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InterviewMitSaschaBuettner


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Interview mit Sascha Buettner (Wiesbaden)



Matze Schmidt (MS): Sascha, mit deinen Aktivitaeten - Mitorganisation des 
_boderline_ Kongresses (http://www.octopusweb.org/borderline/), 
_serverhappening_ (http://www.b0rderline.f2s.com), Vermittlung von 
Kunstbetrieb und Theoriebetrieb - positionierst du dich sozusagen zwischen 
genuiner Produktion und Aktivismuskritik. Dabei kommen dir, wie aus 
deinen Aussagen herauszulesen ist, immer wieder 'ethisch-politische' 
Fragen bezogen auf die Weiterentwicklung digitaler Freiraeume 
entgegen einer verengenden kapitalistischen Oekonomisierung. 
Das Thema Politische Kunst ist ein eigenes, denkt man sich; auffaellig 
ist jedoch, dass es momentan soetwas wie einen Fokus-Wechsel dorthin 
innerhalb einer bestimmten Generation von Aktiven in Datennetzwerken gibt. 
Wie erklaerst du dir das?


Sascha Buettner (SB): ich glaube nicht an eine akzeptable definition von 
dem was kunst, was sozial, politisch oder gar ethisch ist, zumal ich das 
ethische grundsaetzlich ablehne. die bezeichnung FOKUSWECHSEL finde ich 
angenehm. ich wuerde auch heute nicht mehr von einer art neubeginn einer 
68ger revolution reden, obwohl ich im gegensatz zu den 80ger, doch eine 
deutliche konstruktive politische agitation einzelner kuenstler + 
kuenstlerinnen sehe. ueber diese these sprach ich bereits auf einer 
tagung vor 5 jahren in breslau. die zeit des kollektiven dekonstruktivismus 
scheint ueberwunden. auch scheint sich luhmans systembeschreibung nicht zu 
bewahrheiten. ueberhaupt scheint alles eher in einer wabernden, putzigen, 
bewegung zu sein, eine art flusz, in dem auch politische, auch soziale und 
vor allem kuenstlerische stroemungen sich permanent vermischen. das fuehrte 
letztendlich auch zur namensgebung unseres servers "INFLUXUS". die dinge, 
die keiner klaren benennung beduerfen, da sie sich nur so frei entwickeln 
koennen.

die verhaltensweisen des kapital sind schwer einzuschaetzen, und vor allem 
nicht wirklich beeinfluszbar. es ist ein anderes, ein antikapitalistisches 
gesamtverstaendiss innerhalb eines breiten bevoelkerungsspektrums noetig. 
der kapitalmarkt hat sich das internet zu nutze gemacht. dies darf man 
nicht verkennen. die kommunkationgesellschaft ist ein produkt des 
derzeitigen superkapitalismus. er hat das internet aus seiner 
militaerischen rolle in eine kapitalistische ueberfuehrt (nebenbei bemerkt: 
gibt es da einen unterschied? muessen wir nicht wieder vom militaerisch-
industriellen-komplex reden?), nur ist hier etwas seltsames passiert. in 
seiner ersten phase entwickelte das system "internet" eine "super-
neoliberale" auspraegung, die oft mit einer "anarchistischen nicht-
kontrolliertheit", einer "autonomen zone" verwechselt wurde. ich sehe aber, 
und dies nicht zuletzt vor den juengsten ereignissen, das der faktor der 
kontrolle (und hier meine ich nicht nur ueberwachung) immer mehr gewicht 
bekommt.

informationen aus dem netzt sind im kontext immer kapitalistisch gepraegt, 
auch wenn sie das system kritisieren. was ein kuenstler hier leisten kann, 
waere eine form der nicht bestimmung. ein annaehern an eine form der 
absoluten aufloesung aller vorhandenen kapitalistisch verwertbaren 
strukturen. malewitsch folgerte bereits 1922, das der sozialismus nur 
eine zwischenstufe der nachkapitalistischen gesellschaft ist, aber durch 
viele unterschiedliche versuche immer wieder neu beginnen und scheitern 
wird. die endphase sah malewitsch in der ueberwindung des sozialismus, weil 
auch dieser nur materielle ziele hat. es geht deshalb primaer um die 
aufloesung aller materiellen denkstrukturen. diese form hat er bekanntlich 
als suprematismus bezeichnete. ich denke auch das www wird sich in der 
zukunft suprematistisch entwickeln.


MS: Mit dem von dir veranstalteten _serverhappening_ im September 2001 
hast du unter der Vorgabe des Potlatsch besonders die Fantasie vom flachen 
Sharing-Raum stark gemacht, die Resonanz war quotentechnisch betrachtet 
jedoch nicht sehr hoch. Enttaeuschend aber war vielleicht die Tatsache 
eines Misverstaendnisses seitens der Teilnehmer: es wurde zwar kraeftig 
hochgeladen, aber wenig Resampling betrieben. Genau dieses Moment des Aus- 
und Tausches wurde etwas verfehlt. Ist die Idee, Open Source-artige 
Strukturen in zunaechst zweckungebundene Umgebungen zu implantieren 
illusorisch, oder lagen die Gruende fuer dieses "Verfehlen" in szenischen 
Grenzen, die auf eine gar nicht so "offene" translokale Internetgemeinde 
schlieszen lassen?


SB: es ist doch immer so: der anfang ist voller erwartung und dann..., 
aber hier ist der zeitpunkt wichtig. es passierte etwas, nun kann darueber 
berichtet und erzaehlt werden. in der fortsetzung werden es weitere 
personen wahrnehmen und aktiv werden. ich denke vielen fehlte auch der 
mut aktiv zu intervenieren. es ist ja auch immer das ding mit dem 
anspruch. es will jeder doch einem solchen gerecht werden. auch mit dem 
was er tut. im netz (und waehrend des serverhappenings schon gar nicht)
ist niemensch unbeobachtet. es besteht die gefahr mit seinen bildern oder 
worten enttarnt zu werden. jedes foto, jede beschreibung, ist von 
unbekannten verifizierbar. ich plane eine fortsetzung in einer 
abgeaenderten form. ich koennte mir vorstellen, dass texte zerhackt 
einflieszen koennen, die zwar keinerlei inhalte mehr transportieren, 
aber sichtbare zeugnisse eines handeln sind. diese waeren dann nur noch 
von dem eigentlichen autor identifizierbar, verschluesselt und absolut 
kryptisch. bilder muessten aus dem netz gesaugt und auf den server 
ausgespuckt werden, meschanisch, ja stakkatoartig, einer 
maschinengewehrsalve gleich. das waere der rythmus des netzes. ich werde 
mich vor allem um einen groessere streuung bemuehen und versuchen mehr 
aktivisten + aktivistinnen zu erreichen.


MS: Du bist in Wiesbaden im BBK-Vorstand, dem als eher konservativistisch 
geltenden Berufverband Bildender Kuenstler in Deutschland. Siehst du die 
Chance, die Arbeit innerhalb einer solchen Organisation im Sinn eines 
breiteren und sozio-aesthetischen Selbstverstaendnisses neu zu 
definieren? Schliezlich lagert dieser Verband traditionell wichtige 
kulturpolitische Verknuepfungen, die zur Kritik an kulturellen Formaten 
in Kopplung mit technischen Formaten genutzt werden koennten.


SB: das gerade ist mein ziel. eine bestehende institution weiterzufuehren. 
zwar empfinden die zumeist ueber 70 jaehrigen mitglieder kaum noch 
anknuepfungspunkte, aber sie verspueren eine bewegung in eine neue 
richtung. lob aus diesem personenkreis empfinde ich als besonders 
bestaetigend. der bbk wird durch meine art der aufmischung in bewegung 
gesetzt. durch bewegung entsteht waerme, also ein positives element. Was 
daraus folgt, bleibt offen. der bbk koennte sich so erweitern, dass er 
die mitglieder ausserhalb der traditionellen formen kuenstlerischen 
schaffens sucht. die aufnahme von personen aus den geisteswissenschaften 
oder dem poltisch/sozialen sektor ist sicher in naher zukunft denkbar. 
auch der rahmen, der die definition der kuenstlerischen festsetzung, 
also dem, was kunst ist, bestimmt, wird sich veraendern.

der borderline kongress waere nicht mit der vorhandenen bbk struktur 
durchfuehrbar gewesen. es gelang mir bereits 2000, hier wichtige, 
ortsansaessige, kulturelle grupierungen anzusprechen. haette ich nicht mit 
der umformung des bbk wiesbaden begonnen, so haetten sich unter umstaenden 
die  verhandlungen mit dem kgb oder dem "atelier bratwurst" oder der 
"new art activism kooperative" als aeusserst schwierig gestaltet. ich 
denke, dass diese eher radikalen gruppen mit einem traditionell gefuehrten 
bbk nicht kooperiert haetten. kurz, ich gehe mit meinem engagement im bbk 
den umgekehrten weg vieler politischer kuenstler: ich nutze die 
konservative huelle, um mit diesem schutz, radikale veraenderungen 
voranzutreiben. morgen werde ich im bbk vereinsheim einen altar aufbauen, 
an dem einmal im monat der tod des autors (und der autorin) gefeiert wird. 
es haben auch schon einige kuenstler und kuenstlerinnen zugesagt, die 
dafuer noetigen reliquien zu schnitzen und unentgeltlich zur
verfuegung zu stellen. auch opfergaben sind im gespraech. eine 
weiterfuehrende aktion wird sein: jedem studio-artist einen toten hasen 
ans gebaelk zu nageln. dem koennen diese kuenstler und kuenstlerinnen 
dann ihre bilder erklaeren.

Entnommen aus: http://www.n0name.de/news/news39.txt

21.02.2004 · SaschaBuettner · r1