EntWurf
Bin auf dem besten Wege, irre zu werden. Hin und Her. Bin auch auf dem besten Wege, ein Betrüger zu werden. Ich kann nicht. Nicht anders. Was ist das? Und lohnt das? Ist die Frage fair? Bin ich fair? Was ist anders? Traue mich nicht. Irgendwann muss man sich entscheiden, sagt es in mir. Bin ich am Scheideweg? Andere haben das schon längst hinter sich. Und was dann alternativ? Nach Berlin verschwinden, alles stehen und liegen lassen. Sich aus der Affäre ziehen, wie man so schön sagt. Das gilt aber nicht, es wäre ungerecht. Ich flüchte vor mir, vor dem Ort hier. Ich flüchte an dieses Ufer, dessen andere Seite ich nicht sehen kann. "Königstochter, liebste Königstochter, bist Du noch dort draußen?", traue ich mich nicht zu rufen. Wer aus der Engel Ordnungen hörte mich? Möchte aber keinen Engel als Gefährtin. "Bist Du auf der anderen Seite?" - wo ich mir vorstellen kann, was ich mir vorstellen kann, was ich nicht denken dürfte, aber mich nicht mehr wehren kann. Die Zeit verrinnt. Bald sind die Berge zwischen den Königskindern. Nicht nur der Fluss. Dann wird es bitter, bitterkalt. Schnee fällt. Ich höre schon den Wind pfeifen, und ganz allein wandere ich zwischen Geröll und Graten über einen Pass. Werde ich Zitronen blühen sehen, wenn ich auf der anderen Seite angekommen bin? Sollte ich nicht vielmehr einen Elefanten aus dem Zoo entführen und wieder zurück bringen? Hannibal rückwärtsgespult. Das macht schwindlig. Eiskalt weht der Schnee über meine Wangen. Mir hilft es wenig, dass ich einen Schal trage, dass ich eingepackt bin in sehr sehr winterfeste Kleidung. Es kriecht in mich hinein. Diese zermürbende Kälte. Wann endlich erreiche ich den Sonnenaufgang? Es müsste doch bald zuende gehen, oder etwa nicht? Es geht nicht anders. Die Vorstellung, sie hält mich gefangen. Nun spaziere ich wieder entlang der Donau. Letztes Tageslicht fällt durch die Baumreihen am Ufer. Habe das Telefon am Ohr und lausche in das Rauschen. Am anderen Ende ist es still. Denn wiederum fiel keine Entscheidung, dann nennt sie mich unglaubwürdig. Und schon beginnt das ganze Spiel von vorn. Stell doch mal die Vorstellungen hier ab. Geht das nicht. Meine Füße werden kalt. Der Hund zerrt an der Leine, mag nicht bleiben. Wenn ich ihn losmache, stürzt er sich umgehend auf die Enten. Telefonieren kann man dann auch nicht. Nein, ich werde nicht zur Zigarette greifen. Scheiß Klischees. Weil ich nach ihnen lebte, verrecke ich bestimmt an Lungenkrebs. Ich muss doch steinalt werden, um länger als die Hälfte meiner Aufenthaltszeit auf diesem Planeten ohne Rauchen verbracht zu haben. Deutlich sehe ich F. vor mir. Und ich gehe in die Knie. Der Hund zerrt, versteht mich nicht. Ich kann nicht weinen, denn ich habe F. noch am anderen Ende des Funkens. Der Hund hebt wieder und wieder die Pfote und streicht sie mir durchs Gesicht, zerkratzt die Wange, ich mag nicht aufstehen, was für ein tolpatischiges Bild gebe ich ab, während F. ins Telefon bittet: "Verlass Deine Frau, dann reden wir weiter." Warum auch sollte ich anders als die anderen sein. So viele meiner Geschlechtsgenossen benehmen sich derart. Kaum zu fassen, aber so sind sie nun einmal. Ich stehe auf. Es ergibt ja keinen Sinn, so herumzujammern. Entweder entscheide ich mich irgendwann einmal, oder es wird immer so weiter gehen. Ich stehe allein im Schnee auf einer ebenen Fläche. Es ist finster. Ich sehe maximal vierzig Zentimeter vor etwas. Mehr ist nicht drin. Wenige Schritte vor mir könnte der Tod lauern. Ich vermochte schon nicht, den Elefanten zu retten. In eine Gletscherspalte stürzte er, weil ich nicht sehen wollte. Einen Gefährten verlor ich. Einen Gefährten. Hätte er mich doch behüten sollen, doch fürs Gebirge war er nicht gerüstet, und ich zu unerfahren für die Überführung. Verende ich ebenso? BriefWechsel -- MatthiasWeiss - 07 Sep 2009
Mittelbayerische Zeitung Leserbriefe Margaretenstraße Regensburg Montag, 11. Mai 2009, Teil 03 "Römisches Erbe neu im Fokus" Sehr geehrte Damen und Herren, vielen Dank für diese aufschlussreiche Berichterstattung im Teil 03 zur der absolut unsinnigen Benennungsorgie, die der Kulturdezernent Klemens Unger gerade anstrebt. Hierzu lässt Folgendes fragen: Geht es um den (internationalen) Mitnahmeeffekt ("document" und "documenta")? Wie bitte wird aus einem Etikett ein Alleinstellungsmerkmal, und ist das Etikett etwa hinreichen, ein solches zu begründen? Dann habe Unger laut Bericht 2003 den Begriff "document" erfunden. Aha, meines Wissens handelt es sich dabei zumindest um die englische Vokabel für das biedere "Dokument" unseres Idioms. Nichts gegen Anglizismen. Auch gar nichts gegen die Kleinschreibung. Aber hier waltet schierer Blödsinn. Wenn es darum geht, mit einem Alleinstellungsmerkmal im Ranking der Weltkulturerbestätten Aufsehen zu erregen, sollte man vielleicht Zeit und Geld in die Substanz investieren, anstatt mit stupider Marketing-Sprache normalen Menschen die Zeit zu rauben. Wie wäre es denn, wenn stattdessen das urbanistische Niveau durch entsprechende Förderung gehoben werden würde? Dass es genau darum und nicht um unpassende Bezeichnungen geht, das meint Unger ja selbst, wenn auch mit der urkomischen Wendung, abgebrochene Grabungen fortzuführen sei "ein Quantensprung in der document-Geschichte". M f G
Hartmut Köhl Wehrhahnweg 15 47807 Krefeld Lieber Herr Köhl, ich bin zutiefst beeindruckt von Ihrer Post, die mir soeben auf den Schreibtisch flattert! Zwar stöberte ich erst einmal, werde aber in den nächsten Tagen genauer hinschauen, so wie es mir die Zeit erlaubt, und da sind wir schon mitten im Thema, denn ich bereite gerade meine Dissertation für die Publikation vor. Und stecke mitten im Verlagsgeschäft, wenn man so will. Nun nutze ich die Mittagspause, um Ihnen ein paar Zeilen zu Ihren Anliegen zu verfassen. Lassen Sie mich erst einmal sagen, dass so viel Liebe aus den wenigen Zeilen, die ich las, zu mir spricht, dass ich umgehend dieses Gefühl aus der Herzgegend aufsteigen spürte, das dann mit einem Druck von hinten auf die Augen ankündigt, dass hier Flüssigkeit aus mir heraus will. Ja, ich bin gerührt ob des persönlichen Vatertons. Und wenn Ihre Jungs das noch nicht so ganz verstehen können, so wird sicher die Zeit kommen, in der sie wertschätzen werden, welch ein liebevoller Vater hier schreibt. Es gibt nichts Schöneres, als liebende Eltern. Am vergangenen Wochenende besuchten meine Frau und ich meinen Vater, und der ist auch so herzensgut. Das sind also keine Lippenbekenntnisse. Nun ein wenig zu dem weniger Schönen: Das Verlagswesen für Nicht-Bestseller-Autoren (und vielleicht auch für diese) ist eine Qual. Ich habe mich schließlich von meinem avisierten Unternehmen getrennt, weil der Vertrag, den sie mir vorlegten, die reinste Gängelei war. Daher kann ich Ihnen nur anders raten. Es gibt schließlich eine Reihe anderer Möglichkeiten, seine Geistesarbeit zu veröffentlichen. Um bei meiner Dissertation zu bleiben: Sie wird nun doch erst einmal digital veröffentlicht. Das hat den Vorteil, dass ein wesentlich größeres Publikum erreicht wird. Neulich las ich von einem Geisteswissenschaftler, der seine Promotion in einem Verlag herausbrachte. Von der Auflage verkaufte er 100 Stück. In Zwei Monaten aber erzielte er Downloads von 3800 Stück. Wenn man also gelesen werden will, ist das die erste Wahl. Sie müssen allerdings bedenken, dass noch (ob gedruckt oder digital) zumindest mit Blick auf Picasso Bildrechte zu bezahlen sind. Das ist nicht billig. Vielleicht ein Grund, warum sich Verlage sträuben. Dann würde ich darüber nachdenken, aus den vier geplanten Bänden einen zu machen. Oder zielen Sie auch auf Kinder als Leser ab? Dann ist die geringere Menge sicher dankbarer. Übrigens "lektorirren" ist doch ein wunderbarer technischer Sprachunfall. Ich habe mich köstlich amüsiert. Wundern Sie sich nicht, dass ich Ihnen privat schreibe. -- MatthiasWeiss - 06 May 2009