BemerkungenZumKonzeptExperimentellerKunst
J. Huizinga (Der Herbst des Mittelalters)
Einleitung
Dieser Text schaltet sich in eine zur Zeit zwischen den Situationisten geführten Diskussion über das Experiment, das heißt über ein Thema das im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Aktion steht, ein. Auf jeden Fall beziehen wir uns auf einen Begriff des Experimentellen, den es genauer zu bestimmen gilt. Es geht hier um keine polemische Absicht, wir haben keine Doktrin aufrechtzuerhalten und keine Abweichungen zu bekämpfen. Wenn ich hier eine von bestimmten Leuten aufrechterhaltene Doktrin kritisiere, dann weil sie es offensichtlich nicht wert ist, in der Form in der sie sich uns jetzt stellt, in fortlaufenden Diskussion weiter berücksichtigt zu werden. Ich habe keine Vorurteile gegen das Talent der Autoren dieser Konzeption und auch nicht gegen eine seriöse Position die sie anderswo haben mögen. Um über den "italo- experimentellen" Gedanken, der in der italienischen Sektion der SI vorhanden ist, zu sprechen, ist es klar, daß ich weder Italien als kulturelle Einheit, noch die Italiener die unsere Kameraden sind, angreife. Das Thema dieser Kritik ist vor allem der Text von Walter Olmo "Über ein Konzept des musikalischen Experiments" der der SI Ende September 1957 vorgestellt wurde, und von dem es hieß, daß unsere italienischen Freunde (mit der Ausnahme von Pinot- Gallizio der nicht an der Lesung teilgenommen hat) ihn gutheißen. Ich rechne hier auch einige Meinungen dazu, die bei der Konferenz in Cosio Arrosco Juli 1957 lautgeworden sind, die dazu analog waren. 1 Das was von dem monotonen Ausdruck des italo-experimentellen Gedankens einem vor allem bleibt ist, daß er vorgibt jede Wertung abzulehnen und sich einer rein operativen Objektivität nach wissenschaftlich experimenteller Methode rühmt. Darin liegt sein erster schlagender Widerspruch. Wenn man einige Untersuchungen über Klänge beiseite läßt, geht es nicht nur bei der tatsächlichen Produktion sondern auch bei den Projekten derer, die diese Konzeption vertreten bis jetzt um bildliche Realisationen. Auf diesem präzisen Gebiet verbieten es sich nicht einmal die, die jede Wertung absolut ablehnen, wie sie uns versuchen glauben zu machen, zu werten: Im Gegenteil sie behaupten, daß diese und jene bekannten Werke moderner Malerei schlecht seien, uninteressant und nur Auskunft über die Blödheit ihrer Erzeuger geben (worin sie recht haben); aber ihre eigenen Bilder sind nachgerade Zeitgenossen jener, die das Produkt einer schlechteren Welt zu sein scheinen. Man sieht sich die einen mit der selben Indifferenz an, wie die anderen. Man könnte sie vielleicht sogar weniger schön finden, aber von uns möchte sich keiner um Geschmack als Kriterium kümmern. Man könnte allerdings sagen, sie seien mehr "déjà vu", und absehbarer, als selbst die zur Zeit in der Galerie Stadler beliebten Bilder. Hier lernen wir, daß die zuvor behauptete Präferenz für eine experimentelle Vorgangsweise, für eine Methode die sich auf eine Behauptung reduziert, bereits hilft, um alles zu retten. Das ist das "Sesam öffne dich" der Kultur, die Entsprechung zum Wert: das bleibt dann einzig über, und die Bequemlichkeit macht, daß es einem genügt. Man merkt sofort den religiösen Zuschnitt dieses Gedankens, und den schlechten Glauben den seine Verteidigung voraussetzt. Eine Art Kreuzzeichen, eine mechanische Formel wie das Beten, versöhnt das Experimentelle mit seinen Getreuen (ihre Absicht ist rein, das experimentelle Paradies ihnen sicher). Die Behauptung lautet: das Experimentelle kann nur Unvorhergesehenes bringen. Dann ist es also unsere schlechte Laune, wenn sich beim betrachten der fraglichen Bilder zeigt, wie ähnlich sie dem Rest der aktuellen Malerei sind, und wie sehr sie sich untereinander ähneln (ich nehme an, daß es Motive geben kann solche Bilder zu machen, aber ich sage, solange man nichts anderes gemacht hat, und das ex cathedra als experimentelle Kunst zeigt, wird man Hohn ernten). Aber jeder historische Anhaltspunkt wird von den Italo- Experimentalisten bestritten, genauso die Möglichkeit einer Voraussage - die nichts als schwer statistisch ist und man hat ja die Statistiken mit dem Rest der realen Welt auf den Mist geworfen. Olmo schreibt: "Eine Eigenheit des menschlichen Geistes ist die Statistik und die Analyse. Das Gewicht dieser Tendenzen...verhindert das wirkliche Experimentelle in der Kunst" (Paragraph 7). So postuliert der Italo- Experimentalismus die Niederlage der Intelligenz, die Herrschaft der enthüllten Wahrheiten, die Umwandlung. Wie sind sie da hin gekommen? Es scheint im Spiel mit der Feindschaft, die wir gemeinsam haben, zu einer Position der Verwirrung stiftenden Wertungen. So wie sich manche bemühen uns glauben zu machen, daß z.B. die mißbräuchliche Verwendung ethischer Imperative die Krise der modernen Kunst nach sich zieht. Damit beschreiben sie die ganze Konfusion aufrechterhaltende Wertsysteme, die das tägliche Brot der Kunstkritiker ausmachen. Sollen sie das meinetwegen sagen. Es ist banal aber wahr. Sie gehen aber weiter indem sie sich einer solchen Diskussion entziehen, indem sie sie einmal akzeptieren, einmal ablehnen, je nach ihren eigenen Interessen. Sie verwenden Argumente aus der Anfangszeit wissenschaftlicher Denkart, und wollen sich in deren Analogie einschreiben. Man könnte sogar sagen, daß diese Form der provisorischen Moral eines "Methodendiskurses" - nämlich der Schulterschluß - für sie für das ganze Leben gilt, vor allem auch weil man kein Anwendungsgebiet dieser Methode bei ihnen finden wird. Die Sophismen langweilen, denn selbst wenn man sie in der Schule als Neuheiten erfahren hat, sind es primitive Spiele die zu stark veraltet sind, um einen neuen Gedanken hervorbringen zu können. An welche Wertungen wird man ein experimentelles Verhalten anknüpfen das jede Möglichkeit zu werten verunmöglicht? Und wem will man glauben machen, daß die Methoden experimentierender Wissenschaft zum Ziel haben, Wertungen aufzulösen, wo doch ihr Ziel ist, die Macht des Menschen über die Natur zu vergrößern? Wo jemand die Beschäftigung mit Werten dermaßen denunziert, erscheint es wie das simple Produkt der Angst - mag sie mehr oder weniger berechtigt sein - vor einem Urteil über sein eigenes Werk oder Verhalten. 2 Im allgemeinen verpflichtet jede Präsentation eines Komplexes neuer Untersuchungen zu einer neuen Hierarchie der diskursiven Vorgangsweise, die dazu führt, bestimmte Begriffe zu ändern, vorzuziehen und Definitionen zu akzeptieren, die letztlich Postulate sind. Diese System der Postulate neigt unglücklicherweise dazu eine Verteidigunglinie gegen die Möglichkeiten der Kritik von außen zu werden, das Kräfteverhältnis zwischen tatsächlicher Entdeckung und verwendeten Behauptungen entscheidet zuletzt über den relativen "historischen Erfolg" eines Versuchs, oder über sein frühzeitiges Scheitern durch Verkalkung und lächerlichen Dogmatismus (Isous Bewegung ist dafür ein gutes Beispiel). Diese Hierarchie der Behauptungen ist aber niemals unnötiger und ephemerer als wenn sie sich den Anschein einer willkürlichen Ablehnung von Hierarchie gibt - weil sie sich dann nur noch auf inexistentem Gebiet verteidigt. Hier fällt einem der Dadaismus als theoretisches System ein dem Tzara den Todesstoß versetzt hat mit: "Die Abwesenheit von System ist auch ein System". "Dem Ursprung nach", schreibt Olmo in seinem Paragraph 6,"Ist eine Untersuchung nicht programmatisch". Sagt er das nur um die unglaubliche Banalität unterzubringen, daß man in einem Programm die Auswirkungen einer originären Erfahrung nicht vorhersagen kann? Nein, er sagt das, um dem Experiment eine objektive Definition abzusprechen, indem er behauptet, daß es niemals möglich ist darin Ausgangs- und Zielpunkt genau auszumachen. Die naive freiwillige Vereinfachung, als sektiererische Verweigerung, bringt den Italo-Experimentalismus zur Unmöglichkeit die eigenen Thesen abzugrenzen: Warum erscheint diese Definition experimenteller Kunst gerade jetzt? Anscheinend zufällig. Der idealistische Gedanke ist von Natur aus davon getragen, ursprüngliche Werte und Konzeption einer Idee aufeinander abzustimmen; der, der an einer solchen Illusion beteiligt ist, wird zum Schluß der Rechnung dazu neigen, alles seinem eigenen außergewöhnlichen Verdienst zuzuschreiben, da er doch als erster. diese Idee gefunden hat - die vorhergegangenen sind auf eine Art geringer, weil sie daran nicht gedacht haben: wäre Leonardo da Vinci ein wenig genialer gewesen, hätte er uns erspart Piero Simondo zuzuhören. Der Italo-Experimentalismus spricht von Methodologie, es fehlt ihm aber an methodischem Verständnis. Wenn Jorn ein experimentelles Verhalten vorschlägt, deutet er damit an, daß jegliche unvoreingenommene Erfahrung, ins tägliche Leben transportiert werden kann, und hier sofort unvorhersehbare Resultate hervorruft (siehe la derive). Nun, wir sind der Meinung, daß man experimentelles Verhalten auf allen Gebieten soweit fortführen muß wie möglich. Im Gegensatz dazu kümmern sich die Italo-Experimentellen nur um einige Ausschnitte des Lebens, als Gegenstand für ihr Experiment, und verkleinern dessen Gebiet, nicht einmal nur auf die Malerei, sondern sogar auf die Konzeption des Malers. Nachdem sie sich einer kollektiven Aktion angeschlossen haben und sich sogar für die wirtschaftlichen Modalitäten dieser Aktion interessiert haben, wagen sie es jetzt, uns zu sagen, daß das Experiment mit dem Programmatischen unvereinbar sei. Die Debatte hält aber an diesem Punkt: Niemand wird ein reales Experiment durch eine theoretische Vorstellung von wie es sein könnte einengen. Also müssen wir ein dogmatisches Programm, das sich noch nicht mal als solches selbst erkennt und das versucht die Organisierung unserer Bemühungen in der Welt zu vereiteln, ablehnen. Diese schändliche Weltanschauung(i. O. deutsch) des Italo-Experimentalismus kann wenn sie will auch im folgenden eine hinreichende psychologische Erklärung finden: wären die Erfahrungen real, würden uns die, die sie machen ohnehin wegen ihrer Aktionen interessieren, ohne daß es notwendig wäre sich durch Sophismen einer Programmatik des Nichts interessant zu machen. 3 Der Italo-Experimentalismus brüstet sich damit "ohne die leiseste Sorge um Bezugspunkte, welche es auch seien, vor und während der Tätigkeiten" zu handeln (Olmo, Paragraph 5). Sie begnügen sich nicht damit ein Objekt völlig von dem zu isolieren was herum existiert, sie interessieren sich auch nicht für das was aus ihm wird: sie wollen weder die Konditionierungsmechanismen unseres Lebens kenne, noch wie wir darauf reagieren. So führt Olmo Programme durch: " Ein Programm schränkt auf eine Weise die Möglichkeiten unvorhersehbarer Resultate ein, und kann soweit gehen, daß es nur die Bedingungen des Austausches (Den Konsum) repräsentiert, der nichts über den künstlerischen Charakter der Dinge sagt, sondern nur über ihre Verteilung" (Paragraph 6). Rund um diese Frage nähern sich die Italo-Experimentalisten der großen Komik. Sie behaupten zur selben Zeit, daß das experimentelle Kunstwerk ein an sich ausreichendes Werk ist, und gleichzeitig wollen sie sich organisieren in der historischen Absicht sich groß in die kulturelle Ökonomie ihrer Epoche zu stellen. Wenn sie wirklich nichts von Verteilung hören wollen, wenn sie ihre Werke und vor allem die geschriebenen Rechtfertigungen dieser Werke hinter verschlossenen Türen aufbewahren wollten, hätten sie wenigstens recht: außerhalb von Wirtschaft und Geschichte entziehen sich die besagten Werke völlig einem historischen Urteil, sie verschwinden in die Versenkung, aus der man sie auch nicht hervorholen hätte müssen. Olmo, in seiner Naivität, gibt einen Vorgeschmack dieser idealen experimentellen Avantgarde, wenn er zu an Klangregistern vorgenommenen Verformungen sagt: "Diese Eingriffe können experimentellerweise ins unendliche fortgesetzt werden". Sicherlich. Es dürfte daher eher in programmatischer denn in experimenteller Absicht sein - und die wäre vielleicht damit jemand ihr Werk bewundert - daß unsere Witzbolde aufgehört haben, das selbe Bild bis ins unendliche zu malen und sich damit beschäftigen es "uscir dal bosco e gir infra la gente" zu lassen. Sie verraten also das reine Experiment und verlieren deshalb das Recht uns weiterhin durch diese Attitüde zu behindern, von der sie wissen, das sie absurd ist. 4 Der Italo-Experimentalismus der die Begriffe, die er verwendet präzise zu definieren vorgibt, verurteilt formell den Historizismus. Nur, es gibt keinen ungenaueren Terminus als den des Historizismus, der gleichzeitig von K.R. Popper (in The open society and its ennemies) als Theorie der Sozialwissenschaften, die auf eine absolute historische Voraussage abzielt, definiert wird und von Leo Strauss (droit naturel et histoire) als einheitlicher historischer Relativismus. In Wirklichkeit verweigert sich der Italo-Experimentalismus unter dem miesen Deckmantel des Begriffs Historizismus der Geschichte selbst, dort wo sie aus Beziehungen besteht. Der italo-experimentellen Überlegungen gehen hier vor das 18. Jahrhundert zurück, wo, auf die neuen Technologien folgend, und, genauer, durch den Triumph eines wissenschaftlich- experimentellen Gedankens, die Idee einer möglichen Veränderung der Totalität der gegebenen Welt vorzuherrschen begann. Diese i. o. Überlegungen zersplittern die Probleme, eine typische idealistische Haltung, und politisch gesehen repräsentativ für alle Überlegungen der Rechten. Im Gegensatz dazu ist die Aktivität der Situationisten unitär. Gerade an diesem großen Begriff des Unitären nimmt der Italo-Experimentalismus sein Maß. Das allerdings, ohne fähig zu sein, die Einheit der Bewegung aller Künste (hier ist auch der Roman und das Kino eingeschlossen) herauszufinden. So daß gewisse Vermutungen über die Möglichkeit einer "objektiven" Prosa, die nur "künstlerisch" sein könnte", plötzlich Schlüsse dieser verirrten Theorie sind, aber auch Symptome einer Unkenntnis einiger für alles was nicht "Bildende Kunst" ist, eine Ignoranz die selbst Quelle übereilter Systematisation ist. Wenn man fest entschlossen die Geschichte verachtet, fällt man in Wirklichkeit immer in die Willkür, und die Willkür des einzelnen ist das Maß seiner eigenen Ungenügendheiten und Irrtümer. 5 Um zu zeigen an welchem Punkt der italo-experimentelle Dogmatismus Feind der Realität ist, und daher anti-experimentell, zitiere ich noch einige Behauptungen von Olmo (Paragraph 16): "Für eine experimentelle Werbung ist eine Stimmungsmusik durch tönende Hintergründe besonders nützlich, wegen des Bizarren und der Zurschaustellung von Neuheiten die genau jener der visuellen Werbung gleichen (die zur Zeit in wirtschaftliche nicht experimentell- künstlerischer Richtungen abdriftet) und die jeden Grund hätte und noch mehr Wirksamkeit, wenn sie Klang hätte, da der akustische Eindruck stärker empfunden wird als das Bild. In den paar Worten schafft es Olmo die visuelle Werbung der akustischen Werbung, die noch nicht existiert, gegenüberzustellen (noch eine Anstrengung mehr und er wäre ihr Erfinder), im Vorbeigehen das Problem des Einflusses von Ton auf das Bild anzuschneiden, die Möglichkeit einer rein experimentellen Werbung zu postulieren (als wäre die Werbung ein privilegiertes soziales Feld für experimentelle Aktivitäten, es ist klar, daß sie per definitionem nicht unabhängig und unwirtschaftlich sein kann. Das eheste was die Werbung künstlerisch sein kann, ist als Werbung für eine gewisse Art der Kunst). Das blödeste in diesem Nonsens ist sicherlich die Idee, daß die Werbung durch wirtschaftliche Einflüsse verzerrt worden ist. Von wo weg verzerrt? Wo kommt sie denn her um jetzt bei diesen wirtschaftlichen Einflüssen anzukommen? Ist sie methodologisch etwas anderes als ein kollektiver Zwang der zugunsten bestimmter Lösungen auf das Individuum einwirkt (direkte wirtschaftliche, oder hinter der Maske von Politik oder Kunst)? Die Werbung existiert in Olmos Kopf als reine experimentell- künstlerische Form und alle Hervorbringungen der realen Werbung auf der Welt sind Verzerrungen. Was die Erfahrungen angeht, bietet man uns jene des uneingeschränkten Idealismus: Das dürfte auch schon irgendwo mal zu hören gewesen sein. -- TWikiGuest - 03 May 2002