Montags gegen Polarangst
Was passiert, wenn die Reichen noch reicher, die Armen noch ärmer werden? Diese Szenarien gibt's aus der Vergangenheit, und in der Zukunft spielen einige Filme in Science Fiction, welche sich dieser Frage in unterschiedlichsten Zusammenhängen und Auswirkungen widmen. Desgleichen natürlich in allen anderen Kulturgütern. Aber was ist, wenn das wirklich wirklich wird? Wenn die BRD plötzlich nur drei bis 5000 Schwerstreiche hat, der Rest des Landes entweder im trüben Mittelfeld einer wie auch immer gearteten Berufstätigenschar schwimmt, mit wenig mehr Geld, als man zum Überleben benötigt, oder aber bettelnd auf der Straße hängt, weil's nichts geworden ist mit Hartz IV und Co. außer Armut? Sind wir doch auf dem besten Weg dorthin: VW fährt 1,9 Milliarden Euro Gewinn ein, und dann sollen Stellen nicht mehr sicher sein. Wie geht das? Menschen sollen mehr arbeiten, dafür weniger verdienen, auf Sicherheit verzichten. Wo bleibt der Gewinn?
Wenn wir doch schon auf alles eine Antwort in Geschichte und Kultur besitzen, warum polarisieren uns SPD und (fast) alle anderen Politiker mit Maßnahmen wie Hartz IV? Man wird den Eindruck nicht los, daß die Gilde um Schröder, Westerwelle und Angie ein Haufen zynischer, vom Leben und dem eigenen Tun enttäuschter Haufen Gierlappen ist, denen soziales Denken so fremd ist, wie die Armut um die Ecke. Lange haben die meisten hier nicht hinsehen müssen, weil es irgendwie immer eine Art Verteilungshalbgerechtigkeit gab. Nun aber muß man sich vorstellen, daß der Kampf durch die ominöse Wirtschaft programmiert wird.
Alle Errungenschaften der BRD und DDR sind grabreif. Warum steht noch keiner auf? Doch, die Leipziger unter anderen sind wieder unterwegs, und zurecht gehen sie am Montag, denn dieses Symbol steht für genau das, was hier an den Menschen verbrochen wird: Staatlich verordneter Freiheitsentzug durch konzentrierte und planmäßig sowie infrastrukturell implantierte Mißwirtschaft fürs Inhumane und Asoziale. 1989 haben sich die Menschen im Osten erfolgreich gegen staatliche Gängelei, Kerker und Unterversorgung, gegen Meinungsmaulkörbe, gegen Stasi und viele andere Dinge gewehrt. Und daher gehen sie auch heute wieder auf die Straße, weil ihnen diese Geschichte viel näher ist, als alles, was aus dem Ex-Bonner Neoliberalismus erwächst. Und sie haben keine Lust, noch einmal vierzig Jahre lang verschaukelt zu werden. Es ist frustrierend, wenn Sozialdemokraten wie Clement die Sorgen und Nöte der Menschen verachtet und sie als "Beleidigung der historischen Montagsdemonstrationen und der Zivilcourage" brandmarkt (FAZ, 7.8.2004).
Im Gegenteil, ich finde es sehr couragiert, daß die Menschen endlich wieder einfordern, was die verdammten Gewinnler und Dauerprofiteure der Einheit oft vergessen: SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT, mit sozial ganz fett und vorn. Ich finde es beachtlich, daß die Menschen dem Impuls folgen und nicht vor den Glotzen und hinter den Unterhaltungsmaschinen der Gegenwart hocken bleiben, nicht stur konsumieren, so wie es hier eigentlich sein sollte. Und: Ich höre vielerorts folgende Redewendung (denn es ist eine solche Figur, weil sie immer wieder genannt wird): "Sollen die da oben mal einmal mit uns tauschen, dann wissen die, was hier im Osten passiert!" Bütikofer nennt dagegen die Verwendung des Begriffs einen "Mißbrauch". Das ist Schamlosigkeit vor den Menschen und ihrer Geschichte hier, anders kann man das nicht nennen.
Am 30. August beginnen wieder Montagsdemos an der Nicolaikirche. Kleine Zettel weisen an ganz unscheinbaren Orten darauf hin. Die Montagsdemos sollten ein Symbol und Streitwort für die Tugenden sein, die uns und auch den Göttern der Wirtschaft vom Grundgesetz vorgeschrieben werden. Jeder sollte ein Recht auf Montagsdemos besitzen und nicht von schaler Geschichtsverbrämung geblendet werden. Aber die Rede der Gewinnler ist ja immer die gleiche: Lieber die Geschichte und ihre Symbole einfrieren. Kryogenisch Konserviertes kann aber auch auftauen, und dann ...
no(c)mw, 07. August 2004