Bedeutungen konversieren
Als wir nach dem ersten Tag, dem Freitag, mit der interessanten Erfahrung unseres Positionierens zum Bilderchat, festgestellt hatte, wie unterschiedlich die Auffassungen zu einem Thema sein können, musste ich (mw) mich bereits positionieren. Als durchschnittlicher Mitteleuropäer bin ich von Effizienzdenken und Zielorientiertheit im Handeln so durchdrungen, daß ich den Bilderchat zwar respektierte, aber mich fragen mußte, worin denn nun das Interessante liegt. Auf der Basis meiner kunstgeschichtlichen Erfahrung liegt es natürlich im Vollzug. Der Prozeß erst macht den Bilderchat zu dem was er ist, etwas Numinöses, das man zwar mittels Begriffen wie Performativität, Instantaneität, Aktualität einholen, umkreisen kann, aber kann man sich wirklich als reflektierender damit zufrieden geben?
Ich hatte den Eindruck, daß zwischen dem staunenden "was soll das" und dem ablehnenden "na, das scheint ja eine Maltherapie zu sein" alle möglichen Formen der Bedeutungskonstruktionen in der Betonhülse der Computerei kursieren, sich kreuzen und um Aufmerksamkeit heischten. Dagegen viel positive Affirmation, die nicht weiter begründet werden konnte. So beispielsweise durch mich, der ich mich durch den Dschungel der Erfahrungen hangelte, ohne so recht auf einen Punkt kommen zu können. Müssen wir denn das?
Am Samstag erweiterten sich die konversationellen Momente. Antje zeigte uns ein 300 Jahre altes Spiel, mit dem Konversation geistreich angestoßen und betrieben werden kann. Mir ist dies in meinen Freundeskreisen noch nicht begegnet. Schade. Also man nimmt ein kleines Papierheft, verteilt Endreime an die Teilnehmer und läßt sie diese dann zu Gedichten vollenden. Dann zirkulieren die Heftchen, und man malt ein Bild hinzu. Unterlegt dem Gedicht eine Bedeutung. Dann reicht man das nach oben hin offene Bild weiter. Der nächste schreibt ein Gedicht dazu und sofort. Bis das Heftchen gefüllt ist. Erstaunlich, was dabei passierte.
In der Reflexion des Bilderchats und des Konversationsspiels stellte ich dann fest, daß ich mich auf eine bestimmte Weise zu den Ereignissen verhalte. Und hier, finde ich, liegt ein Reiz: Ich bedeute mich in Bezug auf das Bedeuten der anderen.
Mit der Arbeit am Wiki im Bilderchat kam dann ein Terminus vom "produktiven Mißbrauch" auf. Gut, daß wir das zumindest in "produktive Aneignung" verwandelt haben. Gegen bestimmte Bedeutungssetzungen lohnt keine Umwertungsaktion. Im Zug zurück saß ich am Fenster, das mit einem Hammer ausgestattet war, um im Notfall den Weg nach draußen freizugeben. "Missbrauch strafbar" stand da in schönster neuer Rechtschreibung.
Die Bedeutungsaneignung und Umdeutungsstrategien hinsichtlich Technik prägte eine begriffsorientierte Debatte um neue Gadgets, neue Kommunikationstechniken und ihre Technologien. Nach den Körpersignalfeuern im Tanz, mit denen wir unsere Köpfe nach dem Mittag freizumachen versuchten, war dies dann gewohntes Terrain, auf dem Platz für Diskursives und Streitlustiges war. Zumindest implizit schien mir die Binsenweisheit immer wieder hervorzudränge, daß das Medium tatsächlich stark die Inhalte massiert. Bald mehr...
-- MatthiasWeiss - 21 Oct 2004
wo ist der bilderchat vom fr 15 10 04?
wuerde mir gerne nochmal den bilderchat vom fr 15 10 04 (im rahmen des symposions "bedeutungen konversieren", hamburg) ansehen. habe ihn vermutet im archiv unter http://swiki.hfbk-hamburg.de:8888/Salon/SchreibNetz - dort ist er aber nicht. ist er schon archiviert? hat jemand die adresse? werde bei gelegenheit versuchen, meine faszination am medialen chat in worte zu fassen.
-- ZorahMari - 23 Oct 2004
hallo zorah mari, der bilderchat vom symposion befindet sich hier: http://swiki.hfbk-hamburg.de:8888/NetzkunstWoerterBuch/420 was hältst du davon, deine faszination zum medialen chat im topic MedialerChat einzuschreiben? einfach das ? hinter MedialerChat anklicken und losschreiben. grüße, SaschaBuettner - 23 Oct 2004