Das 40-Euro-Glück, Simone kennengelernt zu habenKeine Angst, das alles geschieht nie wirklich
Es sind 40 Euro Monat für Monat, aber ach! was bieten sie mir, diese Blätter, die Tag für Tag in den Briefkasten gestopft werden. Nein, eher werde ich noch ärmer, als das Zeitungsabonnement zu kündigen. Heute ist Samstag, da stellt mich das Blatt immer auf die besondere Probe des Stellenmarkts. Ist ja lebensnotwendig, denn es kann nicht einfach so weiter gehen. Der Rubel muß rollen. Also blättere ich durch den nichtssagenden Versalienmarkt halsschreierischer Moden und stoße auf Menschenbezeichnungen wie "Key Account Manager" oder "Sales Profi". Also werden wohl Verkäufer gesucht. Hier spielt das Blatt noch mit dem Vorurteil, es sei für Wirtschaftsmenschen besonders interessant. Mag sein, aber wir kommen darauf später zurück. Nun erst einmal zur Zukunft des 44jährigen Bauingenieurs ohne sonstige Ambitionen. Geprägt und imprägniert durch einen Horror vor der Härte von Hartz IV (igitt, wie das schon klingt!), suche ich auch in geographischen wie beruflichen Regionen, die sonst nicht unbedingt der Fall wären, jedenfalls nicht für mich. Aber - so Gott will - es gibt nichts als Verkäufer. Nur Krämerseelen für Großraumbüros oder für den Kampf auf offener Straße im A4-Kombi werden gesucht. Ein bis zwei Programmierer, sieben bis neun Ingenieure. Und dies trifft ganz Deutschland, nicht nur die armen Ostländer. Ein durchschnittliches Wochenende. Könnte man meinen, doch es ist noch ein wenig mehr.
Denn das schönste an dieser Lektüre jenseits der Tage im Einerlei von Selbstfindung und Bewerbungsschreiben sind die merkwürdigen Eigenwerbungen, welche gern auch mal eine redaktionelle Note bekommen (S. V24, FAZ, 23.10.2004). Da wird heute beispielsweise die süße Frau Simone I. befragt. Sie ist "Human Resources Manager" bei "Advanced Mask Technology Center" (Zentrum f. Fortschrittliche Maskierungs-Technik, die Autonomen betreiben also auch schon Outsourcing, oder wie ist das? Die Herren Curver, Büttner und Braan, sie allseits maskierte Blog-Krieger, lassen sie sich dort auch zunähen?), das war sie schon 2002, wie das Zwischennetz per Google verrät. Ohne ihr oder dem Unternehmen oder beiden allzu nahe treten zu wollen, aber dieser Schwanenhals, per gedrucktem Bild geschätzt auf Anfang 20 (oder aber extrem gut gehalten), ist das, was man in zehn bis fünfzehn Jahren als Trash der Branche deklarieren wird. Hoffen wir einerseits, daß sie immer leicht Arbeit findet, andererseits, daß sie in Würde altert und im Rahmen ihrer Tätigkeit eben nicht nur auf die Zähne und den Arsch schaut. Ach, sorry, ich meine natürlich auf die Soft Skills für den Job beispielsweise als Chief Coffee Advisory Assistant im Marketing vom AMTC. Aber schauen wir noch einmal genauer hin, was uns dieses hübsche junge Ding, von der wir leider nur ihre spießige Fielmann-Brille, ihren BigMag Ryan-Wuschel (selig ist der Senior Pro-Sales Prior-B2B-Porno Manager, der ihre wahrscheinlich ebenso knuddeligen Tittchen wie Bäckchen herzen darf) und ein cjuel gestreiftes Hemd über blauem Pülli zu sehen bekommen. Ich bin aus gutem Hause, sagt mir das. Und das ist gut so. Aber die Geschichte, welche meine Lieblingszeitung daraus kreiert, geht so:
Die FAZ befragt "erfolgreiche Personalmanager". Und sie fragt (wer denn? ein Wirtschaftsredakteur, nein, die vielgeliebten BEILAGEN, die niemals genau wissen, wo sie hingehören, aber eigentlich Radikal-Werber vor dem Herrn sind) nach den core attributes bei einer fiktiven Personifizierung von Simones Arbeitgeber. Und der ist laut Blondchens Meinung natürlich dann "kreativ, ehrgeizig und fleißig", wie mein Papi. Dann plänkelt es ein wenig in Richtung Professional Advertisement Managerin, sprich: Sie darf erzählen, wie toll ihr Laden ist, darf noch mal beurteilen, ganz die Creatrice des Business, was eine gute Anzeige kennzeichnet (daß sie vielleicht schleichend wirbt?). Doch wirklich spannend, wenn sie nach den Kriterien ihrer eigenen Arbeit befragt wird:
"Wie beurteilen Sie, ob ein Kandidat "paßt" und sich langfristig in Ihrem Unternehmen wunschgemäß entwickeln kann?" (Ich bin enthaltsam, was die Frage angeht, denn es gibt bekanntlich nur dumme Antworten.)
Simönchen: "Die Mitarbeiterauswahl ist für das AMTC ein ausgesprochen wichtiger Bestandteil der Personalarbeit. Ach was, hätte ich nicht vermutet, aber muß ja auch, sonst könnte ja der Kollege aus der Akquise den Job übernehmen. Hier gehen wir sorgsam vor, in dem wir nach einem ersten (folgt noch ein zweites?) telefonischen Vorgespräch (oooh Baby, Telefonsex wäre mir nicht recht, ich lieb's direkt mit Körperkontakt) den Kandidaten (keine Innen, bitte) zu einem 'Bewerbertag' (jippie, wie bei MacDonalds oder im Bundeskanzleramt) in unser Haus einladen. (Sorgsamkeit, das ist eine tolle Tugend. Klar, mit dem Aussehen strahlt man jene förmlich aus. Gutes Studium, tolle Laufbahn nach gewissenhafter Zeit. Niemals wild gewesen, niemals Drogen. Also voll das Leben in sich und aus sich heraus. Willkommen im Squash-Center mit Trockensauna. Wellness und Creative Live-Workbalance garantiert.)[Herr Nüppel, Sie sind doch nur neidisch! Jawoll, und auch das ist gut so!] Dieser Tag gilt dem gegenseitigen Kennenlernen und Abschätzen, ob der Bewerber und AMTC harmonieren. (na, dann schenk mir doch noch eine Tasse Dahlheimer PornoDomo ein) Aus diesem Grund präsentiert sich an diesem Tag nicht nur der Bewerber, sondern auch das AMTC. (na spitze, und das ist unser Bettriebsrat Alfred Kawutzke, aber den werden sie nie sehen. Und jetzt hurtig ins Assessment Center, damit sie unser Unternehmen so richtig kennenlernen) Nur wenn beide Vorstellungen zusammenpassen, ist gewährleistet, daß eine erfolgreiche, langfristige Zusammenarbeit zustande kommt." (Na, da bin ich aber beruhigt. Harmonie, zusammmen, Erfolg, langfristig. Das sind die Formeln aus denen sich meine unerfüllten Träume synthetisieren lassen. Simone, Deine wirklich tiefgehende Lebenserfahrung macht Dich zu einer geeigneten Personalchefin. Ich bewundere die Weisheit, die man sonst eher beim alten Salomon fände. Hier spricht sie aus der Jugend Deiner Erscheinung massiv. Sicher bist Du FDP-Mitglied und engagierst Dich in Deiner Freizeit für krebskranke Stadttauben, weil die so eklig niedlich sind, mit ihren Beinstümpfen und Zecken.)
Na, das muß man erst einmal verdauen. Ich habe mir Simones Bild an den Kühlschrank gehängt. Ich finde, daß sie das verdient hat. Und ich möchte behaupten, daß sie eigentlich schon reif für die Alterspräsidentschaft bei Hertha BSC ist. Schließlich hat der Erfolg bereits Nachhaltigkeit bewirkt. Danke FAZ, für diesen Schmaus.
-- HolgerKarsch - 23 Oct 2004
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simone.jpgSimone am Kühlschrank erinnert an die Wirklichkeit