guten tag.
ehrlich gesagt sind mir die dispute aus dem künstlerischen milieu,
die im rahmen der anti-g8-mobiliiserung hervorquellen, ziemlich
schnuppe. ich sehe da wenig differenzen zwischen den projekten.
erstaunlicher finde ich da einen beitrag von Mladen Stilinovic im
documenta magazine no.2:
"Faulheit ist das Fehlen von Bewegung und Denken, nutzlose Zeit -
totale Amnesie. Sie ist außerdem Gleichgültigkeit, Ins-Nichts-
Starren, Inaktivität, Schwäche. Sie ist blanker Stumpfsinn, eine Zeit
des Schmerzes, vergeblicher Konzentration. Diese Tugenden der
Faulheit sind in der Kunst von großer Bedeutung. Es genügt nicht,
etwas über Faulheit zu wissen, sie muss praktiziert und
perfektioniert werden. KünstlerInnen im Westen sind nicht faul und
deshalb keine KünsterInnen, sondern vielmehr ProduzentInnen von
irgendetwas ... Die Beschäftigung mit bedeutungslosen Dingen wie
Produktion, Werbung, Galerien, Museen, Konkurrenzkampf (wer ist der
Beste?), ihr Sichversenken in Objekte, all das entfernt sie von der
Faulheit, von der Kunst. So wie Geld nur Papier ist, ist eine Galerie
nur ein Raum. KünstlerInnen im Osten waren faul und arm, weil dieses
System unbedeutender Dinge dort nicht existierte. Daher hatten sie
ausreichend Zeit, sich auf die Kunst und die Faulheit zu
konzentrieren. Selbst wenn sie Kunst produzierten, wussten sie, dass
es vergeblich war, dass es nichts war ... So schließe ich faul mit
der Feststellung: Ohne Faulheit gibt es keine Kunst."
dem zur seite stelle ich noch folgendes zitat:
"Kunstconsort ist das Pendant zu 'Künstler/Werk/Publikum' und als
solches keine Produktionskooperative (!). Generell ist Kunst keine
Güterproduktion oder überhaupt Produktion, denn Artikulieren, sich
exponieren, sich aussetzen ist gerade kein Produzieren."
Kurd Alsleben, in: Die Kunst der Annerkennung - Eine Swiki-Konversation
gegen arbeit
scheiss auf prekariat
who the fuck is g8?
für die faulheit! international. selbstredend.
st
Hallo sb.
Das ist mir ja echt egal, das dir das echt schnuppe ist.
Aber zu deinem Beitrag habe ich ein paar Fragen:
Wer sind denn die "Künstler aus dem Osten" und wie sieht ihre Kunst aus?
Und warum ist nur solche Kunst Kunst, die aus Faulheit, also "zweckfrei"
entstanden sind?
Und warum findest du den Beitrag erstaunlich?
Hört sich für mich einfach nach einer Argumentation für l'art pour l'art
an.
Und gab es im "Osten" nicht andere Zwecke, z.B. politische?
Hilf mir!
sb
hallo st!
ja, dieses ost-west-schema ist natürlich sehr veraltet. ich habs
einfach überlesen.
jedoch: ich lese aus dem zitierten statement keineswegs
zweckfreiheit. eher absolute (arbeits)verweigerung.
sich dem system verweigern. das ist schon ordentlich politisch.
ich habe mir einfach nur vorgestellt, was, wenn das um sich greifen
würde?
wenn ich, eingeladen von einer organisation/kunstinstitution, mich
einfach auf die faule haut lege. die gelder natürlich verprasse.
ansonsten aber einfach nur faul bin.
nichts mache. mich den verwertungsinteresse der institutionen
verweigere. wenn ich im gegenteil durch meine haltung sage: scheisst
auf arbeit! verweigert euch. macht es wie wir künstler und
künstlerinnen! seit faul. einfach faul.
ok. genug der spinnerei. aber dennoch: zweckfrei ist die faulheit in
heutigen zeiten bestimmt nicht. sie kann sogar eine waffe in diesen
prekären zeiten sein.
habe ich dir weiterhelfen können?
beste grüße,
sb.
stp
hallo,
also ich weiß nicht, wie die konkreten schaffensbedingungen für
künstler_innen im osten waren, da war ich zu jung, aber generell
stimme ich dem statement insofern zu, als der verwertungs- /
produktionsdruck so wohl nicht gegeben war, wie wir ihn im "westen"
erleben, und dass das auf einer seite sicher zu einem freieren,
"fauleren" schaffen-können geführt hat. atmosphärisch wird das in
einigen liedern von gerhard schöne ganz gut transportiert.
dem stand aber andererseits auch verordnetes "gesellschaftliches
engagement" in der kunst gegenüber, womit ich erst'mal nicht zensur
meine, sondern das schaffen-müssen von werken für irgendeinen
"sozialistischen" zweck, die mitarbeit in verbänden etc.
drittens wurde natürlich auch produziert: man nehme Ute Mahler und
Sibylle Bergemann mit ihrer modephotographie, die sich jedoch ganz
wesentlich von westlicher produktwerbung unterschied...
(irgendwo auf http://www.ostkreuz.de/index.html gibt es beispiele)
gruß
stp
ol
Hallo Sascha,
Mal abgesehen davon, dass ich die Definition von Faulheit als "nutzlose Zeit", "totale Amnesie" und "blanker Stumpfsinn" nicht teile.
Der Ausgangstext und Deine Interpretation ist dann wohl, was dabei raus kommt, wenn (ganz postmodern?!) die Dialektik der Verhältnisse außen vor gelassen wird.
Ein Spezifika des Kunstfeldes ist ja gerade, dass auch und besonders nutzlose Kunst kapitalistisch verwertbar ist. Stefanies Verweis auf l'art pour l'art ist da genau richtig. Deine Phantasie künstlerischer Faulheit kann jederzeit als Kunst goutiert und kommerziell verwertet werden. Das von Dir als Systemverweigerung gedachte Verprassen des Künstlerhonorars ist im übrigen eine der obersten Tugenden des Bourgoise (und schon x-fach praktiziert worden). Gerade die Geste der radikalen Verweigerung wird im Kunstfeld zur bloßen Pose, die das kapitalistische System nicht anficht, sondern schlimmsten Falls Widerstand ins System integriert. Traurige Dialektik: Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen.
Und was ist das in Deiner Verallgemeinerung auf die ganze Gesellschaft für eine Utopie? An die Stelle von Arbeit nur Stumpfsinn, Amnesie und Nutzlosigkeit setzen? Dein Wunsch der Verweigerung von Verwertbarkeit in Ehren, muss deswegen der Mensch gleich wieder in den Stand des Tiers oder noch darunter, des autistischen Wesen, versetzt werden? Ohne Erinnerung (Amnesie), ohne die Fähigkeit gestaltend in unsere Umwelt einzugreifen (Stumpfsinn), ohne unser Überleben sichern zu können (auch das wäre schon ein Nutzen unserer Tätigkeit). Entweder Du nimmst Deine Worte (bzw. die, die Du Dir zu eigen machst) ernst, dann landest Du konsequenter Weise beim autistischen Abbruch jedweder Kommunikation, Kooperation und Gesellschaftlichkeit, oder das ganze soll nur eine Provokation sein, dann ist es nicht mehr als eine eitle Geste, die den Weg heim ins System weist.
Kritische Kunst müsste an einer negativen Dialektik ansetzen. Die vergangenen Niederlagen, das erlittene Unrecht gerade nicht vergessen. Die Autonomie der Kunst zielgerichtet für sich in Anspruch nehmen, um diese aufzuheben, sie gegen die Produktionsverhältnisse (und darin die der Kunstproduktion) zu wenden. Und das mit einem sehr konkreten und produktiven Ziel: Die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse insgesamt.
Das mal spontan ins Unreine geschrieben
ol
sb
hallo ol,
vorerst war diese vn dir genannte dialektik aussen vor gelassen. ich
wollte nicht gleich einen roman schreiben. eher eine episoden-
geschichte, die durch statements, wie sie in den letzten stunden über
diese liste reinkamen, erweitert bzw. diskutiert wird.
das kunstfeld als solches ist mir ziemlich schnuppe. das da alles als
kunst goutiert werden kann macht ja die quelle des ausgangszitat
deutlich: das documenta magazine. sich diesem kunstfeld verweigern,
daß ist mir nicht schnuppe. schau ich mir diesen holy damm kram an,
dann sehe ich da eine reine, mich sehr abstossende, ästhetik des
kunstkommerz. die webseite, die biografien, ja selbst die plakate.
vor diesem hintergrund bin ich dann gerne so faul - ganz nach der
definition - wie in meinem geposteten zitat. ich möchte auf der
stelle verblöden und nutzlose stumpfsinnig ins nichts starren ...
das meine idee des verprassens nicht neu ist - hey, muss denn immer
alles von mir bzw. neu sein?
da der mensch (human resource) im globalisierten kapitalismus nicht
(mehr)wert ist als ein tier, braucht man da gar nichts fordern, von
wegen, werdet wie die tiere. aber man kann fordern, aus der mehr-wert-
produktion (holy damm zb. produziert den überaus wichtigen mehrwert
"kritische haltung") einfach auszusteigen. einfach schluss aus
vorbei. ohne gleich sich die kugel zu geben.
eben nicht das richtige im falschen zu suchen. gelle?
richtig ist: wie kann ich, wenn ich mich konsequent den
produktionsverwertungsinteressen von kunst & kapital entzogen habe,
eine andere gesellschaft aufbauen? möchte ich das überhaupt? möchte
ich eine utopie haben? solcherlei fragen sind schon ganz richtig.
tausendfach gestellt.
kritische kunst gibt es nicht, wie du selbst schreibst, sie wird und
ist immer bestandteil der kapitalistischen verwertungsinteressen.
kritische kunst, so wie ich sie heute wahrnehme, denkt dies sogar mit
und sorgt dafür, in das system eingespeist werden zu können. ganz
freiwillig. ganz vorauseillend gehorsam.
einfach faul sein, wie immer die noch zu definieren ist, die faulhet,
geht weiter, als das, was du so bescheiden forderst: so verlässt man
die kunst und fängt mit dem widerstand an. das ist dann aufhebung der
kapitalistischen produktionsverhältnisse insgesamt.
soweit,
sb
p.s.: alles bisherige ist stets ins unreine geschrieben. wie gesagt,
einen roman oder eine theoretische abhandlung, schreibe ich hier nicht.
kri
(so viele Kommentare... wer grad so alles seine Konversation erledigt...)
Zu: "wenn ich, eingeladen von einer organisation/kunstinstitution, mich
einfach auf die faule haut lege."
Sich dem system verweigern ist zwar ordentlich politisch, finde ich
auch, aber wie auch Kristine sagt..nicht gerade überlebensfördernd
und wie Olaf sagt weder neu noch angemessen, wenns ums Verändern
geht...
Auch in der Kunst wird er/sie bei Faulheit im Sinne von nichts
Herstellen schlicht nicht sichtbar und wird gar nicht eingeladen und
wenn er/sie die Faulheit sichtbar macht ist schon wieder was
entstanden, was es derzeit garantiert schwer hätte nicht als Kunst
verwertet zu werden...
...der Vorschlag der Faulheit ist zu wichtig um ihn dieser
naheliegenden Kritik preiszugeben.
Ich will mich auch gar nicht zu Unproduktivität verdonnern...ich seh
auch nicht wie das gehen sollte... bezogen aufs ganze Leben oder nur
als Fassade oder oder...?
Außerdem ist eher das Problem, dass Leute im Zusammenhang der globalen
Großlösungen zu sowas wie Faulheit/Nutzlosigkeit verdonnert werden.
Ich finde man muss die Frage zu bearbeiten wie mit meiner Hilfe
Mehrwert erzeugt wird. Ich finde es plausibel "Gelassenheit"
auszuüben, also nicht so sehr produktiv zu sein...
Gepaart muss das jedoch sein mit diesem strikten "nein" oder "ja"
und auch dem Massebilden. Denn erst durch die Kontinuität der Bewegung
und dadurch, dass viele im Alltag sich darauf beziehen und wieder
andere das nicht als Geheimwissen oder Privathaltung erkennen, können
Dinge die viele betreffen (etwa wirtschaften) zunehmend anders gedacht
und anders gemacht werden.
So also aktuell: Nein zum G8, zur Haltung es sei richtig und
Vorstellung es sei möglich wenn wenige miteinander besprechen, was
viele betrifft und viele ganz anders wollen. Nein zu der Konzeption
von art-goes-heiligendamm, da sie keine Position bezieht und "den
Resonanzraum der Kunst erweitern will", nicht die herrschenden
Verhältnisse anprangern.
...wobei das "wie Demonstrieren" mich der Tage immernoch beschäftigt.
grüße::kri
ni
Hallo sb,
ich finde auffällig, mit welcher Vehemenz du gegen das holy-damn-it-
Projekt argumentierst. Warum wirfst du gerade diesem Projekt das
Instrumentalisieren eines Mehrwertes "kritische Haltung" vor - eine
Paulschalkritik, die sich ohne weiteres auf 1001 Projekte anwenden
ließe, die sich in dem Feld "kritische Kunst" bewegen? Ich teile auch
nicht deine Einstellung, dass es zwischen art goes heiligendamm und
dem Plakatprojekt keine qualitativen Unterschiede gibt. Die gibt es
sehr wohl und es macht durchaus Sinn, sich diese Differenzen genau
anzuschauen.
Das eine versteht sich explizit als deeskalierend, als Vermittlerin
zwischen der (prinzipiell kommunikationsbereiten) Politik und den
(chaotischen) DemonstrantInnen. Kunst soll hier als Puffer fungieren,
niemanden weh tun, man will ja schließlich nur ein paar Fragen in den
Raum werfen. Denn Zitat: "Die Fragen der Globalisierung sind auch die
Fragen, die die Kunst bewegen". Dies alles schön ironisch mit einem
Polizistenballet, einem Wellness-Kunstkongress-Center und einem rosa
Hasen, der auch mal am Zaun in Heiligendamm rumhüpfen soll.
Deeskalierender und wirkungsloser könnte sich das kein
Polizeipräsident ausdenken.
Demgegenüber kommt das Plakatprojekt von Menschen, die einerseits
künstlerisch schaffend sind, auf der anderen Seite sich seit Jahren
auch in politischen Kontexten bewegen und aktiv sind, wie z.b. in der
Antikriegs- oder Antiglobalisierungsbewegung. Dies m.e. ein wichtiger
Unterschied, der der Spaltung: hier Kunst - dort soziale Bewegung
widerläuft. Ausgangspunkt ist die klare politische Entscheidung, sich
gegen g8 zu engagieren und zwar im Rahmen und als Teil einer
internationalen Protestbewegung. Aus diesem Grund wurden die Plakate
im Vorfeld AktivistInnen gratis zur Verfügung gestellt, um nach
Heiligendamm zu mobilisieren. Wenn das mal zumindest nicht eine
personelle Mehrwertproduktion ist!!!
Sicherlich kann man gegen die Plakate ästhetische und auch konkrete
formal-inhaltliche Einwände haben, aber das ist ja nicht dein Punkt.
Mir wird nicht klar, was an diesem Projekt nun so besonders böse und
kommerziell sein soll? Ist es die Tatsache, dass es hier Leute gibt,
die sich politisch positionieren und eben nicht "faul zu hause
bleiben"? Was soll an einer Verweigerung, wie du sie vorschlägst (die
noch dazu ein individueller Akt ist) emanzipativ sein? Wie soll dann
gesellschaftliche Veränderung überhaupt stattfinden?
Soweit erstmal von meiner Seite ...
Ni
sb
hallo ni!
in der (internet)vermittlung der projekte sehe ich in der tat
keinerlei unterschiede. es sind kunstprojektseiten. nicht mehr.
folge ich den links zu den künstlerinnen, dann sehe ich auch nur
künstlerinnen-webseiten (und keine seiten von politischen aktivisten,
zb.)
eine ausnahme stellt kein.tv dar. die machen aber beim plakatprojekt
nicht mit.
d.h.: deine differenzierungen sind notwendig, ebenso meine vehemenz.
wenn aber diese differenzierungen so notwendig sind, weil sich die
projekte erst einmal nicht wesentlich voneinander unterscheiden, dann
frage ich mich: was soll der mist. immerzu hackt die eine krähe der
anderen ein auge aus?
beide projekte bewegen sich im gleichen kunstfeld. das da politische
unterschiede sind, mag sein. das interessiert mich herzlich wenig,
denn als politisch aktiver mensch finde ich diesen kunstzirkus eh
absurd. ob vermittelnd/deeskalierend oder harmlos-plakativ (lediglich
das eindeutige blockade-plakat macht sinn, auch wenn es optisch weh
tut).
ganz klar stelle ich den punkt des "politisch positionieren" in
frage. ohne den aktiven in beiden projekten zu nahe treten zu wollen:
kunst dient der image- und lifestyleproduktion. und ein wenig rebell-
style kann der kariere nicht schaden. diese sog. künstler und
künstlerinnen in beiden projekten gehen einer profession nach. es ist
ihre bürgerliche sehnsucht nach ausübung eines berufes. mehr nicht.
ich plädiere deswegen: ihr künstler und künstlerinnen, seit endlich
faul. hört mit der kunstproduktion auf. legt euch auf die faule haut.
macht nichts. und bitte keine kunst. bitte bitte nicht.
ein erster emanzipativer akt wäre es, wenn diese künstlerinnen und
künstler ihre profession an den nagel hängen und sich ganz und gar
den politischen themen widmen, die sie für sich selbst wichtig finden
(g8, antifa, was weiss ich). und wenn sie endlich kapieren, daß, wenn
sie mit ästhetischen mitteln den kampf aufnehmen, die ergebnisse den
(mit)aktivisten und (mit)aktivistinnen gehört! was sucht der output
in irgendwelchen bürgerlichen museen, documentas (ich erinnere nur an
"park fiktion") oder pseudo-kritischen kunstvereinen?
grüße,
sb
stp
@ sb
... moment! - wie du sagst, siehst du
SB> in der (internet)vermittlung der projekte [...] keinerlei
SB> unterschiede.
wenige sätze weiter verkürzt du das aber wieder, indem du schreibst:
SB> weil sich die projekte erst einmal nicht wesentlich voneinander
SB> unterscheiden
... und hier sehe ich schon rein argumentatorisch ein problem: die
(internet)vermittlung ist 'was anderes als das projekt an sich.
sb
das stimmt. meine erfahrung, und auch meine ansprüche, sagen mir
dennoch: präsentation/vermittlung und projekt
stp
ich stimme ni zu und möchte dir also ebenfalls widersprechen:
kunst ist nicht per se "kunst-zirkus";
sb
doch. und zwar zirkus in ca. 3 klassen:
kunstmarkt
2. kunstmarkt/kunst am bau (oft "besetzt" durch den bbk)
off-szene
stp
davon abgesehen gibt es
genügend beispiele, die schon nicht mehr als kunst rezipierbar
sind, sich auch nicht vorrangig als solche definieren, ich denke z.B.
an die dokumentar-fotos des kriegsfotografen james nachtwey.
sb
eben. nachtwey ist ein überbleibsel der einst so "wichtigen" magnum-
fotografie. diese form des fotoreporters ist - zum glück - fast
ausgestorben.
das es im kunstfeld bzw. gerade in der kunst der 90ziger sehr viele
projete gab, die als kunst kaum oder gar nicht mehr versteh-bar war,
das fassen zwei nette bücher ganz gut zusammen:
borderline - strategien für kunst und soziale praxis (hg. borderline ag)
politische kunst begriffe (holger kube ventura)
stp
der
bezeichnet sich selbst nicht als künstler, sein ausdrucksmittel ist
jedoch eine weit von der "normalen" reportage abweichende, extrem
"künstlerische" bildgestaltung, und ob er will oder nicht: seine
bilder werden nicht nur in ("reportage"-)magazinen veröffentlicht,
sondern hängen eben auch in museen und galerien, wirken also auch in
räumen, die dem kunstbetrieb zuzuordnen sind. dennoch wirken sie, und
zwar, wie ich zu behaupten wage: politisch. und genau das ist laut
eigener aussage seine intention.
sb
ich möchte das politische nicht in abrede stellen. aber als beispiel
deiner argumentation hätte ich mir lieber den allan sekula gewünscht.
stp
SB> kunst dient der image- und lifestyleproduktion
angesichts des aktuellen kunstbetriebs nicht verwunderlich, aber
bedauerlich, dass du das nur so einseitig siehst - siehe oben. eine
solche undifferenzierte sichtweise, die a) künstlerinnen auffordert,
aus politischen gründen bitte zu verhungern, und b) allem, was unter
"kunst" subsummiert werden kann, jegliche gesellschaftliche wirkung
abspricht, halte ich für kontraproduktiv, um nicht zu sagen:
gefährlich. eine solche haltung befördert schön TEILE UND HERRSCHE,
und überdies fordert sie zum SCHWEIGEN auf, zum
sich-nicht-ausdrücken. was ist daran revolutionär??
sb
was du da schreibst ist gelinde gesagt schwachsinn. meine
argumentation in dieses bürger-klischee einzupressen ist schon auch
eine kunst für sich.
zu den "argumenten":
ich sage nicht, künstler sollen aus politischer überzeugung
verhungern (auch nicht, wenn sie aus politischer überzeugung in einen
hungerstreik treten).
ich sage: "künstler", du musst nicht produzieren, um etwas verkaufen
zu können, von dem du dann schlecht überleben kannst. es gibt auch
noch andere wege, zu überleben.
solange der kunstdiskurs von kräften - in der regel sehr reaktionären
- im würgegriff gehalten wird, solange wird es so sein, daß alles,
was den stempel kunst abbekommt, damit auch gleich dem modell "teile
und herrsche" unterworfen wird.
sich ausdrücken ist an sich noch nicht revolutionär.
stp
für wesentlich "subversiver" und "revolutionärer" (alter hut) halte
ich es nach wie vor, wenn sich menschen nicht vorschreiben lassen,
was kunst ist - weder durch profs noch durch den kunstmarkt,
galeristen oder sonstwen - sondern sie einfach machen, weil sie das
z.B. besser können als im heeren polit-spektrum der wahl in
kleingruppen papiere zu erarbeiten oder wahlweise aktionen
durchzuführen etc. pp. (abgesehen davon, dass viele beides tun).
sb
genau das hasse ich: die flucht in die kunst, weil mann/frau mit
strukturen/theorien/dem leben an sich nicht klar kommen. das habe ich
erlebt, 5 jahre lang, als vorsitzender des bbk wiesbaden. der hat
über 100 mitglieder und alle handeln nach deiner devise. es ist zum
kotzen.
ich stelle also mal nebenbei die frage nach der notwendigkeit dieses
zuschreibungsmodell. warum muss ich mich denn als künstler definieren
- und wozu? was drückt das aus? und für wen soll das gut sein?
stp
wie heißt es so schön: "Eine Revolution, auf der ich nicht tanzen
kann ..." (Emma Goldman)
ich komme aus einem land, in dem kunst großenteils verstaatlicht war
(die besagte kehrseite des künstler_in-seins im osten) und der
sogenannten "revolution" einverleibt wurde durch die "revolutionären"
kräfte, die - behaupte ich - nicht zuletzt durch diesen mangel an
möglicher offener reflektion durch kunst aufhörten, revolutionär zu
sein. und genau das war das eigentlich "graue" im osten, nicht
irgendwelche häuserfassaden, die ich - verglichen mit dem
erschlagenwerden durch werbung im öffentlichen raum - geradezu
charmant fand und die den blick (auch für kritische kunst!) viel
offener gehalten haben.
soweit mal ... (hoffe, das kommt nicht wieder 5fach über die liste,
sorry, mailserver-problem)
gruß, stp
stp
ich erachte (politische) kunst als wichtig für:
- ermutigung der / des einzelnen, bestätigung des nicht-allein-seins
(eigene erfahrung besonders aus ost-zeiten)
sb
kunst als kuschelgruppe?
stp
- transport alternativer sichtweisen und vorenthaltener informationen
in zeiten vom massenmedial inszenierten TINA ("there is no
alternative" - m. thatcher)
sb
das modell gegenöffentlichkeit. also einen kanal auf youtube eröffnen?
stp
- erreichen anderer spektren als der ohnehin (mehr oder weniger)
bewussten politniks, die in ihrer eigenen revolutionären suppe vor
sich hinköcheln - never mind ;-), oft genug erlebt...
sb
welche spektren genau?
stp
- auf individueller ebene für psychische / emotionale
auseinandersetzung / aufarbeitung gesellschaftlicher prozesse, die im
(künstlerischen) ergebnis zurückwirken kann in gesellschaften
sb
hmm, das machen doch die art goes heiligendamm leute ...
stp
- ... die daher auch heilend wirken kann (sowohl auf die schaffenden
als auch die rezipienten - siehe punkt 1)
sb
bitte nicht. ich leide noch an dem beuys seinen heilertick.
stp
summa summarum finde ich es gruselig, mir vorzustellen, welche art von
gesellschaft dabei herauskäme, ließen sich künstler_innen aus
"revolutionären" gründen das maul verbieten (oder erledigten dies
gleich selbst).
sb
ja, die vorstellung, das regime hat gewechselt, die
zuschreibungsmodelle aber nicht, oh weh.
stp
"[...] Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein. [...]
(Brecht, An die Nachgeborenen)
eine revolution, die absehbar im ergebnis zu einem satz wie diesem
führt, sollte man besser nicht machen - das ergebnis ist bekannt.
gruß, stp