Die Sprache des Geldes - Eine Grabrede auf die Rechtschreibreform
Nun haben wir's: Die Apo der Rechtschreibreformgegner ist um Springer und Spiegel gewachsen. Die Meinungen springen um auf eine Gegenposition. Und man ist versucht zu schreien: "Endlich ...", denn man muß kein Germanist sein, um zu erkennen, daß dieses Projekt von Anfang an eher der Musilschen Parallelaktion glich, als einer ernstzunehmenden Alternative zur Sprachevolution. Kein einziger Mensch konnte bzw. kann sich in den basischen Regeln heimisch fühlen. Alle haben immer alles so richtig falsch gemacht.
Aber das Problem war absehbar und programmiert. Was an der Debatte daher auch besonders verwundert, ist die Tatsache, daß die Medien von vornherein eine konsequente Umsetzung verweigerten. Denn - und das weiß nun wirklich niemand hierzulande, der es nicht selbst in betroffenen Anstalten erlebt hat - es gab immer schon zwei Reformen: Agenturen wie dpa, AP, Reuters und Co. einigten sich auf eine eigene, viel gemäßigtere Fassung als die Duden-Redaktion oktroyierte. Und dem schlossen sich die meisten Tageszeitungen an. SZ vornweg, und auch Regionalzeitungen wie der Westfälische Anzeiger in Hamm wurde so seit 1998 geschrieben.
Also wurde eine Kardinalspaltung von Beginn an akzeptiert. Leser haben das offenbar nie gemerkt. Und wenn die Duden-Macher ihren gelben Dauerbrenner zum Powerseller in Krisensituationen stilisieren - der Reibach war wohl nie so groß wie zur Zeit der Reformeinführung -, dann wissen wir doch schon wieder, worum es geht. Hier klingt also die Münze. Den Mannheimern ist also jede "Reform" recht, und die Schreiber haben das Nachsehen. Die Politiker wiederum klammern sich wegen der Kosten an jeden nur erdenklichen Strohhalm, um sich vor Arbeit zu drücken, die Verlage stecken kurz vorm Interruptus, denn einerseits brauchen sie die Schulbuchabnahmen, andererseits wollen sie das Deutsch retten. Einzig Suhrkamp - konsequent - sieht einen freiheitlichen Aspekt. Man bliebe bei der alten, aber wer's neu möge, bitte.
Viel wichtiger ist aber, daß die neoliberale Macht hierzulande erkennen sollte, daß sie trotz Wirtschaftskeule und Wachstumsideologie sich in diesem Falle eigentlich um eins nicht drücken kann: Wenn die Zeitungsverlage sich entscheiden und Tatsachen schaffen, wenn Schriftsteller sich nicht anpassen wollen, wenn Schulbuchverleger nur über verlorene Aufträge im Fall der Rückkehr jammern, die KMK und andere Politiker aber vehement bei ihrer sturen Haltung bleiben, dann ist's Zeit für das erste sinnvolle Referendum. Hier muß ein Volksentscheid her. Denn das Volk schreibt schließlich und bekommt die Fessel der Reform oktroyiert. Zur vox populi gibt's in diesem Falle keine Alternative.
no(c)mw, 07. August 2004
Paffi ergänzt:An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei den mutigen Worten von Frau Jelinek bedanken, die in der vergangenen Woche zum Boykott aufgerufen hat. Da folge ich ihr doch sehr gern.
-- HolgerKarsch - 24 Oct 2004