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KapitelEins

Kapitel 1

Ein anderer Ort wird jetzt erst einmal aufgesucht. Nun lernen wir den Doktor bei der Arbeit kennen. Das lohnt sich, denn Dr. Schweickart war ein gewissenhafter Arzt und seine Geschichte ist sehr interessant. Seine Patienten verehrten ihn, und er führte ein Leben, das er beinahe ausschließlich seiner Arbeit widmete. Wenn er früh am Morgen in die Klinik kam, vorausgesetzt, es war nicht gerade ein Wochenenddienst fällig, nahm er mit Freude seine, wie er sie nannte und wie sie auch wirklich zu bezeichnen ist, menschenrettende Tätigkeit auf. Es grüßten ihn Schwestern und Kollegen und trugen ihm jene Fälle vor, welche im Laufe des Tages zu versorgen, zu verarzten, zu heilen waren. Während seiner langjährigen Arbeit als Chirurg in der Inneren hatte er vielen Menschen das Leben gerettet. Selbst die schwierigsten Operationen meisterte er mit einer selbstbewußten Lässigkeit und sicherer Routine, daß es den anderen Mitarbeitern seines Stabes schwindlig wurde, wenn sie sehen mußten, mit welch exzessiver Konzentration er arbeitete, die Geräte bediente, seine Werkzeuge beherrschte. Neidisch hatten sie anzuerkennen, daß Schweickart tatsächlich das verkörperte, was im allgemeinen als Halbgott in Weiß bezeichnet wird. Auch an diesem Spätherbsttag stand der begnadete Doktor wieder einmal in der Frühe seinen Mann. Gut aussehend und ausgeruht -er ging nur selten nach zehn Uhr zu Bett -traf Schweickart in der Klinik ein. "Guten Morgen Annette, was gibt es denn heute zu reparieren?", fragte der umschwärmte Doktor mit der für ihn typischen Lässigkeit.

"Keine besonders aufregende Sache", antwortete die hübsche OP-Schwester. Sie hatte ihr schwungvoll gewelltes, kastanienbraunes, apfelduftiges Haar heute nicht unter der üblichen Haube verschwinden lassen, dazu war es noch reichlich zu früh, der Doktor würde sie nicht vor der Visite an die Kleiderordnung erinnern. "Mathilda Kerner, 28 Jahre, Studentin, ledig und blond. Ihr Blinddarm streikt. Schätze, es wird 'ne kurze Geschichte", morste sie knapp. Schwester Annette war eine der engeren Vertrauten des Doktors. Unausgesprochen, aber dennoch für alle spürbar, bestand eine merkwürdige Beziehung aus gegenseitiger Wertschätzung und nicht wenig Anziehungskraft zwischen ihnen. Das erfüllte sie mit Stolz, denn es war nicht einfach, mit dem beliebten Lebensretter mehr als nur zwei Worte zu wechseln. Einsilbig und seiner Arbeit mehr zugetan als seiner Umwelt aus lebenden Wesen, verrichtete er das, wofür ein Arzt nun einmal bezahlt wurde: Menschenleben retten. Die Schicksale tief unter Haut und Gedärm oder an anderer, unbekannter Stelle verborgen, schienen ihn kalt zu lassen. Als eingefleischter Junggeselle hatte er seine Vorbehalte gegenüber dem anderen Geschlecht und wurde im allgemeinen nur als der schöne Eigenbrötler bezeichnet. Wer es je schaffte, Dr. Schweickart in den Hafen der Ehe zu lotsen, müßte schon außerordentlich überzeugend sein.

In weiser Voraussicht hatte Annette sich schnell dem Kleiderzwang unterworfen, entsprach der herrschenden Etikette von Sauberkeit, wenn nicht gar Sterilität und erwartete die Order des Chefs. Dieser kämmte sich vor dem Spiegel noch einmal sein glänzendes, schwarzes Haar, das in einem modisch kurzen Schnitt lässig und gewellt zurücklag. Dann streifte er sich den weißen Kittel über, den er immer zur Visite zu tragen pflegte und begab sich mit seinem Stab auf die langen Flure des großen, weitläufigen Gebäudes.

Das Krankenhaus lag inmitten der rauschenden Großstadt. Eigentlich paradox, aber dennoch war es eine Oase in der urbanen Steinwüste. Gut abgeschirmt von der lärmenden Außenwelt, verbarg es seine Flure mittels eines klugen, architektonischen Kniffs. Schweickart hatte diese Konstruktion immer bewundert. Der Bau war wie ein altes Kastell angelegt, doch war es bei weitem nicht so unfreundlich. Inmitten eines Parks gelegen, türmte sich ein zur Sonnenseite hin abgestufter Kreis aus hellem Stein rund 15 Stockwerke in den Himmel. Im äußeren Zirkel lagen die Krankenzimmer, gut isoliert gegen Lärm und mit grandioser Sicht auf die Stadt. Die innere Abteilung befand sich in einem bequem zugänglichen Teil auf mittlerer Höhe. Schnelle Aufzüge stellten die Verbindung mit den anderen Trakten her, und so konnte man sagen, daß das Haus den Ansprüchen an ein zeitgemäßes Klinikum nicht nur in funktionaler Hinsicht gerecht wurde. Der Innenhof kam den Bedürfnissen der Rekonvaleszenten sehr entgegen, bot er doch zu den angenehmsten Stunden des Tages je nach Jahreszeit entsprechende klimatische Bedingungen. Studenten der Architektur und Kunstgeschichte reisten aus aller Welt an, um dieses Meisterwerk zeitgenössischer Baukunst zu erleben.

Der Troß der Visite marschierte das Kreissegment entlang. Der Bohnerwachs ließ den PVC-Boden in eigenartigem Glanz erstrahlen. Die freundlichen Buntfarben reflektierten auf eine unirdische transzendente Weise das einfallende Sonnenlicht. Der übliche Krankenhausmief aus starken Desinfektionsmitteln und dem Amalgam der Körpergerüche herrschte hier nicht. Sogar der Kaffeeduft schaffte es, sich gegen die auf Einheitlichkeit hin angelegte Atmosphäre durchzusetzen. Sie erreichten nach einer kurzen Instruktionsminute für die mitgehenden Studenten im Praktischen Jahr Zimmer 135 c. Nachdem er dezent angeklopft hatte, öffnete der Arzt die Tür, und nach und nach trat die Prozession der Mediziner ein, bis der Raum voller Menschen war. Das Fenster, ein Spalt breit geöffnet, ließ einen kühlen Wind einströmen und bewegte sanft den langen, weißen Vorhang, der in weiten Faltenschwüngen bis auf den Gebohnerten Boden fiel.

"Guten Morgen Frau Kerner, hatten sie eine angenehme Nacht?", fragte der aufmerksame Chefchirurg. Eine weiche, dunkle Stimme antwortete mit dem typisch leicht belegten Ton des Erwachens. "Danke, Herr Doktor, entschuldigen sie bitte meinen Aufzug, aber ich bin noch nicht ganz in der Welt." Der Arzt fragte unbeirrt weiter, "Und wie steht es mit den Bauchschmerzen?" "Danke der Nachfrage, aber im Augenblick spüre ich nichts weiter, als die gähnende Leere eines Magens, der dazu verurteilt ist, innerhalb der nächsten Stunden äußerst scharfe Klingen und andere Werkzeuge in seiner Nähe zu wissen." Die prosaische Antwort verblüffte den Doktor und warf ihn ein wenig aus seinem üblicherweise gelassenen Gleichgewicht. "Nun, so werden wir sie, nüchtern wie sie sind, einmal etwas näher betrachten". Schweickart schaute ein wenig verwirrt auf die vor ihm liegende Frau. Warm und weich schaute ihre Haut aus, die Lider waren durch die starke morgendliche Durchblutung leicht geschwollen. Der Schlaf entläßt seine Besucher mit Schönheit erfüllt in die wirkliche Welt, dachte sich der ansonsten so sachliche Mann.

Und plötzlich, undenkbar eigentlich, vergaß er seinen Beruf und gab sich einem schönen Traum hin. Er sah ein altes Schloß mit hohen Zinnen vor sich. In einer Rüstung verborgen und fast schon verkrochen ritt er mit einem schwarzen Pferd auf sie zu, die angebetete Minne seines immer wieder kehrenden Traumes. Hinter ihm trug sein Begleiter kerzengerade die Standarte des uralten Königshauses. Nur das Flattern des wehenden Stoffs war zu hören. Die Hufe der Pferde stampften auf moosweichem Boden. Je näher sie sie dem Gebäude entgegen ritten, desto tiefer versanken die Hufe in einem immer schlammiger werdenden Untergrund. Das reizende Bild veränderte sich zu einer Szenerie des Entsetzens. Jäh riß ihn die drohende Versenkung aus seinem Gespinst und er fand sich in dem Krankenzimmer der schönen blonden Frau wieder, die er gern als Hoffräulein an der Zinne eines Schloßturms stehend begrüßt hätte.

"Wir operieren baldigst", sagte Schweickart und überspielte damit seine peinliche Abwesenheit. "Annette, treffen sie die nötigen Vorbereitungen, zapfen sie Blut und analysieren sie alle weiteren Proben. Es geht gleich los."

KapitelZwei

-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004

18.06.2004 · MatthiasWeiss · r2