Leipzig war schön, Leipzig war groß, wenn auch viel zu kurz. In den besten Jahren dort gewesen, trieb der Mammon uns nach vier Jahren wieder fort, und als ich das letzte Mal an der Weißen Elster war, konnte ich nur heulen, weil es wieder so schön war, so einmalig, so einmalig schön. Die Frage nach dem Warum braucht man sich ja gar nicht zu beantworten. Immerhin, Reiseführer geben eine Antwort, und der Inhalt der unzähligen Touristenbusse spricht auch für sich. Das ist zwar eine andere Dimension, aber die sieht jeder, das sieht auch jeder ein. Jetzt komme ich auf den Hund, denn in Leipzig ging es uns zwar hundeelend, aber auf den Hund kamen wir nicht. Wenn ich doch nur wieder nach Leipzig könnte. Warum dieses Heimweh? War das überhaupt ein Heim? Schlecht nur retten uns Vokabeln wie "intensiv". Doch war das so. Aufstehen, und morgens mit dem Hund in die Dunkelheit, am besten zu Zeiten, als keine Arbeit war und der Wichser vom Amt sagte, mit 35 sei ja sowieso der Arsch ab. Ätsch spucke ich ihm heute vor die Stirn. Dummkopf, der zudem noch seinen Schäferhund missbraucht hat, indem er ihn tagelang ohne menschlichen Kontakt auf seiner Datsche wachen ließ: "Da muss auch mal ein Kätzchen dran glauben". Auch Leipzig. Immerhin, das Arbeitsamt hat mir in diesem Kursus meinen Lieblingsleipziger zugeführt. Morgens in die Dunkelheit. Ins Rosental. Da lief zu der Zeit noch niemand. Vielleicht mal ein Jogger, aber in der Regel konnte ich allein laufen und mich an dieser merkwürdigen Nichtidylle erfreuen. Am besten waren Wintertage. Die Einschätzung resultiert aber vielleicht daher, dass zur Zeit auch Winter ist, aber hier ist Puppenstube und längst nicht Leipzig. Dann ging's durch den Matsch. Ich sehe jeden Zentimeter vor mir. Huygensstraße herunter zur Georg-Schumann-Straße. Aufpassen, stehen bleiben, die fahren heute morgen wieder wie die Blöden, also wie immer. Im Arbeitsamt ist schon Licht, und irgendwer karrt Akten in einen Lkw. Gestolpert wird planmäßig auf den großen, mittlerweile schief und puckelig abgesenkten Bürgersteinquadern, die ausschauen, als seien sie vom Bau der ägyptischen Pyramiden übrig geblieben. Dann an der Ecke der Apelstein Nr. 17. Erinnert an die Schlacht bei Möckern, und Patty, unser Pointer, pisste bisweilen an das Monument, was mir natürlich immer wieder die Schamesröte ins Gesicht trieb. Leipzig ist groß. Dann runter über die Kirschbergstraße, rüber in den Heuweg, der später dann bei Ankunft Freu- bei Abfahrt Heulweg hieß. Große Runde? Kleine Runde? Wo ging's weiter? Sonntags immer lange Runden. Dann war's noch schöner, wenn es über den Damm Richtung Auensee ging. Überhaupt fällt mir da ein, wie herrlich die Spätnachmittage gewesen sind. Wenn die Sonne tief stand, die Freaks an der Luppe lagen, Patty alle Hunde anbellte und zog wie der Teufel. Und dann traf ich Gunthard mit seinen Söhnen bisweilen im improvisiert wirkenden Freisitz an Leipzigs altem Vergnügungsteich, und wir tranken ein paar Altenburger. Sehr zum Wohle, ich natürlich Sterni Ex. Dazu stehe ich. Basta. Gleich muss ich wieder heulen. Das bemerke ich, denn der Kloß im Hals wird zum Klumpen. Geht aber nicht, bin auf Arbeit. Leipzig war echt schön, auch weil ich dort wieder angefangen habe zu rauchen. Nach vier Jahren. Das muss man sich vorstellen. Wie bescheuert muss man sein, um der Sucht nach so langer Zeit wieder nachzugeben? Oder wie schön muss es sein, dass einem auch wieder eine Zigarette schmeckt? Märzenbecher im Rosental. Bärlauch im Rosental. Umgestürzte Bäume und der unglaubliche Gestank, der an manchen Tagen aus den Güllebottichen der Kläranlage wie die Bleischürze vom Röntgenarzt über des Leipzigers beliebtem Naherholungsgebiet lag.
Kleingärtner am Gartenzaun der großen weiten Welt
Durch einen lesenswerten Artikel in der Zeit von heute (http://www.zeit.de/2009/16/C-digitales-Publizieren) erinnerte ich mich an eine Geschichte über Open Access in den Geisteswissenschaften der FAZ, in der die positiven Aspekte dieser Bereitstellung von Texten als Entgegnung auf wiederum andere Artikel dort, einige Ausgaben zuvor, differenziert und argumentiert vorgebracht wurden. An die Ur-Quellen erinnerte ich mich nicht. Das lieferte der Zeit-Artikel. Ein gewisser Prof. Dr. Reuß von der Uni Heidelberg führt nämlich soeben einen Feldzug gegen OA. Und bringt sich nun sukzessive in Misskredit. Ich habe mir ein wenig die Webseiten angeschaut, unter anderem http://www.textkritik.de, an der Reuß mitwirkt. Dort ist dann auch sein offener Brief abgedruckt. Das größte Problem bei der Sache ist nicht, dass der Mann gegen OA ist. In den Verlautbarungen liest man leider immer wieder eine gravierend schlimme Gleichmacherei zwischen dem, was Googlebooks mit Autoren treibt und OA. Das sind bekanntermaßen Schuhpaare, die ungleicher nicht sein könnten. Was letztlich auch dazu führt, dass man so recht nicht zu erkennen vermag, um was es dem Menschen eigentlich geht. Denn in einem Artikel für die FAZ parliert er munter davon, dass seine selbstgesuchten Gegner das Urheberrecht aushebeln würden! Selbst die offensichtlichste Differenz zwischen Urheber und Verwerter scheint dem Mann entgangen zu sein. Je nun, es fiel mir zudem auf, dass er nur seine Vasallen auf einer Dokumentationsseite verlinkt hat. Und so verfasste ich eine E-Mail an ihn, dass es doch der Vollständigkeit halber für den Leser prima wäre, auch die kritischen Stimmen dort zu zeigen. Seine Antwort:
Heidelberg, Mittwoch, 08. April 2009, 15:35
Lieber Herr Weiß,
vielen Dank für Ihr Interesse. Wir vertreten auf unserer Website
eine Position und dokumentieren die. Andere vertreten auf Ihren
Websiten andere Positionen und dokumentieren die dort. Wir sind
kein Forum.
Mit freundlichen Grüßen und der Bitte um Verständnis,
Ihr
Roland Reuß
Dann schaute ich in die Signatur der E-Mail:
TOFU, oder: die Tücken der e-mail
Butto 8900 Zeichen beinhaltet der Text, mit dem er gestelzt klar zu machen versucht, dass die meisten E-Mail-User in Sachen Quoting Scheiße bauen. Spätestens hier war mir klar: Der Kollege ist ein spezieller Fall. Und streunt man ein wenig auf der Site herum, fällt auf, dass er auch ein paar Downloads anbietet. Selbst die FAZ-Artikel hat er in einer ungeheuer gestelzten Typographie gesetzt. Woran erinnert mich das? An alte Zeiten natürlich. Wir schreiben das Jahr 2003. Arbeitslos. Derzeit schwer aktiv in Sachen Medienkunst. Vor allem mit dem Aufräumen in der Rohrpost beschäftigt. Kurzum, ich hatte neben dem Promovieren noch eine Menge Zeit zur Verfügung, die ich mit vermeintlichen Problemen verbrachte. Nur ging's da um Inhalte und (Dis)kurskorrekturen. Debatten, lustvoll und aggressiv. Recht behalten, um jeden Preis versteht sich. Und ich erinnere mich an noch ältere Begebenheiten. Als der erste Mac da war, schön mit dem StyleWriter-Drucker, und ich plötzlich das Setzen von Texten am Rechner für mich als kreatives Mensch-Software-Sparring - was muss das eine Erleuchtung gewesen sein, als ich erkannte, was ein Textrahmen in Quark bedeutet - urbar machte, da verplemperte ich eine Menge Zeit mit dem schönen Darstellen meiner mäßigen Kritiken. Dann kam der Zeitpunkt, der mich erkennen ließ, wie wertvoll Arbeitsteiligkeit sein kann. Schlagartig hörten diese Impulse auf, und die Konzentration auf wesentliche Arbeitsfelder beglückte mich. Man kann eben nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Und nun stelle ich Parallelen bei Herrn Professor fest. Ob der auch zuviel Zeit hat? Wenn er die Minuten in seinen Denken investierte, vielleicht käme dann bei den wirklich wichtigen Sachverhalten wie OA nicht so viel Murks aus seiner Tastatur.
-- MatthiasWeiss - 08 Apr 2009
Es ist mir zuwider
Beim Streifen durch die Blogs besuchte ich gerade die Seite von Mercedes Bunz, die jetzt Chefredakteurin der Online-Ausgabe des Tagesspiegels ist. Sie hat in der rechten Spalte einen Flickr-Stream verlinkt. Neugierig folgte ich und kam nach der Betrachtung einiger Aufnahmen, die meist auf Reisen entstanden sind, zu dem erhellend protestantischen Schluss, dass mich die Offenlegung des Privaten regelrecht abstößt. Das mag nun meinetwegen auch an Frau Bunz liegen, bei Herrn Kunz wäre es sicher nicht anders. Dieses indiskrete Info-Flooding ist grausam, und mit dem einen Gedanken in Foucault scheint mir das auch eine aktuellere Form der Beichte zu sein. Viele Stimmen entledigen sich ihrer Vergangenheit, denn sie können auf die Mitleser und -beschauer bauen. Ich vergleiche. Wenn ich ein Foto schieße, auf dem entweder Nicola oder ich oder wir beide mit Patty zu sehen sind, so erfreue ich mich über eine gelungene Komposition oder andere Parameter, die das Bild bestimmen. Niemals verfiele ich dem Gedanken, Schnappschüsse unreflektiert zu publizieren. Nun mag es sein, dass bei MB auch eine gehörige Portion Narzissmus und Dicke-Hose-Tun eine Rolle spielt, aha wir waren also in China, den USA, London etc. Dennoch sehen wir auch Ski-Freizeit-Knipser. Wenn ich mich weiter hineinsteigere, steigt der Ekel den Hals hoch. Warum diese ganze Masse an Bilderbalast? Wozu dieses neurotische Exhibitionieren? Es ist mir schlicht zuwider. Führte ich ein Blog, so müsste er anonym sein. Vielleicht ein wenig Ich-Form, aber anonym. Ansonsten ist es mit meiner Einstellung unvereinbar. Wenn ich an den zzmat-O-graphen denke, der bei Geocities liegt, habe ich doch so ein Blog, das niemand zur Kenntnis nimmt, auf dem Niemand Kommentare hinterlässt. Keine Spuren, keine Spur, einfach da. Aber natürlich auch keine weiteren persönlichen Themen. So muss es sein.
-- MatthiasWeiss - 20 Feb 2009
Auf den Hund gekommen
Das nächste Freitext-Heft wird sich dem Thema "Auf den Hund gekommen" widmen. Leider bleibt mir keine Zeit für einen Beitrag. Jetzt steht schon wieder die Karlsruher Messe auf dem Programm, nachdem im Übrigen das vergangene Jahr schon eine Katastrophe mit Blick auf Urlaub, Freizeit zu verbuchen ist. Erst das zermürbende Pendeln, dann der Umzug. Aber dieses ewige Stöhnen über den Mangel an Freizeit raubt mir bald den letzten Nerv. Bin ich auf den Hund gekommen?
-- MatthiasWeiss - 13 Feb 2009
Es ist schon ein ungeheures Kreuz mit diesen Piraten. Sie ziehen über die Meere, vorzugsweise kreuzen sie heutzutage vor Somalia und überfallen Tanker, Frachter und was sich sonst noch so vergolden lässt. Andere Piraterie ist aber viel stärker im öffentlichen Bewusstsein. Vor allem hierzulande. Das haben wir unter anderem einer Kampagne zu verdanken, die am heutigen Tage in allen größeren deutschen Tageszeitungen veröffentlicht wurde. Internet-Piraterie, das ist das Schlagwort, mit dem nun die geschädigten Künstler in Form eines offenen Briefs auf die Königin von Deutschland, Frau Merkel, zugehen, und um Hilfe winseln. Ach die so reich überfrachteten Intelligenz-Hirne, welche auf Bildungsflughöhen kreisen und den Hirnen in Deutschland Futter geben, diese Ärmsten der Armen befürchten Arges. Im offenen Brief -- auf die Unterzeichner gehe ich gleich noch gesondert ein -- klagen die gekaperten Künstler, dass sie "... leider täglich mit ansehen [müssen], wie das Recht auf einen angemessenen Schutz unserer Werke missachtet wird." 300 Millionen Stücke seien im vergangenen Jahr illegal aus dem Internet auf die heimischen Rechner kopiert worden. Das Zehnfache des CD-Verkaufs. Schlimm. Vor allem die Tauschbörsen seien so schrecklich. Das verursache Steuerausfälle und Arbeitsplatzverluste. Und sie zitieren, nachdem die Bekämpfung der Produktpiraterie gelobt wurde, Mark Getty mit seiner schon klassischen Wendung vom Öl des 21. Jahrhunderts. Mitschuldige an dieser deutschen Misere, die sich darin manifestiere, dass illegale Downloads einen Wohlstandsfaktor der Republik senke, sind dann auch gleich gefunden: die Provider. Die kassierten durch die Kopiervorgänge ab, ohne auf die Inhalte zu achten, und die sind ja wohl das Wichtigste. Aber in welcher Richtung soll denn das "Problem" angegangen werden? Individuelle Strafverfolgung sei schließlich nur eine "Zwischenlösung". Dazu die Unterzeichner: "Frankreich und Englang gehen hier mit beispielhaften Initiativen voran. Dort sind Internetprovider sowie die Musik- und Filmindustrie aufgefordert, unter staatlicher Aufsicht gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln". Hier schon einmal dazwischen gefragt: Sind da auch diejenigen mit gemeint, welche nicht bereit sind, für ein mediokres Rentner-Album von Reinhard Mey 20 Euro zu zahlen? Welche vielleicht nur einmal hören wollen, was der alternde Götz Alsmann zu singen hat? Sind damit auch diejenigen gemeint, welche letztlich den gesamten Schrott der Verblödungsindustrie in Form einer Performance verbreiten, nach dem Motto: "Hört hin, damit will eine Band wie 2raumwohnung oder Tokio Hotel das kulturelle Erbe der Republik bereichern!" Hier hilft nur noch Kanzlerwoman, schreien die Meinung der Unterzeichner. "Denn während etablierte Künstler noch von den Erfolgen der Vergangenheit zehren können, trifft die Internetpiraterie vor allem junge Nachwuchstalente" wie Till Brönner, Buck/Boje, Yvonne Catterfield, Bernd Eichinger, Geißendörfer, Grönemeyer, Klaus & Klaus, René Kollo, Udo Lindenberg, Atze Schröder, Scooter, Söhne Mannheims usf. Mein Bedauern, liebe junge Herrschaften. Auch und vor allem für Wolfgang Rihm und Joachim Król. Unterschrieben hat leider nicht Heinz Rudolph Kunze, der doch schon in den Blättern der Kulturratslobby ein herrliches Gedicht verfasst hat (s. u.). Und die Kanzlerin hat aufgemerkt und zugegeben. Sie wird sich kümmern. Beste Aussichten also für die armen Konsumentenschweine. Oh, ach, es fällt einem so schwer, nicht sarkastisch zu werden, angesichts dieser armen, armen Teufel. Wenn sie sich wenigstens ehrlich dazu bekennen würden, dass sie keine Lust auf Verdienstausfall haben, sei er auch noch so klein. Wenn sie wenigstens zu ihrem Geiz stehen könnten, dann wäre das eher zu verstehen, als diese fortwährende alte Leier von den Gutmeinenden.
Raubkopierer!
Raubkopierer, Raubkopierer,
bist am Ende der Verlierer.
Ich wünsch dir schöne Diebeszeit.
Irgendwann tut es dir leid.
Gieriger Erfindergeist,
schwer betriebsblöd, skrupelblind,
schuf dir Dinge, cool und dreist,
die nicht mehr zu ändern sind:
Hardware, die den Ast absägt,
der die Musikanten trägt.
Keine neuen Rolling Stones!
Nicht einmal mehr Casting-Clones
Wird es wohl in Zukunft geben.
Wovon sollen die denn leben?
Stimmt. Musik soll eine Lust sein.
Doch dir fehlt das Schuldbewußtsein,
Während du putzmunter stiehlst
und ins Herz der Sache zielst.
Freier Zugriff? Super! Toll!
Sag mir, wie das gehen soll.
Jeder Raub kommt vor Gericht,
nur für Töne gilt das nicht.
Du enteignest Phantasie.
Bleibt nur Lärm und Idiotie.
Zahl mal Miete - nur vom Ruhm.
Mehr Respekt vorm Eigentum!
Daß das nicht mal jemand wundert!
War das neunzehnte Jahrhundert
Und die ganze Zeit davor
je so gut zum Massen-Ohr?
Löhn’ für das, was dich erfreut.
Sonst hast du es bald bereut.
Raubkopierer, Raubkopierer -
bist am Ende der Verlierer.
Jawohl. HEINZ RUDOLF KUNZE
T weiß nicht, er weiß auch gar nichts und vergißt immer alles. Heute wußte er nicht mehr, wo er das Briefpapier, das sich nie von seinem Fleck bewegte, befindet. Er telefonierte auch lieber mit der Rentenversicherung, um seine Punktzahl zu verbessern und er wollte mit mir streiten, weil er wieder einmal einen Vorgang nicht erinnern konnte: Er wollte von mir wissen, ob einer der von ihm Betreuten die Autobahnfest-Absage bekommen hat. Ich sage, ich wisse es nicht, da es doch um die 100 Schreiben waren. Also in Adressdatei schauen. Ich ermahnte ihn, daß er's wissen könne, und sogleich ging er in die Gegenoffensive und erinnerte mich an meine Fehler. Da bin ich dann autoritär geworden.
Der dritte Kracher: Da er nun weiß, daß sein Ende am 15.09. naht, feilschte er sogleich um den Rest seiner Urlaubstage sowie die Abfeierei seiner 50 Überstunden. Wo die herkommen sollen, frage ich mich nicht mehr.
27. Mai 2006
Heute sehe ich ein Plakat an der Litfasssäule in unserer Straße. Aufgerufen wird im biederen Nachkriegsdesign, braun-gelbtonig, zum Spiel DDR-Mannschaft 1974 gegen Lok-Leipzig. "Am 2. Juni wird im Leipziger Bruno-Plache-Stadion die DDR-WM-ELF von 1974 gegen die Oldies des 1.FC Lok antreten. Die Erlöse des Spiels unter dem Slogan "Träume Treffen Traditionen" kommen der Elternhilfe krebskranker Kinder zugute." Das schreibt dann die BILD Leipzig. http://www.traeume-treffen-traditionen.de erzählt ein wenig mehr über den Hintergrund. Aber von Traum kann doch in diesem Zusammenhang keine Rede sein. Der DDR-Sport, war er denn so unschuldig wie die DDR-BürgerInnen? Ist dieses Spiel es wirklich wert, dass ihm eine eigene Domain gewidmet wird? Und wenn ich dann noch daran denke, daß die Lokfans als radikaler Schlägerhaufen mit deutlich braunsoßiger Rückendeckung verschrien ist, wird mir übel bei dem Anblick eines Schäuble, der die Schirmherrschaft für diesen Mist übernommen hat. Armes Leipzig.
15. April 2006
Alles geht weiter, als wäre nichts passiert. Ich schaue aus dem Fenster. Gegenüber schauen die Prolos aus dem Fenster. Unglaublich. Manchmal frage ich mich, wieviel uns die Ausgießung des Heiligen Geistes gebracht hat. Aber. Kein Aber. Alles ist so, wie es ist, es sei denn, alles wäre anders...
25. März 2006
Meine Mutter ist seit dem 26. Dezember 2005 tot und alles geht weiter, als wäre nichts passiert?
26. Juli 2005
Mutter geht es immer schlechter. Morphium, 30 Tropfen Novalgin. Der Tumor im Bauch drückt. Kann denn jetzt operiert werden? Wenn OP, dann keine Chemo. Das heißt, dann wachsen die Karzinome in der Lunge. Ist das nun eine Situation der Unausweichlichkeit? Ich habe gerade endlich mit ihr gesprochen. Es wurde auch Zeit. Denn in den letzten Wochen habe ich mehr oder weniger immer über Mutter gesprochen, weniger mit ihr. Und wenn ich auf den Eintrag zuvor schaue, so ist es locker mehr als 20 Tage her, daß ich mit ihr sprach. Am Donnerstag geht's wieder nach Hannover. Hoffentlich dreht sich doch noch alles zum Besseren.
07. Juli 2005
Gestern klaubte eine ca. 50-Jährige alte Zigarettenkippen aus dem Schotter auf dem Vorplatz der Agentur für Arbeit und steckte sie in einem Plastiktüte.
04. Juli 2005
Hannover ist das nächste Ziel auf der Reise zur Gesundung. In der Hoffnung, dass es dieses Mal ein wenig mehr bringen wird. Heute morgen ist Vater zum Urologen König im Kaff. Und dort forderte er Uni-Behandlung, die der Arzt auch organisieren will. Warum Vater allerdings nicht selbst in Hannover anruft, ist mir ein Rätsel.
01. Juli 2005
Der schwarze Rabe kreist. Mutter ist zur Kur in St. Peter Ording. Kurz vorher noch OP. Möglicherweise wurde sie durch ein Tröpfchen Gewebeflüssigkeit wieder verseucht. Denn es tauchte ein bösartiges Geschwür über der Narbe auf. Nun wissen wir auch nicht, was werden soll.
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Großpösna und die Langeweile. Mittlerweile gähne ich hier nur noch. Es wird Zeit, dass ich Heim komme, dass ich wieder an meinem Schreibtisch sitze und da tue, wofür ich allzu lange studiert habe. Gestern waren wir im Bildermuseum. BMW hatte geladen. Eine ganz herzige Veranstaltung war das. Wir haben Frau Conny Dietrich, die Volonteuse des Hauses, kennen gelernt. Sehr sympathisch und sehr engagiert für die Kunst. Auch sie ist noch nicht fertig mit der Promotion. Und trotzdem wurde sie eingestellt. Ist ja auch klar, denn sie hat schließlich Klinger als Fachgebiet. Nach einer Weile haben wir uns als Kunsthistoriker geoutet. Daraufhin kam sie später, als wir im Café am Tisch standen, zu uns und fragte, wie man denn nach BMW käme, als Kunsthistorikerin.
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Mein Lüfterproblem ist gelöst. Finanziell war's nicht so angenehm: Neues Netzteil, drei Gehäuselüfter. Die Kiste ist laut wie nie, aber sie läuft jetzt stabil.
16. Mai 2005
Über ein Jahr Leipzig, mein dummer Computer lüftet so unregelmäßig als führe er auf der Tour de France mit. Nerv. Die Sachsen sind immer noch sehr seltsam. Manche wirklich sehr. Es gibt beispielsweise Tierfeinde. Die treten zu. Dann eine Unfreundlichkeit, die man nicht wechseln kann. Ob deswegen die braune Seuche hier so verbreitet ist?
Patty ist heute genau drei Jahre bei uns.
20. Oktober 2004
Keine Idee, was manche Ereignisse sollen. Heute sehe ich wieder den Luden diesmal mit einem großen Porsche, und fünf Minuten vorher stand da noch der Protz-Hummer vor dem Bäcker. Ich schaue, er zeigt mir den Finger. Na super, denke ich. Dann mache ich eine Bewegung, die andeuten soll, daß ich sein Verhalten nicht verstehe. Er winkt ab und lacht. Was das für ein Vogel ist. Der macht mich schon irgendwie neugierig.
Und dann war da neulich noch dieser Heini, der an der Pferderennbahn mich absolut ignoriert hat. Niemals habe ich ein derartig merkwürdiges Erlebnis gehabt: Ich frage den Mann nach einem Papierkorb. Der antwortet nicht. Aber gar nicht, nichts. Schräg.
29. Juni 2004
Gerade kommen wir aus Ferropolis zurück. Vier Braunkohlebagger, ein paar Baracken, der Rest einer Stromstation. Es wird dort in Zukunft Massenkram wie Aida in nackt, Mikis Theodorakis seiltanzend zwischen den Geräten zu sehen sein. Während die Geschichte wieder einmal zu kurz kommt und alles vergessen wird.
Es ist schon eine merkwürdige Angelegenheit: In Leipzig - und wir haben heute das Museum der Runden Ecke (http://www.runde-ecke-leipzig.de) besucht, was mich nachhaltig verstörte - gibt es die größte Anzahl von Überwachungskameras.
Lieber Bernhard,
> Optimierung. Ich hoffe, es kommt bald zu einem Gespräch.
mille grazie! Ja, das wäre sehr schön.
> was aber sich bei ACC verzieht. Der arme Kurd ist schlechter dran.
In der Tat. Kann man nur hoffen, dass es ihm bald wieder besser geht!
>
> Wie gefallen Euch die Texte?
Was soll ich schreiben: Das Wolfsburg-Syndrom! Ich glaube, man wird so etwas ähnliches auch über die Aufweichung der totalitären Ex-Stasisten in der Preisträgerschaft des West-Kommerzes an manchen Städten hier im Osten zu beschreiben haben. Wir sind gestern im Museum an der Runden Ecke gewesen, dem Stasi-Hauptquartier. Die Verfasstheit und das Verfasstwerden der Gesellschaft zeigt sich an den Oberflächen. Der braune Putz der Häuser hat etwas Nostalgisches in Kontrast zu den banalen Glanzflächen der MacDonald's-Architektur von heute, aber der Innenraum des Hauses mit seinen dunkelbraunen Türrahmen, der beigen Erdrückung, der pervertierten Lichtauffassung durch Neon und Farben, dieser professionalisierten Blässe und Beleidigung von Sinn und optischer Sensualität hin zu einer aggressiven Verkleinerung des Beuschers und zur Aggressivierung des dort Arbeitenden; dieses kontrastierende Feiertags- und Spartikiadenbunte - Das ist scheint's abscheuliches Programm der Farbpsychologen der DDR gewesen. Die Platte ist ein weiteres Mittel einer Staatsparanoia, die von unzähligen Mitarbeitern gestützt wurde. Nicola hat gestern eine schöne Idee entwickelt und arbeitet gerade an einer Bildserie. Sie kontrastiert Bildschirm-Fotos aus dieser merkwürdigen "TV-Game-Show" The Bachelor, in der ein Beau mit mehreren Damen in die Wildnis geschickt wird (und am Ende der Prüfung dieses Weibfleischmaterials wird er eine heiraten), mit Sentenzen aus dem Stasi-Deutsch bzw. in einer Variante mit Theorie-Klischee-Sätzen aus Einladungsmaterialien für Kunstausstellungen. Sehr schön. Die Oberflächen der Medien- und Wissensapokalypsen. Ich schicke einmal eins, wenn Du magst. Kurz: Wenn sich die Macht zu wichtig nimmt, entwickelt sie paranoide Strukturen, die sie auf alle Lebensbereiche in Kontrollfunktionen implementiert. Der Wachstums-Kapitalismus ist am Ende, daher haben wir hier in Leipzig die meisten Überwachungskameras in ganz Deutschland. Nicht nur aus Tradition. Daher implementieren die global operierenden Konzerne die elaboriertesten Tricks, um zu auswertbarem und verwertbaren Material zwecks Restoptimierung zu kommen. Deshalb werden Geschäfte ins Internet verlagert (Amazon), und das Internet wird unter dem Deckmantel der Medienkompetenz durch ideenlos bankrotte Systeme und Regierungen und ihrer Oppositionen und ihrer Berater und vermeintlichen Pädagogen zum Allheilmittel aller Bildungsmiseren gepriesen. Dahinter steckt aber, und das sieht bislang offenbar keiner: Der Tod des globalen Turbokapitalismus. Indiz: Im Netz ist Überwachung per se implementiert, denn es kommt auf Metaphernebene aus den Thinktanks der Militärs, doch es gibt auch die nackte, reelle: Shopping ist die erste Bürgerpflicht! Wir beobachten!: Jeder Server schreibt Protokolle, von denen die Stasi nur hätte träumen können. Das ist exakter, als deren Geruchsarchive. Am offen zutage tretenden Kontrollzwang klebt der Kadavergeruch des Kontrolleurs. Wir sind also kontrollierte Preisträger mit Markenbewusstsein: An uns haften die Etiketten von Nike, Adidas, VW, Jack Wolfskin, wie Epitaphe... Danke für die Windungen und Wendungen, die ohne Deine kleinen Texte unmöglich gewesen wären.
Im übrigen fehlt einem die Sprache, wenn man liest, wie die Stasi deutsche Sprache benutzt hat. Für solche Vergewaltigungen schäme ich mich.
Vielen Dank fürs Anregen und für Deinen Gedanken. Du schickst mir viel Hirndopingmittel! Heute Wittenberg. Bis bald
Matthias
18. Juni 2004
Neuer Schritt in Sachen Dottore. Habe am vergangenen Freitag in Berlin den Kunsthistoriker Dieter Scholz kennen gelernt. Was Bernhard für uns unternimmt! Er stellte jedengfalls den Kontakt her. Dann sahen wir den Deppen Diedrichsen. Geld ist mit den Coolen. Hernach waren wir noch mit Inke, Daniels und ein paar anderen (Ex-)Studis in einer Kneipe. Nett. Nur musste Inke los. Der letzte Zug. Worauf Herr Diedrichsen mit seiner Fliegerei prahlte. Sollte das nun witzig sein? Gestern Abend weiteres Socializing. Eröffnung in der dalten Spinnerei. Abgesehen von dem zumeist grottenschlechten Kram trafen wir Silke Koch wieder. Sie wohnt und arbeitet dort. Nette Arbeit. Vier Beamer mit Material aus Tom & Jerry. Eindrücke aus TV-New York nach dem Attentat. Einstiege.
02. Juni 2004
Über die Stadt zieht ein Schweif von Düften. Honig liegt in der Luft. Robinien blühen. Dieser zauberhafte Baum - hier sind so viele von seiner Art. Was passiert, fragt man sich. Was passiert nur hier in diesem merkwürdigen Land.
Unser Innenhof verbreitert sich in einem stumpfen Winkel hin zur großen Georg-Schumann-Straße. Abgesehen von der architektonischen Ähnlichkeit zum großen Hof in Dortmund in der Saarbrücker Straße, ist es hier ein wenig grüner. Was ich gar nicht erinnern kann, ist das unglaubliche Schaufliegen der Mauersegler oder Schwalben, ich kann sie nicht auseinander halten. Morgens und Abends jagen sie nach Insekten, und gegenüber, im leer stehenden Haus unter der Traufe haben sie wohl ihre Versammlungsstätte, denn nicht nur einer sondern beinahe alle der rund 20 regelmäßig Flugschau veranstaltenden Sicheln scheinen hier stationiert zu sein. Ohren betäubend ist daher das Pfeifen, wenn sie Kehren drehen, anfliegen in Schräglage und dabei pfeifen. Wir hören die Flügel schlagen. Und staunten, dass das sogar asymmetrisch funktioniert. Kein Wunder also, dass diese Wunder so beweglich sind.
01. Juni 2004
Über einen Monat hier in der Stadt der ausgestorbenen Goldgräber. Bernhard nennt Leipzig "Pompeji ohne Asche". Sehr schön. Alles ist nun anders, auch das Portemonnaie. Denn das ist spürbar schmaler geworden. Kaum ist der Erste gekommen, ist die Kohle auch schon wieder fort. Und dann war heute mal wieder einer dieser doch recht anstrengenden Migräne-Tage. Der Hund musste zum Tierarzt, weil Pfote aufgeschnitten und der Verband gewechselt werden musste. Und das nach einem sehr schönen Pfingstfest. Jetzt jährt sich auch mein hartware-Abgang. Zum Glück. Und es ist allgemein Abschiednehmen angesagt. Gestern trudelte dann zu aller meiner Freude auch noch ein Dumm-E-Mail von Herrn Harrach aus Köln ein. Na ja, ich enthalte mich eines Kommentars. Kein guter Tag heute jedenfalls.
04. April 2004
Eine Zeit neigt sich dem Ende zu. Es war erklärtermaßen immer meine Zeit gewesen. Hier ich im Revier. Meine ganz persönliche Art, den Strukturwandel auch auf mich zu beziehen, findet nun ein schnelles Ende. Und wir werden bald in Leipzig sein. Dann wird hoffentlich alles anders, alles besser. Ich muss mich bremsen, aber am liebsten notierte ich mir diesen ganzen nervigen Mist, mit dem wir nach kurzer Zeit in einer sogenannten Wohngemeinschaft belastet worden sind. Was kann man hier von diesen dummen Menschen erwarten? Sie nutzen uns aus, wir lassen uns ausnutzen. Eigentlich haben wir längst die Rechtfertigung für ein Massaker. Aber es bleibt nur eins, wenn man nicht die Grundsätze der Menschlichkeit verltzen will: ertragen und geduldig die letzten elf Tage überleben. Genaugenommen sind es nur zehn, da wir am 15. April um 7.30 Uhr den Lkw holen. Und davon gehen auch noch mindestens zwei Tage ab, die wir zur Schlüsselübergabe in L verbringen werden.
11. Dezember 2003
Ich lese, wie sich die Berliner Szene inkl. Inke A., von der ich eigentlich mehr erwartet hätte, gegenseitig die Nelken streichelt. http://www.v2.nl/~arns/Texts/Media/Software_Art_Panel.html hier kann man das alles nachlesen. Das beste ist, wie sich die slubs (http://slub.org) auf dem Festival benehmen. Einer sitzt da und beginnt zu codieren. Mich erinnert das arg an die gescheiterten Porträtisten am Mont Matre. Hängen dem Ideal des autonomen Künstlersubjekts nach, ersinnen aber alles Erdenkliche, ums verschwinden zu lassen. Eine Renaissance der Plain Air-Tradition. Kann man machen, muss man aber nicht. Ich denke, wenn man zugrunde legt, was Pogrammieren nicht erst seit heute meint, so können Mediengestalter eigentlich nur Webservices anbieten. Alles sehr fragwürdig.
02. Dezember 2003
Morgen wird Volpina, einer der beiden Hunde von Bernhard Taureck, eingeschläfert. Sie hatte Krebs.
12. September 2003
Es ist schon merkwürdig, aber da schreibt man eine Polemik und scheut sich nicht, in irgendeiner Weise seine Meinung zu zügeln und schon erhält man das unmoralische Angebot, man solle doch die Wortwahl zügeln. Zensur, Zensur. Überall wird zensiert. Und wenn's nicht gerade öffentlich passiert, so dann privat, in der Hoffnung, dass da jemand klein beigibt. Ich bin mal wirklich gespannt, ob Karin Guminski einen Anwalt loshetzt.
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Gestern bin ich für meine Zeitungen in Düsseldorf gewesen und war wie immer mit dem Stadtexpress unterwegs. Zwischen Essen und Mülheim möchte eine Schwarze sich setzen. Der Zug ist recht voll. Ich beobachte die Szene erst, als es ein wenig lauter wurde. Ein Mann, der zwei Sitzreihen weiter saß, hielt es nicht für notwendig, sein Gepäck vom Sitz zu nehmen. Die Frau stellte dies beiseite, was den Mann sehr empörte. Es kam zu einem lauten Zwiegespräch. Die Frau sagte, sie habe ein Recht hier zu sitzen. Mir kamen die Tränen und die Erinnerungen an Apartheid, Mississippi Burning, In der Hitze der Nacht etc., Judensterne. Der "Weiße" sitzt da mit hochrotem Kopf und bekommt innerlich so wenig Ruhe wie ich. Nur die Gründe sind diametral entgegengesetzt. Ich möchte zu der Frau gehen und ihr meine Solidarität aussprechen. Hier zuckt keiner, trotz der sehr stark erhobenen Stimme. Da sitzt ein Alternativer, beinahe 50, und der vergräbt sich so offensichtlich in seine Lektüre, dass es schon unglaubwürdig erscheint. Die älteren Herrschaften in der Runde bewegen nicht einmal die Ohren. Keiner bekommt etwas mit. In Duisburg steht die Frau schnell auf und verlässt den Zug. Immerhin, sie hatte sich behauptet. Und wenn nicht, hätte ich mich mit ihr solidarisiert. Ich dachte, schau den Mann mal an. Schau ihm tief in die Augen. Nicht so leicht ist das, so über die Sitzbänke hinweg. Und erst dachte ich, dass es nicht funktionieren wird. Doch dann, plötzlich, hatte ich ihn. Er konnte keine Sekunde dem Blick standhalten. Und das mehrfach. Erst als Düsseldorf erreicht war, ich im Aufstehen noch einmal hin schaute, lieferte er mir Widerstand. Und diesmal gab ich nach. Je nun.
Ich weiß nicht, ob mich das Ereignis derart sensibilisiert hat, aber als ich dann noch im museum kunst palast diese merkwürdige Ausstellung mit Richard Long und einem indischen Maler volkstümlicher Provenienz sah, schloss sich ein Kreis für den Tag. Herr Mashe, der dem Stamm der Warli angehört und mittlerweile auch im Westen für seine Malereien geschätzt wird, musste ein Namensschildchen tragen. Für jeden sichtbar hatte er dieses an sein Hemd gesteckt. Herr Long trug keines, ebenso wenig die anderen Beteiligten Organisatoren der Pressekonferenz. Für wen und warum trägt man in so einem Kontext denn ein Namensschild? Sicher haben wir Westler Probleme mit der Aussprache der indischen Namen. Aber jeder hat eine Pressemappe, und auf dem Katalog stand Herrn Mashes Name schließlich in voller Breite und gut sichtbar unter dem von Herrn Long.
14. August 2003
Es sei eine kleine Obszönität im Rahmen der Barockforschung gestattet. Im Nachdenken über die Gegenwärtigkeit des Barock und der gedachten Parallelisierung von formalisierten Emotionen zwecks Temperierung der Gemüter und diverser Erscheinungen der Gegenwart, bin ich in der vorvergangenen Woche im Gespräch mit Gerhard Finckh, Direktor des Museums Schloss Morsbroich, Leverkusen, auf die verstiegene Idee gekommen, dass die gegenwärtige Kleiderordnung eben auf Körperebene dies einzulösen verspricht. Meinem männlichen Blick erschließt sich dies eher mit Sicht auf die Wonderbra-Welle denn Pluderhosen-Uniformität, bzw. in Opposition beider zueinander, denn während sich Mädchen heute qua Kleidung zu Überfrauen formen, verschwindet der - sorry - Schwanz in endlos weiten Stoffbahnen.
Von der Funktion her formuliert der Bra selbst schlaffstes Bindegewebe zu beinahe jugendlich hüpfenden Dingern, gemäß der Idealvorgaben des ggw. Frauentypus. Doch das funktioniert nur innerhalb bestimmter Toleranzen. Ähnliches ist ja auch beim Sport und in der plastischen Chirurgie zu beobachten. Damit sind die Rahmen gesteckt, in welchen Temperantia walten darf.
Aber was meint das nun, wenn ein gewisser Typus den Leibern entweder real (Chirurgie, Sport) oder per Zeichen (Bra) eingeschrieben wird? Der vermeintlichen Sexualisierung als Greifbarkeit und Realitätsfülle stellt sich das Ideal als etwas Unantastbares entgegen. Langer Schreibe kurzer Sinn: Während also die Titten immer reiz-voller werden, verlieren sie selbige Adjektivierung in einer Uniformität des Reglements. Und das scheint mir sehr barock zu sein.
12. August 2003
Auf altes Zeugs ist auch nicht immer Verlass. Mein Recyclingserver ist gestern per Plattencrash nach einem Routine-Shutdown nicht mehr gebootet. Ich schreib's mal der Hitze zu. Das war sehr frustrierend. Ein xfs_repair hat keine der Devices mehr zum Laufen bringen können. Ich empfinde Trauer und Wut, denke ich an die großen Pläne, die ich noch mit der Maschine hatte.
11. August 2003
Ich muss noch ein wenig eines Moments gedenken, das gestern am späten Abend zu Beginn unserer Hunderunde passierte: Während wir also wie immer unseren Gang durch die Nachbarschaft antraten, kam wie immer ein flotter Autorfahrer mindestens doppelt so schnell als erlaubt die 30er Zone, sprich unseren Sölder Kirchweg, hinab. Als guter alter Speedster (verknappt kann man das auch Spießer aussprechen) musste ich meine Einwände offiziell deklarieren. Lautlos zeige ich deutlich auf das Schild, was signalisiert, dass hier Freiheitsbegrenzung für junge Sportwagenfahrer extrem gilt. Der Herr krakehlt daraufhin aus dem herab gelassenen Fenster: "Halt's Maul".
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Es geht kaum noch. Die Hitze ist mittlerweile sehr aggressiv. Der Server läuft zwar problemlos seit seiner Neuinstalltion durch, der Desktop-Linux scheitert allerdings ab und an mit Kernel Panic, wenn die zweite HD gemounted ist. Bei Freunden hat sie bereits zwei Netzteile zersetzt. Wann, bitte, wann wird es kühler. Auch im Namen der Maschinen muss endlich Schluss sein. Sonst wird wirklich bald der Gang in den Underground fällig.
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Es war einer dieser heißen Tage, als mich das Feuilleton des Westfälischen Anzeigers einmal mehr auf die Reise ins Ruhrgebiet schickte. Das Ziel war das Lehmbruck Museum in Duisburg, die Ausstellung zeigte sein zeichnerisches Werk von 1904 bis 1918. Ich hatte das Glück mir der Kuratorin und Sammlungsbetreuerin, Frau Dr. Lepper, einen sehr lehrreichen Nachmittag erleben zu dürfen. Es verwöhnte zudem das voll klimatisierte Haus. Derartige Labsal gab's schon lange nicht mehr. Jedoch die Rückfahrt war ein Schwimmen im Schweiß. Ich bitte dies wörtlich zu nehmen. In meinem ganzen Leben habe ich nicht in derart kurzer Zeit soviel Flüssigkeit über meine Haut abgegeben. Denn der Stadtexpress hatte den Ausfall seiner Klimaanlage zu beklagen. Die Mitreisenden konnten nicht einmal mehr ihren Beschwerdewünschen Luft machen, da sie viel zu sehr damit beschäftigt waren, sich selbst in "Form" zu halten. Sauna, Sauna, Sauna. Gelacht wurde, wenn neue Fahrgäste mit den Worten "ist das aber heiß hier" zustiegen.
30. Juli 2003
Die Kunstwelt ist zerstörerisch. Nicht für jeden, aber für einige. Eingeladen zum Geburtstag eines Museumsdirektors, der den Anschein erweckt, als sei die komplette Welt an seiner Wirkstätte gegen ihn, konnten wir ihn erleben, wie er sich erging in der dramatischen Rede über sein schlimmes Dasein. Die Gefahr, der er ausgesetzt ist, heißt Alkohol. Ich frage mich allerdings, ob er nicht an seinen akademischen Ansprüchen bei gutem Weiswein im Trentino gescheitert ist.
15. Juli 2003
MUFUTI ist ein besonderer Tisch; den haben wir lieb gewonnen spätestens seitdem wir in die Sonnenallee schauen durften. MUFU ist das schlagenste Akronym der Gegenwart. Ich habe heute für meinen alten PC eine neue Tastatur erworben, und die glänzt durch das Fehlen jeglicher ergonomischer Hilfen sowie Tasten, die ohnehin von anständigen Systemen nicht unterstützt werden. Und es will mir nicht aus dem Kopf, dass wir uns zur Zeit Face to Face mit alten Strukturen der Produktindustrie aus den Zeiten des Vierfarbkulis befinden. Nichts gelernt, nein. Alles soll alles können: Fotografieren mit den Handfunktelefon, desgleichen das komplette Büro synchron halten mit dem sich dort eingenistet habenden Office-Organizer. Und der Trend geht, glaubt man den Prophezeiungen zur Zukunft Digitaliens, ja noch weiter. Noch sind die Matrix-Spinnereien nicht aus den Köpfen der MIT-Cracks, was sicher zur Folge hat, dass wir irgendwann in den nächsten Jahren tatsächlich per Grid (s. Ressort Wissenschaft, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.07.2003) einen Globalrechner haben, an dem alle Devices und Gadgets unserer Haushalte hängen. Schön, dann teilen wir alle friedlich unsere Rechenpower. Und was hat die Menschheit davon?
12. Juli 2003
Ina I. hat gestern ein Ereignis berichtet, das in der Klasse ihrer Tochter passierte, die jetzt im sechsten Schuljahr ist. Ein Junge, der recht intelligent sein soll, sei wohl endgültig heftig aufgefallen, und es sei zu einer Klassenkonferenz gekommen. Im Rahmen dieser Veranstaltung bat der Vater erst einmal die elterlichen Beisitzer, die Veranstaltung zu verlassen. Rücksichtnahme des Sohnes wegen, sei das Argument gewesen. Im weiteren Verlauf, als dann die Liste des Problemverhaltens diksutiert wurde, meinte der Vater kategorisch: "Mein Sohn macht so etwas nicht". Damit war die Klassenkonferenz beendet, die Lehrer bzw. die Schule werden nun anwaltlich behelligt, derartige Maßnahmen zu unterlassen.
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Unter dem Dach in der Abstellkammer lag meine alte Funkmaus versteckt in einem Karton voller Kabel, und dies lediglich deswegen, weil sie vermeintlich nicht mehr funktionierte. Das Produkt aus dem Hause Logitech ist eigentlich sehr luxuriös. Ich hatte gerade dieses Gerät erworben, um ein wenig mehr Sicherheit in Sachen Haltbarkeit zu haben, da ich die Maus für den Betrieb unterwegs am Powerbook brauche. Nun fiel das Gerät aus, und es ließ sich damals weder an einem Mac noch einem PC betreiben. damals hatte ich so ziemlich alles probiert, was man ausprobieren konnte. Das Ding tat nicht wie gewünscht seine Dienste. Ich erwarb dann ein viel kleineres und zugegebenermaßen für meine Zwecke idealeres Gerät derselben Firma. Das läuft nun schon eine ganze Zeit einwandfrei. Nun ließ mich im Zuge diverser Umrüstungen und meines Auszugs bei hartware meine alte Maus nicht los. Ich hatte sie glücklicherweise einfach noch mitgenommen und nicht von der Firma Gravis (Grawitz), die mir leider auch keine Gewährleistung geben wollte, da ich mal wieder ein Punktlandung in Sachen knapp vorbei ist auch zu spät geschafft hatte, entsorgen lassen. Am heutigen Samstag fiel mir bislang das Arbeiten schwer, also gab ich dem Drängen diverser Kleinigkeiten nach, die erledigt werden wollten. Im Zuge dieser Aufräumaktionen gedachte ich der alten Maus und stieg aufs Dach, kramte das klobige, stahlblaugraue Funkmonster aus der alten Kabelkiste, schloss es an den Mac von Nicola an, und siehe, es wirkelte inklusive des Scrollrades. Meine Überraschung hielt sich in Grenzen, hatte ich doch schon derartiges vermutet. Nun, nachdem ein paar Stunden vergangen sind und das Ding immer noch tadellos läuft, frage ich mich sehr irritiert, was das zu bedeuten hat.
11. Juli 2003
Gestern Heimo Zobernig in der Düsseldorfer Ausstellung im K21 gesehen. Das wichtigste an der Schau war das Erlebnis mit einer sehr angenehmen Aufsichtsperson. Es ist sehr sympathisch, wenn man Menschen dort in den verödeten Häusern namens Museum trifft, denen das Gezeigte nicht einfach egal ist, die vielmehr dorthin wechseln, obwol sie fürs gleiche Geld länger arbeiten müssen, als beim Anwalt, der sie vorher entlohnte. Nach einem kurzen Plänkeln über das, was zur Benutzung frei und was nicht freigegeben wurde, kamen wir netter Weise ins Gespräch, auch über die Chance dieser Ausstellung beim Publikum. Und sie erzählte mir, dass doch viele Beuscher nur in sStändehaus kämen, um die Bullaugen zu sehen, sprich an der Wasserkante Einblick in den Teich zu nehmen. Die Dame berichtete mir dann weiter, dass es nicht sehr gern gesehen sei, wenn man als Aufsicht zuviel wisse. Ich kann da nur sagen: Mehr von solchen Aufsichten, und die Museen wären eine Ecke attraktiver. Andererseits finde ich es für Kuratoren beschämend, wenn sie sich überheblich gegenüber ihren Mitarbeitern zeigen. Diese Standesdünkel sind zum kotzen.
Andererseits kann man auch das Brechen bekommen, wenn man sich diesen Sarkasmus betrachtet. Ich frage mich allen Ernstes, ob Zobernig nicht ein degenerierter reicher Sack ist, den nichts mehr wirklich interessiert, der auch nur denkt, dass er mit sich mit seinen Klamotten ein angenehmes Leben machen kann. Aber wenn ich jetzt so denke, heißt das ja, dass ich noch das alte Ideal einer gewissen Verantwortlichkeit von Kunst im Kopf habe. Wahrscheinlich kann man nicht mehr davon ausgehen, dass Kunst irgendetwas mit Berufung zu tun hat.
*Abb. 1. Das System des Künstlerns.* Man kann sich hier aussuchen, welche Weise der Kommunikation der eigenen Empfindung und Wertung der persönlichen Erfahrung mit Kunst und Werk und Ausstellungs- bzw. Rezensionswesen die bevorzugte ist bzw. der eigenen Erfahrung am ehesten entspricht.
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