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WhereTheWildWordsAre050622

aberkennung der wichtigsten auszeichnung! wilde worte velieren das kritische ohr!

ja. ich werde nur gutes schreiben. nein. ich werde keine lobhuddelei betreiben. aber der reihe nach!
noch rechtzeitig komme ich am schlachthof an, eile zur räucherkammer (werde auf dem weg dorthin von der schlachthof-crew erkannt und, jaja, gegrüßt) und höre die ankündigenden worte vom alexander pfeiffer. heute liest, so alex, heiko werning. heiko ist aus berlin und aber doch eigentlich nicht von dort, weil er vor 15 jahren einfach nur aus münster geflohen ist. wie viele, nach berlin.
heiko fängt an zu lesen, kurze ereignisberichte, wohl viele, einige, tatsächlich erlebt, vom blatt, ins mikrofon, zu nah, so dass es immerzu plopp macht, wenn er mit einem satz anfängt oder zu einer betonung ausholt. aber das sind nebensächlichkeiten im wohlig-einschlummernden singsang seiner leierhaften vortragsweise, die sich nach der dritten geschichte in ihrem stilistischen (jetzt mal nur auf die befähigung zum sprechvortrag bezogen) repertoire erschöpft hatte.
heiko wohnt parterre und macht dies zum kern seines vortrags. zum kern seiner textwelt. irgendwie erinnert er mich an OMP in den frühen, postpubertätren literatenzeiten oder an markus liske, auch einer der nach berlin geflohen ist, der ähnlich korpulent erscheint. heiko wohnt parterre und beobachtet, was um ihn herum vorgeht. das dringt in seinen kopf ins hirn in die arme in die finger aufs blatt in mikro in mein ohr. ich nicke kurz weg. aber bei der geschichte von warum im grünen wohnen oder so, da bin ich wach. mittlerweile hat sich auch BoLee eingefunden, und, so gesteht er im anschluss, diese im grünen wohnen geschichte, die habe ihm gefallen, was, so diagnostiziere ich sofort, an seinem sohn liegt, der, eben wie heiko, nicht die vorliebe für kühe, die BoLee in der tat pflegt (so wie seine liebe zu bären, denen er, wo auch immer, auflauert, um ihnen nachzusteigen oder sie zu streicheln), teilt. naja.
heiko liest. er erinnert mich an eben, ich schrieb es schon, markus liske. ähnlich bescheiden im literarischen stil. ähnliche vorlieben. ähnliche körperfülle. und irgendwie alles so alt, so nicht aktuell, so uninetressant, so dezent chauvinistisch, so dezent nicht pc, so dezent deplaziert, so dezent zum abgewöhnen.
nein. ich werde heiko nicht mögen. diese heikos und liskes mache ich auch ursächlich dafür verantwortlich, dass mir die lust an slam poetry verlorengegangen ist. ich meine: sie tun ja wichtiges. sie beschäftigen sich mit sprache. sie lesen. sie schreiben. aber vor lauter freude, einen satz zustande gebracht zu haben, vergessen sie zu leben, wahrzunehmen und im jetzt gutes zu vollbringen. zum beispiel gute texte. es müssen keine revolutionären (ich schreibe nur deswegen das wort revolutionär damit es geschrieben dasteht; es ist wichtig, dass dieses wort öfters geschrieben wird - ausserhalb einer werbeökonomischen verhunzung) texten sein. nein. sie sollten jedoch eine relevanz haben. eine, die das tagebuchniveau deutlich verlässt. nur so können die texte den anspruch erheben öffentlich vorgelesen zu werden. auf einer bühne. in einer räucherkammer. denn nicht hinter jedem tagebuch lauert eine anne frank
irgendwann ist jedes greul vollbracht, beendet, vorbei. auch heiko. alexander betritt die bühne. verkündet, dass sich bisher nur zwei für den slam eingetragen haben, es aber keinen geben wird, wenn nicht viere sich finden (von bettina höre ich, dass der slam fast immer im juni ausgefallen ist) und er, er alexander, sei jetzt der dritte und es bräuchte doch nur noch einen. oder eine. er spricht tatsächlich sowohl das männliche wie weibliche publikum an. ist das überzeugung? oder indoktrination seiner feminismusbewegten lebenspartnerin? ich verlasse mit BoLee den ort des vortragens. wir setzen uns in die kühle, angenehme schlachthofabendluft. schauen auf den biergarten (der ist ja so verdammt neu. so verdammt neu. so aussergewöhnlich. das war der schlachthofcrew ein ganzes eigenes plakat wert. in allen wiesbadener bussen). eine frau kämpft am zigarettenautomat. BoLee steht beratend zur seite (wird jetzt seine frau eifersüchtig? wenn ich auch noch schreibe, dass er ihr die hand führt, sich zart an ihren rücken schmiegt?). der herbeigerufene lebens-tattoo-freund hantiert am automat, zieht sich ein päckchen. "ist ganz einfach". die freundin bleibt zurück. kämpfend. am zigarettenautomat.
wen interesieren obige zeilen? niemanden! und genau soetwas habe ich mich einen teil meiner lebenszeit ausgesetzt. buuhhh.
drinnen geht es weiter. wir holen uns bier (ich wasser. muss ja noch autofahren.). ein hübsches, kleines, blondes ding (ich merke, wie mich der chauvinismus von heiko infiltriert) liest. und laut herrn BoLee, der ja früher, als er noch wild war (wilde worte), dort immer mal auflegte, meinte, die drei sekunden, da er dem mädchen zuhörte (nebenbei, denn wir bestellten ja getränke), dass sie doch deutlich besser sei als vieles, was er dort bisher gehört habe. weiss das das mädchen?
wir sitzen wieder draussen in der kühlen luft. reflektieren dies und das und den legendären letzten auftritt von Atelierbratwurst.BlutigerMischwaldInDerCurmbox2005. reden über waldwege, waldlehrpfade, auch kühe, aaron, der die schilder der waldwege sammelt, köche, die ihren arbeitsplatz verlieren, räume, die nicht vorhanden sind und dem bedürfnis nach aussen zu gehen.
während dessen liest das andere mädchen (frau?). applaus. dann alexander. er trägt 10 minuten vor. eine brandneue geschichte. nein, ein text. über wiesabden. keiner ruft uns rein. das war natürlich absicht. so wollte alexander sich vor den kritischen ohren (hmmm. so sollte eine trophäe heiszen. ein wettbewerb. nein. anders: man bekommt ein kritisches ohr verliehen. so wie köche einen oder zwei oder drei sterne bekommen.) davon stehlen. so bekommt man aber auch kein kritisches ohr. ja, gehen wir davon aus, dass die wilden worte vor drei jahren mit einem kritischen ohr ausgezeichnet wurden. dann war gestern der abend der aberkennung. jawoll. wegen dem feigen hund alexander. haha.
es geht bergab. die zuhörerzahl sinkt stetig. die vortragswilligen werden weniger. die qualität der vorgetragenen texte nähert sich dem nullpunkt. ich sitze am tresen. bettina überlegt, ob man gezielt an die oberstufen gehen sollte. werbung machen. begeistern. ich warne nur vor den oberstufenschülern. werfe ein, ob es sinn mache, den patienten wiederzubeleben. vielleicht hat sich das format einfach nur überlebt. vielleicht ist die zeit am schlachthof endgültig vorbei. vielleicht müssen wir doch einen anderen raum auftun. oder in die villa klementine gehen. oder ins kunsthaus. oder in den untergrund. das war ja mal so in berlin. da gab es an den unmöglichsten orten lesungen. das wurde per miniflyer und mundpropaganda kundgetan. damals, nach dem die mauer weg war. als es noch wild war. oder einfach kurzzeitig unreglementiert, weil die ordnungsmacht kurz verschnaufte.
vielleicht soltlen wir uns zu alexander ins taxi setzen. dort seinen gedichten lauschen. vielleicht fehlt aber auch das ziel. wohin steuern die wilden worte? warum und wieso? was will ich da? zu spüren ist da nichts. ich spüre nichts. ich spüre nicht die richtung, in die es gehen soll. aber selbst wenn da formulierte ziele wären: wie sehr prägt der herbergsvater die wilden worte? kann man in einer einrichtung, die durchkommerzialisiert ist (und zum wachsen verdammt ist. die können nicht mehr schrumpfen. die sind zu gross, die schlachthof gmbh, die sind verdammt zu wachsen. das ist eine einfache bwl-weisheit. und dieser zwang strahlt nach innen und nach aussen, also auch in die skaterhalle nebenan. nur mal so betont, für alle, die meinen, da könne man anderes machen als im schlachthof.) etwas veranstalten, dass sich nicht am kommerz ausrichtet? ok. oller hut. die schlachthofcrew betont ja auch immer, dass das gehe. der wolf sagt auch zum schaf, dass es schon ok sei, wenn das schaf bei ihm sei.
kommen wir zum fazit:

ABER: was wäre, wenn wir (wer auch immer wir ist) einen raum mieten, der von diesem ganzen drumherum entschlackt ist? dort machen wir dann alles anders.

ODER: wir gehen in andere räume, breiten uns dort aus und ziehen uns zurück. guerilla-lesung. guerilla-theorie. guerilla-musik. guerilla-theater. guerilla-guerilla.

Kommentare

02.08.2005 · r3