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DerBergRuft

Der Berg ruft - zum letzten Mal?

Morgen ist es wieder soweit. Zum 27. und höchstwahrscheinlich letzten Mal ruft der Freudenberg die Wiesbadener zu ein bißchen „Folklore“. Eintrittspreis gesenkt, Programm wieder generationsübergreifend zurechtgebügelt – es wird wohl voll werden. Ach ja, und regnen soll’s auch wieder.
Ich für meinen Teil würde zu Hause bleiben und DFB-Pokal gucken, wenn, ja wenn nicht „Where the wild words are e.V.“, der Literaturverein, dessen Vorstand ich nun mal angehöre, zum fünften (und letzten?) Mal einen Poetry Slam bei „Folklore“ präsentieren würde. Ich wäre übrigens auch in all den vergangenen Jahren zu Hause geblieben, wenn es nicht immer wieder solche und ähnliche Gründe gegeben hätte, die Zähne zusammenzubeißen und den Aufstieg zum Freudenberg in Angriff zu nehmen.
Dabei soll es ja Leute geben, die schon Monate vor Festivalbeginn ins Schwärmen geraten und sogar den Urlaub verlegen wegen „Folklore“. Ich kenne selbst einige, die es schaffen, mehr als drei gute Gründe aufzuzählen, warum man „Folklore“ nicht verpassen sollte. Mir selbst will das nicht gelingen. Sicher, da sind die ganzen Leute, die man alle viel zu selten trifft und mit denen man jetzt endlich mal ein Bier oder auch ein paar mehr zur Brust nehmen könnte, wenn man nicht mit Frau und Kind unterwegs wäre, die verständlicherweise kein Interesse daran haben, zuzusehen, wie der Lebensgefährte bzw. der Papa sich vollaufen läßt, bzw. volllaufen, wie es die neue Rechtschreibung verlangt.
Mehr will mir selbst nach heftigem Grübeln nicht einfallen. Wer außer Masochisten und Extremsportlern steht schon wirklich darauf, sich auf morastigem Untergrund durch Menschenmassen zu quälen, während man von Musik beschallt wird, wie man sie sonst nur erdulden muß, wenn man das Pech hat, bei MTV reinzuzuzappen?
Natürlich, werden Sie sagen, da spricht ein Zyniker von jenseits der Dreißig, und Sie haben recht. „Folklore“ wird schließlich für die Jugend gemacht und die muß es dann auch erdulden. Der Wiesbadener Kurier veröffentlichte in seiner Ausgabe vom letzten Samstag die Ergebnisse einer Umfrage, welche in der Fußgängerzone vorgenommen wurde. Fazit: Die Befragten von jenseits der Dreißig kennen „Folklore“ gehen aber (nicht mehr) hin. Die Jugend weiß entweder von gar nichts oder assoziiert Räucherstäbchen und Drogenkonsum. O-Ton: „Das ganze ist mir zu alternativ, einfach nicht mein Ding.“
„Folklore“ also für die Alten mittlerweile zu jugendlich und für die Jugend nach wie vor zu sehr „Hippie“, zu sehr Lagerfeuer, Bongotrommel und Akkustikklampfe? Der Spagat zwischen Tradition und Erneuerung, in dem sich die Veranstalter seit einigen Jahren abmühen, scheint nicht wirklich zu glücken.
Im Vorwort der Programmhefte zu „Folklore“ aus den letzten Jahren, unterzeichnet vom Sozialdezernenten Wolfgang Hessenauer, konnte man nachlesen, daß „Folklore“ zu voll werde und daß dort zu viele Leute aufliefen, für die das Festival gar nicht gemacht werde. Soll heißen: Erwachsene. Die wollte man weg haben, was durch die konsequente Verjüngung des Programms auch geschafft wurde. Im letzten Jahr schaffte man es dann sogar, auch noch die Jugend von „Folklore“ weg zu halten, indem man den Eintrittspreis flugs verdoppelte. Das Ganze auch noch psychologisch geschickt im Jahr der Währungsumstellung. Die Gastronomie hat’s schließlich vorgemacht: das Bier statt 4,- DM plötzlich 4,- EUR, jemand was gemerkt? Die Jugend hat’s gemerkt. In diesem Jahr deshalb nun ein Wiedergutmachungspreis und die vollmundige Ankündigung des letzten Mals auf dem Freudenberg.
Wie und wo es weitergehen soll, weiß ganz offensichtlich weder Herr Hessenauer, noch sonst irgend jemand. Hessenauer ließ unlängst verlauten, das „neue Folklore“ solle dann aber wirklich nur noch für die Jugend sein, schließlich sei sein Dezernat auch nur für diese zuständig und nicht etwa für die ganzen vergnügungssüchtigen Erwachsenen in der Stadt. Das rief etliche Kritiker auf den Plan, die auch weiterhin ein Festival für alle Altersgruppen fordern. Zu ihnen gehört, Ironie der Geschichte, auch das Kulturzentrum Schlachthof, das vor einigen Jahren vom Jugendamt angeheuert wurde, um das „Folklore“-Programm auf jugendlich zu trimmen. Mittlerweile hält sich auch Herr Hessenauer zurück, läßt im Vorwort des aktuellen Programmhefts nur noch hoffnungsfrohe Allgemeinplätze verlauten und rechnet den staunenden Laien vor, was ihn „Folklore“ Jahr für Jahr kostet.
Man könnte es eine Farce nennen, aber wen kümmert es schon wirklich? Die Massen werden sich auch an diesem Wochenende wieder fröhlich durch den Freudenberger Morast kämpfen, die Musik über sich ergehen lassen und lautstark ein neues altes Festival für Wiesbaden einfordern. Denn was so eine richtige Großstadt ist, die braucht schließlich ein Festival, und hat Mainz nicht etwa auch eins? Na also.
Ich für meinen Teil werde endgültig Abschied vom Freudenberg nehmen und darauf hoffen, daß mir das „neue Folklore“ endlich die entscheidenden Gründe bietet, zu Hause zu bleiben.

S.a.: DerBergGeht, TotgesagteNervenLaenger

-- AlexanderPfeiffer - 28.08.2003, 21:23 (Dieser Artikel wurde aus dem Weblog transferiert.)

12.02.2004 · AlexanderPfeiffer · r2