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KapitelZwei

Kapitel 2

Die Operation verlief ohne Probleme; alles, bis hin zur schmalen Naht, dem Zeichen der Stelle, an der die den Körper umschließende Folie zum Eingang ins Innere aufgetrennt und wieder verschlossen werden mußte, war geglückt, kleine Stiche würden keine auffällige Narbe hinterlassen. Im Gegenteil. Bei entsprechender Verfaßtheit eines zukünftigen Genießers würde diese schmale Hieroglyphe einer in den üblichen Kopfschmerzen endenden Betäubung - dem einzigen, was sie mitbekam - ein durchaus rieselndes Vergnügen provozieren können. Selten zuvor hatte Dr. Schweickart so wenig Probleme mit einer Patientin erfahren. In der Regel kam der Anästhesist mit einigen Vorbehalten. Oder Komplikationen im eigentlichen Krankheitsbild erschwerten die Lage. Dieser Eingriff war ein Unternehmen, das ihm eine Idee von der glasklaren Ästhetik des menschlichen Leibes vermittelte. Nur diese klitzekleine Narbe mit wenigen Stichen genäht würde an ihrem Körper die Erinnerung an ihn wachhalten, aber als Zeichen zum archimedischen Punkt des Vorbegehrens anderer in der Leiste werden. Frau Kerner war ja zudem noch sehr attraktiv, geradezu Perfekt, möchte man meinen, war der freiheitsliebende Mann einerseits sehr irritiert, andererseits fragte er sich, nicht ohne emotionalen Seitenblick, ob sie nicht das fehlende Element in seinem noch jungen Leben sei, also diejenige, welche ihn für immer an sich binden könnte.

Nach einer angemessenen Erholungszeit für seine schöne Patientin besuchte er sie außerhalb der gewöhnlichen Visite. Auf der Station war es ruhig, und seine reguläre Dienstzeit war bereits beendet. Vorsichtig klopfte er an die Tür zu Zimmer 135 c. Ohne es sich einzugestehen, war er mit dem Gedanken, seine Zeit als Junggeselle an den Nagel zu hängen, mehr als vertraut.

Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf lag sie da, gebettet auf ein weiches Kissen, sie, die von keinem seiner Gedanken wußte. Mit einiger Anstrengung, bemüht und ringend um ein halbwegs natürliches Lächeln, blickte sie dem verwirrten Doktor direkt in die Augen. Der Boden schien unter ihm zu wanken, er suchte nach Halt. Fand ihn an einem Bettpfosten und glaubte seiner unbestimmten geistigen Verfassung nicht mehr. Ihre reizende Gestalt nahm ihn ganz in Anspruch. Nichts sonst nahm er wahr, als ihr seidiges Haar, ihre schönen, großen Augen und den Mund, den er zu küssen begehrte. Was sollte er sagen? Was denken? Nie hatte jemand ihn so und in solch kurzer Zeit faszinieren können. Er hatte gar keine Zeit, sich über die heftigen Regungen seiner Gefühle klar zu werden. Also was sollte nun geschehen? Sollte er ihr, die wohl kaum wissen kann, wie es um den Liebenden - anders konnte man den Doktor zu diesem Zeitpunkt nicht bezeichnen - bestellt ist, sagen, daß er sie liebe? Nein, zunächst einmal versuchte Schweickart die gewohnt sanfte Ärzte-Patienten-Autorität wieder aufzubauen. "Guten Abend Frau Kerner, ich hoffe, es geht ihnen gut.", sagte er dann doch sehr schüchtern und verlegen. "Danke, ja, Herr Doktor. Leider kann ich mir nur traurige Filme anschauen, da ich im Augenblick nicht lachen kann." Wieder verblüffte ihn die Rede. "Wenn ich herzhaft losprusten möchte, und das kommt schon des öfteren vor, dann schmerzt mein ganzer Unterleib und ich denke, das Tosen und Stürmen dort unten will mich zerreißen." Daß das ganz normal sei, sagte Schweickart, und daß sie nicht mehr lange trostlos triste Streifen schauen müsse. Sowieso werde sie irgendwann lachen müssen, denn allzu sachliche, oder traurige Fernsehunterhaltung sei auf Dauer auch sehr bekömmlich für eine zügige Genesung.

"Damit haben sie vollkommen recht. Erst vor wenigen Minuten sah ich die Nachrichten. Da war die Rede von einer neuen Sportart, die für die olympischen Spiele zugelassen werden soll, das war nicht nur langweilig, sondern in dieser Öde der Bilder lag soviel Komik verborgen, daß die würdevollen schwarzgekleideten Sportfunktionäre mehr als lächerlich ausschauten. Wie ein Beichtbesuch westfälischer Ochsen." Ach, seufzte er, was war sie doch tapfer. Er erinnerte sich später einmal daran, wie es ihm ergangen war, als sein Blinddarm entzündet war.

KapitelDrei

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

02.07.2004 · MatthiasWeiss · r2