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EndFassungInterviewDerReisendeHildesheim

!Stand: (06 Jan 2004)


1. Streng nach dem Jahresmotto des Kunstvereins: Wo ist die Kunst?

Ist das www ein möglicher Ort der Kunst?

Der Reisende:
Für uns bietet das Medium "www" einfache, schnelle und theoretisch ortsunabhängige Möglichkeiten der Kommunikation:
  1. um sich mit anderen auszutauschen
  2. um Kunst(projekte) zu präsentieren
Speziell unser Projekt ist ohne das "www" nicht denkbar. Die Vernetzung, der Strom der Daten von (fast) jedem Ort zu jedem anderen ermöglicht es uns erst, unsere Webfotografien zu erstellen.
Ein "Ort" im übertragenen Sinne ist das "www" durch die Netzkunst geworden.

2. Was macht Kunst aus?

Gibt es eine klare Grenze, wo Kunst anfängt? Ist so eine Grenze sinnvoll?

Der Reisende:
Uns sei hier ein Zitat erlaubt:
Ein Stück Brot
Ein Museum, eine Galerie bedeuten nichts, solange sie leer sind, ja, sie können jederzeit in eine Sporthalle oder in eine Bäckerei umgewandelt werden, ohne daß sich deshalb das, was dort stattfindet oder verkauft wird, in ein Kunstwerk verwandelt; denn zwangsläufig ändert sich auch der soziale Status. Ein Kunstwerk in eine Bäckerei zu bringen/dort auszustellen, verändert die Funktion dieser Bäckerei nicht im geringsten, ebensowenig, wie dabei das Kunstwerk in ein Stück Brot verwandelt wird.
Ein Stück Brot in ein Museum zu bringen/dort auszustellen, verändert die Funktion des betreffenden Museums nicht im geringsten, aber dieses verwandelt das Stück Brot in ein Kunstwerk, zumindest während der Dauer seiner Ausstellung.
Stellen wir nun ein Stück Brot in einer Bäckerei aus, so ist es äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich, es von anderen Stücken Brot zu unterscheiden.
Stellen wir nun ein Kunstwerk - egal, welches - in einem Museum aus, kann man es dann wirklich von anderen Kunstwerken unterscheiden?
[Daniel Buren, Notizen über die Arbeit, in: daniel Buren, Achtung!, Texte 1967-1991, Verlag der Kunst, Basel 1995]

Sicherlich gibt es Grenzen. Kunst befindet sich ja innerhalb von Gesellschaft, ist ein gesellschaftliches „Produkt“ und unterliegt folglich immer gesellschaftlichen Zwängen. Deswegen gibt es ja auch die Tradition des „Tabubruchs“ oder die des „Skandal“, welche Versuche sind, Grenzen zu durchbrechen oder zu verschieben (S.a. "Kunst als Skandal" von Christine Resch).
Es gilt bei Ihrer Frage jedoch noch den Betrachter (also auch uns selbst) zu berücksichtigen: Der Betrachter ist immer autonom und macht mit der Kunst was er will. Anders: Erst im Auge des Betrachters wird ein Werk zur Kunst.

Ist das „Prädikat Kunst“ wichtig?

Der Reisende:
Das Prädikat Kunst ist insofern wichtig, als dass es uns ermöglicht, gesteckten Zielen näher zu kommen. Wir wollen die Arbeit veröffentlichen und ausstellen. Im Idealfall Sponsoren finden, um den Reisenden noch auf andere Kontinente führen zu können. Zudem spielt der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle.

Was macht die Kunst an Eurer Arbeit aus? Was macht sie zur Kunst?

Der Reisende:
Unsere Arbeit enthält bzw. zitiert wesentliche Momente der künstlerischen Fotografie: Das Moment der Serie, das Moment der Performance (jeder Aufnahme ist Ergebnis einer Performance), das Moment des Medientransfer (die Webcambilder werden Grossformatig Ausbelichtet), das Moment der Verfremdung und ganz wichtig: das Moment der Komposition!

3. Konkret zum Projekt „Der Reisende“:

Könnt ihr den Begriff „Webfotografie“ kurz erklären?

Der Reisende
Es geht um Fotografie mit den Mitteln und Möglichkeiten des www. So nutzen wir bei dem Projekt „Der Reisende“ ausschliesslich „öffentlich“ Zugängliche Webcams (also Webcams die über eine Url ansteuerbar sind) und konservieren deren flüchtige Bilder. Wir nutzen Webcams um eigenes Bildmaterial zu schaffen.
Natürlich loten wir so die Möglichkeiten und den Begriff von Fotografie aus, erfahren deren Grenzen und überschreiten diese. Ganz im Sinne Ihrer frage nach den Grenzen in der Kunst.

Wie nutzt ihr die Bedingungen des Mediums www für eure Zwecke?

Der Reisende:
Wir nutzen die Tatsache, dass inzwischen in nahezu jedem Winkel der Welt Webcams zu finden sind, deren Bilder ins netz gestellt werden und die dann an nahezu jedem anderen Ort der Welt - solange nur eine Internetanbindung existiert - zugänglich sind. Die Kameras werden vom Reisenden aufgesucht. Er platziert sich im Bild, wird von der Kamera erfasst, und tritt dann eine zweite, virtuelle Reise durch das Web an. Bei eingabe der richtigen Adresse erscheint er quasi zeitgleich auf jedem Rechner der Welt.

Die Fotografenperspektive der Webcam ersetzt einen realen Autor eurer Bilder. Eigentlich inszeniert ihr mehr, als dass ihr im herkömmlichen Sinne „schafft“. Wie ist euer Verhältnis zur Autorschaft?

Der Reisende
Die Fotografenperspektive ersetzt nicht den Autor, sie impliziert den Autor. Zudem gestalten wir das Bild Inhaltlich, indem wir den Reisenden im Bild platzieren. Das sind Merkmale, die unsere Autorschaft begründen.
Inszenierung und Performance sind sehr aufwendige Instrumentarien um ein Bild zu schaffen. Nehmen sie zb. Jeff Walls Fotografien. Das sind sehr aufwendig inszenierte Fotografien.
Bei uns besteht der Hauptaufwand, den Reisenden zur richtigen Zeit zur richtigen Kamera zu bringen um das beste Ergebniss zu erzielen. Gerade bei weit entfernten Reisezielen wird der Aufwand sehr sehr hoch.

Wie muss die „Übersetzung“ der Webcam-Bilder aussehen, damit sie Kunst werden? Ist das eine formale Frage, hängt es vom Präsentationsrahmen ab oder gibt es noch andere Kriterien?

Der Reisende:
Wenn wir den ganzen Prozess betrachten, den ein Webcambild durchläuft, bis es in einer Ausstellung gezeigt wird, dann könnte die entscheidende Stelle der der Dekontextualisierung sein, also der Moment, in dem wir das Bild aus seinem Ursprungskontext herauslösen und ihn in unseren Kontext einfügen. Durch diese Dekontextualisierung wird das Webcambild zu einem Kunstwerk.

berarbReis12_01.doc: Überarbeitete Fassung durch Kunstverein


13.01.2004 · SaschaBuettner · r2