NeueSlowenischeKunst
Über Subversion, Identität und pluralistischen Totalitarismus Oliver Marchart Kaum jemand hält Laibach heute noch für eine Nazi-Combo und die Neue Slowenische Kunst für eine kriminelle politische Vereinigung. Wer heute antifaschistische Flugzettel vor Laibach-Konzerten verteilt, dürfte nicht ganz auf dem laufenden sein. Aber wer verteilt schon noch antifaschistische Flugzettel vor Laibach-Konzerten. Insofern ist die von Katja Diefenbach vorgetragene Verteidigung Laibachs vor der falschen Kritik zutreffend aber überflüssig. Wie steht es dagegen mit der von ihr so genannten richtigen Kritik an Laibach: Inwieweit sind bestimmte künstlerische Strategien an reaktionäre Projekte ankoppelbar (PolitArt als Laibach von rechts)? Darf/Soll totalitaristische Ästhetik subversiv als Kunstmittel eingesetzt werden? Oder schlägt nicht unter veränderten Voraussetzungen diese Subversion um in Affirmation? Diese Diskussion um >>Identitätskunst<< schließt an die bekannte Diskussion um die Legitimität von Identitätspolitik an. Die Positionen sind dabei völlig verfahren: Einerseits >>Es hilft nur Identität, wo Identität herrscht<<. Andererseits: Wer sich in Identität begibt, kommt darin um. Beide Argumente sind in dieser starken Version klarereweise nicht zu halten. Denn Identität mit Identität bekämpfen zu wollen, ist als Universalstrategie genauso falsch wie der adornitische Waschzwang: Sich an Identität die Hände bloß nicht schmutzig machen! Dieser Streit ist aber alles andere als ein überflüssiger Import aus Amerika. Er läßt sich im Gegenteil auf den permanenten Streit um Universalismus und Partikularismus zurückführen, der an allen Ecken und Enden der politischen Theorie tobt. Zwei Beispiele. Aus einer typisch Foucaultschen Position etwa wäre ein Universalismus nichts anderes als ein zu einem bestimmten Zeitpunkt dominant gewordener Partikularismus. Am Beispiel der Menschenrechte, deren entschiedener Feind Foucault bekanntlich war, läßt sich das durchdeklinieren. Wenn der Mensch nur das Produkt einer bestimmten abendländischen Episteme ist, dann ist auch das Konzept einer raum- und zeitübergreifenden gleichen Essenz des Menschen nicht haltbar. Der Mensch als ideologisches Konstrukt bleibt ein neuzeitlicher und europäischer Partikularismus, der sich als Universalismus aufspielt. Im Zweifelsfall bestimmt doch immer das Rassenamt, wer ein Mensch ist und wer nicht. Der Standpunkt Claude Leforts liegt in dieser Debatte dem Foucaults diametral gegenüber. Ist die Formel >>all men are created equal<< einmal anerkannt, dann wird sich mit der Zeit herausstellen, daß mit >>all men<< nicht nur >>weiße<<, männliche Plantagenbesitzer gemeint sein können. Das Gleichheitsprinzip in dem Wort >>all<< bildet nach der invention démocratique, nach der demokratischen Erfindung, den archimedischen Punkt, an dem alle emanzipatorischen Projekte in der Artikulation ihrer Forderungen ansetzen können. Gleichheit ist dabei erstmal ein leerer Signifikant: Ob unter Gleichheit formale Rechtsgleichheit, Chancengleichheit, ökonomische Gleichheit oder - wie bei der NSK - sogar Kollektivismus verstanden wird, ist Gegenstand des hegemonialen Kampfes um die Definitionsmacht. Gleichheit ist aber zweitens der Horizont, unter dem im demokratischen Dispositiv prinzipiell verhandelt wird und somit ein Universalismus, der mehr ist als ein beliebiger neureicher Partikularismus. Wir finden also in der Frage nach dem Umgang mit dem Universalismus der Gleichheit aller Menschen - denunzieren oder ausnutzen? - strukturell die zwei Positionen des Streits um die Identitätspolitik wieder: 1. Identität muß immer als Machtmittel kritisiert werden. 2. Identität ist zwar Machtmittel, kann aber genau deshalb gegen Macht eingesetzt werden. Katja Diefenbachs Kritik am Identitätskunstkonzept von Laibach und der NSK ist eine Variation auf diesen Streit, wobei sie eindeutig Position gegen das Konzept von Identität als Waffe bezieht. Ihrem Ausgangspunkt stimme ich voll zu. Die Vorstellung der glatten Instrumentalisierbarkeit von so einem verschwommenen Ding wie Identität ist wahnhaft. Diese Beherrschbarkeitsphantasie geht davon aus, daß das marginalisierte Ich zwar Sklave der Gesellschaft, aber Herr im eigenen Haus sei. Interessanterweise taucht die Phantasie, noch die reaktionärste Ideologie instrumentalisieren zu können, auch auf anderen Ebenen auf - sogar als Regierungsposition: Man könne der Fremdenfeindlichkeit das Wasser abgraben, wenn man nur selbst ein bißchen >>faschistische Identität<< spielt. Aber ist dieser Wahn von Instrumentalisierbarkeit tatsächlich Laibach unterzuschieben? Ursprünglich habe ich behauptet, Katja Diefenbach würde Laibach das >>in den Griff kriegen wollen<< unterjubeln. Inzwischen hat sie mich davon überzeugt, daß Laibach in den 90ern (aber erst in den 90ern!) selbst dem >>in den Griff kriegen<<-Wahn aufgesessen sind. Die 80er-NSK versuchte, sich den beiden gerade dargestellten Alternativen zu entziehen. Identität wird nicht durch eine Besinnung auf das Nichtidentische in der Kunst unterlaufen, Identität wird auch nicht instrumentalisiert, sondern die NSK wirft sich mit vollem Pathos in die Identität, sie durchquert sie nicht nur, sie überidentifiziert sich. Kein Gestus der Verneinung, sondern einer der doppelten Bejahung. Das ist aber eben nicht zu verwechseln mit dem Versuch der Instrumentalisierung oder dem Versuch, Identität zu >>entschärfen<< oder >>in den Griff zu kriegen<<. Der Laibacher Philosoph Rastko Mocnik sah im Gegenteil in der NSK-Strategie eine historische Innovation gegenüber der klassischen moralistischen Distanz der Dissidenten. Kein Moralisieren, kein Verdammen, keine >>Briefe an den Herausgeber<<. Sondern, wie Mocnik sagt: >>I do not, as the old dissidents did, recite ritually that "it should not be so" - to the contrary, I demonstrate that there exist good reasons why it should be so.<< Einen Teil dieser Strategie hat die NSK hinübergerettet. I. Die Neue Version der Sub-Version Die NSK ist keineswegs so homogen und kollektivistisch, wie sie es gerne von sich behauptet. Dragan Zivadinov bildet sowas wie eine wohltuende Ausnahme in der NSK (was er natürlich abstreiten würde). Daher unterscheidet sich die Ästhetik seiner Theaterprojekte Roter Pilot (1987-90) und Noordung (1995-2045) heute tendenziell von der Ästhetik Laibachs und Irwins. Eher Raketenphantasien der 20er-Jahre als Hirschgeweihphantasien der 30er-Jahre, eher Flash Gordon als Leni Riefenstahl, eher Kosmismus als Retrogarde. Und wenn Laibach nur schriftlich Interviews gibt, dann ist Dragan Zivadinov auch mündlich artikulationsfähig: >>Meine Mythologie ist der vertikalen Tunnel. H. P. Noordung konstruierte einen Lift für den Kosmos. Der irdische Standpunkt ist ein vergangener, der heutige ist ein kosmistischer Standpunkt. Ich spreche zwar auch über die Retrogarde, aber ich kämpfe für den Kosmismus.<< In seinem Text On the New Subversiveness setzt sich Zivadinov mit den globalen Medien auseinander. Er stellt seine Sicht der Neuen Subversion ausdrücklich in den Kontext des informationellen Kapitalismus. Frage: >>Welche Formen von Subversion funktionieren überhaupt noch?<< Dragan Zivadinov: >>Das ist die zentrale Frage heute. Wir stehen vor einer komplett neuen Situation. Bis vor einiger Zeit war es noch folgendermaßen: Eure Künstler im Westen hatten eine Maschine in der Hand, die eine Information tausend und abertausende Male reproduziert. In den 70ern und 80ern gab es im Osten keine Künstler, denen diese Technologie zur Verfügung stand. Im Westen kam dann in den 80ern mit dem Mythos des Virus die Idee der Falschinformation auf. Aber wir im Osten, die wir keine Technologie zur Hand hatten, mußten selbst den Virus spielen. Das sind zwei verschiedene Konzeptionen zur Zerstörung von Systemen. Mit den globalen Medien stellt sich die Frage, wer die Viren einspeist. Wer gibt dem Fernsehen Information und welche Information. Zu diesem Zeitpunkt selektieren diese Informationen vielleicht zwanzig Leute in der Welt. Das ist die Cyborg-Intelligenzia. Die Frage ist, welche Information die Cyborg-Intelligenzia einspeist. Denn diese 20 Leute sitzen an einem globalen Schalter für Realität: In den 60ern war der Schalter auf Love und Peace, in den 70ern auf No Future und mit dem globalen Fernsehen kam in den 80ern MTV. Und was produziert MTV? Lauter gutes, positives Zeug, gute Politik, Frieden, Verständigung etc. Aber wenn du tatsächlich 24 Stunden am Tag dieses gute Zeug produzierst, dann hat das nichts mit der Realität zu tun, und darum gibt es Mitternachts ein kleines Programm für No Future. Zwanzig Stunden läuft Peace und Happiness und vier Stunden No Future.<< Durch die Einverleibung jeder alternativen Kultur - im Fall von MTV der >>Fanzine-Kultur<< - verleiben sich die globalen Networks mit den Gegenkulturen auch gleich die politischen Gegenstandpunkte ein, schon allein um nicht zu langweilen. In Gegensatz zum Fanzine-Bewußtsein, das immer ohne viel Geld auskam, hat sich nun im Westen ein Cyborg-Bewußtsein gebildet, das einer Techno-Ontologie anhängt, die massig Geld frißt. Unterstützt von Leuten, die vor zehn Jahren die Realität in Verneinung der traditionellen Werte entworfen haben, inzwischen aber an der Technologie reich geworden sind (wie Bill Gates), ist eine intellektuelle Masse entstanden: die Hyper-Intelligenzia. Diese entwirft heute die neue Realität. Und Zivadinov sagt in On the New Subversiveness über sie: >>A hyper-intelligentsia which has built irrationality into its work - a mistake by which a far-reaching drama is beginning.<< Die klassische Subversion ist gegenüber dieser neuen Subversivität der Medien hilflos. Was setzt die NSK dann der alten Subversion entgegen? Dragan Zivadinov: >>Heute geht es um die Neue Version. Wenn du die Neue Version hast, dann hast du Sub-Version. Subversion muß die Neue Version konstruieren. Zwar geht es immer um die Frage >>Was ist neu?<<, aber heute ist das Neue keine Neue Version. Die Neue Version ist immer Utopie. Aber ich denke, Utopie ist ein zu ideologischer Begriff. Darin liegt eine Gefahr fürs Denken.<< II. Saubermachen Was genau ist der Unterschied zwischen alter Subversion und >>Neuer Version<< im Sinne der NSK? Wenn wir die Interpretation etwas vorantreiben wollen, dann gibt die Antwort der folgende dämliche Kinderreim: >>Ich bin klein / Mein Herz ist rein / Mein Popo ist schmutzig / Ist das nicht putzig?<< Aus diesem Kinderreim spricht das klassische Subjekt der Subversion. Er kann daher 1. als Formel der alten Subversion gelten und 2. als Formel des Partikularismus und damit Antwort auf die Frage geben: Was ist das Partikulare am Partikularismus? Beginnen wir mit dem Partikularismus. Um sich zu einer partikularen Identität zu schließen, muß jeder Partikularismus eine doppelte Bewegung ausführen. Eine Bewegung der inneren Reinigung, der >>Säuberungen<<, der Evakuierung von jeder partikularen Substanz, die die Identität gefährden könnte. Wer die >>Nation<<, die >>Rasse<<, die >>Ethnie<< endoparasitär besetzt (die Juden, die Asylanten, die Freimaurer...), muß ausgeschieden werden. Insofern sagt der Partikularismus von sich: >>Ich bin klein / Mein Herz ist rein.<< Zweitens muß aber dieses Ausscheiden tatsächlich als Ausscheidung gelesen werden, und das ist die zweite Bewegung. Eine Bewegung der Beschmutzung. Das ausgeschiedene Objekt verfällt nicht einfach der Vergessenheit, sondern es wird zu jenem Partikularen, auf das sich der Partikularismus positiv bezieht. Die Wende zur zweiten Bewegung liegt darin, daß sich die Identität nun nicht mehr voll Abscheu und Ekel von seiner Absonderung abwendet, sondern diese Absonderung zum Objekt der Faszination wird. Und weit mehr. Das rein negative Objekt geht über in das rein positive: Genau weil der nationale oder rassische >>Feind<< der ist, der einer Identität Konsistenz verleiht, ist er funktional identisch mit dem positiven Objekt nationaler oder rassischer Identifikation: Der Jude ist der Arier. Die Verunreinigung durch das veräußerlichte Partialobjekt, durch das Exkrement und seine Substitutionen, ist also positive Bedingung jeder Identität, die darüber nur freudig feststellt: >>Mein Popo ist schmutzig / Ist das nicht putzig?<< Jetzt wird auch klar, warum Subversion, die ihren Inhalt im Beschmutzen sieht, scheitern muß. Weil sie nämlich nicht anders kann, als die Logik des Kinderreims zu wiederholen: Auch der Subversive hält sich für klein (bedroht), rein (dogmatisch gefestigt) und vor allem schmutzig (und beschmutzend). Er bezieht sich sogar noch viel heroischer auf seinen dreckigen Hintern als jeder Partikularismus. Wie man sieht, ist der Subversive immer ein typischer Deleuzianer (let the libido flow, Schizo-Idealisierung, Stichwort Hakim Bey). Dem will die NSK den typischen Lacanianer entgegensetzen. Jetzt wird auch klar, wie sich die Neue Version von der alten Subversion unterscheiden will. Wenn Subversion und Partikularismus ihr gemeinsames Ziel im wollüstigen Dreckigmachen sehen, dann kann die Neue Version nur folgenden Imperativ kennen: Saubermachen! Dragan Zinadinov: >>Was wäre die neue Subversion? Was für den Künstler wichtig ist, das ist zuerst ein spezielles Ritual: Wie produziert das Unsaubere das Saubere? Subversion ist per definitionem keine saubere Position. Zuerst müssen wir saubermachen, und das ist die künstlerische Position. Wie machen wir Unsauberes sauber? Das ist immer der Job des Künstlers, denke ich. Duchamps Frage lautet: Wie macht man ein Pissoir, das ja etwas komplett Unsauberes repräsentiert, sauber. Heute ist dieses Pissoir heilig und hat einen Gegenwert von drei Kilogramm Gold.<< Was aus der Innenansicht der Identität dramatisch nach >>Säuberungen<< klingt, das wäre in Zivadinovs Porträt des Künstlers als Klofrau ein anderer Name für Sublimation. Die von der NSK favorisierte Neue Version zielte dann auf eine Art Hyper-Sublimation des veräußerlichten Objekts, die alte Subversion dagegen wäre nichts anderes als repressive Entsublimierung unter dem Vorwand der Subversion. Oder in der Begrifflichkeit des Kinderreims: Ein sauberer Hintern ist subversiver als ein dreckiger. III. Überidentifikation Diese Meister-Propper-Rhetorik ist, obwohl sich in ihr verschiedenste Zeichen aus Pop, Disko, Kunst und Politik treffen, radikal anti-beliebig. Katja Diefenbach verfällt in ihrer Einschätzung einem ähnlichen Fehler wie die postmodernistische Interpretation der NSK etwa von Aleksandr Yakimovich. Die >>pluralistische intertotalitäre Strategie<<, die er der NSK zuschreibt, wird von ihm vollkommen falsch beschrieben als die >>Umarmung vieler möglicher Verführungen, vieler Codes der Herrschaft, einfach um nicht von einem einzelnen Code versklavt zu werden.<< Der NSK-Intertotalitarismus ist aber genau nicht als Relativierung einzelner Totalitarismen zu lesen, sondern als die beabsichtigte Konstruktion eines Megatotalitarismus. In diesem Sinn versteht sich Laibachs Satz: >>Das Gegenteil des Totalitären ist der potenzierte Totalitarismus.<< Dasselbe gilt auf der Ebene des Partikularismus. Durch das Nebeneinanderschalten von partikularistischen Symbolen wollen Laibach nach eigener Auskunft eben nicht deren Relativität zeigen, sondern deren Universalität. Erstes wäre wiederum die Vorgangsweise eines platten Postmodernismus à la Lyotard oder eines Pragmatismus à la Rorty, die mit dieser Relativitätserklärung ihr Geschäft erledigt hätten. Das Subversive am Vorgehen von Laibach und Irwin liegt für beide aber im Überheizen der partikularistischen Symbole, in der - berechtigten oder unberechtigten - Hoffnung auf deren >>Umschlagen<<, in der Hoffnung, sie würden sich nicht addieren sondern potenzieren. Nach der Logik: Das Gegenteil von Partikularismus ist nicht Universalismus, sondern Partikularismus zur Potenz. Somit läuft Katja Diefenbachs Kritik zumindets an Laibach der 80er-Jahre vorbei, Laibach würde die Kopplung von Partikularismus an Nationalismus, also an nationale/regionale Kultur bestehen lassen und glauben, sie >>in den Griff zu kriegen<<. Die Kritik läuft an Laibach vorbei, weil durch das Nebeneinanderschalten von nationalen/regionalen Symbolen aus dem totalitären Kostümfundus aller Nationen/Regionen diese Symbole ja gerade ihre Bindung zu einer bestimmten Nation/Region verlieren (=Saubermachen). Wie wäre also die Traversale in rechtes Denken hier möglich, ist doch rechtes Denken auf eine bestimmte Nation oder eine bestimmte Region bezogen, nämlich die eigene, die genau aus dem Antagonismus gegenüber ihren äußeren oder inneren Feinden, die das >>nationale Ding<< stehlen wollen, konstruiert ist. Das Paradox liegt darin, daß obwohl - wie Laibach sagen - alle dieselben nationalen Argumente und Symbole verwenden (z.B. der Adler >>bei den Deutschen, Amerikanern, Albanern, Österreichern, Polen etc.<<), diese universalen Symbole im echten Nationalismus dennoch als einander ausschließend konstruiert werden. Indem Laibach über ihren Intertotalitarismus dieses antagonistische Verhältnis wieder auf ein Äquivalenzverhältnis rückführen, lösen sie auch die Bindung des Nationalismus an das >>nationale Ding<<. Was bleibt ist ein Partikularismus der Form, ein Partikularismus ohne partiales Objekt. Oder wie das für den Kosmismus heißt: ein Messianismus ohne Messias. Dragan Zivadinov: >>Das kosmistische Prinzip ist das No-Sex-Prinzip: Stop to make sex. Stop to make new subjects. Ich mag diese Idee, sie kommt meiner pathetischen Position sehr nahe. Wir machen immer neue Kinder, und diese beschissenen Objekte brauchen immer neue Information. Wir müssen aufhören, Subjekte zu machen. Wir müssen für die Kybernetik kämpfen. Und wir müssen die Wiederauferstehung derer erkämpfen, die schon Subjekte dieser Welt waren. Das bedeutet Messianismus ohne Messias. Das bedeutete ein Wunder ohne ein Wunder. Mein Dramaturg ist beispielsweise vollständig körperbehindert. Aber wenn du bei Gravitation Null zusammenkommst, brauchst du keine Beine. Ein völliges Wunder ohne Wunder. Fernsehen ist derselbe Messianismus ohne Messias, denn wir kennen die Leute, die im Fernsehen sprechen. Die Cyber-Intelligenzia muß die Information selektieren, denn das Subjekt muß neu sein, denn wir dürfen nicht aufhören mit Sex, denn das ist die Realität. Dagegen müssen wir für das Coming-Back-Subject kämpfen. In Wirklichkeit hat der Messias keine Chance. Der Papst ist ein besonderer Fake-Messias. Ich weiß, wie man den Petersdom macht. Ganz einfach. Du brauchst einen Haufen Steine und einen Haufen Arbeiter und basta. Aber der Papst ist da innendrin und schafft sich so eine besondere Stellung. Dasselbe gilt für jede ideologische Position. Die Anti-Position der Subversion ist ja ein Produkt der modernen Welt. Am Ende des Jahrhunderts schauen wir zurück und sehen: Die Nazi-Kunst ist ein Teil der modernen Kunst, Soz-Art ist ein Teil der modernen Kunst, die Subkultur ist ein Teil der modernen Kunst. Was wir in Wirklichkeit brauchen, ist eine messianische Position ohne Messias.<< Ein Petersdom ohne Papst, eine Identität ohne Essenz, ein Partikularismus ohne partikulares Objekt: Das ist das alte slowenische Reinheitsgebot. Und das neue? IV. Neue Slowenische Staatskunst Ein solcher Partikularismus der Form ist natürlich auch die NSK-Idee eines Staates in der Zeit und nicht im Raum. Ein Staat ohne Raum ist ein Staat ohne Territorium, ohne staatliches partielles Objekt, ohne Parzelle. Staatsbürger des NSK-Staates können alle werden, die 15 NSK (die Währungseinheit des NSK-Staates, umgerechnet ca. 40 DM) für die Bearbeitungsgebühr investieren. Sie erhalten dann einen NSK-Paß, der auch als Reisedokument verwendet werden kann - natürlich auf eigene Gefahr. Der Paß ist das letzte einer Reihe von Gimmicks des NSK Information Center, das zwischen der üblichen Devotionalien-Belieferung der Fangemeinde und einer Parodie darauf schwankt. So sind einerseits NSK-Posters und T-Shirts im Sortiment, andererseits Laibach-Krawatten, Laibach-Kerzen und verschiedene Laibach-Kaffeetassen. Die Theaterprojekte der NSK haben sogar eigene Schokoladeriegel (mit beigelegten Thesenpapieren) produziert. Inwieweit taucht hier nicht doch wieder die vielgefürchtete Ironie auf, die den heroischen Anspruch einer Neuen (Sub-)Version in den Sand setzen muß. Denn die Strategie der Überidentifikation funktioniert nur im Register des >>Ernsthaften<<, weshalb Laibach immer den Vorwurf der Ironie weit von sich weisen. Es ist wie bei dem Komiker, der nur komisch wirkt, wenn er ernst bleibt, nicht wenn er über seine eigenen Witze lacht. Ist die >>etatistische Wende<< der NSK mehr als ein Witz? In den heroischen Jahren der NSK hatte Laibach Auftrittsverbot in Slowenien. Heute bringt ein kurzer Anruf bei der Slowenischen Botschaft folgendes Ergebnis: Nein, bezüglich der NSK könne man kaum von Sloweniens alternativer Kunst sprechen. Schließlich würden alle Ausstellungen in den Laibacher Gallerien - die natürlich dem Staat gehören - vom Slowenischen Kulturministerium mitfinanziert. Und natürlich auch alle Theaterprojekte in den Theatern - die ja auch dem Staat gehören. Ja, die slowenische Botschaft würde gerne auch vermittelnd helfen, wie erst unlängst für das Museum für angewandte Kunst in Wien, das eine Ausstellung vorbereitet. Obwohl Slowenien ja lieber die Slowenische Philharmonie vermitteln würde, um sich im Ausland zu präsentieren. Aber mit der NSK könne sich Slowenien wesentlich leichter präsentieren als mit der Slowenischen Philharmonie. Was sagt die NSK zu ihrer neuen staatstragenden Funktion? Frage: >>Ich habe einen Verdacht, warum Diplomatie und der gute Staat zum Projekt der NSK wurde. Ist die NSK soetwas wie die offizielle Kunst Sloweniens geworden - die slowenische Staatskunst - und mußte deshalb ihren eigenen Staat gründen?<< Dragan Zivadinov: >>Wir waren immer für den Staatskünstler - aber im guten Staat. Darum brauchten wir den guten Staat, um Staatskünstler zu sein. In den 80ern hielten uns die Kommunisten für Faschisten und Nazis. Im Arte-Kanal war eine Sendung über Nazirock, und viele, die das gesehen haben, hielten Slowenien danach für einen Nazistaat. Am Anfang der NSK machten viele den Fehler, uns mit Nazikunst zu identifizieren. Wenn du mich fragst, weiß ich nicht, ob wir faschistische Elemente haben. Wir sind kollektivistische Künstler. Aber die Identifikation von Slowenien mit der NSK führt zur Suche nach nazistischen Elementen in Slowenien. Mein Vorschlag für die Slowenen wäre, den Staatsnamen zu ändern.<< V. Beweiswürdigung Die Frage, ob diese ganze Strategie der Neuen Version, der Überidentifikation, des Saubermachens etc. funktioniert, kann, denke ich, mit einem klaren NEIN beantwortet werden. Aber: Der Anspruch des >>Funktionierens<< stammt von uns. Er unterstellt, daß sowas wie eine gelungene Subversion überhaupt möglich ist. Wie aber deutlich wurde, ist das Projekt der NSK - wenn sie es denn durchhalten würde - zu lesen als ästhetisch-politische Praxis der Lacanschen Psychoanalyse, an deren Ende ja auch nicht einfach die >>Heilung<< steht und das gesunde, Ich-gestärkte Subjekt. Trotzdem muß gesagt werde, daß die lacanianischen Rezepte der NSK natürlich auch auf metaphysischen Voraussetzungen aufsitzen, die von Lacan ererbt sind und nicht einfach ohne die geringste dekonstruktive Anstrengung übernommen werden sollten. Eine dieser metaphysischen Grundannahmen ist z.B. die Vorstellung, daß Quantität in Qualität umschlägt. Daß die Addition partikularistischer oder totalitaristischer Symbole tatsächlich diese einmal in ihr Gegenteil umschlagen läßt. Wenn die Welt doch nicht gänzlich den Gesetzen der Hegelschen Logik gehorchen sollte, stehen die Chancen gut, daß diese Strategie leerläuft. Die >>Arbitrarität des Zeichens<< bedeutet aber wieder andererseits, daß auch subversive Konzepte von partikularen Inhalten abkoppelbar sind und Laibach etwa von PolitArt >>mißbraucht<< werden kann. Es gibt keine Strategie, die nicht an rechte Projekte anzuschließen wäre. Die Vorstellung, daß irgendetwas in allen Kontexten links wäre und etwas anderes in allen Kontexten rechts, ist kindisch und setzt den Glauben an politische Substanzen voraus (Wir wissen, daß Gramsci zum Gewährsmann der neuen Rechten werden konnte, wir kennen rechte Kapitulismuskritik, Nationalbolschewismus, christliche Marxexegesen etc.). Die vorwurfsvolle Frage Katja Diefenbachs lautete aber präziser: Ist die Strategie der Überidentifizierung, des Saubermachens, des potenzierten Totalitarismus, der Durchquerung des Phantasmas, ist diese Strategie der Neuen Version im heutigen Kontext noch tauglich oder vielmehr kontraproduktiv? Ein Problem liegt dabei wohl in dem zugleich falschen und unverzichtbaren Begriff der Strategie. Eine Strategie zu entwerfen, setzt voraus, daß morgen die Welt noch dieselbe ist wie heute, bzw. mir ihre Entwicklungsgesetze offenbart wurden. Ich kann also Strategien nur unter universalistischen Annahmen entwerfen, während es gleichzeitig zu avancierten Strategien gehört, universalistische Annahmen zu dekonstruieren. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der Identität. Eine politische Position einzunehmen, bedeutet immer, eine Identität zu konstruieren (eine Klammer an Günther Jakob: auch Kapitalismuskritik ist eine politische Position). Es gibt keine politische Position der reinen Differenz oder des Nichtidentischen, es sei denn als identitäres Konstrukt - und Differenz als Identität ist Separatismus. Auch eine linke Politik sieht sich in der Zwickmühle, was sie destruiert - Identität - um der Kritik willen selbst zu konstruieren. Andererseits löst die Strategie der Identitätspolitik diese Probleme durch ihre Kontraktion zur >>strategischen Identität<< keineswegs, sondern verdoppelt sie höchstens. Die festgefahrenen Fronten in diesem Streit lassen vermuten, daß der Begriff Identität bei strategischen Befürwortern und prinzipiellen Gegnern essentialistisch gedacht wird. Die Frage ist, ob statt dessen das Problem von Identität und Differenz nicht radikal relationistisch gedacht werden müßte. Inwieweit bezeichnet also Identität als Horizont nicht gerade die Unmöglichkeit reiner Nichtidentität. Wir bewegen uns dann nicht im Register der Entscheidung (identity-politics, yes or no), sondern im Register der erzwungenen Wahl oder des erzwungenen Aushandelns. Frage: Wo liegt die NSK in diesem Dreieck von Subversion, Neuer Version und Utopie? Dragan Zivadinov: In der Diplomatie. Diese Neuerfindung der heroischen Diplomatie hat aber auch eine Schattenseite: Seit den 90ern läßt sich bei Laibach und der NSK eine zunehmende Angst vor Mißverständnissen feststellen und daraus resultierende sozialarbeiterische Klarstellungs- und Selbsterklärungsversuche. Das widerspricht ihren Prämissen. Der Kritik, daß die NSK ihre Strategie nicht den veränderten Kontexten anpaßt, steht also plötzlich eine zweite Kritik zur Seite: daß sie ihrer eigenen Strategie nicht treu bleibt. Ich denke, beide Kritiken treffen die NSK zurecht, ohne daß sie sich widersprechen. Denn die erste Kritik, sie hätte ihren Ansatz nicht gründlich genug überdacht, ist eine Kritik von außen, die zweite, sie hätte der lacanianischen Durchhalteparole >in seinem Begehren nicht nachzugeben< abgesagt, ist eine >immanente< Kritik. Die NSK verliert in jedem Fall. Wäre sie konsequent geblieben und hätte sie gleichzeitig ihr Konzept grundlegend verändert, vielleicht wäre dann heute sowas wie eine Überaffirmation des Unterhaltungskapitalismus herausgekommen. Doch das ist letztlich eine Geschichte aus den 80er-Jahren, die sich ja auch schon politisiert haben. Denn was sagte erst kürzlich Jeff Koons auf die Frage, ob er als Künstler ein Führer oder Lehrer der Massen werden wolle? Jeff Koons: Nein. Ein politischer Propagandist. Einige Definitionen: Die Definitionen verstehen sich nicht als Abriß der jeweiligen Begriffsgeschichte, sondern >>geben die Meinung des Autors wieder<<. Universalismus: Der Horizont der Möglichkeit von Partikularismen und der Unmöglichkeit einer andauernden Dominanz eines bestimmten Partikularismus. Partikularismus: Ein Bezeichnungssystem, das aus der Differenzposition (inkarniert in einem partikularen Objetkt) zu anderen Partikularismen seine Identität zieht. Identität: Der unmögliche Modus völliger Geschlossenheit/Schließung eines Bezeichnungssystems. Differenz: Der unmögliche Modus völliger Offenheit eines Bezeichnungssystems. Separatismus: Zu Identität geronnene Differenz (also eine Differenzposition = Differenz als Setzung) Essentialismus: Ein Bezeichnungssystem, das sich auf ein fundierendes Prinzip (Substanz, Idee, Natur, Rasse, Gesetze der Geschichte) beruft. Strategie: "Rationalisierte" Absichten eines politischen Akteurs unter überwiegend universalistischen Annahmen. -- TWikiGuest - 01 May 2002