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MargiNalie20040808001

Anmerkungen zu Diskursleadern 1

Isabelle Graw: Silberblick. Texte zu Kunst und Politik, Berlin 1999

Tanzende Projekte. Über die Zeichnungen von Gordon Matta-Clark, 178-182

Die (Ausstellungs)Rezension beschreibt keineswegs das, was es zu sehen gibt. Man weiß erst einmal auch nicht, wo man sich überhaupt befindet, ob in der Kopfstube der Denkerin oder in der Schau der Generali (S. 178). Der Text beginnt mit einem "persönlichen" Blick auf den Künstler, auf eine Erinnerung, welche die Autorin mit dem Künstlernamen verbindet: dem Zerschneiden von Häusern. Es folgt ein Häppchen Werk- (so erfahren wir, um was es dem Künstler nicht ging, S. 179), ein Bissen Rezeptionsgeschichte, damit nach rund zweieinhalb Seiten (S.180) die erste Zeichnung erwähnt wird. "Betont liebevoll" sei die "formale" Ausführung, festgemacht an "Zeichnungen". Leider wird dem Leser nicht mitgeteilt, aus welchem Zusammenhang, welcher Serie, Zeit und all den anderen, üblichen Zuschreibungsfaktoren sich die Quellenlage speist. Die Sachen sind einfach da. Schön.

Dann beginnt ein Zitat, von dem der Leser leider nicht weiß, wann es endet, und das ist fatal, denn schließlich wird "künstlerische Expressivität" eingeleitet, wobei man sich fragen sollte, welche denn sonst damit gemeint wäre. Die "kindliche" wohl kaum, denn da Herr Matta-Clark nun einmal als Künstler ins System gebucht worden ist, daran auch absolut gar kein Zweifel bestehen muß, fragt man umso stärker nach dem Sinn dieses Adjektivs. Natürlich könnte auch simulierte kindliche Expressivität gemeint sein, um im Bild zu bleiben. Jedoch taucht dann das Problem auf, daß die Zuschreibung um die Anzeige einer künstlerischen Simulation gebracht worden ist. Je nun, das Zitat endet nicht, also scheint's auch gleich zu sein. Alles, inklusive der Kontextualisierung im Lebenswerk, ist vage. Nichts läßt sich überprüfen, wenn auch als Beispiel eine Zeichnung angeführt wurde. Den Bäumen in den Zeichnungen (welchen?, noch einmal, S. 180) wird eine Staffel kunsthistorischer Termini zugeschrieben ("Spuren eines abstrakten Expressionisten", "abstrakte Kompositionen", Titel, welche Bezüge zu einem Projekt erinnern, Motiv usf.).

Nun folgt im letzten Absatz eine sehr interessante Wende und Schlußfolgerung. Nachdem nicht viel mehr geschrieben wurde, als daß Matta-Clark 1. Künstler 2. zeichnender Künstler und 3. politischer Künstler (usf.) sei, behauptet Graw, er nähme sich "in seinen Zeichnungen künstlerische Freiheiten heraus". Ok. als Künstler geht das, glaube ich. Soll das Material als Studie und/oder Projektvorarbeit erkannt worden sein, fehlt erstens der entscheidende Satz, zweitens der Zusammenhang. Und auch der Schluß, daß eine Freihandzeichnung auch einen Anspruch auf Objektrealisierung in sich tragen kann, der wird nicht belegt, und man weiß beim besten Willen nicht, woher das kommt. Dann apodiktisch zu behaupten: "Jede Diskussion über die formalen Qualitäten seiner Arbeit hätte er wahrscheinlich in ihre Schranken verwiesen", entbehrt jeder Grundlage und jeder Welthaltigkeit, ist man versucht zu phänomenologisieren. Und so geht es weiter und weiter. Eine Behauptung jagd die nächste. Womit am Ende das übliche Geschwurbel zeitgenössischer Hobbytheoretiker steht und die Verwirrungsstiftung perfekt ist.

Nach Ende der Lektüre dieses Textes weiß niemand, warum er in die Ausstellung gehen soll, ob es die überhaupt gegeben hat, und das Ganze erschien auch noch in der Stargazette "Texte zur Kunst", 1997 , das erste Mal. Tja, schade, schade, arme Kunstkritik. Gehen wir in Zukunft doch noch härter mit ihr ins Gericht. Warum muß man sich schließlich den Blödsinn gefallen lassen!

no(c)mw, 08. August 2004

08.08.2004 · MatthiasWeiss · r2