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InterviewN0name2002

... antwort zu frage 1 [sb]:
ich glaube nicht an eine akzeptable definition von dem was kunst, was sozial, politisch oder gar ethisch ist, zumal ich das ethische grundsätzlich ablehne. die bezeichnung FOKUSWECHSEL finde ich angenehm. ich würde auch heute nicht mehr von einer art neubeginn einer 68ger revolution reden, obwohl ich im gegensatz zu den 80ger, doch eine deutliche konstruktive politische agitation einzelner künstler + künstlerinnen sehe. über diese these sprach ich bereits auf einer tagung vor 5 jahren in breslau. die zeit des kollektiven dekonstruktivismus scheint überwunden. auch scheint sich luhmans systembeschreibung nicht zu bewahrheiten. überhaupt scheint alles eher in einer wabernden, putzigen, bewegung zu sein, eine art fluß, in dem auch politische, auch soziale und vor allem künstlerische strömungen sich permanent vermischen. das führte letztendlich auch zur namensgebung unseres servers "INFLUXUS". die dinge, die keiner klaren benennung bedürfen, da sie sich nur so frei entwickeln können.
die verhaltensweisen des kapital sind schwer einzuschätzen, und vor allem nicht wirklich beeinflußbar. es ist ein anderes, ein antikapitalistisches gesamtverständiss innerhalb eines breiten bevölkerungsspektrums nötig. der kapitalmarkt hat sich das internet zu nutze gemacht. dies darf man nicht verkennen. die kommunkationgesellschaft ist ein produkt des derzeitigen superkapitalismus. er hat das internet aus seiner militärischen rolle in eine kapitalistische überführt (nebenbei bemerkt: gibt es da einen unterschied? müssen wir nicht wieder vom militärisch-industriellen-komplex reden?), nur ist hier etwas seltsames passiert. in seiner ersten phase entwickelte das system "internet" eine "super-neoliberale" ausprägung, die oft mit einer "anarchistischen nicht-kontrolliertheit", einer "autonomen zone" verwechselt wurde. ich sehe aber, und dies nicht zuletzt vor den jüngsten ereignissen, das der faktor der kontrolle (und hier meine ich nicht nur überwachung) immer mehr gewicht bekommt.
informationen aus dem netzt sind im kontext immer kapitalistisch geprägt, auch wenn sie das system kritisieren. was ein künstler hier leisten kann, wäre eine form der nicht bestimmung. ein annähern an eine form der absoluten auflösung aller vorhandenen kapitalistisch verwertbaren strukturen. malewitsch folgerte bereits 1922, das der sozialismus nur eine zwischenstufe der nachkapitalistischen gesellschaft ist, aber durch viele unterschiedliche versuche immer wieder neu beginnen und scheitern wird. die endphase sah malewitsch in der überwindung des sozialismus, weil auch dieser nur materielle ziele hat. es geht deshalb primär um die auflösung aller materiellen denkstrukturen. diese form hat er bekanntlich als suprematismus bezeichnete. ich denke auch das www wird sich in der zukunft suprematistisch entwickeln.

antwort zu frage 2 [sb]:
es ist doch immer so: der anfang ist voller erwartung und dann..., aber hier ist der zeitpunkt wichtig. es passierte etwas, nun kann darüber berichtet und erzählt werden. in der fortsetzung werden es weitere personen wahrnehmen und aktiv werden. ich denke vielen fehlte auch der mut aktiv zu intervenieren. es ist ja auch immer das ding mit dem anspruch. es will jeder doch einem solchen gerecht werden. auch mit dem was er tut. im netz (und während des serverhappenings schon gar nicht) ist niemensch unbeobachtet. es besteht die gefahr mit seinen bildern oder worten enttarnt zu werden. jedes foto, jede beschreibung, ist von unbekannten verifizierbar. ich plane eine fortsetzung in einer abgeänderten form. ich könnte mir vorstellen, dass texte zerhackt einfließen können, die zwar keinerlei inhalte mehr transportieren, aber sichtbare zeugnisse eines handeln sind. diese wären dann nur noch von dem eigentlichen autor identifizierbar, verschlüsselt und absolut kryptisch. bilder müssten aus dem netz gesaugt und auf den server ausgespuckt werden, meschanisch, ja stakkatoartig, einer maschinengewehrsalve gleich. das wäre der rythmus des netzes. ich werde mich vor allem um einen grössere streuung bemühen und versuchen mehr aktivisten + aktivistinnen zu erreichen.

antwort zu frage 3 [sb]:
das gerade ist mein ziel. eine bestehende institution weiterzuführen. zwar empfinden die zumeist über 70 jährigen mitglieder kaum noch anknüpfungspunkte, aber sie verspüren eine bewegung in eine neue richtung. lob aus diesem personenkreis empfinde ich als besonders bestätigend. der bbk wird durch meine art der aufmischung in bewegung gesetzt. durch bewegung entsteht wärme, also ein positives element. Was daraus folgt, bleibt offen. der bbk könnte sich so erweitern, dass er die mitglieder ausserhalb der traditionellen formen künstlerischen schaffens sucht. die aufnahme von personen aus den geisteswissenschaften oder dem poltisch/sozialen sektor ist sicher in naher zukunft denkbar. auch der rahmen, der die definition der künstlerischen festsetzung, also dem, was kunst ist, bestimmt, wird sich verändern.
der borderline kongress wäre nicht mit der vorhandenen bbk struktur durchführbar gewesen. es gelang mir bereits 2000, hier wichtige, ortsansässige, kulturelle grupierungen anzusprechen. hätte ich nicht mit der umformung des bbk wiesbaden begonnen, so hätten sich unter umständen die verhandlungen mit dem kgb oder dem "atelier bratwurst" oder der "new art activism kooperative" als äusserst schwierig gestaltet. ich denke, dass diese eher radikalen gruppen mit einem traditionell geführten bbk nicht kooperiert hätten. kurz, ich gehe mit meinem engagement im bbk den umgekehrten weg vieler politischer künstler: ich nutze die konservative hülle, um mit diesem schutz, radikale veränderungen voranzutreiben. morgen werde ich im bbk vereinsheim einen altar aufbauen, an dem einmal im monat der tod des autors (und der autorin) gefeiert wird. es haben auch schon einige künstler und künstlerinnen zugesagt, die dafür nötigen reliquien zu schnitzen und unentgeltlich zur verfügung zu stellen. auch opfergaben sind im gespräch. eine weiterführende aktion wird sein: jedem studio-artist einen toten hasen ans gebälk zu nageln. dem können diese künstler und künstlerinnen dann ihre bilder erklären.

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26.12.2004 · SaschaBuettner · r2