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WiesbadenerPortraits

Sascha Buettner - wiesbaden portraits

Kunsthaus Wiesbaden, 15.7. - 3.10. 2004

In den letzten Jahren ist das Interesse an Dokumentarfilmen stark gestiegen. Dabei fällt auf, dass auch völlig unbekannte Menschen mit ihren Geschichten und ihrem Alltag im Fokus stehen. Wir machen uns gerne ein Bild vom Leben und Schicksal anderer Menschen, möglichst nah an der Wirklichkeit und frei von Fiktion und Hollywood-Ästhetik. In der Fotografie ist dies schon seit Anfang des letzten Jahrhunderts der Fall. Besonders in Wiesbaden wurde die Fotografie zu einem Beweismittel im Kampf für eine sozialere Stadt.

SaschaBuettner versucht sich zum zweiten Mal an einem Portrait einer ganzen Stadt bzw. seiner Bevölkerung. Nach seinen "Pink Portraits" aus Südafrika 1993, wo er mehrere Jahre lebte, widmet er sich seit 1994 in einer work-in-progress-Arbeit der Stadt Wiesbaden.

SaschaBuettner hatte sich schon bei seinen "Pink Portraits" über Südafrika für die Kombination von Bild und Text entschieden, um die Einzelschicksale der Portraitierten zu dokumentieren und damit in der Summe ein Panorama der von der Apartheid gezeichneten südafrikanischen Gesellschaft zu entwerfen. Für seine Arbeit über Wiesbaden, die jetzt schlicht unter dem Titel "Wiesbadener Portraits" firmiert, verfeinerte er seine Methode, indem er nicht nur ein Portrait zeigt sondern zwei Bilder präsentiert, die in großer zeitlicher Distanz entstanden sind.

In der Geometrie sind zwei Punkte vonnöten, um eine Gerade zu fixieren. Man könnte sagen, SaschaBuettner hat dieses Gesetz mit zwei visuellen Fixpunkten zu seinem Konzept gemacht, um einen - chronologisch gesehen linearen - biografisch eher als Kurve mit den üblichen Höhen und Tiefen - verlaufenden Prozess zum Ausdruck zu bringen. Zusätzlich integrierte er jeweils einen Text in der Methode der Oral History, ein Surrogat aus dem jeweils aufgezeichneten Tonbandinterview mit der portraitierten Person.

Nach seiner subjektiven Vorstellung hatte sich SaschaBuettner ein Raster der für ihn typischen in Wiesbaden verbreiteten Berufe, ethnischen Gruppen und kulturellen Sparten und kulturhistorischen und politischen Erfahrungen erstellt. Dieser Kanon der Assoziationen berücksichtigt Klischees, historische Ereignisse und Mythen, umfasst alle möglichen Vorstellungen, die gemeinhin mit Wiesbaden verbunden werden. Auf Grundlage dieses Rasters suchte SaschaBuettner Repräsentanten für die jeweilige Kategorie und bat sie um ein für sie bedeutungsvolles Kindheitsfoto. Durch den von SaschaBuettner gewählten Bildausschnitt wird die Person im zeitgenössischen Portrait ähnlich im Bild positioniert wie auf dem Kindheitsfoto, damit selbst bei Gruppenbildern die betreffende Person eindeutig zu identifizieren ist. Überhaupt zielt das Projekt auf eine detektivische Spurensuche in Gesicht, Gestik und Dresscode.

In erster Linie sucht der Betrachter nach den Gemeinsamkeiten beider Bilder, zwischen denen manchmal nur 20 Jahre, oft eher 30 bis 40 Jahre oder mehr liegen. Eine ähnliche Strategie verfolgen wir bei den berühmten Familienalben. SaschaBuettner hat nach eigenen Aussagen die Portraitierten nicht dazu animiert, bestimmte Haltungen einzunehmen, dennoch haben viele Personen dies von sich aus getan und es ist leicht feststellbar, wie sich Körperhaltung, Gesichtsausdruck von Kind und Erwachsenem oder Greis doch ähneln bzw. sich Anlagen zu bestimmten Mienen, Körperhaltungen im Alter verfestigen.

So einfach das Konzept auf den ersten Blick auch sein mag, es öffnet die Vorstellung für die Leben der Portraitierten in wesentlich stärkerem Maße als es nur ein Portrait - wie brillant auch immer - leisten könnte. Interessant ist bereits ein Blick auf die Angaben zu den Entstehungsorten der Aufnahmen. Sollten sie identisch sein, was oft der Fall ist, läßt sich erahnen, wie verwurzelt die betreffende Person an ihrem Geburtsort ist, der eventuell auch ihre ganze Perspektive auf die Welt prägt. Dank beider Bilder beginnt unsere Phantasie ein Leben zu assoziieren. Das zeitgenössische Foto liefert dafür die Ausgangsbasis, denn hier forschen wir unweigerlich nach den Spuren von Leben wie Falten, depressive Miene, Traurigkeit, Stolz und Würde. Aufschlüsselung bietet der autobiografische Text. Die aus Brasilien stammende Flávia de Sinoza z.B. läuft auf dem Kindheitsfoto dem Knipser zwar etwas schüchtern aber doch vertrauensvoll entgegen, während die erwachsene und mittlerweile in Wiesbaden lebende Frau in ihrer Körperhaltung genau die von ihr bekundete Erfahrung zum Ausdruck bringt, nie von jemandem abhängig sein zu dürfen und sich allein und unabhängig durch das Leben schlagen zu müssen.

Um die fotografische Qualität der unterschiedlichen Fotos zumindest ansatzweise zu nivellieren, wurden die Prints von SaschaBuettner in einem leicht beigen Ton abgezogen.

Für die hier besprochene Ausstellung hat SaschaBuettner eine Mischung aus Gelb und Rot für die aufgezogenen Bilder gewählt, was in einen viel zu warmen und roten Ton mündet, der eine Art harmonisierenden Effekt hat und zum Teil sogar die feine Zeichnung der Gesichter verschwinden lässt. Es ist zu hoffen, dass der Künstler bei der nächsten Station dieser Ausstellung, die fortwährend um neue Personen bereichert wird, zu der alten, erprobten und funktionierenden Bildtönung zurückfinden wird. Die Texte wurden in einer früheren Ausstellungen getrennt von den Bildern zur Einsicht präsentiert, um das freie Spiel der Assoziationen über das Leben zwischen den fotografischen Fixpunkten nicht zu stören. Hier sind sie in einer auf jeweils einen Block in Höhe der Fotos gekürzten Fassung zwischen den beiden Bildern platziert zu sehen.

Matze Richelie

14.05.2005 · SaschaBuettner · r1