner Fähigkeiten gemieden, mit der fadenscheinigen Ausrede, daß sowieso nur diejenigen eine Chance hätten, die den Geschmack des entscheidenden Lehrkörpers an der Akademie träfen. Aber was sollte das schon. Schließlich hatte er genauso wenig Lust, sich einpferchen zu lassen. Ein Bekannter, Student an der Düsseldorfer Akademie, erzählte ihm von den kleinen Klassen, und daß dort ein wirkliches Profitieren vom "Meister� nur darin bestünde, daß eventuell der Kontakt zum Galeristen erleichtert würde. Für diese Form von Nepotismus fühlte er sich zu alt. Dennoch bedurfte es der größten Anstrengung, bis er wieder einigermaßen lotrecht an seinem Leben und Arbeiten weiterdenken konnte.

Schweickart, nun nicht mehr allein

Seit beinahe vier Jahren war er nun mit Mathilda zusammen. Es hatte sich -oberflächlich betrachtet, wie Georg im Nachhinein dachte -alles zu ihren Gunsten entwickelt. Das gemeinsame Wohnen war nach einiger Zeit selbstverständlich geworden. Mathilda behielt zwar ihre Wohnung, doch eigentlich war sie bereits mit ihren wichtigsten Dingen zu Georg ins Haus gezogen. Beide hatten das Gefühl gut zueinander zu passen. Ihre wie seine Sanftmut verhinderte voreilige Streitigkeiten; sie brauchten einander und begehrten einander. Ihr Arbeitsleben ließ ihnen zwar nicht viel gemeinsamen Freiraum, doch immerhin nutzten sie diesen zu zahllosen, abwechslungsreichen Unternehmungen. Eigentlich hätte man sagen können, daß sie glücklich miteinander wären, doch trotzdem beschlich beide das unangenehme Gefühl, irgend etwas könne nicht in Ordnung sein. Glücklich waren sie immer nur im Großen und Ganzen, doch die kleinen Dinge des Alltags führten meistens zu Unstimmigkeiten. Es waren nur diese minimalen Spitzen, mit denen sie sich gegenseitig immer wieder reizten. Stellvertretergefechte mit Abstellgleisthemen. Da war der Straßenverkehr. Georg besaß seinen Porsche zwar immer noch, doch er fuhr bei weitem nicht mehr so gefährdend. Er hatte, wie er meinte, den klassischen Prozeß zum einsichtigen Vernunftwesens durchgemacht. Nach einer Phase, in welcher er immer wieder von Mathilda hörte, daß er wie der Letzte führe, drosselte er den Gasfuß, befolgte die Regeln überkorrekt und forderte diese Verhaltensweise auch von seinen Mitmenschen. Wenn nicht, ja dann kam der Pädagoge mit der Rute. Fuhr jemand einmal zu nah auf, so nutzte Georg die Möglichkeiten seines Wagens und überholte abenteuerlich, setzte sich dann vor seinen Kontrahenten und bremste ihn aus. Diese Phase dauerte ein halbes Jahr, bis Mathilda ihn auf sein unmögliches Verhalten aufmerksam machte, und er, wiederum sehr einsichtig, nach einer gewissen Dauer des Übergangs, jene Marotte ablegte. Von nun an empfand er sich als geheilt und unantastbar für alle Schwächen gewalttätigenden Handelns auf der Autobahn. Verhielt sich Georg aber dennoch ab und zu "rückfällig", so spürte Mathilda dem Übel gewaltig nach. Georg war in der Zwischenzeit nicht müßig geblieben und erkannte am Fahrverhalten Mathildas, daß sie auch ihre Macken im Umgang mit Regeln und Mitmenschen hatte. Da entbrannten also in der Zeit beiderseitigen Veränderns durch Nähe die Herde des Zwistes Und auch in dieser Phase ihrer Beziehung konnten verhaltensmäßige Veränderungen -in ihrer Erscheinung und ihrem Wechsel Jahreszeiten ähnlich -taxinomisch registriert werden. Zunächst beiderseitiges Aufwiegeln, dann die Phasen des einseitigen Verstummens nach dem Motto "der Klügere gibt nach", bis zu einem regelrechten, aber unausgesprochenen Redeverbot während der Fahrt. Georgs Hang zu wissenschaftlichem Schubladendenken hatte sich die Prozesse akribisch angesehen und analysiert. Je nach Inhalt und Grad des Streitkomplexes benannte er sie mit Begriffen wie "virulente Phase" oder "Ausbruchsphase". "Stadien" waren diejenigen Kategorien, welche für alle Streitigkeiten gleichermaßen zutrafen. In seiner ihm eigenen Genauigkeit konnte er noch Wochen später den "Fall" in seiner zeitlichen Struktur nacherzählen. Der Alltag, unendliche Weiten und Tiefen. Es gab Tage, an denen beide mehr als froh waren, morgens mit der Gewißheit zur Arbeit zu gehen, daß es aufgrund des Dienstplanes spät werden würde.

Allgemeine Abgründe

Die Unzufriedenheit nahm von Woche zu Woche zu. Es gab, so schien es ihm, kein Entrinnen mehr aus diesem endlosen Zirkus aus Anklage, Vergebung und Vergessen. Gibt es ein Leben im Leben?, so fragte er sich tagein tagaus, denn es quälte ihn, zu sehen, wie sie beide sich fallen ließen. Fallen, fallen in eine Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit und Kälte. Substitut war dieses Paar, sein bester Freund und dessen Frau. Die gelegentliche Einmischung in deren offen ausgetragene Streitigkeiten. Belangloses, wie es schien, im Verhältnis zu den grundlegenden Angelegenheiten zwischen ihm und seiner Freundin. Mit anderen Worten, er wußte gar nicht mehr, ob er sie wirklich liebte. Denn irgendwie war alles verraucht, von den phantastischen Anfängen, war nicht viel übrig. Er saß nachts allein im Wohnzimmer, hörte sein Lieblingsstück von Gary Numan "We are glass". Diese Musik erfüllte ihn mit der benötigten Kälte, dem Abstand zu aller Unbill, welche in den vergangenen Monaten wie ein Schleier ihr Zusammenleben verdunkelte, das Wesentliche verloren gab.
Und dann war er plötzlich dem Gefühl nahe, Alkoholiker zu sein, denn er trank -das mußte er einsehen -mehr, als ihm wünschenswert erschien. Jeden Abend der gleiche Ablauf. Und es waren doch immer die Probleme, welche alle Menschen betreffen, die in Beziehungen lebten. Alte Ehen ohne gemeinsamen Inhalt dürsten nach kalten Gitarren und Bier. Diese Widrigkeiten. Wenn es wenigstens einen Ausgleich für das Leiden gab, doch immer mehr sah er sich gezwungen, den Rückzug anzutreten.
Doch auch das wurde ihm fad. Matt wachte er auf, konnte sich kaum noch an die gesprochenen Tiraden (kalter Ton, endlose Reihen fader Phrasendrescherei) erinnern. Ein weiterer Abgrund klaffte auf, als er nach einigen Delirien vorgehalten bekam, daß er auf fiese Weise gewalttätig geworden sei. "Ich bin nicht gut für sie", sagte er sich, doch es fehlte ihm die Entschlußfähigkeit, der Beziehung ein Ende zu setzen. Denn irgendwie liebte er sie ja immer noch, und in diesem unangenehmen Gefühlswirrwarr fand er sich einfach nicht mehr zurecht und beschloß abzuwarten. Dann dachte er, daß es das Beste sei, das Trinken weitestgehend einzuschränken. Das funktionierte eine Weile, doch im zweiwöchentlichen Turnus komatisierte er sich trotzdem. Die Abende fanden einen netten Beginn. Beide gingen zusammen mit Freunden aus, aßen und tranken nicht übermäßig viel, doch die Dauer des Verbleibs in einer Kneipe, das vorherige Trinken im Restaurant bestimmten sein Suchtverhalten. Ab einer gewissen Anzahl von Stunden, die meistens nicht vorhersehbar waren, schüttete er das Bier in sich hinein. Das Bestelltempo wechselte vom gemäßigten Adagio zum Allegretto. Mit dieser beschleunigten Trinkweise katapultierte er sich binnen kürzester Zeit in den Vollrausch. Bier reichte dann nicht mehr. Zudem hatte er die mögliche Grenze der Aufnahmefähigkeit von Flüssigkeit erreicht und bestellte dann seine GinTonic. Irgendwann, am Beginn der Peinlichkeit, die amüsierfreudigen Freunde waren mittlerweile in einer Disco gelandet, machte er jede Frau schamlos an. Zeit zu gehen. Doch nachher war es für sie der Alptraum. Er beschimpfte sie mit den übelsten Worten und schlug sie. Am nächsten Tage war natürlich alles vergessen. Filmrisse traten immer auf. Mit diesen Handlungen setzte er ihre Gemeinsamkeit aufs Spiel.

Der Fortschritt des Schreibens

Robert hatte sich mit dem Verfassen seines Arztromans zuviel zugemutet. Diese betrübliche Tatsache mußte er jetzt, nachdem ungefähr ein Jahr vergangen war, ohne daß das Schreiben Fortschritte gemacht hatte, sich eingestehen. Neben der Unmöglichkeit seiner Arbeit, die ihm in der letzten Zeit den letzten Nerv raubte, erlaubte ihm sein mangelndes Vorstellungsvermögen und Sprachempfinden ihm nicht, sich in die Lage eines Oberarztes und einer verliebten Patientin zu versetzen. Mittlerweile war auch der Geburtstag Julias vergangen. Er hatte eigentlich gar keinen Grund mehr zu schreiben. Dennoch hockte er sich oft vor den Bildschirm und ließ seinen Blick über das bereits Geschriebene gleiten. Mal gefiel es ihm, mal wieder nicht. In solchen Momenten begann er mit dem Streichen, überschreiben, umsetzen von Textblöcken. Das triviale Schreiben war ungenügend, seine Sprache verstand sich nicht mit einfachen Konstruktionen, und inhaltlich verbitterte ihn die Armut der Horizontlosigkeit jenes Genres. Manchmal empfand er sich als arrogant. Er hatte das witzige Unternehmen plötzlich so negativ konnotiert, daß er eine ganz neue Geschichte daraus zu machen versuchte. Ein Spiel mit Erzählperspektiven sollte es nun werden. Und überdies, das Wichtigste war, daß er sein Schreiben, seine Phantasie, das Drängen des Imaginären in ihm plötzlich sehr ernst nahm, und aus dem Feiertagsvergnügen des Geschenkeschreibens wurde ein Bewußtsein über eine mögliche Professionalität. Er träumte von einem Roman. Einem selbst geschriebenen Buch würde er in der nächsten Zeit seine Gedanken widmen. Er erinnerte sich seiner ursprünglichen Intention von dem rotierenden Text, der Erzähler in eine Spirale ziehen sollte, damit Julia nicht mehr wußte, wer in welcher Ebene Herr über die Geschichte ist. Doch, wir erinnern uns, er konnte das Prinzip nicht lange durchhalten, und mußte, um noch arztromanhaft schreiben zu können, diese Erzählweise aufgeben. Es wäre eine dieser klassischen Geschichten geworden, die nicht weiter anregend gewesen wäre. Wer erzählt, Geschichten mit mehr oder weniger stringenter Handlung, verschiedenen Zeitebenen, Spannungskurven und perfekter Rhetorik schreibt, soll es gern tun. Für Robert kam es nicht infrage. Zumal es ihn nicht in der Hauptsache reizte, Geschichten solcher Art zu lesen. Es entsprach nicht seiner Vorstellung von Literatur und dem gesamten, dazu gehörigen Umfeld. Als Literaturwissenschaftler stürzte er sich schon bald auf die peripheren Gestalten der Geschichte. Die Experimentellen, die nicht dem Mainstream gehorchten und sich mit neuen Formen auseinandersetzten. Das waren seine literarischen Leitfiguren. Er träumte davon, Schnittstellen zwischen Vergangenheit und erzählter Gegenwart zu schaffen, und das nicht in dem Sinn, daß dort im Fluß erzählter Zeit eine Familienentwicklung kausale Verknüpfungen zwischen früherer und späterer Zeit bestanden. Das Unerwartete, das Unmögliche sollte erzählt werden. Dem Zufall und der Paranoia ein Loblied singen. Das klang zwar manches Mal wie ein mystischer Horrorfilm, sollte aber so etwas nun wirklich nicht sein. Was ihn zutiefst an Literatur bewegte, war ihre Fiktionalität und je höher der Grad, desto höher sein Interesse.

So setzte er sich wieder einmal an den Anfang des Textes. Der Bildschirm flimmerte in den Raum. Mit einer Flasche Weißwein "montierte" er sich, wie er sich, an E. T. A. erinnernd, ausdrückte. ein Lob auf König Alkohol. Er ließ seine Arbeit in der Aktentasche. Ignorierte den Termin der Drucklegung einer kunsthistorischen Abhandlung über den Maler Markus P�rz, dessen Werk er für das Banalste, je auf Leinwand gebannte hielt und den er, wegen seiner Großmannssucht verurteilte. Und damit begann eine neue Erzählung Roberts.

Nach der Trennung

In diesen Tagen ereignete sich viel Neues in seinem Leben. Er gedachte der Freunde längst vergangener Zeiten und verdarb sich nicht mehr das Leben mit der überflüssigen Sorge um sein weiteres Fortkommen. Kurz gesagt, er begann wieder zu leben. Was das war, ein moralisch denkender Mensch mag einwenden, daß er weder gemeinschaftsdienlich, noch für sich anständig in dieser Weise da sein könne. Aber Georg sah sich in seiner Geschichte anders. Er hatte eine andere, tolerantere Erziehung genossen, und für ihn war das Denken an sich selbst nicht gleichbedeutend mit einem kruden Egoismus. Schließlich hatte er eine Beziehung hinter sich, die ihm äußerste Kraftanstrengungen abverlangt hatte. Er fand es an der Zeit, alte Prinzipien über Bord zu werfen, sie zu relativieren und sich den Menschen zu öffnen, die ihn schließlich eine Zeit seiner Vergangenheit begleitet hatten.
Da war Jan. Sie hatten sich im Gymnasium kennengelernt und gingen ab dem siebten Schuljahr in eine Klasse. Georg gab sich immer aufmüpfig, ungerecht gegen andere, fordernd und nichts gebend. Er war der Klassenclown und Starrandalierer. Dagegen Jan, eher ruhig, gemäßigt, nicht schlecht in der Schule, mathematisch begabt. Und so kam es, daß sie sich eine geraume Zeit gegenseitig bewunderten, ohne jemals darüber zu sprechen. Später, immer noch in der selben Stadt lebend, sahen sie sich doch nie. Aber jetzt, wo es ihm darauf ankam, das Leben herzunehmen und zu fordern, erinnerte er sich seiner und rief ihn an. Sie trafen sich in regelmäßigen Abständen und entdeckten gemeinsam, was es hieß, ein gemeinsame Vergangenheit zu haben. Sie erzählten sich von ihrer gegenseitigen Wertschätzung zu Schulzeiten und freuten sich darüber, lachten und genossen diese wiederentdeckte Gemeinsamkeit.
Dann unterließ er es Abweichler zu ignorieren, Verständnis aufzubringen für offenbar Andersdenkende. Aber das wichtigste Ereignis dieser Zeit überhaupt war die Bekanntschaft mit einer Frau. Zu seinem Geburtstag traf er sie zum ersten Mal. Sie war -wie man so schön sagt -die Lebensabschnittsgefährtin eines ehemaligen Kommilitonen. Der erste Eindruck genügte, daß er die Anziehungskraft, die von ihr ausstrahlte, intensiv empfand. Doch zu dieser Zeit lebte Georg noch seine vergangene Beziehung, daher gestattete er sich nicht mehr, als sie sympathisch zu finden. Sie hieß Katharina, war eineinhalb Jahre jünger als er und beobachtete abwartend die zusammengewürfelte Runde. Ihr Freund erwarb sich wieder einmal Lorbeeren als Alleinunterhalter. Kampf der Langeweile, sein Wahlspruch in allem folgend, trank er wie der Teufel und erzählte von Computerspielen, deren Handlung darin bestand, daß der Spieler in einem Nazibunker alles abschlachten mußte, was ihm über den Weg lief, egal ob Freund oder Feind. Dabei röhrte er mit seiner lauten Stimme durch die Wohnung, und wäre er nicht so amüsant gewesen, so hätte ihn jeder für einen polternden Kretin gehalten.. Georg war jedenfalls an diesem Abend der einzige, der sich mit ihr unterhielt und sein Unterleib war ihn bei der Konversation behilflich. Dann wurde bei Jörg gegrillt, und wieder sprach aus beiden eine merkwürdige, sie gegenseitig anziehende Freundlichkeit. darauf folgte Jörgs Geburtstagsfeier. Die wiederum war ausgesprochen öde. Mathilda litt, Georg reagierte allergisch und hatte wieder einmal seine Heuschnupfenmittel vergessen. Jörgs Besuch bestand aus einer Mixtur von Studenten, Handwerkern und Verwaltungsmenschen. Allesamt stammten sie aus dem selben Stadtteil und ergaben sich der Langeweile oder dem Alkohol. Jörg schwor auf Letzteres und war wieder einmal gut in Fahrt. Sein Tick für Fischfanggeräte aller Art ließ in in betrunkenem Zustand immer wieder dazu verleiten, seine selbstgedrehten Fliegenfische aus dem Schrank zu holen, um eine kurze Zeit mit ihnen an der Angel gefährlich herumzufuchteln, zwei bis drei Würfe in Richtung Garteneiche zu versuchen, um sie dann wieder im Schrank verschwinden zu lassen. Unbeliebte Gäste bekamen dann schon einmal die Rute der Angel in die Nase gedrückt, was unter den Bekannten hämisches Gelächter hervorrief. Katharina schüttelte nur mit dem Kopf und zum wievielten Male sie nun ihren Freund zur Raison bringen mußte, wußte sie nicht mehr. Sie hatte den Faden zur Normalität nicht gerade verloren, aber zumindest war ihr der Blick verstellt worden.

Als sie Jörg kennenlernte, befand Katharina sich in einer unangenehmen Situation. Ihr damaliger Freund hatte sie gedemütigt und verlassen. Sie war ihm sexuell "hörig" gewesen, hatte derartige Freuden und Leiden zugleich nie erfahren, und dann kam Jörg. Mit einem Spruch über die Häßlichkeit ihres Kinns beeindruckte er sie und da er zudem noch lieb war, manövrierte sie sich in eine Geschichte, die sie sich so nicht gewünscht hatte.

Nach der Euphorie

Er unterlag dem Irrglauben, nach der langen Beziehung sogleich einen anderen Menschen lieben zu können. Gerade hatte er sich an sein wiedergewonnenes Freiheitsgefühl gewöhnt, da brach sie in sein Leben und okkupierte ihn. Heiratswünsche verwirrten ihn, die Rede kam schnell auf eine gemeinsame Wohnung, obwohl sie gerade erst wenige Wochen zusammen waren. Überrumpelt, typisch männlich, wie Mathilda sagen würde, hörte sie seine Gedanken, dachte er nur an den guten Sex, den er mit ihr hatte. Und während des Beischlafs liebte er sie, doch danach war es aus, sie nervte. Eigenheiten, Zickigkeiten brachten ihn auf. [Und hier ist es an der Zeit, die schrägen Schlünde unkorrekten Geistes des Helden einmal grundsätzlich der Interpretation anheim zu stellen. Was soll mein Leser eigentlich von so einem Vogel halten, der sich selbst in den Dreck katapultiert und ansonsten nur mit seinem Unterteil denkt? Nichts womöglich. Wenn er es schon so lang mit diesem Gerede ausgehalten hat, so kann ich ihm doch eigentlich nicht auch noch jenen Quatsch zumuten, oder?] Die negativen Energien, welche ihn in der langweiligen, vergangenen Beziehung so unterdrückten, traten wieder auf. So gingen sie beispielsweise zusammen in eine Ausstellung. Er begann zu dozieren. Mit einem kurzen Rückblick auf den historischen Kontext wollte er sie auf einige wichtige Aspekte dieser gesehenen Malerei aufmerksam machen. Als Resonanz mußte er dann Sätze ertragen wie "Ja meinst du, ich sehe das zum ersten Mal" Dabei wollte er nur sein Wissen vermitteln, keinesfalls jedoch eine überlegene Position einnehmen. Es waren diese kleinen Sätze ihrer Unsicherheit und Selbstbehauptungsversuche, die ihn aufregten. Sicher, sie hatte sehr schnell all ihre Sicherheit für ihn aufgegeben [warum sollte sie das bloß tun?], hatte sich aus einer problematischen Beziehung befreit und sogleich in die neue mit ihm gestürzt.

So saß er nun an seinem Computer und versuchte zu arbeiten. Doch es gelang ihm nicht, sich zu konzentrieren. Im Gegenteil, immer wieder schweifte er ab, verlor sich in Träumen, war entsetzlich müde und wünschte sich nichts sehnlicher, als daß sich seine zerfahrene Situation von selbst bereinigte.
Er dachte über die Frauen nach, die ihn in den vergangenen Jahren auf seinem Lebensweg begleitet hatten. Merkwürdigerweise entsetzte ihn die Fürsorglichkeit, mit der sie ihn überhäufte. Am Morgen gefragt zu werden, was denn Abends, nächsten oder übernächsten Tags zu essen sei, diese kluckenhafte Besorgtheit förderte eine Entrückung, ließ seine Liebesfähigkeit, sofern er sie denn hatte, gegen Null sinken. Aber die Gedanken ließen sich nicht weiter verfestigen, es kam nicht zu einer vernunftorientierten Selbstaussprache. Vielmehr ragte sein Geist [jetzt geht er mir aber wirklich auf die Nerven. Immer dieses Herumspeien großer Begriffe!] in eine dumpfe Unbewußtheit, die ihn nunmehr müde zu dem Entschluß kommen ließ, besser den Rechner auszuschalten, ein wenig Ruhe walten zu lassen, zu schlafen. Aufhören, das alles müßte doch irgendwann aufhören. Er war sich selbst so überdrüssig, daß er sich nur noch voller Abscheu allem und jedem gegen über von der Welt verabschiedete. Tod.
Entschuldigen Sie, lieber Leser, aber jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich dem blöden Auktorialen das Wort entziehen muß. Eigentlich habe ich ganz harmlos angefangen. Ich wollte nicht viel mehr schreiben, als einen selbstreferentiellen Klimmzug literarischer Natur, indem eine Verschachtelung der Story Sie so verwirren sollte, daß ihr Begehren nach einer Auflösung des Ganzen nur so lechzt. Und was ist daraus geworden? Gemeinplätze, Chauvinismen bitterster Art. Verzeihen Sie mir, aber den Schweickart kann ich überhaupt nicht mehr leiden. Ich glaube, daß ich diesen Sack ausschließen muß. Es ist besser, wenn er infolge seines allzu aktiven Hiplebens einmal den Faden verliert und für die nächste Zeit sich seiner selbst in einer der mittlerweile so beliebten Selbsterfahrungskurse in Tibet widmet. Also lassen wir den Onkel Doktor ein großes Aeroplan besteigen. EsoTours, inklusive Tantra etc. für 10.000 Mark, das ist genau das richtige, was er verdient hat. Und was ist Schweickart schon für ein Held? Lohnt es sich eigentlich, sich Gedanken über seine bekloppten Ideen von Sinnlichkeit, Bildlichkeit und Geschlechtlichkeit zu machen? Und die ganze Geschichte seiner unglaublich einzigartigen Liebe. Was war das denn. Er war mit einer Verrückten zusammen, die ihm das Leben schwer gemacht hatte, die ihn nach Strich und Faden ausgenutzt hat, die sein Geld nahm und ihm zu versichern versuchte, das sei so richtig. Und er dachte tatsächlich ernsthaft über solchen Quatsch nach. Dem erfahrenen Psychologen sei gesagt, daß hier nicht der banalen Auffassung einer wie auch immer gearteten Abneigung gegen die Tatsache psychischer Erkrankungen das Wort geredet würde. Nein, nein, so dumm sind wir denn doch nicht. Da muß ich mich etwas solidarisch mit einem Erzähler erklären. Aber interessant ist nun einmal die Konstellation des Ganzen. Sie war, das können Sie mir glauben, weiß Gott dazu in der Lage, all das zu tun, was sie vermeintlich nicht könnte, denn zuviel Widersprüche ergaben sich im nachhinein aus ihrem Tun. Also Mathilda konnte zum einen für ihre besten Freunde sorgen, das konnte sie angeblich nicht für Schweickart, warum auch, denn der konnte ja eigentlich auf sich selbst aufpassen.

Hypertext

Cyberspace, so nannte man damals den losen Verbund verschiedener Computer, die peu à peu vom Kommerz aufgesogen wurden und überflüssige Dienstleistungen anboten. Robert faszinierte die Kommunikation via Modem. Während seiner Arbeit mußte er feststellen, daß schnelle Informationen zu günstiger Zeit wesentlich einfacher einzuholen waren, als über den normalen Weg der lexikalischen Wissensnachforschungen in physikalischen Bibliotheken. Gerade für den Kunstsektor hatte sich in Großbritannien eine große Gruppe von Studenten und Akademien im Netz breit gemacht, die neben wissenschaftlichen Angeboten auch interaktive Spielereien anboten, die damals sogar als Kunst bezeichnet wurden. Aus dem maskierten Phosphor, das ihn fahl beschien, baute sich seine Homepage auf. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, die Suchroboter für sich arbeiten zu lassen, um herauszufinden, wer der wahnerzeugende Inciso sei. Die zahlreichen Links, die nach einer Weile blau aus Satzfetzen auftauchten, waren alle wertlos. Astronomen aus Triest, ein neues Computerprogramm für die Herstellung von Druckvorlagen, Studenten, die sich selbst darstellten. Kein Hinweis auf literarische Aktivität. Er versuchte es in den verschiedenen Netzen, doch immer mit ähnlichen Ergebnissen. Na ja, sagte er sich, Glück gehabt.

Wir haben noch viel zu wenig davon, dachte sich Robert, als er sich wieder einmal einloggte. Er hatte einen Account bei einem privaten Provider, der bereits in Ansätzen auch dem durchschnittlichen Informationssucher das Gefühl vermittelte, was möglicherweise in Zukunft passieren wird. Zwar überstieg dieser Anbieter schon die Grenzen der Zweidimensionalität, doch zum einen gab es ja keinen geregelten Standard mehr für die Computersprachen im Netz, zum anderen ermangelte es diesen Dinosauriern von Rechenmaschinen an Geschwindigkeit.

Dennoch gab er erst einmal nicht auf, es gibt schließlich wahnsinnig viele Archive, in denen es sich zu stöbern lohnt. Erst vor kurzem hatte er sich über ein entsprechendes Programm einen illegalen Zugriff in die Datenbank Library of Congress verschafft. Er hatte das Glück gehabt, daß zur selben Zeit eine unbedarfte Büroangestellte dort ihre Frühstückspause mit ein wenig Lustgewinn in einem der zahllosen Sex-Chats aufpeppen wollte, und diese Person hat nicht vermutet, wieviel kriminelle Energie ihr Gesprächspartner aufzubringen im Stande war. Denn er quetschte sie schamlos aus, während er ihr gleichzeitig erzählte, daß er jetzt ihre nassen Schenkel liebkosen würde, und er fragte sie nach dem Boss, der vielleicht jeden Augenblick ein Diktat verlangen könnte, und er fragte, ob sie schon etwas höre, und und und, dann spuckte sie alles aus: Namen liefen über den Schirm, das geschickte Fragen erwies sich als unschätzbares Werkzeug in solchen Fällen, doch das Beste war, daß sich, nachdem alles gelaufen war, Jane als John entpuppte. Robert gaukelte ihm vor, daß er gleich um die Ecke wohnen würde, und daß sie sich doch auf jeden Fall einmal zu einem wahrlich appetitlichen Blasen verabreden sollten. Dann hatte er plötzlich alles, was er brauchte, um diese dumme Datenbank zu knacken. Der Alptraum eines jeden Systemadministrators, aber die größte Schwachstelle, sagte sich Robert nach der Aktion mit einem Grinsen, ist und bleibt der lebenssüchtige Mensch. Und Leben, das hatte er schon früh gelernt, findet man nicht vor den Maschinen.

Dies ist die loudness, dies ist die wunderbare Raumklangwelt. Hier im Chip vergehen die Sinne, hier im Raumweltklang sind die Gemeinschaften aller Sinne im Werk. Im Klanghaus, in der weiten Resonanzkörperwelt ruhe ich inmitten silikoner Scheibenwelten. Rotlos, vergelblich und, im Hinterkopf die lästige Geschichte, Bläue.

Richte Dein Klanghalfter aus. Ziehe den mp3-phaser und schieß ihn weg. Elektroklänge überall, Dezibel mit Ultraschall. Im Düsenklang meiner Gehörgänge. Es tiiinnniiihhh... Klänge wie Stein und Eisen. Eine Familie der Wildheit drängt sich an mein Ohr. Ich gab keine müde Seelenminute ab. Ich versuchte zu schlafen, doch der Rausch aus der Konsole ließ ich nicht mehr egalisieren. Ich sehe meine Finger über die Tastatur liegen und ich glaube zu erkennen, daß sich hier andere Dinge verbreiten werden, als dasjenige, welches sich unter mir aus grauem Polymer sich formt. Wie wenn es spricht. Ist das angenehm. Das müßte der Hase erleben, diesen Düsenschall, so nah so fern und doch so weit entfernt davon, daß sich hier eine neue Sprache zur Gerinnung anstellte. Lauter.

Lauter, mit kalten Händen sitze ich hier. Mit kalten Fingern zittere ich zu den Räumen, die sich plötzlich metamorph hergeben. Dich Welt, des 3dimensionalen mächtig, der Lust an der Einflugschneise folgend, hörte ich einen Laut aus der Silikonese, die langsam vor sich hin channelte. In der Nächtigkeit meiner Rauschunempfidlichkeit scannte ich erst einmal die Ports of Interest. Danach ein schneller Netstat, und der Weg war frei. Keiner war am Heft meines Rhythmus. Ich aß aus dieser Hälfte meiner Sandkästen, kubikmeterweise. Aber die Lautstärke und das Flüssige.

In der Glocke des Rock'n Roll. Es gibt kein Entkommen. Das ist anstrengend, aber die Mühe lohnt. Da fragt man sich, woher denn dieser ganze Raum herkommt. Die Stimme überall, neue Klänge dringen ans Ohr. You are in my vision. Als der erste Rausch verflogen war, konnte sich A. Nicht mehr auf seinem Bürosessel halten; man sah die Mühe, die er hatte, um die wenigen Meter bis zu seinem Sofa zu überwinden.

Die Sicherheit kehrt wieder zurück ins Hirn, die Landung ist vollbracht. Nimm den Kopf aus der Konsole, schnell, sonst würde der Wiedereintritt in die Außenwelt empfindlich von dem Lag, den das Virtuelle erzeugt, gestört. Er hatte schon von Problemfällen gehört, die gar nicht mehr zurückfanden und nun wie Fliegende Holländer zwischen den Universen zu pendeln verdammt sind. Dabei ist alles doch schon viel komfortabler geworden als noch vor 200 Jahren. Damals gab es nichts als ungenaue Fremdfelder, die nur illegal oder mit sehr schlechten Transportmitteln zu erreichen waren. Von derartig ausgedehnten, sicheren und imaginativen Reisen, wie sie heute an der Tagesordnung sind, war damals nicht zu träumen. Heute ist alles anders. Er blickte sich um, er war in seiner Wohnung, und wie zumeist nach und während seiner Reisen, schliefen sämtliche Bewohner bereits, denn im Unterschied zu ihm, mußten sie in der Außenwelt ihr Geld verdienen. A. war einer der wenigen Privilegierten, die sich mit Fernarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Ihm waren nach Studium und Ausbildung bestimmte Bereiche des BioGen-Komplexes übereignet worden. Sein außergewöhnlich guter Abschluß war die Eingangstür in die harte aber spannende Welt des Gen-Brokings. Das war vor zwei Jahren gewesen, mittlerweile kann er schon als alter Hase im Geschäft werden, denn in der Regel scheitern die meisten, der rund 30 Absolventen mit derartigem "Stipendium", nach exakt eineinhalb Jahren, denn die Arbeit ist mörderisch. Die Aufgabe eines Gen-Brokers ist recht simpel definiert: an der Gen-Börse die größten Gewinne erzielen, doch anders als die meisten Firmen, die nach klassischer Kapitalarbeit an der Außenwelt viele Menschen nach arbeitsteiliger Verfahrensweise mit hohem finanziellen Aufwand aber relativ geringem Risiko für bestimmte Großunternehmen Genmutationen zur Rohstoffproduktion handelten, bildeten die wahren Gen-Broker eine Klasse für sich. Sie hatten virtuelle Unternehmen, die sie bewirtschafteten. Eine Weile des Tages verbrachten sie in der Fremdwelt, und dort entwickelten sie Agenten, die für sie die Handelsplätze durchstreiften, immer auf der Suche nach einem geeigneten Spekulationsobjekt. Eigentlich auch nicht anstrengender als ein Job an der Oberfläche könnte man vermuten, doch diese Arbeit war schöpferisch, da sich die Fremdwelt stetig veränderte, und immer wieder entschied die schnelle Entwicklung eines geeigneten Schlosses, um mit den Genschnipseln, die durch die Distributionskanäle der Fremdwelt geschleust wurden, eine Verbindung einzugehen, die wiederum als neues Produkt in der wirklichen Welt Verwendung finden konnte. Die Auswahl der Besten hatte zu Folge, daß sich nur die cleversten Systeme den Weg nach draußen bahnen konnten. Die schlechteren Modelle versagten in ihrer Prototypie. Erlkönige, die nicht mehr waren, als ein Nachmittag vergebener Programmiertätigkeit. Ein guter Broker konnte es auf immerhin bis zu 90 dieser virtuellen Neukonstrukte per Schicht bringen, und das versprach Gewinne, mit denen kein Job der Welt konkurrieren konnte. Doch A. kannte die abscheuliche Kehrseite, denn nicht nur Annehmlichkeiten waren damit verbunden. Es gab kaum die Möglichkeit, einen Tag aus der Mühle zu entkommen, es konnte niemand garantieren, wann genau die mentale Kraft nachließ und klar wurde, daß man besser aus dem Geschäft aussteigen sollte. All dies lag immer im Ungefähren, und es war A. täglich eine Warnung zu mehr Konzentration. Doch auch er wußte, daß er hier nicht ewig sein würde. Und darüber hinaus hatte der Job noch andere, viel absurdere Nachteile.

Und dieser Nachteil würde ihm mit Sicherheit irgendwann den Kopf kosten, denn obwohl das unkontrollierte Fremdwelt-Reisen mittlerweile nicht mehr so gefährlich war, und man mußte auch keine weiteren Folgen fürchten, außer der einen, daß man nur noch in dieser eingebildeten Einöde aus Farben und Formen zuhause war, daher mußte man als Gen-Broker zumindest in kleinen Wohngemeinschaften mit mindestens drei Mitgliedern leben; darunter duften allerdings keine anderen Berufskollegen sein. Nur so konnte sich die Gesundheitsbehörde sicher sein, daß der Broker auch wirklich ein kleines bißchen seiner Zeit an der Außenwelt ohne Fremdwelt war, denn den normalen Menschen war der Zugang verwehrt, sie hätten nie die intellektuelle Wahrnehmungskraft, um überhaupt eine Sprosse im Genom erklimmen zu können. Denn hier war eine Welt, die nach anderen Maßstäben als die Schwerkraft es draußen vorgab, geordnet. Ihre Visualisierungen waren behelfsmäßige Krücken, die allerdings mit der erlebten Wirklichkeit wenig zu tun hatten. Es gab Versuche, diese Welt auch für die Normalsterblichen zu rekonstruieren und an bestimmten Terminals begeh- und erlebbar zu machen, doch nirgends war es so hart und undurchdringlich wie in diesem unglaublichen Dschungel aus gutem und schlechten Genmaterial, das sich fortwährend formierte.

A. war in die Dusche verschwunden, Jonas war zurück aus der Stadt. Er hatte eingekauft und erwartete Besuch, und er erwartete von A., daß er sich endlich einmal aus seiner fortwährenden Welle melancholischer Launigkeit befreite. Denn es war in der letzten Zeit unertrglich geworden, seit A. dieses merkwürdige Erlebnis hatte, das ihn immer und immer wieder in die verbotenen Bezirke der Fremdwelt eindringen ließ, immer auf der Suche nach etwas, von dem er selbst nicht wußte, was es war, er nur die Anwesenheit spürte. Diese Anwesenheit war unbeschreiblich, denn sie ließ etwas zu, das in der Fremdwelt nie einen Aufenthaltsort hatte: Gefühle. In der Regel handelten hier die Bosse der großen Genindustrie mit Partikeln von DNA, wie sie in der Regel für die Musterproduktion biologischer Netzwerke verwendet wurden, das war ungeformter Rohstoff, so wie früher Rohöl, bevor es zu irgendwelchen Produkten in der damals so mächtigen chemischen Industrie verarbeitet wurde. Heute schusterte man aus den Produkten von A. und seinen Kollegen alles nur Erdenkliche, von leblosen Dingen bis zu den kleinen Haushaltshelfern für reiche Familien, in denen einmal ein ganz bestimmtes Hausmädchen arbeiten sollte, vielleicht, das, was auch den Vater bereits gewickelt hatte, und dann bastelten die Gen-Engs daraus eine Anforderung an die Fremdwelt, ein solches Produkt zu konstruieren, und um die Produktion, die ansonsten wild ablaufen würde, zu bändigen, gab es die Besucher, die in diese große Maschine durften. Und A. hatte den Auftrag, aus dem Datenbankfeld "Geschichte" ein Dossier über dieses wirkliche Hausmädchen zu erstellen, er hatte die verantwortungsvolle Aufgabe, dann auch das nötige Material zusammenzustellen, damit die Synthese ein entsprechendes Wesen generieren konnte. Und dies hatte mit Wertehandel mehr zutun, als es die bloße Vorstellung von der handwerklichen Produktion vermuten ließe.

ArsMoriendi

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

16.10.2006 · MatthiasWeiss · r4