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TotgesagteNervenLaenger

Totgesagte nerven länger

Da hatte der Chronist geglaubt, mit seiner Polemik das Ableben eines unsäglichen Hippie-Festivals zu beschleunigen, und was muß er nun mit ansehen – der Kadaver zeigt nicht bloß letzte Zuckungen, nein, er tritt ganz ordentlich um sich.
Statt der von mir prognostizierten wehklagenden Defizitbekanntgaben verkündet das Kulturzentrum Schlachthof in seinem aktuellen Monatsprogramm, das letzte (?) „Folklore“ an gewöhnter Stätte sei ein „Erfolg“ gewesen. Es seien „trotz des schlechten Wetters viele BesucherInnen“ erschienen und „alle Feedbacks waren, gerade im Vergleich zu den letzten Jahren, überwältigend positiv!“ Würde nicht ein paar Sätze weiter das „alternative Flair“ des Festivals besonders hervorgehoben, ich müßte wähnen, auf einer anderen Veranstaltung gewesen zu sein als die lieben Menschen vom Schlachthof. Natürlich spricht auch hier wieder der Zyniker von jenseits der Dreißig, laßt Euch nicht beirren, liebe „Folklore“-Fans. Das Fazit des Schlachthofs lautet: „Folklore im Garten soll nicht nur erhalten werden, nein, es muss auch im Schlosspark Freudenberg bleiben!“
Was das Jugendamt und sein oberster Chef Wolfgang Hessenauer davon halten, ist bislang nicht bekannt. Dafür hat sich jedoch jetzt die Wiesbadener CDU mit einem Vorschlag zu Wort gemeldet, der, wenn schon nicht „Folklore“ als ganzem, dann doch zumindest dem „alternativen Flair“ des Festivals ganz schnell den Garaus machen könnte: Die städtischen Zuschüsse für „Folklore“ um 85% senken und die Finanzierungslücke durch einen privaten Investor auffüllen lassen, der, so das Schlachthof-Programm, das Festival „zu einer Art wertkonservativem Abendempfang für Jugendliche“ ummodeln soll.
Damit wäre dann also bereits der dritte Vorschlag auf dem Tisch, was „Folklore“ in Zukunft sein soll. Was bleibt, ist die Frage, wo der Zyniker von jenseits der Dreißig hingeht, der weder auf ein „alternatives Hippie-Festival“ (Variante Schlachthof), noch auf ein „Festival für Jugendkultur“ (Variante Jugendamt), noch auf einen „wertkonservativen Abendempfang für Jugendliche“ (Variante CDU) so recht Lust verspürt. Wahrscheinlich bleibt er dort, wo sich Zynismus am besten pflegen läßt: zu Hause vor dem Fernseher.

S.a.: DerBergRuft, DerBergGeht

-- AlexanderPfeiffer - 01.10.2003, 18:39 (Dieser Artikel wurde aus dem Weblog transferiert.)

12.02.2004 · AlexanderPfeiffer · r2