Die Kunst zu Campen
Diskussionsbeitrag für die 4. Konferenz der Kampagne „kein mensch ist illegal" am 23. und 24. Oktober 98 in Hamburg
„We say Good Bye" sang die Band und dann war wirklich Schluß mit dem Sommercamp 98 in der idyllischen Waldlichtung am Rande der Kleinstadt Rothenburg in der Oberlausitz. Die Nachtwachen traten ihre letzte Schicht an, und, sobald der Morgen graute, ging es ans Aufräumen und Abbauen. Wie immer bei solchen Anlässen lag ziemlich viel Wehmut in der Luft, gemischt mit Erschöpfung, Erleichterung und auch ein wenig trotzigem Stolz. Denn allen war klar: Das war nur das erste Mal, wir kommen wieder und beim nächsten Mal werden wir uns viel besser vorbereiten, uns noch viel mehr ausdenken und vor allem werden wir viel mehr sein.
Das ist jetzt drei Monate her. Inzwischen wurden zahlreiche Anekdoten zum besten gegeben, Berichte verfaßt, Kritik- und Einschätzungspapiere ausgetauscht, ein AK Kraak Video-Magazin wurde erstellt, ein erstes Nachbereitungstreffen hat stattgefunden und das erste Vorbereitungstreffen ist anberaumt. Wir werten es als ein ausgesprochen gutes Zeichen, daß sich viele, die daheimgeblieben sind oder noch kurzfristig abgesagt haben, dem Vernehmen nach noch heute ziemlich ärgern, weil sie wohl einiges verpaßt haben. Und ein ebenso gutes Zeichen ist, daß es im Echo auf das Camp98 auch sehr viele konstruktive Rückmeldungen aus dem In- und Ausland gab. Inzwischen besteht Kontakt zu Gruppen in USA und Mexico, die bereits in konkreten Planungen für ein simultanes Camp im kommenden Jahr an der us-mexikanischen Grenze stecken.
Wir wollen an dieser Stelle noch einmal deutlich machen, was uns im vergangenen Sommer bewogen hat, neben den zahlreichen anderen Aktivitäten soviel Zeit und Energie in die Campvorbereitung zu investieren, und warum wir glauben, daß es 99 umso wichtiger wird, die Grenze und die Grenzen wiederum ins Visier zu nehmen.
Grenzen markieren auf eine gewisse Weise das Ende der Politik. Hier endet das Territorium der Nationalstaaten und hier ist der Bedeutungsverlust der Nationalstaaten augenfällig. Andererseits wächst die politische Bedeutung der Grenzen: Grenzen schwellen von Linien zu Zonen an. Grenzen verschieben, falten und vervielfachen sich: nach vorne und nach hinten, ins Landesinnere und in Drittstaaten.
Eine flexibilisiertes System von Überwachung und Kontrollen, propagandistische verknüpft mit Denunziationsappellen an die Bevölkerung hat das Prinzip der befestigten Grenze abgelöst. An den Grenzen wird die Verschiebung von der Disziplinargesellschaft in Richtung Kontrollgesellschaft deutlich.
Grenzen werden zu einem modernen bevölkerungspolitischen Steuerungselement ausgebaut und aufgerüstet. Ethnisch segmentierte Arbeitsmärkte, die wachsende Nachfrage sowohl nach hochqualifizierter als auch nach überausbeutbarer Arbeitskraft, kollabierende Sozialsysteme erfordern (wenn schon kein Einwanderungsgesetz) so doch eine steuerbare Durchlässigkeit der Grenzen. Rassismus ist in diesem Zusammenhang vor allem soziale Kontrolltechnik.
Die Auseinandersetzung mit Grenzen könnte ein Bindeglied im Kampf gegen das Migrationsregime und das moderne Apartheidsystem sein. Grenzen zu problematisieren, heißt die herrschende Wirklichkeit radikal in Frage zu stellen. Es heißt aber zuerst: über den eigenen Tellerand schauen, Flucht und Migration nicht als eine mehr oder weniger kalkulierbaren Frage von Barmherzigkeit und Gnade zu sehen und die Situation in den Herkunftsländern mit dem Kampf um Bleiberecht zu verknüpfen. Ohne ein Recht zu kommen hat das Recht zu bleiben den Anruch von Altfallregelung und affirmiert die Verhältnisse.
Der Kampf gegen Grenzen ist auch eine Auseinandersetzung mit Identitäten, Identitätskontrolle und Identitätspolitik. „Illegale" oder „Aliens", wie sie in den USA genannt werden, lassen sich kaum in die Schemata von „Tätern" und „Opfern" pressen: in den gegenwärtigen juridischen, sozialen und politischen Diskursen vermischen und überlagern sich diese Zuschreibungen bis zur Unkenntlichkeit, sind Gegenstand taktischer Operationen aller Seiten. Wer auswandert, will nicht länger Opfer sein, und wer einwandert, hat Respekt und nicht Mitleid verdient. Politik und Rechtsprechung verdammen MigrantInnen an der Grenze, an den Häfen und an den Flughäfen in einen außerterritorialen Status, der sie zu einer beliebig verschiebbaren Masse macht. Wir sind mit einem Feld taktischer Manöver, begrifflicher und praktischer Umdeutungen konfrontiert, in dem es nicht ausreicht, lediglich die Verlogenheit, Gemeinheit und Unaufrichtigkeit der Herrschenden herauszuarbeiten. Stattdessen muß es um eine Zuspitzung der Widersprüche gehen, um die Eroberung - und sei es temporärer - Autonomiezonen, um die Entwicklung und Entfaltung von Subjektivitäten, die sich - schon aus Eigeninteresse - nicht mit der Einhaltung bestehender Grenzen zufrieden geben.
Das Camp im vergangenen Sommer war ein Modell, es war eine Beta-Version oder die Generalprobe. Alle die mit der zum Schluß hin recht hektischen Vorbereitung zu tun hatten, alle die ein paar Tage teilgenommen hatten und alle, die sich zur Nachbereitung getroffen haben, waren sich einig: das Camp war ein Erfolg, aber es gibt sehr vieles wesentlich besser zu machen.
1. Aufklärung und Provokation
Eine der wichtigsten Ausgangsüberlegungen bei den Vorbereitungen Anfang diesen Jahres lautete: Wenn diese Grenze also nicht wegen Stacheldraht und Zäunen funktioniert, sondern durch die aufwendig hergestellte Akzeptanz in der örtlichen Bevölkerung, auch bekannt als Denunziationsbereitschaft, kann die Grenze auch nur sabotiert werden, indem die Denunziationsbereitschaft denunziert wird. Gleichzeitig klagten die Gruppen vor Ort früh eine fundierte Vermittlung aller Aktionen und ihrer Hintergründe ein, weil sie ja schließlich die Suppe auszulöffeln hätten. Resultat dieser Auseinandersetzungen war eine Doppelstrategie aus Aufklärung und Provokation, deren Herzstück die in einer Auflage von 20.000 Stück verteilte Campzeitung. Natürlich läßt sich der Erfolg oder Mißerfolg einer solchen Strategie schwer bilanzieren, schon gleich gar nicht zähl- oder meßbar machen. Fest steht aber, daß es eine für viele außergewöhnliche und auch außergewöhnlich spannende Angelegenheit war, das eigene Denken und Handeln - ohne an der theoretischen und praktischen Entschlossenheit zu kürzen - so zu legitimieren, daß es gerade in seiner polarisierenden Wirkung einnehmend wirkt und prinzipiell von anderen übernommen und weiterentwickelt werden könnte. An diesem Punkt hat sich das Camp sicherlich von den Aktionstagen des Frauen- und Lesbenbündnisses unterschieden, und der größte Erfolg des Camps ist, neuartige Erfahrungen gemacht zu haben, aus denen wir fürs nächste Mal lernen können. Sicherlich gehört zu diesen Erfahrungen, wie ungeheuer borniert und ressentimentgeladen breite Teile der Bevölkerung sind und wahrscheinlich ist es auch sinnvoll, sich diese Ausmaße immer wieder vor Augen zu führen. Auf der anderen Seite aber kam es zu einigen unvorhersehbaren und überraschenden Begegnungen mit Menschen, die uns immer wieder unverhohlen oder etwas schüchtern ihre Sympathie bekundet haben.
Und wenn vielleicht deswegen die eine oder andere Denunziation ausbleibt oder Menschen nur in Zögern kommen, wie sie sich verhalten sollten, dürften wir das Grenzregime effektiver angegriffen haben, als wenn wir uns in selbstgefälliger Manier nur der auf sämtliche Widersprüchlichkeiten abgestimmten eigenen Korrektheit versicherten.
Im Nachhinein sehen wir nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch ein immenses Potential an Aktions- und Handlungsmöglichkeiten entlang der Grenze. Angesichts des Verlaufes der Campwoche und der bisherigen Erfahrungen können wir uns eine weitere politische und praktische Zuspitzung durchaus vorstellen. Nicht unmaßgeblich ist dieses Bild vom Einsatzverhalten der zusammengezogenen Polizeikräfte geprägt: Egal ob es sich um eine besonders abgefeimte Strategie des Laissez-faire, eine bewußte Deeskalationstaktik oder schlichte Überforderung und Unerfahrenheit handelte - alle vorbereiteten und kurzfristig geplanten Aktionen konnten gegenüber BGS und Bereitschaftspolizei durchgesetzt werden. Uns schien eindeutig, daß der Ordnungsmacht ein derartig massives Infragestellen ihrer Rolle in der Region ganz und gar nicht gepaßt hat, daß sie immer den Weg des vermeintlich kleineren Übels gegangen sind und freuen uns jetzt schon auf die Gesichter, wenn sie feststellen müssen, daß wir wiederkommen - vielleicht gar jedes Jahr.
2. Außenwirkung und Binnenorientierung
Ein weiterer Anspruch des Camps war es, sogenannte „Öffentlichkeitsarbeit" und an eine diffuse Allgemeinheit gerichtete Angebote mit internen Veranstaltungen zu koppeln. Diesen Anspruch zu erfüllen waren wir bestimmt am wenigsten in der Lage: außer einigen teils improvisierten Diskussionsrunden und gewohnt sich im Kreise drehenden Plena gelang es eigentlich nicht, inhaltliche Auseinandersetzungen und Anregungen auszutauschen. Gerade weil vermeintlich so klar ist, wo sich der Feind befindet und wie rassistisch und übermächtig er ist, weil sich vielleicht die Arbeit vieler antirassistischer Gruppen in letzter Zeit stark auf die eigene Befindlichkeit fixierte, weil sich auf dem Camp unterschiedliche Generationen mit sehr unterschiedlichen politischen Sozialisationen und Geschichten trafen, weil schließlich auch Menschen aus einem knappen Dutzend Länder versammelt waren, schien dies ein in vieler Hinsicht ebenso schwieriges wie aussichtsreiches Unterfangen. Auch wenn hier sehr vieles besser vorbereitet und umgesetzt werden muß, ist trotzdem bemerkenswert; daß die Handlungsfähigkeit an den drei letzten Tagen vor allem aus den beim Tanzen, bei Nachtwachen oder am Lagerfeuer geschlossenen Bekanntschaften, aus den langwierigen Diskussionen in Arbeitsgruppen und dem Zusammenwerfen unterschiedlicher Fertigkeiten resultierte, die einfach und zum Glück vorhanden sind, wenn antifaschistische und antirassistische AktivistInnen, Autonome und Organisationstalente, feministische und Video-begeisterte, Internet und Anti-Industrielles-Großprojekt-erfahrene Kreise aus verschiedenen Städten und Ländern für ein paar Tage an einem Fluß zusammensitzen.
3. Symbolische Politik und imaginäre Orte
In den Diskussionen im Vorfeld und den Bilanzen im Nachhinein kam immer wieder zur Sprache, daß Aktionen an der Grenze „symbolisch" seien. Insofern die Grenze und gerade die deutsch-polnische Grenze ein Symbol für das Schengener Grenzregime darstellen, beziehen Aktionen dort zweifellos ihre Berechtigung. Dennoch ist es interessant, wie auf dem Camp die reichlich abgenutzte Klaviatur „symbolischer Politik" neu gespielt wurde: Exemplarische Aktionen wie die Eröffnung der neuen Grenzübergänge, die bekanntlich mit realen Strafen geahndet werden, aber trotz der frechen Vorankündigung das gewünschte Kräftemessen zu unseren Gunsten ausgehen ließen, machten sich sehr gut aus neben Nummern aus dem Repertoire der Kommunikationsguerilla, wie dem triumphalen Zieleinlauf des „kein mensch ist illegal"-Teams bei der zweiten Etappe der Sachsenrundfahrt für Radprofis. Monumentale Inszenierungen wie der 50-Stunden-Rave offenbarten ein Maß an Aufgeschlossenheit für jugendkulturelle Entwicklungen, das in unseren Kreisen auch nicht gerade selbstverständlich ist, und auf alle Fälle seine Wirkung hatte. Von moderner Tanzmusik umrahmt war schließlich auch das große Finale auf der Neiße, dessen bald schon grandioser Verlauf nach der doch recht anstrengenden Woche für alle überraschend war - am meisten für die Polizei, die sich auf einen Einsatz in Görlitz vorbereitet hatte und eilig mit Hubschrauber ankam, aber die Grenzflußbesetzung mit SchwimmerInnen, Booten, Transparenten und Schaulustigen auch nicht verhindern konnte.
Wir sind zuversichtlich, daß sich diese vielversprechenden Ansätze beim nächsten Mal und in neuer Umgebung noch weiter ausbauen lassen - vor allem wenn mehr Menschen und mehr Gruppen schon im Vorfeld mit den Gegebenheiten vertraut sind oder sich vertraut machen und mit eigenen Ideen und der dazu erforderlichen Ausrüstung anreisen. Trotzdem aber bleibt die Grenze ein imaginärer Ort, den wir zwar analysieren und kritisieren, belagern und attackieren können, ja müssen, der seine Brutalität aber erst in Vorfällen entblößt, wie jenen vom Mittwochabend,
als in der Nähe von Freiberg ein Kleinbus mit 27 Flüchtlingen aus dem Kosovo verfolgt vom BGS gegen eine Mauer raste. Sieben Tote, zahlreiche zum Teil sehr schwer Verletzte und Abschiebungen einiger schnell transportfähig gemachter Flüchtlinge - teils gegen verwaltungsgerichtlicher Anordnungen - sind die ebenso erschütternde, wie alltägliche Realität der Grenze. Das Camp beschloß, sofort im 80 Kilometer entfernten Freiberg zu demonstrieren, Abgesandte nahmen Kontakt mit den Überlebenden auf und kümmern sich zusammen mit dem FFM heute noch um die Aufklärung des Unfallherganges und das Bleiberecht der Verletzten.
Das nächste Camp wird wegen der aktuellen Zuspitzung der Situation vermutlich an der Grenze zwischen Tschechien und Sachsen stattfinden, wo
obendrein im Mai Kommunal- und im September Landtagswahlen stattfinden. Im Juni werden sich in Köln die Herrschenden zu EU- und kurz darauf Weltwirtschaftsgipfel treffen. Auf dem Nachbereitungstreffen wurde einhellig beschlossen, mit dem Camp unbedingt auch die Gelegenheit wahrzunehmen, den für Rassismus Verantwortlichen und ihren Erfüllungsgehilfen nicht nicht hinterherzulaufen, sondern sie auch dort anzugehen, wo Rassismus faktisch ist.
Gleichzeitig mit dem Camp ‘99 an der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze wird in Kalifornien, an der us-mexikanischen Grenze ein Schwestercamp geplant, zu dem mexikanische Gruppen und die Solidaritätsbewegung in den USA aufrufen. Womöglich wird es weitere Camps in Polen oder Tschechien und an der italienischen Mittelmeerküste geben, und wir hoffen, daß diese internationale Ausdehnung ihre Entsprechung in einer breiteren Mobilisierung im Rahmen der Kampagne „kein mensch ist illegal" und anderen Spektren darüberhinaus findet.
[über die grenze]
-- TWikiGuest - 01 May 2002