Arbeit und Krieg
> schafft endlich die unsäglichen allgemeinplätze von fleiß, verantwortung und
> selbstverwirklichung und ganz besonders die leistungslüge ab!
Der anonyme Autor nimmt uns auf eine Berg- und Talbahnfahrt mit wie die
Himmelsreisen in der jüdischen Hechalot-Literatur. Und wie bei dieser wissen
wir oft nicht: dürfen die Würdigen durch das Himmelstor schreiten oder die
Unwürdigen?
Verschiedene Autoren begründen den Welterfolg wirtschaftlicher westlicher
Vorgehensweisen im protestantisch verankerten Leistungsprinzip (Max Weber,
David Landes), in diesem Sinn ruft David Landes zu mehr Fleiss in der
"Dritten Welt", aber auch bei uns auf (Wohlstand und Armut, Berlin 1999).
Wohlstandsgesellschaften können eine Schicht für kulturelle Arbeit
freistellen. Zu dieser gehören wir, die TrendsetterInnen, illegale
Bar-BetreiberInnen, KünstlerInnen, LapTop-MusikerInnen, DesignerInnen,
GrafikerInnen etc. Erst muss eine Nation wirtschaftlichen Erfolg haben und
dann ergeben sich kreative Künstlerfreundschaften und Austausch (mit Japan,
Brasilien, USA und bald auch mit China).
Die gesellschaftliche Schicht für kulturelle Arbeit kann aber nur kreativ
sein, wenn sie sich einbildet ein besseres und interessanteres Leben als die
andern zu haben, sonst geht ihnen schnell die Puste aus: Kunst und Kultur
verlangt nämlich viel Gratisarbeit. Vorteil: Nachtarbeit ist möglich,
Schmuddel-Look, chaotisches Beziehungsleben und viel... Zeit!
Somit ist leider widerlegt, dass eine Leistungsverweigerung irgendetwas
bringt. Beim Rumhängen kommen den KünstlerInnen (...) nämlich die besten
Ideen.
Und: Auf welcher Seite wir bei diesem Krieg stehen ist gegeben. Wir können
die Front nicht wählen sondern nur uns für eine Seite aktiv entscheiden.
Also ist eine Dienstverweigerung nicht sehr einfach. Vielleicht können wir
einen Waffenstillstand erreichen? Oder wie im "richtigen" Krieg mit der
Gegenseite den Dialog suchen? (Sehen wir unsere eigene Wirtschaftselite als
Feind an, was ich bezeifle, werden wir schnell enttäuscht sein, wenn beim
Dialog auf der anderen Seite des Tisches unser eigener Vater, unsere eigene
Mutter, oder Freunde von ihnen sitzen).
Trotz dieser problematischen Lage freue ich mich auf das Rumhängen, auf gute
Ideen, auf meine Nische.
Lieber Gruss - Michael