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Das Dorf P.

Nichts zeichnet es aus, das Dorf P. Es liegt am Rande einer großen Stadt im Osten Deutschlands. Alles ist so, wie es in den Dörfern im Osten zu sein pflegt: Halbfertigkeit aller Orten. Nach der großen Flut anno 2002 spätestens griff die Möglichkeit, mit einigen Fördermitteln den Aufbau voran zu treiben. Es wird immer noch überall gebaut. Jetzt steht eine Fußballweltmeisterschaft vor der Tür, und die Autobahn soll fertig werden. Ob sie's schaffen? Das weiß man aber nicht genau. Das Dorf P. erreicht man trotzdem gut. Es fährt stündlich ein Zug. Busse pendeln ebenso, und es gibt eine Staatsstraße nach Norden zur Stadt. Am Rande eines Dorfs in der Nähe leitet den Fahrer bereits eine Auffahrt auf die Autobahn, und eine Bundesstraße führt genauso zum Zentrum oder Richtung Süden. Es ist kein besonderes Dorf, dieses P, das aus fünf Teilen besteht. Ein Dorf im Wandel, wie so viele Dörfer hier. Die Professoren der Universität aus der großen Stadt nebenan zogen gern hinaus, denn hier ist es richtig grün. Früher haben diese gebildeten Herrschaften sogar ihr Brennholz von dort bezogen. Deputate. Es muss einmal in der Zeit vor der Wende anders ausgesehen haben. Ich kann das nicht beurteilen, denn ich stamme nicht von dort. Bin nur Zugereister, Zufälliger.

Früher waren hier Auen, dann kam die Landwirtschaft, dann die Braunkohle. Die Auen sind vertrocknet oder abgegbaggert. Es führen nur noch maßgenau geregelte Flüsse durch die Region. Daher die Flut. Jetzt ist die Braunkohle fort, und die Leute leben hier, um zu schlafen, denn sie arbeiten zumeist in der Stadt oder im Westen der Republik, dort, wo noch ein wenig mehr Aussicht auf Erwerbsarbeit ist. Es gibt dennoch gewachsene Dörfler mit der eigenen Weise einer an kleinste Umfelder orientierten Identifikation. Die werden aber auch irgendwann gehen. Zumindest die jungen unter ihnen. Da kann man sich auf den Kopf stellen. Kein Manna wird vom Himmel regnen, und es wird sich kein Besuch einer alten Dame ereignen. So richtig schlecht geht's uns hier nicht, dennes ist häufiger die Rede vom Speckgürtel. Wer aber will und wird sich hier erholen wollen. Nach Ansicht der Dienstleitung liegt die Zukunft der Region im Tourismus. Daher baut man an allen Ecken und Enden etwas Besonderes. Vergnügungsparks und Wildwasserbahnen im und am ehemaligen Tagebau. Wie lange kann man das durchhalten?

Die Kollegin sagt: "Ich bin ja nichts ohne mein Orchester", und dabei zieht sie einen besonderen Mund und legt den Kopf bedeutungsvoll schräg. Es gibt diese wenigen Gesten, die zeigen, dass sich ihr Selbstverständnis nicht durch dörflerische Lebensumstände beschränken lassen. Hierzu zählt beispielsweise auch der klug anmutende Blick über den Brillenrand. Ihr Orchester in der Großen Stadt. Sie besucht es natürlich im Abonnementverfahren. Lebendige Kultur, möchte man meinen, und im übrigen ist es auch ihr beruflicher Hintergrund, der fast schon zur Teilnahme an den großen Aufführungen verpflichtet. Einst war sie Lektorin in einem der großen Verlage vor Ort. Nun ist sie Hausfrau, und der Grad ihrer Belastbarkeit sinkt von Jahr zu Jahr, ebenso wie der Pegel an Frustration steigt.

Als Zugereister steht es mir nicht an, Urteile über die Empfindungen und über die Urteile der Hiesigen zu fällen. Ich nehme mich daher immer zurück, wenn es um die Rolle der Überwältigungspolitiker geht, und in welchem Bezug diese zu jenem Land, der DDR, stehen und standen. Wenn die Kollegin mit jemandem Neuen spricht, der nicht von hier ist, dann mutet es an wie Vokabeltraining. Und hier ist sie eisern, gestattet keinerlei Fehler, denn als solche definiert sie Wissenslücken. Und wenn man aus der Fremde herkomme, solle man doch wenigstens wissen, wo man ist. Ich sehe das ähnlich.

Früher waren hier in der Region im Süden der Stadt die großen grünen Auen, von denen man einen Eindruck bekommt, wenn man in den Norden der Stadt fährt, auch wenn diese Regionen nur mehr in absoluten Notlagen unkontrolliert geschwemmt werden. Und in den Gehölzen finden sich noch heute Reste steinzeitlicher Kulturen. Als unbedarfter Wanderer wird man's geflissentlich überlaufen. Lediglich wandelt einen Verwunderung ob der schnurgeraden Erhebungen an, die sich quer durch die Bäume ziehen. Was muss es hier einmal schön gewesen sein! Ich kann nicht sagen, dass mir hierfür Vokabeln einfielen. Aber da ich das ja alles nicht gesehen habe, kann ich keine Worte finden.

Anderswo ist's leichter arbeitslos zu werden. Hier gibt es lediglich sechs Prozent. Das weckt Rekordverdachtsmomente. Die Kollegin wurde in der Stadt arbeitslos, als der kulturlose Westen mit seinem Heuschreckenkapitalismus über die DDR herfiel und sie treuhänderisch abwickelte, womit eine große Masse Menschen aus dem Wunsch nach friedlicher Veränderung in den struggle for life verwickelt worden war. Meine Kollegin ist auch ein Opfer der Wende und schafft es in ihrem Alter nicht mehr, eine feste Stelle an Land zu ziehen. Dabei ist sie erst Ende vierzig. Aber die Luft ist dünn, trotz der sechs Prozent, die im Verhältnis zu den fünfundzwanzig Prozent der Stadt das Dörfchen als gelobtes Land erscheinen lassen.

ABM, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Das hatte sie einmal, doch nun hat sich der Staat dafür entschieden, alles ein wenig anders anzufassen, da der Schuldenberg immer größer wird. Nun gibt's die Möglichkeit zur Verlängerung erst mit 55. Und man erwirkt sich auch kein Anrecht auf neue Leistungen, wenn man eine solche Maßnahme bekommt und durchzieht. Das verärgert die Kollegin. "Ich bin doch nichts mehr wert", sagt sie sich häufig. Immer werde an die falschen ausgeteilt.

Notizen:

Einfügen: Götze/Thurm

20060822: T weiß nicht, er weiß auch nichts und vergißt immer alles. Heute wußte er nicht mehr, wo er das Briefpapier, das sich nie von seinem Fleck bewegte, befindet. Er telefonierte auch lieber mit der Rentenversicherung, um seine Punktzahl zu verbessern und er wollte mit mir streiten, weil er wieder einmal einen Vorgang nicht erinnern konnte: Er wollte von mir wissen, ob einer der von ihm Betreuten die Autobahnfest-Absage bekommen hat. Ich sage, ich wisse es nicht, da es doch um die 100 Schreiben waren. Also in Adressdatei schauen. Ich ermahnte ihn, daß er's wissen könne, und sogleich ging er in die Gegenoffensive und erinnerte mich an meine Fehler. Da bin ich dann autoritär geworden.

Der dritte Kracher: Da er nun weiß, daß sein Ende am 15.09. naht, feilschte er sogleich um den Rest seiner Urlaubstage sowie die Abfeierei seiner 50 Überstunden. Wo die herkommen sollen, frage ich mich nicht mehr.

-- MatthiasWeiss - 01 Jul 2005 bis

22.08.2006 · MatthiasWeiss · r7