Im Widerspruch liegt das kreative Potential
von Olaf Goebel
Am 1. Mai jaehrt sich das zehn jaehrige Bestehen der Goettinger "Initiative
Kunst und Kampf" (KuK). In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
gibt es wohl kaum einen kunstschaffenden Zusammenhang, der mehr polizeilich
verfolgt wurde und den staatlichen Zensurmassnahmen ausgesetzt war und ist,
als dieser. Der Grund liegt auf der Hand: "KuK geht von einem
antagonistischen Verhaeltnis zu imperialistischen System" aus, d.h. die
Initiative sieht sich in einem unversoehnlichen Gegensatz zu den
herrschenden oekonomischen und gesellschaftlichen Verhaeltnissen. Ihre Kunst
moechte dagegen die Ideen und Ideale einer wirklich freien Gesellschaft
herausarbeiten und die Menschen damit konfrontieren, jedoch ohne sich einer
bestimmten Ideologie zuzuordnen. Die KuenstlerInnen sehen die Notwendigkeit
"konkreter, emanzipatorischer Kaempfe", denen sie sich zugehoerig fuehlen und
die sie "mitgestalten, initiieren und selber fuehren." Sie beteiligen sich
am revolutionaeren Prozess, der als "etwas lebendiges, sich staendig
veraenderndes und vor allem die gesamten gesellschaftlichen Ablaeufe
betreffendes" gesehen wird. Deshalb werden Ideologien abgelehnt, die nach
Haupt- und Nebenwiderspruechen suchen, denn "dabei laeuft man Gefahr, auf die
Abstellgleise erstarrter Dogmen zu geraten."
Die KuenstlerInnen selbst beteiligten und beteiligen sich in der
Vergangenheit immer an aktuellen politischen Auseinandersetzungen,
vornehmlich in Goettingen. Durch diese Verbindung von Theorie und Praxis
wurden sie recht bald mit der staatlichen Repression konfrontiert. Die
Behoerden liessen dazu verlauten: "In der Bundesrepublik gibt es keine
Polizeieinsaetze gegen oppositionelle Kunstschaffende, keine Zerstoerung
ihrer Werke und keine Verfahren gegen sie - eine Zensur findet nicht
statt."
Erstmals erschien 1986 ein Plakat anlaesslich der 100 Geburtstages des 1. Mai
mit dem Titel "Wir Autonomen haben eine lange Tradition", das mit KuK
unterzeichnet war. Es zog eine Linie vergangener revolutionaerer Kaempfe
(Franzoesische Revolution, Oktoberrevolution, Vietnam etc.) bis zu den
damaligen Autonomen. Im selben Jahr wurden von der Polizei die ersten KuK
Bilder zerstoert: Nach einem Protest gegen die Raeumung dreier Haeuser
umstellte die Goettinger Polizei am Abend des 1.12.86 das Jugendzentrum
Innenstadt (Juzi) und behandelte alle Anwesenden erkennungsdienstlich. Als
Unterlage wurde das KuK-Oelbild "In Vorbereitung der Kaempfe" benutzt,
welches anschliessend von einem Polizisten eingetreten und zerstoert wurde.
Andere KuK-Werke wurden ebenfalls demoliert.
In der Folgezeit wurden die Widerstandskunstwerke immer wieder
kriminalisiert und verfolgt. 1988 wurden zwei Plakate juristisch verfolgt:
"Wir schlagen die Faschisten - den Kampf selbst organisieren", das zur
Demonstration gegen das damalige FAP-Schulungszentrum in Mackenrode von
Karl Polacek entstand und "Alle werden fallen", das Bezug nimmt auf ein bis
dahin jaehrliches Militaristenspektakel in Goettingen. "Als Aufforderungen zu
Straftaten wurde 1989 ein Plakat gewertet, das sich gegen die Europawahl
wendete: "Sabotiert die Wahlen". Am Vorabend der "Wiedervereinigung"
(2.10.90) verteilte KuK bei einer Propagandaaktion Tausende von
100-Mark-Scheinen auf dem Goettinger Marktplatz. Abgebildet waren eine
Banane und ein Neandertaler, daher Neandertaler. Die Aktion spielte auf das
westdeutsche Begruessungsgeld von 100 DM nach der Grenzoeffnung an. Die
Ermittlungsbehoerden fanden die Sache gar nicht witzig und leiteten ein
Ermittlungsverfahren wegen "Verbreitung und Herstellung von Falschgeld" e
in. Im Verfassungsschutzbericht 1992 kann man in dem Kapitel ueber die
Autonomen lesen: "Aus diesem Bereich stammen in Goettingen zahlreiche
Initiativen zum "antifaschistischen Kampf". Dabei bestehen enge
Verbindungen zu der "Initiative KuK (Kunst und Kampf)". 1993 wurde das
Plakat "Kampf der Klassenjustiz! Zusammen gehoert uns die Zukunft!" in
verschiedenen Gefaengnissen nicht an die inhaftierten Empfaenger
ausgehaendigt, da es sie in ihrer politischen Auffassung bestaerken wuerde und
so die Vollzugsziele gefaehrde. In einer Montage waren ein "Schwarzer Block"
und die von der RAF gesprengte Justizvollzugsanstalt Weiterstadt
abgebildet. In den Augen der Fahnder stellte war Plakat "Werbung und
Unterstuetzung fuer eine terroristische Vereinigung" ( 129a).
Bis dahin war die KuK-Ausstellung zur "Propagierung des eigenen
Kunstbegriffs in Theorie und Praxis": "Kunst als Widerstand" in 15 Staedten
gezeigt worden.
Im Juli 1994 schlug die Staatsmacht gegen KuK zu. Im Rahmen der
Durchsuchung gegen die Goettinger "Autonome Antifa (M)" wurden hunderte von
KuK-Plakaten und kistenweise Material beschlagnahmt. Sogar ein Oelgemaelde
mit einer Strassenschlachtszene aus den 30er Jahren wurde mitgenommen. KuK
reagierte schnell und organisierte in Goettingen eine Ausstellung mit den
kriminalisierten Werken und stellte eine Broschuere damit zusammen:
"Verbotene Kunst". Kurz darauf wurde die Broschuere verboten. Ein Flugblatt
ueber das Verbot der Broschuere wurde ebenfalls verboten. Die Ausstellung
"Verbotene Kunst" tourt seit 1995 durch die BRD und wird an jedem
Praesentationsort auch von Staatsschuetzern besucht. Insgesamt sammelten die
Verfassungs- und Staatsschuetzer bis November 1994 51 Druckerzeugnisse von
KuK, die einer inhaltlichen Analyse nach einem von der ermittelnden
Sonderkomission (SOKO 606) entworfenen Schluessel: Erscheinungszeitraum,
KuK-Symbol, ViSdP, verwendete Parolen, Besonderheiten etc. unterworfen
wurden.
Auf der juristischen Ebene wurde KuK behoerdlich als Unterabteilung
(Propaganda) der "Autonomen Antifa (M)" eingeordnet, auch wenn saemtliche
Werke nicht von der Antifa produziert worden sind und KuK eine eigene
Initiative ist. Der BGH liess am 4.8.1995 einen Antrag des
Oberlandesgerichtes Celle nicht zu, KuK wegen 129a anzuklagen. Einer
Anklage wegen Paragraph 129 (Werbung und Unterstuetzung einer kriminellen
Vereinigung) wurde dagegen stattgegeben. Das parallel zu den Ermittlungen
entstandene Plakat "Stoppt den Staatsterrorismus - schlagt zurueck!" wird in
diesem Zusammenhang als "Aufforderung zu Straftaten" (Landfriedensbruch)
gewertet.
In ihrer Geschichte wurde KuK konsequent verfolgt und observiert. So findet
sich in den Ermittlungsakten eine Zeugenaussage des Kriminalhauptkommissars
Guenther, der einen Kunstschaffenden dabei beobachtete, "wie er auf einer
Staffelei ein Oelbild malte". Motiv: eine Strassenlaterne in der Goettinger
"Rote Strasse", aber der Beamte entdeckte "auf dem halbfertigen Bild" noch
etwas, einen "Demonstrationszug in einer Haeuserschlucht", bei der
"Transparente mit Texten wie "Gemeinsam sind wir stark", "Keinen Fussbreit
den Faschisten" u.ae. "antifaschistischen Bezuegen" getragen" wurden.
Desweiteren fiel dem kunstbegeisterten Staatsdiener auf, dass der Maler
"sehr kraeftige Farben" verwendete und "professionell mit Staffelei,
Malbrett und Fertigfarben aus Tuben" malte!
Der Maler war der Goettinger Bernd Langer, Mitbegruender und Aktivist der
"Initiative KuK". Sein Kommentar auf den staatlichen Hinweis, eine Zensur
findet nicht statt: "Eine Praxis der Zensur wuerde sich unmoeglich mit dem
Anspruch decken, eines der freiesten Staatswesen ueberhaupt zu sein. Sind
doch direkte Lenkungsversuche im Bereich der bildenden Kunst oder gar
polizeiliche Massnahmen untruegliche Zeichen fuer totalitaere Regime."
Wer Kontakt zu KuK aufnehmen moechte, z.B. um die Ausstellung "Verbotene
Kunst" zu zeigen, kann dies tun: KuK, c/o Buchladen Rote Strasse, Rote
Strasse 10, 37073 Goettingen
Dieser Artikel erschien am 2.5.96 in der Tageszeitung "junge Welt".
-- TWikiGuest - 03 May 2002