Wenngleich alle Menschen der Welt - sofern sie Internetanschluss haetten - im Netz zuschauen koennten, beinhaltet der Begriff Netzkunst die Idee Publikum nicht.
Auch wenn sie URL und Termin wuessten und Zeit und Lust haetten und auch Verbindung bekaemen oder zufaellig beim Browsern Zeuge wuerden, waeren sie fuer die Netzkunst nicht erheblich - es sei denn, “man mischt mit“. Damit ist schon grob die gesonderte, naemlich austauschende Kunstsphaere umrissen, von der ein vorliegendes Buch berichtet - gesondert meint, gesondert von der produzierenden Sphaere der Kunstarten. Es wird gezeigt, dass sich diese Position auf die Kunstgeschichte umfangreich stuetzen kann.
Von dieser konversationellen Kunst (Mensch zu Mensch in Echtzeit) unterscheiden die Herausgeber ausdruecklich die interaktive Kunst, in der ja ein Publikum mit einem reagierenden Kunst-Produkt umgeht (etwa vergleichbar der Mensch/Maschine-Kommunikation bei den Informatikern). So didaktisch berechtigt diese Unterscheidung ist, um die neue Sphaere herausarbeiten zu koennen, so soll man doch auch nicht vergessen, welch ein erschuetterndes Erlebnis das erste Auftreten interaktiver Kunst in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts - als Partizipationskunst noch nicht elektronisch - hervorrief: das Bewusstsein der festen Rollen von Kuenstler und Publikum verschwand. Das ist nun eine Grundlage fuer die Netzkunst.
Die inhaltlichen Seiten des wechselseitigen Austauschens behandelt das Buch in Mitschnitten von sieben ausfuehrlichen Gespraechen ueber Kommunikation auf Gegenseitigkeit. In entspannter Aufmerksamkeit breiten sie ein verwirrend reiches Material an Gesichtspunkten aus. Das Vorwort von Heidi Salaverria bringt diese in eine Uebersicht und orientiert sie auf Gegenseitigkeit hin in der Weise, dass es gilt, Partikularitaet zu exponieren und anzusinnen.
Im zweiten Teil des Buches schreiben Beteiligte ueber den konkreten Entwicklungsgang: Von Computerkunst, von der Hamburger Datenkunstbewegung und von der Zeit seit Oeffnung des WWW. Ein weiter Bereich engagierter Netzkunstaktivitaeten wird unter dem Begrff ‘Netzserendipity‘ behandelt - vielleicht buergert sich der Vorschlag ein. Vor allem enthaelt der zweite Teil des Buches originale Berichte von kuenstlerischem Geschehen im und ausserhalb des Netzes:
Es wird berichtet vom fluktuierenden ‘Serverfestival‘, in dem keine vorgedachten Ausgrenzungen gelten und das auch, “Server schlafen nie“, der Permanenz von Web und Konversation nachgeht: Sascha Buettner; von der schon beruehmten Kunst des Gespraechsraumes ‘multi.trudi‘, Pfoertnerhaeuschen in Frankfurt/Main: Stefan Beck; von drei Jahren Bilderchat ‘Spinnen am Computer‘: Antje Eske; vom Chat in den ‘Zuericher Gespraechen‘: Matthias Lehnhardt; vom ‘il chat di urbino‘ laengs der Sala delle Veglie: Alsleben, Eske; vom hamburger ‘INTERFACE3network‘: Matthias Mayer; eine wiener Satire: Zorah Mari Bauer; von deplazierten Dilemmas: Matze Schmidt; von swiki und CMS: Ulf Freyhoff; von einem Musikstream zwischen Ljubljana/Hamburg/Amsterdam: Tilo Kremer; u.a.
In einem ‘Disputationen‘ genannten dritten Teil des Buches werden weitere Ideen herangetragen:
Der Gegenseitigkeit erst ermoeglichende Kontext: Georg Nees; soziale Software, Zusammenfallen von kultureller Basis-Technologie und aesthetisch-diskursiver Verfahren: Heiko Idensen; einzeln vorm Monitor: Matthias Weiss; der Ort des Vernetzens: Bettina Sefkow; Gegenseitigkeit sei in der Kunst wie eine Laufmasche, die man nicht stopfen darf: Julian Rohrhuber; die nicht mehr gelaeufige Idee des ‘kairós‘ als kuenstlerisch zentraler Begriff: Bernhard Taureck.
Die Autoren sind, bis auf wenige, Netzkuenstler. Vorliegendes Buch spricht also nicht ueber die Kunst, sondern als Teil von ihr unmittelbar aus der Kunst heraus. Das hat den Vorteil, dass keine Vermittlerperspektive mit deren Werten sich dazwischenschiebt, aber natuerlich auch den Nachteil, dass hie und da Distanz vermisst werden kann. In unserer Zeit, da die second-hand-Informationen bei weitem dominieren, mag die Leserin oder der Leser den Vorteil u.U. hoeher schaetzen, als den Nachteil.
Mutualitaet in Netzkunstaffairen.
Herausgegeben von Kurd Alsleben und Antje Eske.
Mit Beitraegen von: Zorah Mari Bauer, Stefan Beck, Tatjana Beer, Sascha Buettner, Detlev Fischer, Yvonne Fietz, Ulf Freyhoff, Karl Gerstner, Heiko Idensen, Birgit Kiupel, Tilo Kremer, Matthias Lehnhart, Volker Lettkemann, Matthias Mayer, Georg Nees, Cord Passow, Julian Rohrhuber, Heidi Salaverria, Bettina Sefkow, Matze Schmidt, Bernhard Taureck, Matthias Weiss u.a.
material-verlag der Hochschule fuer bildende Kuenste Hamburg und Book on Demand GmbH, Norderstedt. 2004. ISBN 3-8334-1767-6, Euro 19,95. DIN A5, 240 Seiten, 16 Abb, Broschur.
(Waschzettel von Kurd Alsleben)
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Nach Saschas Text heute nun meine Kleinigkeit für das Mutualitäts-Buch von Kurd und Antje...
Incurably Romantic
Andenken einer Nähe in künstlerisch-mutuellen Medien-Umgebungen
Kittleriana 1*
Es scheint ein merkwürdiges Faktum zu sein, dass telematische und das heißt technisch begründete und auf technischen Gründen funktionierende Umgebungen oder Medienverbünde nur eines so intensiv herbei rufen, was ihnen selbst ausschließlich als Negativum, als anscheinend äußeres Anderes implizit zu sein scheint, und das ist Nähe. Diese Merkwürdigkeit produziert Denkwürdigkeit. Ein Blick auf die Entwicklung der Leseweisen setzt uns in den Stand, dieses seltsame Verspüren von Nähe technisch zu verstehen. Wie F. A. Kittler (Aufschreibesysteme 1800 – 1900. München 1987 und Optische Medien. Berlin 2002) nahe legt, ist es ab 1800 vorbei mit der offenen Lektüre in Lesecirkeln, einer formalisierten Erziehung zum Lesenkönnen qua zerstreuter Gruppen und Stände. Ab 1800 wird nämlich die Mutter zur zentralen Instanz der Kulturvermittlung, und gelesen wird fortan leise.
In der Romantik setzten Schriftsteller ins Wort, was die Gegenreformation als Bilderoutput von Malern des vor allem römischen Barock an die Wände der Kirchen und auf Leinwände halluzinierte oder von katholischen Bildingenieuren qua Camera Obscura vorgaukelte. Erst jetzt kann davon ausgegangen werden, dass in den Köpfen der Subjekte, welche ebenfalls ungefähr zu dieser Zeit zu selbigen wurden, aus Buchstaben lebendige Vorstellungen, Bilder oder Halluzinationen wurden. Da sich bis heute daran nicht viel geändert hat, kann man uns nur zuschreiben, dass wir selbst unheilbar romantisch sind. Nach dieser kleinen Technolpathologie der vergangenen 200 bis 300 Jahre muss sich auch das Internet als Verstärker lesen lassen (im Unterschied zur Camera Obscura, die sich sehen lässt). Denn unabhängig von den ursprünglichen Grabenkämpfen zwischen Ikonodulen und Ikonoklasten (in persona Tim Berners-Lee und Marc Andreesen, welche im Allgemeinen immer als die wichtigsten Erfinder des WWW und damit des Internets gelten, so wie es heute jeder durchschnittliche Mediennutzer zu verstehen glaubt), ist und bleibt das Netz ein Text für sich und eine Text mediatisierende Infrastruktur – und auch dann noch, wenn einige Computernutzer wie Neil Stephenson (Die Diktatur des schönen Scheins. München 2002) anderes behaupten.
Und alle Fantasmen, seien es nun die des kleinen, nach Ruhm gierenden Nachwuchsprogrammierers, der einen Wurm schreibt und damit von einer uninformierten Gesellschaft auf dem Altar ihrer eigenen Unwissenheit und zu Gunsten eines Software-Unternehmens aus Redmond, USA, geopfert wird (wobei frei nach Blixa Bargeld der Nachrichtensprecher ein ehrliches Gesicht trägt), oder seien es die Verheißungen der großen Provider, die uns einen barocken Tunnelblick mithilfe der Scheinheiligen unserer TV-Gegenwart („Bin-ich-schon-drin-Boris“) einreden wollen: Immer noch gilt, dass gerade weil wir doch immer noch Text auf flachen Textträgern sehen, die mit der Zeit immer noch flacher werden, und im Kopf ganz romantisch zu Vorstellungswelten synthetisieren oder lauffähig machen, beschreiben wir diese Basis allen Vernetzens durch den Computer als Text-verarbeitung. Und diese Erfahrungen lassen sich demgemäß als romantische Literatur auslegen. Daher wundert es nicht weiter, dass in den wohl ältesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit telekommunikationsfähigen Apparaturen immer etwas Protokollarisches, Schriftliches, Textliches mitspielt. Seltsamerweise ist es nun so, dass gerade da sehr augenscheinlich der nüchternste Netzgebrauch vorliegt. Daher ist – unabhängig vom möglichen Hemmnis des Ephemeren – diese Kunst weder populär noch besonders weit verbreitet bzw. bekannt. Zwar ist auch sie in der Romantik verwurzelt, weshalb wir heute immer noch sehr fasziniert sind von der Relation zwischen Nähe und Ferne in technischen Umgebungen, jedoch spiegelt sie dies nicht nur inhärent. Im mutualen Gemeinschafts-konstrukt des Serverfestivals beispielsweise findet sich ein Bekenntnis zum Text gleichermaßen wie zur Angemessenheit des Tuns an ein Textübertagungsmedium. Allerdings muss klar sein, was denn unter Nähe und Ferne im Zusammenhang mit künstlerischem, technisch basierten Konversieren gemeint sein könnte. Und das ist und bleibt das Halluzinat als Inhalt und Resultat des romantischen Leiselesens.
Matthias Weiß, Leipzig im Mai 2004
*Ich denke an die immer noch äußerst Geist öffnenden Seminare bei Kittler und seinem damaligen Assistenten Siegert zu Anfang der 90er an der Ruhr-Universität Bochum. Kittlers Texte und auch einige Sentenzen haben mich seitdem ständig begleitet und irritiert. Hernach konnte ich nicht mehr schlicht hermeneutisch an Kulturzeugnisse herangehen, ohne die Faktizität des Reellen mitzudenken. Ein Dank für die Verstörung von hier aus.
-- MatthiasWeiss - 19 May 2004