Dieses Buch schreibt sich von selbst. Beinahe in Gänze ohne mein Zutun. Es hat sich selbst geschrieben und es wird sein Vorgehen auch fürderhin nicht nach dem Stundenplan und der Stimmung des Verfassers ausrichten. Mit dieser Ignoranz muß gelebt werden. Basta. Der Anfang sei nun mit diesen Worten willkürlich gemacht. Wichtig ist nicht die genaue Uhrzeit der in ihm verzeichneten Ereignisse, sieht man einmal von denjenigen ab, wo ich es als Autor ohne Handschrift explizit vermerkt habe (ich bilde mir etwas auf die Ableitung des Wortes Autor von Autorität ein). Außerdem hat sich die Realität einer kontinuierlichen Flucht auf dem Zeitstrahl mittlerweile ad absurdum geführt, aufgelöst in dieser Ära des Raum-Zeit-Verlusts. Dann aber müßte man gewissenhaft hinterfragen, warum sich hier überhaupt etwas schreibt, einschreibt, fort schreibt, wo doch die Grundkoordinaten der Weltorientierung mittels historisch anerkannter Kategorien, nach denen das ganze System noch funktioniert, verlustig gegangen sind? Aber es hat sie doch schon immer gegeben, diese Freiheit vom Außen einer von der Uhr diktierten Welt. Was ist das, wenn es träumt in uns? Bestimmt keine Partizipation am Weltgeist; diese simpel strukturierte Interpretation des Freiraums von der Zeit stammt aus einer anderen Epoche.
Und so denke ich, wenn an diesen vielen Worten überhaupt etwas wichtig zu sein scheint, dann das Innere, die verborgene Welt, der gekrümmte, in sich verwobene, trichterförmige und manchmal auch nur eindimensional ausgerichtete Raum in den zahllosen Köpfen der Menschen, und daraus ist das Buch gemacht. Jedenfalls waltet und verwaltet nicht die Homogenität einer gehorsamen Komposition. Da ja eine wesentliche Erkenntnis der heutigen Verfassung der Welt in ihrer Auflösung liegt. Natürlich tauchen auch Personen auf. Sie haben wie die Helden anderer Romane auch ihre ganz bestimmten Eigenarten. Diese meine Helden überschreiten nur selten die Klippe, um sich stürzend in die doch so nahen Fluten des anderen zu begeben. Lieber verharren sie in ihrer eigenen Innerlichkeit und Vorstellungswelt, dafür haben sie Instrumente, die ihnen dabei behilflich sind; und das ist vielleicht auch gut so; denn was wäre, wenn die Wanderungen hinüber zu den anderen unausgesetzt, an jedem Ort und zu jeder Zeit passierten. Der ökonomische Verlust wäre ja nicht auszudenken. Ein jeder dächte sich aus sich heraus, nur des Vergnügens oder Mitleidens willen, oder um den anderen zu verstehen. Das wäre zwar auf den ersten Blick eine durchaus löbliche Angelegenheit für das Zusammenleben der Menschen und räumte vielleicht zahllose Mißverständnisse aus dem Weg, doch der zunächst so augenscheinliche Nutzen relativierte sich wegen einer enormen Zeitschlacht des einzelnen in seiner Hineinversetzungsstrategie. Daher entschuldigen sich diese Wesen schon von vornherein für ihre kleinen Fluchten in die Unkörperlichkeit.
Das ist ein Stichwort. Diese zahllosen, ersponnenen und substanzlosen Worte, die ich hinter mich gebracht habe, sind eine Hommage. Während ich dies schreibe, töte ich die letzten Millimeter meiner frühmorgendlichen Zigarette. Es ist jetzt drei Minuten nach sechs Uhr. Eine stumme Bronchitis beschwert tiefes Durchatmen. Kalte Finger, nervöses Zittern in den Händen -welchem Raucher sind diese andächtigen Gebote des Körpers, doch endlich mit dem Laster aufzuhören, nicht bekannt? Leider gibt es für mich nur diese törichte Alternative zwischen Nichtrauchen und Rauchen. Sicher, irgendwann einmal wird der Zeitpunkt kommen müssen, an dem ich endgültig dem geliebten blaugrauen Gardinenkillern ade sagen muß, doch -natürlich -nicht jetzt. Aufgrund meiner jahrelangen, zumeist sehr treuen und penibel gepflegten Beziehung zum Tabak will ich ihm diese Schrift widmen. Es gibt vielleicht wenige Dinge in meinem Leben, die derart symbolischen Wert für mich besitzen. Da verliert man schnell in frühen Jahren den Glauben an die Religion, unter der man erzogen wurde. Das setzt sich in bewußteren Zeiten mit den Sozialutopien fort, bis schließlich im Studium alles Feste abhanden kommt, sofern man sich mit philosophischen Texten auseinandersetzt, und dies nicht nur nebenbei, sondern als ordentlicher Nebenfachstudent. Das mag armselig erscheinen; doch wenn man es genauer betrachtet, die gesamten Vorurteile beiseite läßt, sich mit einer klaren, exakten Methode der Analyse dieser Beziehung widmet, so hoffe ich, daß man zumindest nicht allzu negativ über mich urteilen sollte.
Denn das Rauchen bedeutet keinen Religionsersatz, sondern die Neuschaffung einer solchen. Ganz persönlich. Einige beten König Alkohol an, nennen ihn in speziellen Fällen "liquid sunlight", oder so, ich hingegen finde das Religiöse im Tabakgenuß. Ich widme meine Gesundheit und Wohlempfinden und erhalte dafür ein Stück vermeintlicher Transzendenz. Man könnte jetzt über die libidinösen Implikate des Rauchens diskutieren, doch das ist eine andere Geschichte. Gleichermaßen kann sich beispielsweise der Künstler, der zur Zigarette greift, immer in eine lange Ahnenreihe qualmender Kollegen (z. B. Beckmanns Selbstporträts) einordnen, das wäre dann die ikonographische Seite. Und was ist mit den Alltagsmythen der Cowboywelt? Dies sind eigentlich nur drei Beispiele einer Vernetzung des Lasters mit der Welt, und wer ist freier in ihrer Auslegung, als der Raucher?. Dabei ist die psychologische naturgemäß die ergiebigste -das Entmaterialisieren, das Distanzschaffen usf. Und schon wieder zünde ich eine an. Doch genug, hiermit sei meiner längsten Liebe, neben der familiären natürlich, ein Denkmal gesetzt.
Diese ersten Worte klingen wie eine Gebrauchsanweisung, mit der man sich einen sperrigen Text aneignen könnte. Doch muß man sich vorstellen, daß ich weder hiermit eine Installation meines Autorensubjekts (was ist das eigentlich?) vollziehen will, welches in gelehrter Weise munter kompliziert parliert. Noch ist es in meinem Sinne, an gewissen zeitgemäßen Strömungen zu Partizipieren, die dem Romanbegriff eine fortgehende Dekonstruktion widerfahren ließen. Vielmehr dachte ich an potentielle Kritiker, denen es genügt, wenn ein wenig gut geschriebener Sex und damit verbundene Verwicklungen zwischenmenschlicher Natur in Sprache überführt werden. Also Schriftstellerei als Ausdrucksmittel menschlicher Bedürfnis- und Handlungsstrukturen. In dieser Verkürzung finde ich es absurd überhaupt zu schreiben.
Es ist doch gut, daß es die nicht zu hintergehende Autorität des auktorialen Erzählers gibt; mag er sich damit belasten, seine Zeit damit zu verschwenden, sich an der Darstellung vermeintlicher Heroinen und Heroen zu erschöpfen. Sollen doch die Figuren von den Errungenschaften der Zeitlosigkeit profitieren. Der Schriftsteller nimmt sich schließlich diese enorme Menge des Arkanums, wonach es den normalen Menschen dürstet, dieses zerrinnende, dieses schreckliche Phänomen, das sich wie ein Regenwurm, an dem man zieht, verhält. Erst dehnt er sich, dann schrumpft er in sich zusammen, kontraktiert und verdickt wurstartig, je nach Einwirkung von außen und auch einmal anders, als man es sich auf die Schnelle vorzustellen vermag. Ja, das ist es, was ihn vor allen anderen auszeichnet; seine Zeit läßt Uhren anders drehen, als die der Wirtschaft und des technologischen Fortschritts. Aber vielleicht ist das nur ein antiquiertes Vorurteil derjenigen Leserschaft, die immer noch mit Macht und Leidenschaft an einem Kunstgedanken hängt, der von Autonomie und Weltfremdheit derselben geprägt ist. Und das ist natürlich heute alles in allem anders geworden. Bevor ich allerdings einsteige, um meinen Figuren den nötigen Raum zu schenken, sei mir ein kleiner Sprung in meine eigene Welt gestattet.
Purgatorium
Aber es ist der Autor, er begibt sich in die kritischen Momente des Nacherlebens von selbst und fremd Erdachtem, kombiniert und arrangiert diesen Wust an Gefühlen, Ereignissen, Räumen und Dingen und übernimmt so die Verantwortung und eine schwere Arbeit für seine Geschöpfe. Sie hingegen spielen sich durch ihre selbst erschaffenen Universen, ein jedes Wesen für sich. Ab und an kreuzen sich die Wege, man geht ein paar Schritte gemeinsam, nur um sich hinterher wieder zu trennen. Schmerzen im linken Arm. Zahnschmerzen auch noch. Alt und überflüssig. Die Hölle war an einem kalten Februarmorgen nach einer Party über ihn hereingebrochen. Unmerklich, unvermittelt und selbstverschuldet. "Jetzt wirst du mich nicht mehr los", hatte er damals zu ihr gesagt, als er sie auf dem Heimweg mit seinen Scherzen zu unterhalten versuchte. Der triefende Himmel nieselte sein Grau auf die sonntäglich schlafende Kreisstadt. Kein Auto hinderte sie, die Kreuzung müde zu überqueren, um dann vor einem Zigarettenautomaten festzustellen, daß ungenügendes Kleingeld nicht ausreiche, damit die Verbrennungslungen ihren ersehnten Rauch erhalten konnten. Er wußte nicht, konnte nicht vorausschauen, was vielleicht werden würde, wenn er sich dieser Frau hingeben würde. An der verkehrsberuhigten Straße, die vor seiner alten Schule den Weg zum Ring ermöglichte, versuchte er sie zu küssen. Kein voreiliger Abschleppdienst. Sie sträubte sich dagegen, und er fand es in seiner Haltung als Geist über den Wassern lediglich bemerkenswert, daß sie so derartig altmodische Kleidung trug. Eine braune Stretchhose, irgend so ein schimmernder, weicher Kissenbezugstoff von Großmutter. Ein schlabberiger weißer Pullover mit grobem Zopfmuster und Schuhe, in Mausform und -farbe sowie Metallschnallen, die durch kleine verchromte Löcher zu schlüpfen waren, um das langweilige Leder zu verschließen. Darüber brüllte eine tiefblaue Steppjacke aus glänzendem Chintz, die auf dem Rücken mit bunten Kranichen oder Flugenten bestickt war. Und dann waren da - der Vollständigkeit halber -noch dicke, weiße Wollsocken, welche die Enden der Hosenbeine versteckten. Das Fremdartige, Kindesartige, dieser Stillstand von Entwicklung gepaart mit einer spießigen Biederkeit ihrer Erscheinung interessierten ihn; warum, war ihm allerdings nicht sonderlich bewußt. Das, unter den Gesichtspunkten zeitgemäßen Bekleidens, Erschrecken des äußeren Bildes verpuffte in seiner abgestumpften Bierseligkeit. Und schließlich kam es ja nicht auf die Schale an. Vielleicht entwickelte sich die Sympathie aus der GemEinsamkeit der letzten Stunden und Laune der Übermüdung heraus, des Anflugs von Geilheit und anderen seltsamen Gefühlsregungen, die nach einer schlaflosen Nacht mit viel Alkohol und der traumlosen Ausnüchterung in einer esoterischen Wachheit zu einem charakteristisch schrägen Stimmungsgemenge amalgamierten, das er sehr möchte, da er dann die Welt mit anderen Augen zu sehen vermochte.
Bei allem Unschönen ihrer Kleidung -und die Definition über Kleidung spielte damals eine feste Rolle in dem Entertainment der Menschenbe- und verurteilung -, das er nicht mochte, erweckte sie tiefe Zuneigung, ja man könnte fast sagen Mitleid. Sie ging in einem wiegenden Schritt. Nicht der geordnete sondern der instinktive Gang, ohne die Korrektur durch die Instanzen der Gesellschaft, die darauf Wert legte, das Menschsein qua rationaler, aufrechter, aufgezwungener Haltung zum Ausdruck gebracht wurde. Und sie liebte Geschichten, forderte ihn heraus, welche zu erfinden. Diskutierte, redete Blödsinn und schien zu verstehen, welchen Mist er zu erzählen bereit war, ohne jedoch dann das zu akzeptieren, was sie zu hören bekam. Ein erstes Abtasten und Frontenklären, das bei den nachfolgenden Treffen zum rituellen Abendablauf gehörte.
Damals lebte er in dem Zwiespalt von grenzenloser Eigenliebe und -überschätzung sowie einer tiefwurzelnden Verzweiflung über das sich anbahnende Wissen vom Scheitern jeder Beziehung. Sein Selbstbewußtsein stand unter dem Zeichen der sich festigenden Persönlichkeit. Es war die Zeit der Schwebe, des Noch-Nicht und Schon-Jetzt. Ganz trendy erinnerte seine Kleidung an die Modebewußtheit der Schwulen, die in vielerlei Hinsicht das Outfit der Generation der frühen 90er Jahre zu prägen verstanden. Kurze Haare mit einer kurzen, kanarienvogelartigen Tolle, Cowboystiefel, zerfetzte Jeans, kurze Cordjacke und Armaniunterhemd, Emporio, klar, das hatte er zum Geburtstag von einer guten Bekannten geschenkt bekommen, die an ihn irgendwie glaubte und ab und an Gelegenheit bot, bei Besuchen in Köln einen Blick über den Horizont seiner Herkunft, seines Wohnorts in der kleinen Gemeinde bei Dortmund und seiner Gesellschaft von zumeist ehemaligen Mitschülern zu tun, indem sie ihn mit Leuten zusammenbrachte, die ihm sonst in seinem provinziellen Dasein nicht über den Weg liefen.
Holzwickede, der Ort in dem groß wurde, in dem er lange Zeit bei seinen Eltern im Haus wohnte, Holzwickede, dessen Name vielen wegen der Schilder auf der nahen Bundesstraße 1 bekannt war und von niemandem so recht wahrgenommen wurde, ist ein Schlafort von Mittelständlern aus Dortmund. Kein Mensch, der sich in der Welt einen Namen gemacht hat, war hier zu Hause. Hierher kam kein Prominenter, um durch den Sucher seiner Versteckten Kamera irgendwelche debilen Streiche für die Volksbelustigung abzudrehen. Seine Eltern, die in der Abenddämmerung der 50er Jahre geheiratet hatten, bauten 1960 ein Zweifamilienhaus, sozialer Wohnungsbau, mit den Mitteln, die damals mühselig erarbeitet wurden. Eine Doppelhaushälfte, in denen die Menschen ihre Zeit in direkter Verbindung mit den Nachbarn verbrachten, und die jetzt dauerhaft die geographische Mitte einer damals neu entstehenden Verkehrsader bildet. Der Weg war damals wirklich steinig, nicht nur der Bau des Hauses. Fußgänger betraten noch keinen Asphalt, keine wassergebundene Decke, sondern vielmehr Schotter, der nur notdürftig festgestampft war.
Seine frühesten Erinnerungen mischten dieses Bild mit den mittlerweile zu gilben beginnenden Dias, auf denen rotwangige Onkels, die zumeist Willi hießen, in dunklen Anzügen mit ihren großen Händen Biergläser fest umschlossen hielten, als trauten sie den neuen Mauern nicht. Oder vielleicht war es nur der Eindruck, daß es sich dabei um zu Glas verkümmerte Reste der alltäglich umklammerten Spaten handeln würde. Denn Gartenpflege und Eigenheim gehörten nun mal eng zusammen, und das erste Ereignis zu den Festtagen im Hause war der obligatorische Gang der Männer durch den Streifen hinter dem Haus, der später durch Pacht und Vorkaufsrecht um eine Parzelle Gemüsebeet erweitert wurde. Gegenüber die Grundschule aus Backstein, ein unheimliches, dunkles Haus, wie er damals fühlte. Bald wich der Schotter einer glücklicheren Decke aus grobem Asphalt, der ihm das Rollschuhlaufen nicht gerade leicht machte. Die neue Nordschule, die ihm erste Bildung bringen sollte, war jetzt aus Waschbeton, hatte flache Dächer und eine große Turnhalle, von der er als Kind hinabgesprungen sein sollte, eine der kleinen Lügengeschichten, die er manchmal erzählte. Dann donnerten Lkw, Zulieferer eines großen Kaufhauszentrallagers, durch die Straße, bis schließlich mit wachsendem Bewußtsein, aber das war schon viel später, eine Verkehrsberuhigung der mittlerweile zugebauten Straße Kinderfreundlichkeit angedeihen ließ.
Dieser Erinnerung ähnelte die seltsame Stimmung an jenem Morgen, von dem er wußte, daß er nicht lang währen würde, bis ihn körperliche Arbeit wieder zurück in die Welt brächte. Denn er war verabredet, im Elternhaus der Freundin eines Freundes, deren Mutter, die mit einem homosexuellen Steuerberater -der mit dem Outing Probleme hatte und sich wie ein Arschloch alter Chauvischule gegen seine Familie verhielt -in Trennung lebte und welcher das Haus zum Teil als Büro in Anspruch nehmen wollte, ihn gebeten hatte, bei den entrümpelnden Vorarbeiten zu helfen, was er gern zusagte. Das sollte ungefähr fünf Kilometer entfernt in einem anderen Stadtteil passieren, und da um diese vernieselte, vorgottesdienstliche Zeit noch kein Mensch ins Auto gestiegen war, mußte er den ganzen Weg in seinen, für derartige Unternehmen nicht geeigneten Stiefeln, zurücklegen, was ihn neben Blasen an den Hacken zudem noch mit totaler Müdigkeit belohnte.
Die Biermengen hielten ihn relativ warm. Sie wollte nur nach Haus gehen und hatte für seine Anmache kaum eine humorvolle Erwiderung parat. Es schien, als werde er ihr lästig. Sie wohnte nur unwesentlich entfernt von dem Elternhaus ihrer Freundin, die zu ihrem Geburtstag das Fest gegeben hatte. Daß das Leben nach diesem Tag peu à peu die Hölle auf Erden für ihn werden würde, hätte er sich nicht auszudenken vermocht. Er war in die Party geplatzt. Nur mit äußerstem Widerwillen hatte er seinen Freunden, die ihn beinahe krampfhaft überredeten, nachgegeben. Sie waren zu viert in Bochum ausgegangen. Ihm hatte das ausnahmsweise einmal gereicht, er wollte jetzt schlafen. Zudem bestand keine Einladung, oder nur für einen von ihnen, und er meinte zu wissen, welche Menschen er zu erwarten hatte, und diese vorgestellte Zusammensetzung mochte er überhaupt nicht. Aber er ließ sich überreden. Und er beschloß, sich zu betrinken. Mit den Möglichkeiten einer Architektentochter hatte die Gastgeberin das Haus ihrer Eltern hergerichtet, Theken installiert, Buffets aufgebaut, und eilte geschäftig zwischen den Leuten hin und her. Ihre Partys, das mußte er zugeben, waren gut organisiert, selten langweilig und immer reichhaltig mit allem bestückt, so daß kein Mangel entstand. Bis auf Zigaretten vielleicht, was er später bedauerte, da irgendwann seine Vorräte erschöpft waren und er sich mit seiner zukünftigen Hölle auf die Suche nach einem Automaten begeben mußte; denn die Gewohnheiten der Fünfziger, als Tabakwaren noch preiswert waren und die Gastgeber auch das Rauchen ihrer Gäste wohlwollend sponserten -eine gute, aggressionslose Zeit vielleicht, waren vorbei. Sie betraten das Haus und standen direkt vor einer Theke. Das übliche Spiel begann, keiner trinkt schneller als ich. Da waren die Freunde, die nicht seine Freunde waren, der gesamte Klüngel seiner Ex-Freundin war versammelt, denn die Welt ist klein.
In einer Situation der Ungewißheit bezüglich seiner Lebensvorstellungen, in einer Zeit vor der Reife hatte sie ihn angetroffen. Er hatte sie an einem Treppenaufgang stehen sehen und sich prompt, er war bereits ziemlich betrunken, zu ihr begeben und ein Gespräch begonnen. Oder, nein, er stand neben ihr an dieser provisorischen Theke und sie hatte sich vorgedrängt, was er mit Charme und einem Spruch quittierte. Daraufhin revanchierte sie sich mit einem Bier mehr, das er dann bekam. Sie verbrachten wohl Stunden damit, auf einer Treppe zu sitzen.
Eigentlich war er zu diesem Zeitpunkt bereits in eine andere verliebt. Aber die Geschichte hatte ihre Probleme: Sie steckte noch in einer Beziehung, aus der sie sich nicht befreien wollte. Heute ist sie mit ihm verheiratet, sie haben ein Kind, geregelte Arbeit und alles ist prima, nur das Kind ist immer krank. Damals hatte sie ihn vor sich gewarnt, er sei so lieb, sie so schrecklich und wenn sie zusammenkämen, dann nur weil er so lieb sei. Das war natürlich keine Basis, daher vergaß er das ganze auch recht schnell. Also zurück ins sich anbahnende Purgatorium. Alles weitere verlief nach üblichem Plan. An der Haustür noch ein wenig flirtendes Geplänkel und Adressenaustausch, den kleinen blauen Zettel bewahrte er lange Zeit auf. Sie hatte sich noch seine Uhr geliehen, denn diese Messgeräte sammelte sie. Dann so etwas wie eine halbzärtliche Verabschiedung. Und los wandern. Er schlief kurz, schuftete heftig, das war der Sonntag. Danach veränderte sich erst einmal nichts.
Ein weiterer Versuch
Das hat alles nicht geholfen. Diese Geschichte ist nicht zuende gedacht worden und wird es auch nicht. Denn trotz des ganzen experimentellen Charakters, den diese Zeit hatte, sie ist und bleibt eine Farce. Eine Groteske, die erst in der Rückschau ihre Tragweite offenbart. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, niemals etwas bereuen zu wollen. Bei diesem Bedürfnis ist es dann auch geblieben. Diese blutleere Schlampe hat mir einfach mein Leben versaut, und das Schlimmste ist, ich kann mich überhaupt nicht mehr an irgend etwas so richtig aus dieser erinnern. Hoppelnde Karnickel, die ich nicht wollte, klar, aber die Stimme dieser Verrückten, nein, die habe ich schon kurze Zeit später nicht mehr gehört. Tonbandaufnahmen existieren leider nicht. Oder Gott sei Dank, denn was wäre wenn?
Nein, vergessen wir den Quatsch für heute und wenden uns anderen Dingen zu. Diese larmoyante Gefühlsduselei kann doch eigentlich niemanden interessieren. Heute nacht seit langem wieder geträumt. Alle zwei Stunden bin ich aufgewacht, daher nicht gerade sehr fit. Egal. Der Traum war heftig. Ich weiß nicht mehr genau, was ich da gewesen bin. Jedenfalls verfolgte ich mit irgendwem einen Gemeingefährlichen. Der zeichnete sich durch besonders brutale Behandlungen von Haustieren aus. Ich konnte es nicht glauben, in jedem Fall bemächtigte er sich seiner Opfer und warf sie in hohem Bogen ins Weite. Dieser irre hatte eine unglaubliche Kraft. Die armen Tiere waren von oben bis unten aufgeschlitzt. Dann flogen sie in schätzungsweise 200 Metern Höhe durch die Luft, mit Raketengeschwindigkeit. Irgendwann konnte ich den Übeltäter stellen. Er trieb mich in die Enge, so daß ich glaubte, jetzt sei es auch um mich geschehen. Doch das war irrig. Ich schützte mich, indem ich von einer Tür, die aus den Angeln gehoben worden war, einkeilte. So kam das Monster nicht an mich heran. Ich fragte ihn, warum er es denn nicht dabei beließe, die armen Viecher einfach umzubringen. Daraufhin meinte er, daß das ja der Spaß bei der Sache sei. Wie naiv von mir. Nach den verrückten Flugstunden und einiger anderer Spannungsaktionen wachte ich dann auf.
"Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet.
Gigantische Schiffe, die brannten, draußen, an der Schulter des Orion.
Und ich habe Seabeams gesehen, glitzernd im Dunkel, nahe dem Tannhäuser Tor.
All diese Momente werden verloren sein in der Zeit. So wie Tränen im Regen.
Zeit zu sterben."
Roy, der letzte seiner Art.
"...alles ist so wie es ist, es sei denn, alles wäre anders."
Max Imdahl
"Wir haben uns vollkommen daran gewöhnt, daß alles ohne Sinn und Bedeutung ist; wir wundern uns nicht einmal, wenn die Dinge, denen wir begegnen, jeglichen Sinns beraubt sind. Hören Sie sich doch unsere Sprachen an: Entweder wird ihre Manieriertheit gleich platzen wie eine Seifenblase, oder sie wird sich zu einem Loblied auf Rülpser und sinnloses Geschwätz versteigen. Unsere verschlafene Senilität fühlt sich wohl im Absurden. Davon hat so mancher seinen Nutzen."
Michel Serres
-- MatthiasWeiss - 18 Jun 2004