Heute ein Zwischentitel im Tagesspiegel: "Francis Bacon is ein Idol bis heute - auch für Neo Rauch". Dem möchte man zweierlei hinzufügen: Zum einen ist Bacon innovativer, zum anderen fragt man sich, welche Konsequenzen Rauch aus der Kenntnis Bacons zieht oder gezogen hat? Aber frei nach Lichtenberg: Wenn ein malender Esel ein Bild betrachtet, heißt es noch lange nicht, dass der Esel in Zukunft nur noch Meisterwerke produziert.
Schlossgespenst
"Der Bundestagsbeschluss zum Bau des Humboldt-Forums am historischen Ort in der äußeren Gestalt des Berliner Stadtschlosses wird realisiert", meint die AG Kultur der FDP im Kontext der laufenden Koalitionsverhandlungen. Auch unabhängig vom fehlgeschlagenen Wettbewerb und den kleinen Vergehen vom bis dato Unbekannten Franco Stella. Man kann diesen restaurativen Kitschiers nur eines vorwerfen: Nun haben wir de fakto in diesem Land eine "Gelbe Gefahr"! Angst und bange wird mir, wenn ich nur daran denke, was in Zukunft an kulturpolitischem Wahnsinn auf uns kommt. Das Schloss ist ja nur eine Facette.
Dazu aber verkündet der Hinterbänkler Markus Löning (FDP):
Löning: Stadtschloss wird Höhepunkt im Herzen Berlins
Zur heutigen Jury-Entscheidung im Architekten-Wettbewerb um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses erklärt der Berliner FDP-Vorsitzende Markus LÖNING:
Berlin kann sich freuen – der Wiederaufbau des Stadtschloss kann beginnen. wirklich? ich glaube doch wohl nicht, denn erst einmal gibt's ja seitens des bundesrechnungshofes die einen oder anderen bedenken in der sache Aus einer tristen Brache wenn nicht der palast der republik abgerissen worden wäre... wird ein einzigartiger kultureller Höhepunkt im Herzen Berlins werden. Es ist schön, dass mit der heutigen Jury-Entscheidung eine jahrelange Debatte beendet worden ist. Es ist ein Aufbruchsignal für die ganze Stadt.
Der siegreiche Entwurf ist ein gelungener Kompromiss das ist kein entwurf, das ist eine halbherzige, rückwärtsgewandte lachnummer aus historischer Rekonstruktion und moderner Eleganz was heißt eleganz?. Die Übergänge werden harmonisch und fließend sein zwischen was?.
Mit dem Humboldt-Forum gewinnt Berlin auf der Museumsinsel eine der bedeutendsten Museumslandschaften der Welt was bitte soll das heißen? nochmal auf deutsch den satz. Es wird ein Ort der kulturellen Begegnung und des kulturellen Dialogs in der Mitte Berlins entstehen, der gleichermaßen zum Magnet*en* für Touristen wie zum Stolz kommt von stultus (=dumm, töricht) der Berlinerinnen und Berliner werden wird.
Außerordentlicher Dank gebührt dem persönlichen Engagement von Wilhelm von Boddien. Er hat die Debatte um den Wiederaufbau des Schlosses mit seiner Schlosssimulation 1993 in Gang gebracht, als keiner über das Schloss gesprochen hat. ufftata, wir wollen unsern alten kaiser wilm wieder haben, mittem bart!
Ich rufe die Bürgerinnen und Bürger auf, für die historische Fassade zu spenden und den Förderverein Berliner Schloss zu unterstützen.*kein cent von mir!*
Damien Hirst
Wie kommt es eigentlich, dass viele kritische Geister, von denen ich ausschließlich Distanz erwartet hätte, so positiv interessiert zu Hirst stehen?
Binde-Striche
Mittlerweile bekomme ich Pickel, wenn ich Texte mit übermäßigem Gebrauch von Bindestrichen zu lesen bekomme. Daher sammele ich mal selbige:
Geht gar nicht:
Hafen-Areal, Sparkassen-Filiale, Künstler-Team, Kunst-Interessen, Mitarbeiter-Strukturen, Künstler-Programm, Russland-Krise, Galerie-Räume, Familien-Entscheid, Künstler-Nachlass, Künstler-Karrieren, Künstler-Generation, Videokunst-Ausstellung, Markt-Wert, Luxus-Schatullen, Luxus-Modemarken, Szene-Muss
Na ja...
Messe-Offizier, Galerie-Arbeit, Ausnahme-Erscheinung,
Fassadenschmiererei
im mars verbraten, 25.7.2009
Regensburg, Welterbestadt, nennt sich gern die "nördlichste Stadt Italiens". Aber mit südländischer Coolness ist in Bayerns Puppenstube mit Großstadtetikett nicht zu rechnen. Ein Malermeister hat die Fassade seines mehrstöckigen Hauses von einem Künstler (Carsten Kruse, "Dienstleister der Freude") mit einem zugegebenermaßen leicht fragwürdigen, stark farbigen und ungegenständlichen Gemälde pimpen lassen. Die Verwaltung möchte das nicht, sieht sich einer Medienkampagne ausgesetzt, da die Öffentlichkeit anscheinend anderer Meinung ist. So berief sie den Gestaltungsbeirat ein, in dem immerhin der Schweizer Professor (Carl Fingerhuth) und der renommierte Architekt Volker Staab ("Ich finde es scheußlich") sitzen. Fingerhut wertete die Gestaltung als Werbung. Schaut man sich einmal die Lage genauer an (
Gesetzt den Fall, der Eigentümer ist kein Malermeister, was wäre dann? Immer noch eine "Gesamtwerbefläche, und die ist genehmigungspflichtig", wie Planungsreferentin Christine Schimpfermann meint?
Hand's up, Baby...
im Mars
Man mag ja von Ottmar Hörls künstlerischer Arbeit halten, was man will, aber nun dieser vermeintliche Skandal? Ein güldener Gartenzwerg reckt den rechten Arm zum Hitlergruß in die Höhe. Eingeschrieben steht unter der Plastik "Poisoned". Man kennt das Figürchen auch als "Sponti" mit Stinkefinger. Doch ein Anonymus, dem der "Vergiftete" sauer aufstieß, machte in Nürnberg Wind, und die örtliche Staatsanwaltschaft
Am besten sind allerdings die Leserkommentare.
Ottmar Hörl
Poisoned-Zwerg, 2008
Kunststoff
41 x 17 x 19 cm
Unlimitiert, Preis: 45 EUR
Ed. 250, Preis: 120 EUR
MATERIAL:
Abendzeitung
http://www.abendzeitung.de/nuernberg/lokales/119116
Moosburger Zeitung,
http://www.idowa.de/moosburger-zeitung/container/container/con/556975.html
Immer wieder Kunstkritik
10.4.2009: in den Marseditor fürs Blog
Alles schreibt derzeit über die Kunstkritik. Es ist mit ihr, als sei sie eine Art Sorgenkind. Aber von wem? Von allen, die über Kunst schreiben und sich Kritiker nennen. Und welche Identität hat dann die KK? Die erste Frage und ihre Antwort sind aufs engste mit der zweiten, viel wichtigeren verbunden. Schreibe ich als ausgebildeter Journalist das Wort Kunstkritik, dann meine ich bestimmt etwas anderes als derjenige, welcher eben nicht ein Volontariat hindurch Schreiben "gelernt" hat. Es gilt demgemäß erst einmal Position zu beziehen, und auf welchem Fundament diese ruht, lässt sich unproblematisch definieren - zumindest aus meinem Blickwinkel. Ach, beinahe hätte ich's vergessen, was kein Zufall, sondern der Normalzustand aller Schreiber ist: Für wen schreibe ich eigentlich? Wer ist der Adressat all dieser Geschichten um und über Kunst? Damit kompliziert sich das Unterfangen, hier einmal ein wenig aufzuräumen. Aber nun denn, ich weiß nicht genau, ob ich dem Leser, wer immer das auch sein mag, gerecht werden kann, denn das Feld ist zu disparat, und mir ist nicht bekannt, dass es zu irgendeiner Zeit einmal einen empirischen Nachweis über den "durchschnittlichen" Rezipienten von Kunstkritiken gibt. Na ja, und dann muss natürlich auch berücksichtigt werden, dass es ganz unterschiedliche Medien gibt, in denen Kunstkritiken veröffentlicht werden.
Damit sind wir ja schon mitten im Geschäft, das sich Differenzierung nennt. Lassen wir dennoch einmal die Verschiedenheit eines regionalen Feuilletons der Tageszeitung eines Mittelzentrums im Vergleich zur Hochglanz-Mainstream-Special-Interest-Publikation außer Acht. Start beim Schreiber, bei den Erzeugnissen, die er hervorbringt.
Was die lieben Kollegen wohl am liebsten schreiben, das sind Rezensionen, also Terminjournalismus. Die Einladung zur Pressekonferenz flattert ins Haus, interessante Ausstellung, wichtige Ausstellung, wichtige Künstler, der Redakteur beauftragt den Kritiker, los geht's. Diese journalistische Darstellungsform ist so puddingweich und konturlos wie sonst keine andere. Im Grunde kann man hier schreiben wie und was man will. Weder muss man sich an den Berichtstil gebunden fühlen, also die W-Fragen sklavisch verfolgen, noch braucht man sich zurückzuhalten, wenn es ums Urteilen geht. Irgendwo zwischen Kommentar, Reportage, Feature und Bericht ist die Rezension angesiedelt, und mit Blick auf die Bildenden Kunst steht's unklarer als im Falle von Konzerten oder Theateraufführungen. Damit sei der Ist-Zustand beschrieben. Ob dies wünschenswert ist, sei dahin gestellt. Unabhängig von welchem Standpunkt und in welchem Medium ein Autor publiziert, sollte dennoch ein wenig Disziplin mitgebracht werden. Der Leser sollte im Mindesten erfahren, wie viele Arbeiten in der Schau gezeigt werden, wie lange sie dauert, wo sie zu sehen ist, und fehlen dürfen naturgemäß auch keine biografischen Angaben zu Künstlern in monografischen Schauen bzw. sollte angegeben werden, ob und welche Stars mit von der Partie sind, oder ob es sich hauptsächlich um Studierende oder Youngster im allgemeinen handelt. Diese Fragen möchte ich als Leser beantwortet wissen, um mir einen Eindruck von dem Projekt verschaffen zu können. In diesen Rahmen hinein kann dann munter fabuliert werden.
-- MatthiasWeiss - 9 Apr 2009
Weitere Wiederholungstäter
_"Und nachdem die gängigen Vorurteile gegenüber dem Online-Journalismus erstmal vorübergehend an den Wegesrand geräumt sind – wenn sie den Journalismus im Allgemeinen betreffen, wird man sich auch im Online-Journalismus mit ihnen auseinandersetzen müssen – gilt es im Folgenden einen Blick auf die Geschichte des Online-Journalismus zu werfen, um feststellen zu können, wie das Web den Journalismus verändert."_
Fällt Ihnen etwas auf, wenn Sie die oben stehenden Zeilen lesen? Das ist erst einmal ein Satz, ein einziger, wohlbemerkt. Er stammt aus einem Text von M. B., der sich dem gewandelten Zustand und den Bedingungen des Schreibens in alten und neuen Medien zu Zeiten des Internets widmet. Er gehört zur Textsorte des Essays und ist in einer Aufsatzsammlung aus dem Jahr 2008 erschienen. Der Satzbau ist nicht unkompliziert. Es wird mit einer Parenthese operiert, Nebensätzchen schließen das Konstrukt ab. Sieht man über ein fehlendes Komma hinweg, ist zunächst augenscheinlich, dass ganze fünf Mal das Wort Journalismus verwendet wird. Dass ferner "Vorurteile an den Wegesrand räumen" eine Aufgabe darstellt, die in diesem Stilgefüge aufgrund der herrschenden Schwerkraft der Untugenden schier unmöglich ist, lässt mich zu folgendem Schluss gelangen: Um drohende Hirnschäden zu vermeiden, stoppe ich umgehend die Lektüre.
Alles Kunst
Ein Zweispalter. Heute in einer höchst angesehenen Hamburger Wochenzeitung. Die Buchkritik der Herausgeberin einer sehr auf Intellektualität bedachten Fachpublikation zum Kunstsystem, I. G., zeichnet als Gasstautorin verantwortlich. Ich mochte ihre Texte schon immer, weil sie mich lehrten, was man vermeiden sollte, wie man Leser abstößt, auf welche Weise man viel schreiben kann, ohne viel zu sagen zu haben. Auch entzückte mich ihre Dissertation, in der sie behauptete, sich ums Werk zu kümmern, aber nicht eine einzige hinreichende Interpretation, die auf einer nachvollziehbaren Beschreibung folgt, ablieferte. Nun also las ich diesen kleinen, unscheinbaren Aufsetzer und stellte fest: Kunst ist wahrlich ein feiernswerter Begriff. Und das kann man den Leser auch spüren lassen. I. G. unternimmt dies leichtfingerig. Im ersten Absatz, neun Zeilen ist der lang, taucht das Wort "Kunst" schon fünfmal auf. Am Ende des Textes stoppen wir bei Numero 17 unsere Exerzitien in Erbsenzählerei. Ein Fest für die - Halt: Wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntermaßen die Steine dort belassen, wo sie liegen.
Ticker, Jenny Holzer
überarbeitet und gebloggt auf wp.serverfestival.net am 26.2.2009
Heute auf dem Außenwerbung-Laufband unserer Regionalzeitung: "Tatort-Kommissaron Folkerts gruselt es bei manchen Filmen."
Rhizom, FH Münster
Immer wieder ist es ein Genuss, wenn die Rhizom ins Haus kommt.
Die Einhoff-Neumann-Connection
überarbeitet und gebloggt auf wp.serverfestival.net am 26.2.2009
Warum sind mir die Bilder von Friedrich Einhoff (Jahrgang 1936) auf den ersten Blick so vertraut gewesen, auch so nahe gehend? Es gibt einen Mitspieler, zumindest relativ, in der Art und Weise seiner Figürlichkeit. Es ist der dreizehn Jahre jüngere Kollege Max Neumann (www.maxneumann.com). Auch in seiner Malerei ist die Figur entindividuiert. Man kann allerdings sagen, dass dieser Vorgang noch stärker ist, als bei Einhoff. Der durchscheinende Malgrund aber ist vergleichbar, ebenso die linear konturierten Figuren und jene nicht vorhandene Räumlichkeit. Stilistisch ist Neumann wenn man so will glatter. Auch besitzt er ein größeres Gegenstandsrepertoire. Es fehlen in der Regel jene Aufwerfungen, durch welche die Antlitze anscheinend verletzt sind. Einhoffs Formate sind überdies von überschaubarer Größe, sehr häufig 150 auf 120 Zentimeter, hingegen gibt es vom anderen auch kapitale Stücke.
Was beide Maler verbindet, ist eine Bildpsrache, die sich jedem Trend verweigert. Und im Unterschied zu den meisten jüngeren figürlichen Malern besitzen sie die Fähigkeit, ihre Stücke mit einer gehörigen Portion Selbstreferenzialität auszustatten. In ihren Arbeiten spiegelt sich derart das verwendete Material und geht so formal eine Allianz ein. Die Durchdringung jener semantischen Ebenen (reflektiert-aktivierter Bildträger als Bildgegenstand, Figur zu Fläche und Raum bzw. Nicht-Raum zu Figur etc.) ist unauflöslich und äußerst intelligent bewerkstelligt.
Die Gegenwart der Kunstgeschichte
überarbeitet und gebloggt auf wp.serverfestival.net am 24.2.2009
Einige Wissenschaftler haben heute viel Kritisches über den gegenwärtigen Zustand der Kunstgeschichte zu sagen. Meistens handelt es sich dann seitens der Textsorte um so etwas wie eine Grabrede. Hans Belting hat daraus ein besonders populär gewordenes Buch gestrickt (Belting, Hans: Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren. München 2002 (2. Auflage)). Dem Gedankengang zufolge sei eine Geschichtsschreibung aus einer Reihe von Gründen nicht mehr möglich. a.b.c.
Nun trat auch mit Belting einer der wesentlichen Protagonisten in der Debatte um die Bildwissenschaft auf den Plan. Er gilt als einer der nachhaltigsten Verfechter derselben, und vor dieser Folie liest sich seine programmatische Schrift wie die Abschiedsrede zur Emeritierung der altehrwürdigen Disziplin in einen zwangsnotwendigen Ruhestand. Das aber ist irreführend. Allein der Blick in eine propädeutische Publikation wie "Belting, Hans (sic!): Kunstgeschichte. Eine Einführung. Berlin 2008" belegt ein disparates Feld von Methoden, das die Rede von einer Überalterung und Pensionierung der Kunstgeschichte in ihrer Fragwürdigkeit entblößt.
Mit jeder neuen Zugangsweise zur Kunst stellt sich selbstredend nicht nur eine Erweiterung des Methodenspektrums ein. Desgleichen ereignet sich immer auch eine strenge Diskussion über das Für und Wider, was in anderen Wissenschaften nicht anders ist. Die verschiedenen Schulen streiten gegeneinander, und nach einer Weile hat man sich dann allgemein ein wenig beruhigt, und der Betrieb wartet freudig auf den nächsten Entwurf zu einem neuen Ansatz. Man bedenke einmal die Einschränkungen, die Panofsky an Sedlmayrs Strukturanalyse (s. Panofsky, Erwin: Die deutschsprachigen Aufsätze. Berlin 1999, Bd. 2, S. ??) ausmacht. Es scheint, als dies der generelle Lauf der Dinge. Anders: Wenn diese Impulse nicht innerhalb der Wissenschaft in Form einer kritischen Diskussion ausgetragen werden, ist es um die Lebendigkeit und den Nutzen schlecht bestellt. Schließlich muss sich ein jeder praktizierende Kunsthistoriker die Frage beantworten können, warum er was auf diese und keine andere Weise derart untersucht. Das war nicht immer so. Glorreiche, simple Zeiten waren es, als beispielsweise zwei, drei Sätze zur Legitimation genügten, um ein Schlagwort, einen Terminus in Umlauf zu bringen. Nehmen wir beispielsweise den von Michalski geprägten Begriff der ästhetischen Grenze (Michalski, Ernst: Die Bedeutung der ästhetischen Grenze für die Methode der Kunstgeschichte . Berlin 1996 (Reprint mit einem Nachwort von Bernhard Kerber). Diese formuliert quasi die Kordel vor dem Bild im Museum, sofern sie denn mit im Bild ist. Kurz und knapp behauptet der Autor, es gebe eine solche, und dann folgt eigentlich nur eine Kunstgeschichte dieser sich über die Zeiten wandelnden Demarkationslinie zwischen Realraum und Bildraum. Der Begriff wird weder exakt abgeleitet noch in seiner Reichweite definiert. Nichtsdestotrotz ist er bis heute ein wunderbares sprachliches Differenzwerkzeug. Wenn ich Kunst auf ihr Verhältnis und ihre Inkorporationen von außerkünstlerischer Realität hin untersuche, verstehe ich beispielsweise eine gehörige Portion zeitgenössischer Kunst. Ein anderes Beispiel bietet Erwin Panofsky in seinem Aufsatz "Die Perspektive als symbolische Form" (1927, s. oben zit. Band 2 seiner Aufsätze, S. 144). Der umfassend gebildete und beneidenswert gelehrte Kunsthistoriker, vielleicht der einflussreichste, den das 20. Jahrhundert überhaupt hervorgebracht hat, pickt sich schlicht Cassirers Term und begründet weder hinreichend, warum er ihn nutzt, noch welche Grenzen er besitzt. In Relation dazu erscheint einfach die Lesbarkeit perpektivischer Darstellungen in der Geschichte seit der spätrömischen und byzantinischen Kunst bis zur Ausformung der Zentralperspektive als Phänomen und Symbolisierung der geistesgeschichtlichen, sprich ikonologischen Umstände der jeweiligen Zeit.Auch Paul Oskar Kristeller (Das moderne System der Künste/The modern system of the arts, in: Kristeller, Paul Oskar: Renaissance Thought and the Arts: Collected Essays. S. ???) operiert auf diese Weise, wenn er vom Modernen Kunstsystem spricht, ohne jedoch zu begründen, was ein System ist. Würde es denn einem Autor einfallen, daraufhin zu behaupten, das alles sei unwissenschaftlich? Müsste denn nicht tatsächlich Krisenstimmung aufkommen, wenn die Großen der Zunft die so wichtige, weil objektivierende Begriffsbildung unterlassen? Keineswegs. Das bedeutet ja Arbeit für diejenigen Forscher, welche an der Geschichte der Kunstgeschichte besonders interessiert sind. Im Übrigen schmälert das natürlich nicht die Erkenntnisse, die im weiteren Verlauf der Texte ausgebreitet werden.
Zudem ist noch hinzuzufügen - vielleicht das wichtigste Argument, um die Suprematiebestrebungen der Protagonisten der Bildwissenschaft in Zweifel zu ziehen -, das spätestens die zeitgenössische bildende Kunst sich längst nicht mehr mit dem Bild oder Bildwerk zufrieden gibt. Gerade die neuere konzeptuelle Kunst belegt, wie disparat die Erscheinungsweisen und Materialien sind. Und niemand würde ernsthaft behaupten wollen, dass diese Kunst nicht in den Kanon gehörte. Und ein weiterer Aspekt darf bei der Einschätzung der Reichweite einer Bildwissenschaft nicht außer Acht gelassen werden: Nicht jeder Untersuchungsgegenstand ist gleich. Und bildende Kunst, diese Differenz muss bleiben, ist von anderer Qualität als eine Röntgenaufnahme. Damit bleibt der Bildwissenschaft eigentlich nur eine bilderfixierte Nische als Metatheorie über das Bild. Als auslegender, praxisorientierter Ersatz taugt sie nicht.
-- MatthiasWeiss - 23 Feb 2009
Über Kunst und Künstler
Ich werde das Gefühl nicht los, daß mit der bildenden Kunst etwas im Argen ist. Ich glaube, daß sich unsere Sehgewohnheiten und unsere Denkgewohnheiten verändert haben. Wenn Kunst in den vergangenen maximal 100 Jahren nicht nur den Künstlern, sondern auch den Betrachtern Vergnügen und intellektuelle Spannung brachte, was ist dann heute davon übrig? Man kann sagen: Nichts ist übrig. Es ist alles eine Frage der Abstriche, die man machen muß. Das erste Abstreichen beginnt beim Rezipienten. Man geht nur aus gesellschaftlich-modischen Gründen ins Museum. Das war aber schon immer so. Zweitens sind die Intellektuellen nicht zerstritten, vielmehr reden sie ihren Auftraggebern nach dem Mund. Es gibt längst keine Kultur der Kritik mehr.
Ich sehe nichts mehr
In der Redaktion gefangen, aber das erzählte man mir ja bereits beim Einstellungsgespräch. Die Bilanz meiner Ausstellungsbesuche für das vergangene Jahr fällt verheerend aus. Zehn, 15? Mehr wohl kaum. Eigentlich müsste ich mich an die genaue Anzahl erinnern. Aber die Mühe mache ich mir jetzt nicht. Was aber kann man dann noch über Kunst und Künstler schreiben, wenn man sich ausschließlich von Abbildungen ernähren muss? Geloben wir Besserung, denn immerhin gilt es noch ein wenig Wohnung zu bauen, die Dissertation zu veröffentlichen, und dann, ja dann...
-- MatthiasWeiss - 13 Feb 2009
Kunstkritik
Eine Untersuchung, die sich lohnen würde, betrifft die Kunstkritik. Irgendwann einmal habe ich begonnen, mir das Kunstforum vorzuknöpfen, jedoch versandete der Versuch. Zudem war er auch viel zu wenig durch Varianz abgedeckt. Einen Privatkrieg gegen das Kunstforum wollen wir schließlich nicht entfachen. Im vergangenen Sommer habe ich gesammelte Kritiken von Isabelle Graw gelesen und fiel um. Was dort auf mich einprasselte, das zeugte von Ignoranz den Werken gegenüber, wie ich's kaum zuvor gelesen habe. Ein dritter Motor ist diese unglaubliche Langeweile, die mich überkommt, wenn ich in der FAZ Kritiken bzw. Ausstellungsrezensionen lese. Ich frage mich allen Ernstes, warum das so ist. Schließlich habe ich jahrelang diese Praxis ausgeübt und mich immer als besseren Bestandteil der Kulturvermittler betrachtet. Nun muß ich feststellen, daß ich um keinen Deut besser, attraktiver oder kritischer geschrieben habe, als es meine Kollegen tun. Also sollte man sich doch einmal die Zeit nehmen und ein Nestbeschmutzer werden.
-- MatthiasWeiss - 02 Jun 2004 / 26 Jul 2005