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KapitelZwoelf

Kapitel 12

"Doktor Schweickart, sie haben heute doch gar keinen Dienst", fragte Schwester Annette halb neugierig, halb überrascht. Sie weckte den Arzt aus einer wichtigen Diskussion, die er in seinem Kopf austrug, um herauszufinden, auf welche Weise Mathilda Kerner am besten klarzumachen sei, daß er sie gerade abholte. Er war in diesem Moment der Erweckung erstaunt über sich selbst, daß seine Gedanken über das zukünftige Verhalten gar nicht zu ordnen waren und kam zu dem Entschluß, daß sich die wichtigen ersten Worte von selbst ergeben.

Hoffentlich war das nur kein Trugschluß, aber was sollte er gegen den Bienenschwarm im Kopf und das Gefühl, das der Sturzfahrt mit dem Porsche über eine Kuppe ähnelte, auch machen. "Sie nehmen aber enormen Anteil an meinem Leben, liebe Annette", stellte er fest und lächelte. "Ich habe gestern gesagt, daß wir eine ganz bestimmte Patientin heute entließen, demzufolge opfere ich meinen freien Tag, um sie in die Freiheit der körperlichen Gesundheit zu überführen." Insgeheim lachte Georg über die geschwollene Rede.

"Aha, Frau Kerner, natürlich, das hätte ich mir ja gleich denken können na dann, viel Erfolg."
"Danke Annette, hoffentlich geht ihr Wunsch, der auch meiner ist, in Erfüllung."
Er ging den langen, halbrunden Gang entlang und stand plötzlich vor Zimmer 135c. Andächtig betrachtete er den Strauß Rosen, den er mitgebracht hatte und zögerte ein wenig. Dann klopfte er.

"Herein", sagte die erwartet angenehme Stimme hinter der grauen, großen Tür.
Georg trat ein und erblickte seine Angebetete angezogen und ihre Tasche greifend.
"Hallo, Frau Kerner", sagte Georg und überreichte Mathilda die Rosen, die er in einem exquisiten Blumengeschäft an der teuersten Straße der Stadt erworben hatte.
"Vielen Dank, Herr Schweickart, das ist aber ein schöner Strauß"
"Frau Kerner, ich äahm ich möchte sie fragen, ob ich sie vielleicht nach Hause bringen könnte", Georg errötete.
"Gern, ich wollte nach dem Packen einen Bekannten anrufen, aber das kann ich mir ja jetzt schenken."
Sie unterhielten sich ein wenig über Mathildas Arbeit, während sie weiter ihr Gepäck ordnete, über Georgs stressige Tage auf der Station. Sie plauderten angeregt, gewannen gegenseitiges Interesse. Als sie zusammen das Krankenhaus verließen, staunten nicht wenige Blicke hintendrein. Georg schien es zu spüren, denn er blickte sich kurz um und siehe da, verhalten war zu hören, daß eine Tür sich schloß. "Es wird scheinbar mit verstärktem Interesse an ihnen Anteil genommen", sagte Mathilda lächelnd. Georg verstand diese kleine Spitze mittlerweile und lächelte ebenfalls. "Ja, als Junggeselle ist man für seine Umwelt -gerade im Spital -beinahe schon ein Problem. Offene Fragen drängen auf Lösungen, und zu solch einer drängt man mich seit ich hier arbeite", sagte Georg. Er öffnete den Wagen und verstaute Mathildas Gepäck auf dem Notsitz. "Das ist aber eine flotte Kiste", staunte Mathilda halb belustigt. Ja der orangefarbene 911er zog immer wieder die Aufmerksamkeit der Leute, wegen seiner abnorm kitschigen Exotik, auf sich. "Lange, lange Zeit habe ich von diesem Auto geträumt. Und wie ich mich gefreut habe, als ich endlich zum Oldtimerhändler fahren konnte, damals noch mit meinem alten Käfer, um mir genau das Modell auszusuchen, das ich schon immer besitzen wollte. Sie müssen wissen, daß ich ein Glückspilz bin. Nachdem ich mit wenig Mühe zuende studiert hatte, lenkte sich mein Lebensweg automatisch in sicherste Bahnen. Meine liebe Tante Karo vererbte mir ein wunderschönes Haus, just nach meiner Anstellung hier am Spital. Mir war zu Anfang ganz schwindlig zumute, aber mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, daß es so leicht war, fuß zu fassen."
"Sie Glücklicher, ich stecke in meiner Doktorarbeit fest, arbeite nebenbei hauptberuflich im bÆnditverlag als Lektorin englischsprachiger Autoren, und sehe schon kommen, daß ich den ersehnten Abschluß niemals schaffe."
Eine Gesprächspause genügte Mathilda, um sich zu vergegenwärtigen, daß der Herr Doktor ein ziemlicher Bleifuß war. Sie sah nach vorn und hinten in nervösem Wechsel, so, als erwarte sie jeden Augenblick das wahrscheinliche Übel eines Unfalls. Im Geist hatte sie ihre Genesung schon abgeschrieben, und sah sich erneut im Krankenzimmer. Ein Bild aus jedem zweiten Slapstick drängte sich ihr auf: Schweickart und sie, zur Gänze in Gips, streitend nebeneinander. "Sagen sie, rasen sie immer so durch belebte Wohnbereiche?"
"Ich merke das kaum noch, es ist mir furchtbar peinlich, bitte entschuldigen sie, aber dieses Auto wirkt drogierend auf meinen rechten Fuß", sagte Georg errötend. Sofort verlangsamte er die Geschwindigkeit und mußte prompt an einer der ihm verhaßten roten Ampeln stehenbleiben. Ja, das Autofahren, wenn er sich nur ein wenig besser unter Kontrolle hätte. "Na, sehen sie, jetzt können sie auch ohne Krisen rechts einbiegen. Vor dem dritten Haus rechts bitte halten, da wohne ich nämlich", sagte Mathilda, sichtlich erleichtert über das ersehnte Ende der schnellen Fahrt. Auch wenn sie es sich nicht hatte anmerken lassen, aber der Wahn des schnellen Fahrens brachte sie beinahe um ihre Fassung. Mit Robert und Julia wollte sie einmal den Antiautomobilclub Deutschlands gründen. Nichts da "freie Fahrt für freie Bürger". Sicherheit sonst nichts, aber niemand aus dem Kreis der Freunde interessierte sich für die Initiative. "Darf ich sie nach der aufregenden Reise noch zu einem Kaffee in gemütlicher, langsamer und ruhiger Stimmung einladen?"
"Gern sehr gern", sagte Georg, schwebte innerlich und parkte vor einer Einfahrt. Faule Socke, dachte Mathilda und meinte: "Sie sollten hier besser nicht stehenbleiben. Wenn der Abschleppwagen kommt, wird es teuer, und der kommt bestimmt." Den Rat befolgte Georg nachdem er Mathilda geholfen hatte, ihre Sachen nach oben zu bringen. Er parkte -für ihn waren es Meilen -rund fünfzig Meter in einer bequemen Einbuchtung, spurtete zum Haus zurück, drückte mit Elan die Tür auf und erstolperte sich die ersten Treppenstufen. Nach einem rückwärtsgewandten Fall folgte ein kurzer Aufprall auf eine der harten Steinstufen und war Georg kurzzeitig recht desorientiert. Benommen wankte er zu Mathildas Tür. er fand gerade noch die Klingel.
"Sie bluten ja, warten sie, ich schaue mir das einmal genau an", überrascht eilte Mathilda ins Bad, kam schnell mit einem nassen Waschlappen zurück und reinigte den schmalen roten Streifen auf Georgs Stirn. Das würde einmal eine schöne Narbe geben, dachte sie. Ihre Behutsamkeit und der nicht allzu arge Schmerz erregten Georg.
"Bitte hören sie nicht auf, mich zu pflegen", seufzte er halb ohne Besinnung. Dann wurde er dennoch ohnmächtig. Er sackte in sich zusammen, noch ehe Mathilda ihn hatte halten können. Da lag er nun, beinahe genauso, wie sie zuvor im Krankenhaus, nur eben komisch. Don Quichotte hatte einen neuen Gegner, die Treppe. Sie schleifte ihn mit großem Kraftaufwand ins Wohnzimmer und legte ihn, so gut es ihr möglich war, aufs Sofa. Dann strich sie ihm durchs Haar und dachte und dachte, welch liebenswerter Tolpatsch er doch sei.

KapitelDreizehn

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

17.08.2006 · MatthiasWeiss · r2