-- SaschaBuettner - 16 Mar 2007
hallo matthias! seit dezember 2006, würde ich sagen, kann man sagen, ist das projekt knotenpunkte am laufen. die künstlerverträge sind unter dach und fach und ein erstes treffen im februar hat nun auch statt gefunden. wie bist du mit den bisherigen ergebnissen bzw. zuständen zufrieden?
-- MatthiasWeiss - 16 Mar 2007
hi sascha, ich antworte nur kurz, wegen einer recht anstrangenden woche. grenzen wir als erstes das feld ein: ich denke, dass - obwohl es die einen oder anderen vorstellungen gibt - aus seiten der tätigkeit der künstlerinnen das projekt noch recht offen ist. daher kann ich ausstellungsorientiert noch nicht viel schreiben. wobei aber die ansätze - zum beispiel deiner - mich freudig stimmen. ergebnisse unserer gemeinsamen erlebnisse: wir hatten, wie du anführst, unser treffen in schöppingen, und ich habe mich sehr gefreut über dieses angenehme, wenn auch recht anstrengende, wochenende. das faszinierendste ist für mich dabei, dass ich implizit in meiner schreibtischtätigkeit bestätigt wurde. ich meine, siehst du das kuratorische mal schärfer an, dann kannst du sagen: da ist der weiß, der denkt sich ein thema auf der basis der dahinter liegenden struktur aus und führt es durch. ok. nichts anderes mache ich, aber, was mich nachhaltig nach schöppingen erfreut, das ist diese passgenauigkeit, die ihr mir alle bestätigt habt. das heißt, dass unser projekt durch meine kenntnisse, die ich dankenswerterweise - und an dieser stelle nenne ich einmal einen namen - durch das großzügige vertrauen von herrn dr. ralf stiftel (feuilleton-chef des westfälischen anzeigers, für den ich min. zehn-zwölf-vierzehn jahre durch nrw getingelt bin, um über zeitgenössische kunst zu schreiben (er hat mich als freier mitarbeiter über 14 jahre betreut, und ich habe auch immerhin sechs monate meines volontariats in seiner redaktion verbracht)) erwerben konnte, kontur gewinnt, sinn erhält. das ist mir sehr wichtig, dass ich mir eure zustimmung erklären kann. und ich weiß, welche gründe es dafür gibt (auch hans und iris aus der damaligen hartware zeit dürfen da nicht unerwähnt bleiben). um aber auf meine wertung des bisherigen zurück zu kommen. überlege mal: alle waren mit den ausstellungsorten zufrieden, und in der regel mehr als das. sie haben das konzept verinnerlicht, und alle unsere bestrebungen sind kongruent. das habe ich bislang so noch nicht erlebt. daher muss ich konstatieren, dass ich sehr sehr zufrieden bin.
02.04.2007
-- SaschaBuettner - 02 Apr 2007
zufriedenheit. das freut mich. und die zeit rennt dahin ...
zwei fragen möchte ich folgen lassen:
die verknüpfung künstler(in)/ausstellungsort: intuitiv oder durch intensive werkanalyse/recherche (oder beides)?
weiterführend: das weite feld netzkunst (was sich in der auswahl der künstlerInnen wiederspiegelt). wie wirst du das verdichten?
-- MatthiasWeiss - 08 Apr 2007
wenn du den prozess in der vergangenheit ansprichst, wie das konzept und die auswahl der künstlerinnen entstanden sind, dann beides. denn zum einen gibt es eine gewisse deckungsgleichheit mit dem einen oder anderen rechercheprojekt, an dem ich seit einigen jahren arbeite - und das beinhaltet beispielsweise die bearbeitung der werke von mouchette, ilona oder cornelia. zum anderen ist das projekt ja die logische konsequenz aus dem gütersloher netzkunstbuch von 2004. und es kommt hinzu, dass ich die museen alle einigermaßen aufgrund der oben bereits erwähnten zeitungsarbeit kenne. daher gefällt es mir sehr, nun diesen kontext gestalten zu dürfen. intution - das muss ich feststellen - spielt da keine rolle. sicher, alles beginnt mit einem gedanken, der sich ereignet, form gewinnt und zum weiterknüpfen anregt. aber die pfade waren da, sie mussten nur noch zu wegen werden. und dort sind wir nun. es ist vielleicht auch eine versteckte autobiografische note hinter allem. im rahmen der doktorarbeit laboriere ich zur zeit an alexei shulgins form (http://www.c3.hu/collection/form). wie man sich denken kann, sind die heutigen netzbedingungen nicht gerade günstig, um ein halbwegs authentisches erlebnis der arbeit zu bekommen. leider habe ich auch keinen zugriff mehr auf antike hardware. also emulieren. basilisk II ist ein wunderbares tool, um alte macsysteme wieder laufen zu lassen. und nun komme ich zum punkt: wenn ich mich nun einfühlend in die - achtung nostalgie - alten zeiten begebe, auf einem gegenwartsmac meinen alten mac mit os 7.53 emuliere, dann lade ich selbstredend auch die alten dokumente von damals wieder auf die virtuellen festplatten. und da finde ich all die spuren zu den frühen netzkunstprojekten wieder. in verbindung nun mit den ausstellungshäusern, die zudem auch noch in der zeit, in welcher ich 7.53 nutzte, von mir permanent besucht worden sind, ergibt sich diese zwangsläufigkeit. das ist herrlich. andererseits belegt mir dies auch eine, meine geschichte, an die ich nicht immer denke und nicht immer im rahmen der konzeption gedacht habe. aber diese chance! wunderbar.
zur zweiten frage musst du mir noch ein wenig hilfestellung geben, denn ich verstehe das "verdichten" nicht.
-- SaschaBuettner - 09 Apr 2007 verdichten als annahme / "unterstellung". wie spinnst du den "roten faden" zwischen den doch sehr unterschiedlichen arbeitsweisen der eingeladenen künstlerInen? und wie den bogen ins weite feld der netzkunst?
-- MatthiasWeiss - 10 Apr 2007
aha, also nicht von "abdichten", wie's der klempner unternimmt, sondern von dichten im sinne von "andichten" (?). dann also in diese richtung. das ziel der frage ist also der wunsch zu wissen, welches kuratorisches verständnis mich bewegt, die verschiedenen positionen zueinander in bezug zu setzen. nun, da gibt es inhaltliche aspekte, die mir offen gestanden wichtiger sind, als das formale etikett "netzkunst". aber fangen wir ganz oben an. der ausgangspunkt der überlegungen war die erfahrung, dass künstlerinnen, die das internet einsetzen, kaum anschluss an das herkömmliche kunstsystem bekommen. ausnahmen bestätigen die regel. dazu passt, dass alle szeneinternen äußerungen derart sind, dass sie behaupten, die netzkunst sei gestorben, ohne dass je grundsätzlich definiert worden ist, was netzkunst eigentlich ist. das bleibt auch meinem promotionsprojekt vorbehalten und wird in der ausstellung nur peripher thematisiert. sowohl die innen- als auch die außenperspektive haben mich dazu bewogen, nach positionen ausschau zu halten, die nicht nur im netz sondern auch in/mit anderen medien, techniken, materialien arbeiten. nehmen wir ilona und die mystikerin. das ist eine arbeit, die konzeptuell eine schaltstelle des gesamten schaffens von ihr ist. sie ist sozusagen ihr zweites, virtuell reflektierendes künstlerinnen-ich. zur zeit manifestiert sie sich nur auf http://www.diemystikerin.de. ilona wollte aber schon immer eine inkarnation proben. nun erinnerte ich mich daran, als ich die ausstellung vorbereitete. über das konzeptuelle also stiftet ilona sinn und nutzt dabei eine reaktive webseite für das denken der mystikerin. arbeiten der künstlerin tauchen dort wieder in form von bildern und texten auf. sie erscheinen dann auch im ausstellungsraum, und performances spielen auf die reflexionen der mystikerin an. so entsteht ein medienübergreifender verbund, den ich faszinierend finde und der mit net.art der "old school" (jodi, shulgin, lialina etc) nichts gemein hat. nimm mouchette. bei ihr ist der fall anders, da sie hauptsächlich im netz präsent ist. aber auch sie bietet an verschiedenen stellen anschlüsse an bereiche, die über netzinternes weit hinaus gehen. an die grundlage geht cornelia, wenn sie sich mit dem rechtssystem (urheberrecht, verwertungsrechte für content) beschäftigt und konzeptuell zu - wie ich es gern nenne - systemischen plastiken verdichtet. desgleichen in deiner arbeit. eine technik im zentrum (wiki) und anschlüsse an unsere alltage (sammelsysteme, web2.0, container, pavilion letztlich, content, in dem wir "ersticken" usf.), gattungsorientiert richard: der bildhauer. klang im licht: jens. das sind ein paar ausgangspunkte, die eine große bandbreite an themen, formen, gattungen anbieten und sich dennoch
aufgrund der gegenwärtigen verfassung des kunstsystem zusammenbringen lassen. die roten fäden, hier nur kurz angedeutet, lassen sich weiter spinnen. so denke ich, ist das anliegen relativ klar. wenn andere medientechnologien ihre zeit benötigt haben, um mehr zu werden, als bloße techniken, so ist die zeit überreif, das netzerische, was von den ausgewählten künstlerinnen so sinnreich in ihre arbeiten eingestrickt wird, zunächst einmal in herkömmliche kunstsituationen und -felder einzubetten und das kunstsystem damit zu konfrontieren. die frage ist bloß, wie gelingt es angesichts documenta, biennale venedig und skulpturen projekte münster. 2007 ist schon ein verrücktes jahr... ist das der bogen, nach welchem du fragtest?
02.05.2007
-- SaschaBuettner - 02 May 2007
der bogen zu documenta, skulpturen projekte, den werden wir nicht geschlagen bekommen. sie sind - ob der "medialen power" - eh nur als leuchttürme wahrzunehmen. bewegendes, erfahre ich oft, findet im kleinen, konzentrierten statt.
der rote faden wurde mir durch dein statement klar. bleibt aber die schwierigkeit, dies real zu verknüpfen: 7 ausstellungsorte! ich unternehme immer mal den versuch, das projekt von "aussen", als "unbeteiligter", zu betrachten. wo sind da die knotenpunkte? und, nochmals, wie sind sie verknüpft? was hält das netz zusammen? wird es ein netz?
-- MatthiasWeiss - 11 Jun 2007
späte antwort! entschuldige bitte. nach einer reihe von touren, die mich unter anderem nach graz zu richard geführt haben, sowie der in der vergangenen zeit angelaufenen textproduktion und der konkretisierung der projektvorhaben von euch, merke ich, wie sich das bild zwar nicht rundet, aber ein paar stränge zusammenlaufen. erstmal muss schnell meine etwas voreilige zuschreibung von richard an die "skulptur" relativiert werden. seine arbeit ist im mindesten intermedial. wir hatten einige fruchtbare diskussionen, und er konnte mich von seinem letzten projekt, eine zusammenarbeit mit der tageszeitung "kleine zeitung" begeistern. vielleicht später dazu mehr. des weiteren werde ich nun doch das aufgesetzte wordpress nutzen, um auf diesem wege mehr hintergründe zu transportieren, als es die katalogtexte vermögen. da lohnt es sich vielleicht, in den nächsten wochen immer mal http://www.knotenpunkte.net/wp anzusteuern.
noch zwei sätze zu den vernetzungen. ging ich zu beginn der konzeption davon aus, dass ihr euch in gewisser weise mit den jeweiligen ausstellungsorten auseinander setzt, so haben die projektskizzen gezeigt, dass ich gut daran getan habe, diese vorgabe nicht zu stark zu betonen. denn nunmehr zeichnet sich etwas ab, was ich viel spannender finde: es entsteht vordergründig eine inhaltliche zweiteilung: büttner, kriesche, sollfrank arbeiten inhaltlich am kunstsystem und kritisieren deren innere mechanismen, vor allem mit blick auf den derzeit expansiven markt. mouchette, plattner, zanni beschäftigen sich stark mit fragen der indentität und des internets. jens brand nimmt eine sonderrolle ein. er operiert auf einem eher klassischen level, indem er das netz in einer maschine metaphorisiert. der bogen lässt sich also auch über künstlerisches arbeiten per se spannen: vom klassischen werkorientierten ansatz bis zur metakunst spricht die ausstellung auch die bedingungen von kunstproduktion an. wo ich allerdings, und das ist ein berechtigtes frageziel, auch ein gewisses problem sehe - obwohl die logik des konzepts auf der hand liegt - ist die streuung der häuser, welche nicht gerade rezipientenfreundlich ist. wenn ich bedenke, dass man von siegen bis schöppingen mal eben 200 kilometer fährt... dennoch besteht zwei monate lang zeit, die orte aufzusuchen. hier trennt sich rezipientenmäßig die spreu vom weizen, denn wenn mich wirklich das experiment interessiert, dann ist es nur eine frage der eigenen organisation. die logik der auswahl der häuser und ihre verknüpfung zu euren positionen liegt auf der hand, es gibt also gute gründe, auch für kenner der museen in nrw, diese einmal unter dem knotenpunkte-aspekt neu zu erleben. also gibt es neben den inhaltlichen knotenpunkten, die sich nicht in der geographie spiegeln, die musealen aspekte der vernetzung der häuser.
13. Juni 2006
die idee des knotenpunkte-blogs finde ich sehr gut. sie ermöglicht die inhaltliche ausdifferenzierung und flankierung, die der katalog nicht leisten kann. so viel fürs erste. muss mich für weitere fragen erst sammeln. derzeit schwirrt mir einiges durch den kopf. da wollen email-diskussionen im wiki abgebildet werden, gedankengänge (kunst - neoliberale gesellschaft - kunstproduktion - prekariat - künstler - das genie durch die hintertür - organisationsfrage) möchten in sätzen (aus)formuliert werden. dann stehen einige arbeiten an (fotos müssen ausbelichtet werden, webetiketten bestellt, ein online-shop will eingerichtet sein, reisen wollen organisiert sein). und zum ende der ausstellungszeit möchte ich einen weiteren bescheidenen beitrag zum projekt in form eines lesebuches beisteuern. ich zähle schon fast die tage ... -- SaschaBuettner - 13 Jun 2007