sab: komischer weise wird im diskurs um sogenannte neue medien die uhr ständig zurück gedreht: wir waren uns doch schon 1985 darüber einig, daß das publikum autonom ist und sowieso macht was es will. ich empfinde diese diskurse über das publikum als einen herrschaftsdiskurs: es geht darum, dem publikum seine meinung aufzudrücken, es mit festem griff an die hand zu nehmen und ihm zu sagen, wie es was zu verstehen hat. wenn ich publikum wäre, ich würde solchen versuchen aber ordentlich kontra geben! ja, wir sollten einen publikum-hooligan-verein gründen, der zu den veranstaltungen reist und alle noch so tollen bemühungen mit rüden, dafür klaren und einsichtigen aktionen und rüpeleien zu nichte macht. ich denke auch, daß das publikum nicht produzenIn ist. nicht im sinne einer kunstproduktion. sonst wäre das publikum ja nicht publikum sondern künstlerIn. es hat auch keinen sinn diese grenze zu verwischen. die ist da und muss aktzeptiert werden. also sollten wir aus der sackgasse heraus und lieber daran überlegen, wie eine publikumskultur aussehen sollte. s. auch den publikum-hooligan-verein. die satzung des publikum-hooligan-verein hat 3 fest formulierte aufgaben/ziele:
öffentliche gelder anstreben und ohne jegliche gegenleistung verteilen
produzentenInnenplattformen finden, aufsuchen und verstruwweln
sich niemals einemR produzentIn erklären
FM: die byteart in basel wurde während 3 tagen opfer eines streiks der user+consumer gewerkschaft. gepaart mit einer nicht auffindbaren location und unzureichender pr sind das die besten strategien, veranstaltungen ohne publikum durchführen zu können. was an sich ja schon ein luxus ist, den man sich nur in der schweiz leisten kann. aber eigentlich die beste voraussetzung für kulturelle produktion bietet. jede andere form von festival oder ausstellungsbetrieb zieht den benutzer und kunden soweit ein, dass die auswahl und präsentation der arbeiten offensichtlich ist.
Man befindet sich immer dazwischen. zwischen der totalen öffentlichkeit und der absoluten einsamkeit des popstars. ich nenne das den publicity factor. ein medienkünstler sollte fähig sein, diesen faktor frei zu wählen. von 1 auf 100.000 in 10 sekunden und umgekehrt. handlungsstrategien entwickeln, diese verschiedenen formen von öffentlichkeit taktisch zu erobern. der medienkünstler muss - im gegensatz zum popstar - auch kleine gemeinschaften ansprechen, ohne die unterstützung einer grösseren öffentlichkeit. popstars ist das nicht möglich, sie stehen unbarmherzig in einer bestimmten grössenordnung von öffentlichkeit. publicity-factor: 1.000.000. alle äusserungen werden immer publiziert.
sab: die nächste stufe der netzkunst?
fm: Zuallererst handelt Netzkunst von werkzeugen. Tools oder Sensoren messen alle Bewegungen oder eben fehlende Prozesse (Hits, http requests, files aller art, userinformationen, telefonnummern, emailadressen, urls, ...). Diese daten (und solche, die man sich noch gar nicht vorstellen kann) sind die grundlage und ressource von künstlerinnen im netz. Es gibt verschieden Möglichkeiten, diese Daten zu transformieren (transaktion). Die visuellen künstler im netz benutzen grafische Übersetzungen der Daten wie Flächen, 3D oder Flash. Die taktischen NetzAktivistinnen schreiben solche Daten in emails und verschicken sie an automatisch generierte email accounts. Die esoterischen Programmiererinnen versuchen Code zu generieren, der diese Daten verwendet um z.B. einen Browser zu steuern, der irgendwo in Zentralamerika aufgerufen wird.
Ich arbeite gerade an einer Show mit dem Titel wartainment. Es geht dabei um die repräsentation kreativer oder betroffener ausdrucksformen in unterhaltsamen formaten im netz (also text fällt da grundsätzlich schon mal durch). Es sind ganz normale Menschen, die z.B. eine Animation machen um ihrem Ärger Ausdruck zu geben. Inhalt und Meinungen werden medialisiert und verbreitet, die Identität des Autors spielt keine Rolle mehr. Das Ende der Popularisierung von Gestaltung und Design ist erreicht. Du gestaltest auch dein Auto selbst, deine Krawatte, demnächst deine Embryonen. Das nennt man Masscustomization. Möglichst hohe Qualität bei grösstmöglicher Individualität und Massenproduktion.
Dein Netzkünstler könnte auch ein Bot sein oder eben ein Agent Ruby zum Downloaden auf den eigenen Palm.
sab: wo bleibt der inhalt?
fm: Der Inhalt ist in den zahlen und zugriffen schon enthalten. es braucht gar nicht mehr. die zahlen sind ästhetik genug und der erfolg stellt sich ein, durch die anzahl verlinkungen und mails in der box. (vgl. net-manifesto alexei shulgin). der kreative umgang mit diesen zahlen unterscheidet den netzkünstler vom netzmanager. vielleicht sind beide demnächst auch eine person.