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MargiNalie20040807003

Warum ich Kunsthistoriker bin

Das weiß ich eigentlich auch nicht genau. Irgendwann wollte ich lieber schreiben als malen. Wie so viele unserer Zunft. Aber normalerweise hätte es nicht so weit kommen dürfen, denn ich stamme nicht aus einer Familie mit akademischen oder anderen Traditionen. Nur gab es in der Bundesrepublik alter Prägung einmal eine Zeit, in der gerade dieses Problem, das in Widerspruch zur Freiheit, die uns allen im Grundgesetz zugestanden wird, durch höchst aktive Bildungsförderung kompensiert wurde, eben dadurch keins mehr war. Da wuchsen die Universitäten nur so hervor. Der Campus wurde zur bevorzugten Bauform, wie heute vielleicht das Museum. Ich erinnere an die Betonvisionen einer ganzen Region: Ruhr-Universität Bochum, Universität Essen, Gesamthochschule Wuppertal (heute Universität), Siegen, Hagen, Düsseldorf, Duisburg - All diese Städte erhielten ihren eigenen Tempel der Bildung für die armen gebeutelten Ausgestoßenen. Und man mag aus der Perspektive des Grundgesetzes laut sprechen: "Und das war gut so!"

Aber warum das Ganze, wenn nun der komplette Park an freundlicher Menschenverbesserungsanstalten sukzessive wieder destruiert wird? In den späten 80er Jahren schien eine Wende einzusetzen. Es wurde nicht mehr an eine Kontinuität gedacht, denn nun kam die Prostmoderne über uns und anscheinend vor allem über die Politiker, die nicht mehr auf das aufbauten, was ihre Vorgänger an Bildungssystemen erdacht hatten. Die haben sich offenbar von ihren Beratern sagen lassen: "Vergeßt die Ideale, denn die sind totalitär, de-konstruiert doch erst einmal alles, bevor Ihr den Laden in den Bankrott schickt." Feyerabend oder Feierabend. Für viele ist das keine Frage, für den Beobachter der Situation zwanghaft verfolgt und nicht mehr aus den Hirnen der Entscheider fortzudenken, unterstellterweise. Und der Beschluß des Ganzen? Offenbar ist den Regierungen seit einiger Zeit der Bürger wirklich egal, gleichgültig, fast über, lästig, oder was immer.

Meine Eltern wurden immer wieder gefragt, was denn der Zögling dereinst mit seinem Studium anfangen möchte, und ich hatte sie einigermaßen fatalistisch programmiert: "Sagt doch einfach: arbeitslos oder Museumsdirektor." Eins der Ziele habe ich schon erreicht. Und mein Museum bin ich mir selbst, wenn ich mich aus der Perspektive der Gegenwart analysiere.

Ich frage mich nun, wie die anderen, diejenigen, welche mit mir studiert haben, nach mir - vor mir, wann immer, wie gehen die damit um? Was machen die heute? Wollen die auch nichts anderes als Kunsthistoriker, Sprachwissenschaftler, Philosophen sein? Leider ist die Uni mittlerweile zu einer Neurosen-Psychosenproduktionsmaschine geworden, welche nur Knochengerüste und Magersucht und andere Nervenkrankheiten zumindest bildlich auswirft. Ich frage mich daher und weil ich mich so gesund fühle, warum ich mich als Kulturarbeiter immer für alles rechtfertigen muß: "Warum gibst Du Geld für Bücher aus? Warum kostet Dein Studium mehr, als es einbringt? Bist Du auch wirklich effizient?" Ich höre mit der Fragerei schnell auf, das bringt mich sonst noch um. Und ich kenne Leute, die stehen kurz vor dem Abschluß ihrer (erfolgreichen) Forschungen und fragen sich nach ihrer gesellschaftlichen Legitimität! Die Zeit muß zurück. Als Qualität. Nicht als knappe Ressource!

Heute frage ich mich nicht mehr nach der Richtigkeit meiner Wahl, schließlich hatte ich das Glück der freien Wahl, und als solche weiß ich es zu schätzen, zu lieben. Ich stehe dazu, daß ich meinen Beruf liebe, auch wenn mich diese Gesellschaft ihn nicht ausüben läßt. Nein, ich akzeptiere meine Wahl nachdrücklich, wünsche, daß die Zeiten sich bessern, tue mein Ökolinkes dazu, daß dies einmal eintrete. Bin schließlich überzeugter Gutmensch. Sollen sich doch die armen Irren aus den Verbildungsministerien und Evaluationsmaschinen um ihren eigenen Dreck kümmern. Zur Not kaufe ich mir einen Wohnwagen und öffne die mobile Akademie, predige allen Leuten von Rembrandt auf der Straße, belege, daß ohne Pater Pozzo Baudrillard nicht wäre, daß wir sie brauchen, diese Orchideen, die wirken, aber eben nicht zu Quotienten in Gleichungen von ministerialen Rechenschiebern verkommen. Was ist denn Profit? Die Fernseharmut von Werbung und Privat-Verblödern? Nein, bestimmt nicht. Reich macht uns das alles nicht und satt sowieso nicht. Daß es darauf nicht mehr ankommt und ich dieses in der alten BRD lernen durfte, dafür bin ich dem "System" wirklich dankbar.

no(c)mw, 07. August 2004

20.08.2004 · MatthiasWeiss · r2