Beitrag
Wiesbaden zeitlos. Soll kein Werbeslogan von wegen Wiesbaden zeitlos schön (WZS) sein. Nein, es ist auch nicht fünf vor 12, die Zeit ist nicht stehengeblieben, erst recht nicht spurlos vorbeigegangen: am Hauptbahnhof fehlen zur Zeit an der Turmuhr die Zeiger, das ist so, als ob die Zeit fehlt. Och nö, keine Zeit, hieß früher eigentlich: Hhm, keine Knete. Kohle reichte nicht fürs Kino oder so. Ende der 90er las ich in der Zeitung, daß im Zuge der geplanten Neugestaltung des Hauptbahnhofs eine gläserne Trennwand zwischen der Querhalle und den Bahnsteigen gebaut werden soll. Schicker Traum, aber dann fehlte wohl die Zeit. Die Tage hat der Bahnhof Neueröffnung, viel Glas ist jedenfalls noch nicht zu sehen. In der Nacht zu Neujahr 1994 ist meine Großmutter gestorben, ob es noch Sylvester 1993 war oder schon der Neujahrstag weiß ich garnicht. Meine Großmutter kam ganz früher, als ich noch ein Kind war, regelmäßig von Frankfurt mit dem Zug nach Wiesbaden. Meine Mutter und ich trafen sie dann oft im Cafe Blum und es gab Torte. Dann schlenderten wir noch durch die Burgstraße und sie kaufte sich vielleicht noch einen schicken Hut. Nach ihrem Tod war ich ein paar Monate lang richtig von den Socken. In dieser Zeit hatte ich besonders viele und merkwürdige Träume. In einem Traum, der mehrmals wiederkehrte, war man am Wiesbadener Hauptbahnhof beim Kauf einer Zugkarte nicht zeitgebunden, sondern konnte mit dem Reiseziel nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit auswählen, also z.B. eine Karte nach Darmstadt in das Jahr 1912 oder nach Berlin in das Jahr 1928. Der Wiesbadener Hauptbahnhof legte es mit seinem 60er, 70er Jahre-Charme (Malboro Man, Nierenförmige Verkaufsbuden, nostalgische Werbeschriftzüge) auch irgendwie nahe, Startpunkt solcher Zeitreisen zu sein.
Uhr ohne Zeiger am Wiesbadener Hauptbahnhof, 2. Nov. 2004