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KapitelVier

Kapitel 4

Roberts Zuhause. Die Wohnung befindet sich im dritten Stock eines großzügigen, späthistoristischen Hauses. Westend. Weitläufiges Treppenhaus. Geländer und Balustraden sind aus Holz. Pro Treppenabsatz grenzen zwei Wohnungen aneinander. Auf der linken Seite bewohnt Robert ca. 80 Quadratmeter. Typisch teuer für die Stadt aber mittlerweile erschwinglich für Robert. Der Lektorenjob im bÆndit Verlag und das Studium haben es mit sich gebracht, daß er den Platz dringend benötigt, denn er wäre ansonsten in den Unmassen von Büchern und Zeitschriften, die sich in jedem der drei Zimmer bis an die Decke türmen, erstickt. Selbst die Küche mußte er für den Wust an Papier, ohne den er nicht mehr leben konnte (Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher - Arno Schmidt), einigermaßen sinnvoll strukturieren, damit Herd und Spüle, sowie Tisch etc. noch Platz fanden.

Er sitzt in seinem Arbeitszimmer Zwei. Da, wo sein Computer steht. Insgeheim träumt er immer noch von einer echten, alten Linotype mit Bleisatz, vorerst hält er den Traum vom eigenen Verlag zurück und begnügt sich mit einem handelsüblichen Tintenstrahldrucker, um sein Buch zu schreiben. Nein, nicht sein Buch ist es. Er schreibt an einem Buch für seine Freundin. Er weiß nicht, ob aus Liebe oder Eitelkeit, und eigentlich ist es auch eher der Wille, nicht das Talent oder sonst etwas, das ihn antreibt.

Im Arbeitszimmer Drei sind alle diejenigen Sachen zu finden, die er für die handwerkliche Seite der Buchherstellung benötigt. Er hat sich alles besorgt. Buchbinderpappe, Lesebändchen, nicht zu vergessen das Leinen für den Einband und diesen kleinen, bunten Zierstreifen, der den Buchrücken abschließt. Eine bibliophile Kostbarkeit soll es werden, allein für seine Liebe. Verschiedene Papiersorten und selbstgefertigte Linolschnitte sollen dieses Buch über die Ergebnisse seiner bisherigen Versuche hinaus heben. Er erinnert sich an eine alte Erzählung, die ein Freund vor Jahren verfaßt hat. Ich denke mich zum Miniaturenschreiber. Kostbares Material liegt vor auf dem Pult. Meine Beine sind leicht angewinkelt durch die bequeme Fußbank, auf der meine Füße ruhen. Vor mir, auf dem Schreibpult, liegt ein Foliant. Ich nehme die kostbare alte Handschrift und lege sie auf die Knie, damit ich in angenehmer Position meine Konzentration völlig auf den Folianten richten kann. Die eigentliche Arbeit werde ich später beginnen. Nun muß ich zunächst den literarischen Bestand aufnehmen, damit ich meine Kunst entsprechend einsetzen kann. Es ist das Hohe Lied Salomos. Diese märchenhaft schöne Dichtung aus dem alten Testament. Meine Vorlage, die ich zu kopieren habe, ist schon sehr kunstvoll eingerichtet. Wunderbare Initialen, paradiesische Ranken schmücken den Text, der in zwei Spalten gut leserlich die Seiten füllt. Ich frage mich, warum ich so etwas noch nachahmen muß, wenn die Perfektion der Arbeit einzigartig bleiben soll. Ich nehme die Aufgabe dennoch an und beschließe: noch schöner soll meine Arbeit werden. Zum Ruhm des Herrn werde ich alle Fähigkeiten aufbieten, die ich besitze. Es ist keine gewöhnliche Auftragsarbeit. Ich werde versuchen, eins zu werden mit dem Text und eine noch nie gesehene Vollendung leisten. Meine Hirsche sollen leben. Meine Brunnen fließen wie in Wirklichkeit. Es soll aber auch zugleich eine Ehrung des künftige Lesers darstellen. Er soll empfinden und nicht nur lesen. Mein Leser ist mir ein Vorbild und Richter zugleich. Seine passive Demut, seine freie Entscheidung, das Buch zu nehmen, um es zu lesen, fordern von mir, daß ich würdig den Text bereite. Jeder noch so kleine Haken meiner Schrift muß eine Ode der Herzlichkeit werden. Bis an den Rand gefüllt mit Freude, lese ich, denke ich und bilde vor. Ich werde Salomo einatmen und ein Kristall wird mein Produkt sein, beseelt, illustriert und für ewig. Einen Diamanten werde ich erschaffen, der mein Schaffen ist. Man wird sich an mich persönlich nie erinnern werden. Ich hinterlasse keine Handschrift in meiner Handschrift, denn meine Aufgabe verlangt so etwas nicht. Ich bleibe der anonyme Schöpfer, dem man alles und nichts unterstellen kann. Vielleicht wird dann gesagt werden: "Der Schreiber war ein guter Mensch." Weil das Werk ja so gut gelungen ist. Vielleicht aber auch: "Er war des Teufels, denn so etwas aus Menschen Hand ist unvorstellbar." Das ist aber alles so unwichtig. Ich glaube, daß diejenigen, die an meiner Nichtexistenz biographische Klarheit produzieren wollen, die Welt und mein Werk nicht verstehen. In meinem Studiolo sitzend, denke ich darüber nach. Ich werde vielleicht in die engere Wahl gezogen, wenn die Forscher auf der Suche nach dem Miniaturisten die Ordenschroniken durchforsten. Sie finden einen als begabt dokumentierten Bruder Leo. Ich kam als Unbekannter und namenlos als Mosesknabe in die Gemeinschaft, also lassen sich keine Rückschlüsse auf meine Herkunft tätigen. Ich sehe die Mühe und den Schweiß der Wissenschaftler bei der Suche. Und doch werden sie nur Unbefriedigendes finden. Ihren Erwartungen nicht entsprechend, werde ich fallen gelassen, zugunsten eines andern. Da haben sie ihren Schöpfer. Und sie rekonstruieren eine Unwirklichkeit. Mich packt der Schrecken, denn sie vergessen darüber meine Arbeit. Ihre Sandburg vermeintlicher Wahrheiten wird wohl kaum in die Gefahr einer verschlingenden Welle geraten. Vielleicht wird aber auch von einer gemeinschaftlichen Arbeit gesprochen werden. Die Farbanalysen, die Haare der Pinsel lassen darauf schließen, aber ich bestellte nun mal neues Werkzeug, nachdem die ersten Miniaturen vollendet waren. Zudem entdeckte ich, daß ein besonderer Pinselschwung zu höherem Ausdruck dienlich war. Diese Entdeckung wandte ich ab dem vierten Gesang an, der da beginnt: "Siehe, meine Freundin, du bist schön!"

Die Freude und der Genuß an meiner Arbeit sind mir ein heiliges Ziel und wenn der Leser befriedigt ist, habe ich dieses erreicht und kann sagen, daß ich gut sterben werde. Doch jetzt werde ich arbeiten.

Gott sei dank, daß er sich nicht in dieser Situation befindet. Die einzige Öffentlichkeit wird seine Freundin. Es soll ein Arztroman werden. Beinahe im klassischen Stil der Groschenromane am Bahnhofskiosk. Viel Herzschmerz und ebenso viele Klischees. Aber er weiß noch nicht, wie sich die Geschichte genau entwickeln wird. Er ist keiner der großen Regisseure, die mit Drehbuch, Recherchenergebnissen und sonstigen Skripten bewaffnet Strukturen verwirklichen. Recherche, wofür. Im Kopf sollte alles seinen Lauf nehmen. Er stellt sich vor, seinen ganzen dicken Schädel zu präsentieren. Natürlich muß dabei verzerrt werden, denn Robert war bislang nur zu Besuch im Krankenhaus, abgesehen von dem Blinddarmvorfall, aber da war er ja erst sechs. Den Rechner starten. Ein kleiner lächelnder Kasten, der ihn Willkommen heißt. Draußen im Regenvorhang sirent ein Krankenwagen vorbei. Jetzt bloß keinen Fehler machen, dachte sich der Zivi. Er hatte seine Schulung gerade hinter sich gebracht. Der erste Blaulichteinsatz. Hinten beatmen sie die alte Dame. Ihr faltiges Gesicht wird von der Schwerkraft zu Boden gezerrt. Zu Asche sollt ihr werden. Auf dem Stadtring. Zur Hauptverkehrszeit staut sich das Blech und legt den üblichen Würgegriff um die City. Auf der sechsspurigen Straße geht es nur im Schrittempo voran. Verärgerte Heimfahrer, wütende Konsumisten. Und der Zivi mitten im Schlamassel. Nach und nach begreifen auch die Choleriker, daß sie eine Gasse bilden müssen. Robert verschwindet in der Vorstellung und tippt mit, was ihm seine Bildmaschine vorgibt. Schließlich hatte er tausende TV- und Filmbilder gespeichert, um zu wissen, wie es aussieht in diesem zeitgenössischen Charonsgefährt. Diese Umdeutung gefiel ihm, räumte sie doch trotz aller Technik der Wiederbelebung dem Zufall des Todes einen bestimmenden Platz ein. Von der Hohen Straße in die Beurhausstraße, Städtische Kliniken Hintereingang. Hier hält Robert inne.

KapitelFuenf

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

18.06.2004 · MatthiasWeiss · r1