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UeberDieBorniertheit

substanzlos borniert

"Wie wars denn in hh? Ich empfand es bisher immer als sehr aufgeräumt - mit allen vor- und nachteilen der aufgeräumtheit (persönlich und strukturell). An der alster hatte ich beim ersten mal in hh ein wiesbadener gefühl - aber das stimmt nicht. Es ist dort weniger substanzlos borniert, sondern eher traditionell kaufmännisch abgehoben - bis hin in das Schanzenviertel und die hafenstrasse - selbst die die anders sind, sind anders als andersartige anderswo."
(aus einer mailkonversation mit einem freund, der schon vor vielen vielen jahren wiesbaden verlassen hat.)

-- SaschaBuettner - 22 Nov 2004

auswärts ist anders

Ich spielte in den Achzigern in einer Band. Wir waren zu dritt und badeten in finsteren Klängen, wie das alle in dieser Zeit taten. Auftritte in Wiesbaden liefen lobbygesteuert: Meine Freunde stehen bei meinen Konzerten vor meiner Bühne, deine Freunde stehen vor deiner Bühne. Wer einer Band unbekannt ist bestellt sich ein Bier und unterhält sich während der Konzerte. Das ist teuer, weil man den Eintritt zahlt um das Bier zu trinken - aber genau das wollte man ausdrücken: ich kann mir ein teures Bier leisten. Das ist laut und man versteht sich schlecht - aber genau das war Teil des Ausdrucks: ich stelle mich sogar in den Krach, um mir ein teures Bier zu leisten, ich brülle mich heiser, um verstanden zu werden... so sehr kann ich mir das teure Bier leisten. Die Band hat sich daran gewöhnt, dass das so ist. Vorne die Freunde und Freundinnen, hinten oder draußen die Freunde der anderen und die, die man nicht kennt. Wir haben oft auch bewußt extrem Krachiges gemacht - aber genau das wollten wir auch sagen: wir können es uns leisten vor immer denselben 5-10 Nasen zu spielen, wir wollen gar nicht gefallen, weil: wir sind genial. Zumindest haben wir irgendwann selbst geglaubt, dass das so ist.

Unser erster auswärtiger Gig war in Frankfurt. Wir waren die zweite Band von drei an diesem Abend und wir kannten niemanden. Als ich die Gitarre in die Hand nahm um zu stimmen, kamen plötzlich alle, die zu diesem Zeitpunkt in dem Laden waren mit bösen Blicken auf die Bühne zu um uns zu verprügeln. Wir haben uns gleich auf das Schlimmste eingestellt. Sie blieben aber dicht vor der Bühne stehen. Wir mussten feststellen, dass sie das Konzert hören wollten. Außerhalb von Wiesbaden ging man dafür in die Nähe der Bühne. Wir haben uns nur schwer daran gewöhnt. Und dann hat Musikmachen plötzlich sogar Spaß gemacht.

-- FrankE - 22 Nov 2004

22.11.2004 · SaschaBuettner · r3