"Sehnsucht in die weite Ferne" Anmerkungen zu Sascha Buettners "Traktat über das Reisen". Sascha Buettner (*1966 in Wiesbaden, lebt in Wiesbaden): Sascha Buettner fotografiert. Er tut dies mit wechselnder Thematik: Kultur- und kunsthistorische Komplexe greifen über in naturhistorische, wiederkehrend sind autobiografische und selbstinszenierte Momente. Er verwirklicht seine Themen an Meeresstränden, in Armenhäusern, in Hotels, in Pflanzenhäusern oder in den Straßen wuchernder Metropolen. Seit 1991 hat Buettner begonnen auf realen und fiktiven Reisen "Reisebilder" zu sammeln. Die Vermischung von realen Szenen, Beobachtungen und Beschreibungen mit Kunstfiguren, wie Künstler, Philosoph, Seefahrer oder Reisender, schafft zusammen mit ästhetischen und mystischen Gedanken Kaleidoskope der Wahrnehmung. Alltägliche Banalitäten wie auch die oft tableauartige Präsentation des Fotomaterials erinnern im Genre an Roadmovies, kurz, an einen subjektiven Charakter der Reiseerfahrung, die zwischen illusionärem Nomadendasein und verhinderter Zivilisationsflucht oszilliert. Parallel zur Fotografie entwickelt Buettner mit seinem "Traktat über das Reisen" eine Art "ongoing project", das Textmaterial über Abfahrt, Passage und Ankunft versammelt. Zitate, Selbstzitate und Auszüge aus der Literatur fügen sich zu einer Endlosschleife, die - ohne Anfang und ohne Ende - das Reisen in seine Fragmente zerlegt. In einem Text von Otto Hochreiter heißt es: "Nicht das Ankommen ist das Ziel der Reisen des Sascha Buettner, sondern das plötzliche Erkennen des eigenen Selbst im Rätsel- haften." Buettner thematisiert das MKünstlersein schlechthin, denn der Künstler befindet sich sein ganzes Leben lang nur auf der Durchreise. Buettner wartet am Horizont aller Landstraßen. Worauf nur? * Von Freiheit und Fremde als "voreiliger Vorteil eines nahen Verlustes" - wie es Rainer Maria Rilke formulierte - sprechen auch die Bilder von Sascha Buettner, Bilder aus einer Welt, die an ihm vorüberrollt, wie ein Zelluloidstreifen die aufmerksamen Augen eines Cutters am Schneidetisch passiert. Buettners Schnitte sind voller Ironie, seine Enttäuschung ist die dosierte eines Wissenden. Seine Arbeiten, gleichsam Standbilder angehaltener Reisebewegungen, finden ihre Ent- sprechung in der These Virilios von der Reise als Film. Vom fahrenden Zug aus betrachtet, wird die Landschaft zur Staffage, deren Geschichte von der am Fenster- brett keineswegs zufällig plazierten Zeitung erzählt wird. Dazwischen setzen traurig-melancholische Bilder von urbanen Niemandsland von Autobahnauffahrten und Verkehrsknotenpunkten die Zäsuren von An- und Abreise. Auf der Suche nach den Bildern im Kopfe findet er jene wieder, die er zu Hause längst hinter sich gelassen zu haben glaubte. Die Skyline von Manhattan entpuppt sich bei näherer Beschau als ein in einer verstaubten Reisebürovitrine vor sich hin vergilbendes Plakat. Der Südseezauber funkelt in der näheren Heimat, Palmengarten, Frankfurt. In Abwandlung eines Satzes von Jenischen könnte wohl auch Sascha Buettner sagen: "Ich bin dort zu Hause, wo meine Bilder sind", ob die Reise nun wie Xavier de Maistre "Autour de ma Chambre" oder Phileas Fogg "In achtzig Tagen um die Welt" führt. So wie Segalen in seinem Essay "Sur l'éxotisme" das Exotische als Moment der Existenzerfahrung, der Selbsterkenntnis verwendet, so sind auch Sascha Buettners Reisen nach innen gerichtet. Sascha Buettner wird, wie Virilio den wahren Reisenden in seiner "ästhetik des Verschwindens" beschreibt, zum Voyeur der eigenen Reise. Je mehr er sich selbst ins Bild rückt, desto mehr verschwinden die Bilder um ihn herum. Die Decamouflage touristischer Codes gipfelt in deren Abwesenheit. Die Kulissen seiner Träume entschwinden und zurück bleiben Sascha Buettner und sein Werk. Das Ziel seiner Reise ist erreicht, es ist die Reise selbst. So fährt Sascha Buettner weiter seinen Sehnsüchten entgegen, um sich immer wieder achselzuckend einzugestehen, woran Julia Kristeva mahnt: "Fremde sind wir uns selbst." Matt Gerard, 1997