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KapitelDrei

Kapitel 3

Mathilda saß an ihrem Schreibtisch und sah in die Bilderflut der Illustrierten, die sie zur Mittagspause gewöhnlich durchblätterte. Ihre Mitarbeiter waren schlecht gelaunt, denn wieder einmal schien das Wochenende verregnen zu wollen. "Es ist immer das gleiche, man rackert die ganze Woche bei schönstem Sonnenschein, um dann in der Freizeit das Haus zu hüten, weil es die ganze Zeit näßt", maulte Robert, einer ihrer nettesten Kollegen. Von ihm wußte sie, daß er die Unwägbarkeiten der mitteleuropäischen Witterung gar nicht so ernst nahm. Sein Unmut über ungünstige Lagen war bereits Tradition in ihrer Abteilung. Wenn es im Sommer heiß war, ärgerte ihn das ebenso, wie der Winter, der regnerische Herbst oder Frühling. Keine der Karten, die allabendlich über den TV-Bildschirm flackerten, konnte seinen gemäßigten Ansprüchen gerecht werden, doch was er in dieser Hinsicht wirklich erwartete, wußte er gar nicht so genau sagen.

"Ach Robert, laß das Stöhnen, davon hört der Regen auch nicht auf", sagte Mathilda, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und lächelte den jungen Mann an. Sie mochte ihn sehr, denn im Unterschied zu den anderen in ihrer Abteilung, war er derjenige, der sich nicht nur pro forma der Menschen, die ihn tagtäglich umgaben, annahm und ihr Leben mit ungespieltem Interesse folgte. Robert rühmte sich nicht ohne Selbstironie vieler positiver Eigenschaften. Er sorgte mit seinem Humor für ein entspanntes Klima, kümmerte sich rührend um das seelische Wohl seiner Umgebung und Mathilda fragte sich manchmal, wie er es zudem noch schaffte, seine Arbeit in der ihm eigenen Perfektion und Sicherheit zu bewältigen. Seine einzige Macke war der Wettertick, und diesen Pflegte er gern und ausgiebig. Er setzte ihn aber auch strategisch ein, denn immer wenn es einmal Ärger zwischen zwei Mitarbeitern gab, ging er zu beiden, hörte geduldig zu, gab Ratschläge zur Schlichtung und endigte mit seinem "Sauwetter". Dann folgte allgemeine Erheiterung und zumindest das Klima in der Abteilung war gerettet. "Sag mal Robert, was machst du heute abend?" "Wenn es nicht zu regnen aufhört, gehe ich ins Sauerbruch und laß mich vollaufen." "Das ist wieder einmal typisch. Wenn du nicht aufhörst zu nörgeln, werde ich mitkommen." Das übliche Geplänkel. "Ja wunderbar, ich hole dich gegen neun Uhr ab."

KapitelVier

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

18.06.2004 · MatthiasWeiss · r1