KurzerEindruck
Auf den Fotos z.B. waren Teilnehmer der Gedenkveranstaltung abgebildet, die Schilder mit den Namen der Deportierten in der Hand hielten: Manche trugen ihr Schild demonstrativ vor sich her, manche hielten es achtlos in der Hand, während sie den Rednern zuhörten, andere wiederum benutzten es als Schutz vor der Sonne. Waren sich diese Leute der Bedeutung dieser Namen etwa nicht bewußt, wenn sie sie wie alltägliche Gebrauchsgegenstände benutzten? Ganz im Gegenteil - war mein zweiter Gedanke. Die Demonstranten wußten, daß die Schilder mit den Namen der Toten nicht die Toten selbst waren, daß die Erinnerung an den Horror nur Symbole für diesen Horror benutzen kann, kurz: daß Distanz und "Vermittlung" nötig sind (man kann auch sagen: Bescheidenheit), um die arrogante und gefährliche Vorstellung zu vermeiden, man bekomme die Geschichte durch das Gedenken "in den Griff".
Vielleicht war diese "Unzulänglichkeit der Erinnerung" (auch im Sinne von: daß es sich hier verbietet, so richtig "zuzulangen") das eigentliche Thema der Installation, zumindest konnte man sie überall entdecken, wenn man wollte: keine drastischen Bilder mit möglichst viel unvermitteltem Schrecken drauf, sondern Abbildungen einer Veranstaltung, die Menschen mit Abbildungen der Namen der Ermordeten zeigten. Nicht in Stein gehauenes Ewiges, sondern Bilder, die beim ersten Regen zerlaufen wären. Keine Befestigungen, sondern "bewegliche" Steine (ein paar Stunden später hatte jemand schon ein Fragezeichen mit den Steinen gelegt).
Ich weiß nicht, ob dies die "richtige" Form der Erinnerung ist - haben die Opfer nicht ein Recht auf eine "unvergängliche" Form? -, sie kommt mir aber angemessener vor, als die monströse Angemessenheit (oder Anmaßung?) etwa desjenigen Entwurfes für das in Berlin geplante Holocaust-Denkmal, der auf einer riesigen Tafel alle Namen der Ermordeten vermerken will. Scheint hier nicht wieder die Logik des "Keiner darf entkommen" durch, deren brutale Konsequenzen das Denkmal doch eigentlich vor Augen stellen will? Der offensichtliche, demonstrative - und anscheinend sehr gründlich geplante - Bruch mit einer solchen Form der "Gründlichkeit des Gedenkens" war auf jeden Fall das, was mich an Sascha Büttners Installation am meisten beeindruckt und herausgefordert hat. Marburg, im August 1995
Angelika Magiros (Politikwissenschaftlerin)