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Borderline Kongress

Der Borderline Kongress war der Versuch, die vorangegangenen Veranstaltungen der Gruppe FfK und des Atlier Bratwurst (48h kunst los, etc.), auf ein neues Niveau zu heben. Mit dem Borderline Kongress unternahm FfK einen Ausflug in die Internationale Kunsttheorie.

Ankündigungen

Über das Internet-Medium „rohrpost“ wurden einige Verlautbarungen seitens der Veranstalter gepostet:

Ankündigung vom 05.10.2000

Guten Tag! Endlich ist es soweit: Wir (s.a. unter Backgrund-Informationen) haben das 1. Manuskript zum Kongreß „Borderline - Strategien und Taktiken für Kunst und soziale Praxis“ fertig gestellt. Über eine rege Diskussion der von uns formulierten Ansätze würden wir uns freuen! Beiträge können uns direkt per E-mail zugesendet werden. Ergänzend haben wir ein Online-Forum eingerichtet. Selbstverständlich sind wir auch auf klassischen Wegen der Fernkommunikation, wie Post und Telefon zu erreichen (s.a. unter Kontakt). Der Kongreß wird im Mai 2001 stattfinden.

Borderline ist Online zu erreichen unter: http://www.octopusweb.org/borderline/

»Borderline« Strategien und Taktiken für Kunst und soziale Praxis

Vergeßt „die deutsche Kulturhauptstadt“ - Kommt in die Provinz! Lauscht Vorträgen, diskutiert diese kontrovers in angenehmer Kurstadtatmosphäre im idyllischen Wiesbaden. Kasino und Kurpark bieten Entspannung und Kurzweil während der Kongreßpausen - jenseits hysterisch überhitzter sozio-kultureller Debatten und lärmenden Großstadtmülls. Es mag der Provinz an vielem fehlen, nicht jedoch an Ruhe. (Keine Angst, Fluxus ist längst tot). Das garantiert maximale Konzentration auf das Wesentliche und bietet genügend Raum für Nebensächliches und läßt eine konstruktive Arbeitsatmosphäre entstehen, wie sie nur abseits des Mainstreams möglich ist. Provinz: zur Zeit die einzig wahre Alternative.

Ursprung und Hintergrund: Vor dem Hintergrund einer seit 3 Jahren regelmäßig stattfindenden Reihe von „Kunstgesprächen“ im Kunsthaus Wiesbaden (u.a. mit Dr. Christina Resch, Dr. Jürgen Bohl, Sabeth Buchmann, John Tausendwort, Günther Jacob, Regina Behrendt und Holger Kube Ventura) versteht sich der Kongreß als eine Plattform für eine erweiterte und vertiefende Auseinandersetzung mit den im Rahmen der Vortragsreihe begonnenen Diskursen. Im Oktober / November 2000 wird die Kunstgesprächsreihe mit Dr. Volker Rattemeyer, Museum Wiesbaden, und Prof. Dr. Jean-Christophe Ammann, MMK Frankfurt, fortgeführt. Es ist nicht auszuschließen, daß Leser dieses Textes die Kunstgesprächsreihe nicht aktiv verfolgt haben und aufgrund dessen die Diskurse nicht kennen. Daher erläutern wir im folgenden kurz Anliegen und Ziel des Kongresses.

Intension, Position und Realisation: Ein zentrales Anliegen des Kongresses ist die konstruktive Gegenüberstellung kontroverser Standpunkte. Dabei stehen Künstlerstrategien im Mittelpunkt. Der Begriff der Strategie umfaßt hier die bewußt reflektorischen Handlungs- und Planungsformen sowie die unbewußt emotional gesteuerten, welche sich aufgrund des Fehlens eines analytisch reflexiven Momentes dem klassischen Strategiebegriff zu entziehen scheinen. Aus diesem Grundverständnis heraus sind sowohl analytisch-interpretatorische und autobiographische Berichte aus Theorie und Praxis, wie auch performanceartige Vorträge geplant. Die vermittelnden Medien sind frei zu wählen. Die zwischen oder nach den Vorträgen stattfindenden unmoderierten Diskussionen der Teilnehmer untereinander, mit oder ohne die betroffenen Referenten sind ein wesentliches Moment. Die Organisatoren sind in keinem etablierten Polit- und Kunstkontext verankert, was die Realisation des Vorhabens ungemein erschwert, aber glaubwürdig einen Austausch jenseits üblicher Strukturen und Kontexte fordern läßt. Angestrebt ist das Entstehen von produktiv-konstruktiven Konflikten. Der Kongreß versteht sich als Herausforderung an alle Referenten. Er bietet ihnen eine optimale Möglichkeit ihre intellektuellen und rhetorischen oder andere Qualitäten auf neuem Terrain zu überprüfen, um sich auf diesem Wege weiter zu profilieren und plazieren.

Thematische Anregungen statt Manifeste:

Kommerzialisierung als Ende der Kunst, oder ein scharfes Schwert gegen das Establishment.

Kunstavantgarde, oder wie man sich rar macht, um sich anschließend breit zu machen, ohne zuvor überhaupt da gewesen zu sein.

Historifizierung: Hier stellt sich unter anderem die Fr age: Wo ist der Eingang zum Museum und was soll ich da, insbesondere wenn die Tür verschlossen ist.

Analogisierung: Sind die Übereinstimmungen so stimmig wie sie scheinen - oder scheinen diese lediglich unstimmig.

Kontextualisierung als eine Folge der Konzeptualisierung.

Imagetransfer: Warum das Siemens-Kultur-Programm diesen Kongreß nicht unterstützt und was sich die Initiatoren von der Veranstaltung für sich erhoffen.

Die Verweigerungsstrategie scheint fast den Organisatoren eigen zu sein. Als Verweigerungsstrategie dürften auch die Anfänge von Techno mit der Ablehnung des Starprinzips, das Arbeiten mit wechselnden Pseudonymen und dem Kreieren ständig neuer (Musik-)Stile und Kategorien anzusehen sein.

Peripherien: Das schon totgesagte Neoismus-Konzept stellt sich dem unerwartet aufblühenden Retro-Neoismus. Ein brisantes Thema, versteht sich doch der BBK Wiesbaden e.V. als die bundesweit - wenn nicht sogar international - größte aktive neoistische Künstlervereinigung.

Mit den o.g. Strategien geht auch die Frage der Selbstetablierung und Plazierung als Künstler im, am Rande, oder außerhalb des Kunstmarktes und der Gesellschaft einher. Thematisiert wird überdies die sog. Double-Binde-Problematik aller strategischen Ansätze. Eine Reflexion der unauflösbaren Widersprüche und Paradoxien, welche den Kunstavantgarde-Konzepten und der Institutionenkritik eigen sind, ist ebenso unvermeidlich. Alle bisherigen Erläuterungen lassen bei realistischer Betrachtung eine konzentrierte Anzahl an Vorträgen erwarten. Die Initiatoren hoffen, bereits in der Vorbereitungsphase des Kongresses intensive Diskussionen um die o.g. Themen anzuregen, welche dann im Rahmen des Kongresses gebündelt und fortgeführt werden können. Da die Fantasie / Phantasie der Kongreßorganisatoren keine Grenzen kennt, obwohl sie fast regelmäßig mit den Realitäten kollidiert, ist die Veröffentlichung eines Readers mit Text- und Bildsammlungen aller Beiträge geplant. Sollten sich hinreichend etablierte Referenten finden, besteht die Möglichkeit, den Reader durch einen namhaften Verlag publizieren zu lassen. Ergänzend werden alle Beiträge unter http://www.octopusweb.org/borderline/ ins Netz gestellt und dürfen dort kontrovers diskutiert und ergänzt werden.

Strategen gesucht: Personen, die einen Vortrag oder eine Aktion (…) beisteuern wollen, sollten sich mit ihrer Idee vertrauensvoll an die Organisatoren wenden. Diese bitten um eine baldige Benachrichtigung, so daß sie möglichst viele der eingereichten Vorschläge berücksichtigen können. Kontaktadressen sind am Ende des Textes zu finden.

Finanzierungslücken von Anfang an: Um die zu überwindenden Hürden nicht noch größer werden zu lassen, erstattet der Veranstalter den Referenten Anfahrt, Übernachtung und Verpflegung. Die Grundfinanzierung ist bereits gesichert, z.Z. entstehen verbindliche Kontakte zu Sponsoren.

Spendenkonto: Idealisten werden gebeten den (noch etwas) unterfinanzierten Kongreß mit Finanz- und Sachspenden zu unterstützen. Wir danken im voraus - und im nachhinein ganz besonders. Spenden können auf das Konto des BBK Wiesbaden e.V. überwiesen werden, Kto Nr.: 187 444 609, BLZ: 500 100 60, Postbank Frankfurt/Main. Bitte als Verwendungszweck „Borderline-Kongreß“ angeben.

Background-Informationen: Das Kunsthaus Wiesbaden bietet großzügige Veranstaltungsräume, welche dem BBK für die Dauer des Kongresses zur Verfügung stehen.

Veranstalter des Kongresses ist der Berufsverband Bildender Künstler Wiesbaden e.V. Organisiert wird der Kongreß von „bojabü“ und „A.B.“ in Zusammenarbeit mit dem BBK Wiesbaden e.V.

Ankündigung vom 21.05.2001

Borderline - Strategien und Taktiken für Kunst und soziale Praxis, 08.06. - 10. 06.2001, Museum Wiesbaden —

Guten Tag,

wenn jetzt nicht noch jemand stirbt, dann ist das Programm komplett.

Es hat, bedingt durch Krankheit und Terminschwierigkeiten einige Umstellungen gegeben. Bazon Brock, dem wir von dieser Stelle eine gute Besserung und schnelle Genesung wünschen, hat uns leider absagen müssen. Dafür konnten wir Dr. med. Jürgen Bohl gewinnen, der den Kongress mit dem Referat „Opfer am Südrand des Nichts“ eröffnen wird. Ebenso hat uns Helmut Draxler absagen müssen. Anstatt seiner wird die Arbeitsgemeinschaft Retrograder Strategien über „Retrograde Strategien“ referieren.

Beste Grüße,

Sascha für Borderline

Chat: Für alle daheimgebliebenen bieten wir die Möglichkeit, mit den Referenten zu diskutieren. Die Chat-Zeiten + Themen geben wir rechtzeitig bekannt.

Diskurs: www.octopusweb.de/forum

Service: Programmfolder: www.octopusweb.org/borderline/folder.pdf Schlafen-in-Wiesbaden: www.octopusweb.org/borderline/Betten.pdf Timetable: www.octopusweb.org/borderline/Timetable.pdf Anmeldung: www.octopusweb.de/anmeldung.htm

Ausblick: Im Herbst werden wir das Borderline-Projekt vorstellen. Im Winter wird der Borderline-Reader erscheinen.

Timetable:

Freitag, 08.06.2001 18.00 Uhr: Einlass + Begrüßung 19.00 Uhr: Dr. med. Jürgen Bohl ab 22.00 Uhr Nachtprogramm in der Galerie kgb (www.kgbbunker44.de)

Samstag, 10.06.2001

08.30 Uhr bis 09.30 Uhr: Frühstücksbrunch

09.30 Uhr: Holger Kube Ventura 10.40 Uhr: Adi Hösle + Georg Winter (AG Retrograde Strategien) 11.50 Uhr: Florian Schneider 13.00 Uhr: WochenKlausur

14.30 Uhr - 16.00 Uhr: Lunchtime

16.00 Uhr: Monty Cantsin 17.10 Uhr: Verena Kuni 18.20 Uhr: Reinhold Grether

20.00 Uhr: Christoph Schäfer + Margit Czenki Im Anschluß (ca. 23.00 Uhr): Local DJs, Chat + mehr. (www.schlachthof-wiesbaden.de)

Sonntag, 10.06.2001

10.00 Uhr - 11.00 Uhr: Frühstücksbrunch

11.00 Uhr: Ralf Homann + Farida Heuck + Manuela Unverdorben (Schleuser.net) 12.10 Uhr: Christine Resch 13.20 Uhr: Kunstadapter 14.30 Uhr: Carmen Mörsch

Änderungen vorbehalten

Der Reader

Reaktionen der Neoisten

Wies-Baden

Während einer unschlüssigen Phase nach dem Abiturium litt ich pünktlich an neoistischen Entzündungen, die ich abends immer mit Wodka kühlte. Am folgenden Tag stand ich spät auf und paukte mit Eifer, bis zur nächsten Abkühlung, einen, von hier aus betrachtet, doch ziemlich vermatschten und in Nebensachen zerzausten Gedankenkleister in einen Computer, der 'Amiga' hieß: Alles streckenweise von kühner Bauart und ironischer Bedachtsamkeit, im Effekt aber ein Imponierklumpen, ein umgehexter Pynchon mit Borges-Schmuck und selbsterfundenen Texten, die dann zitiert wurden. Frauen, die besser Beate Spitzvogel geheißen hätten, die nannte ich Karen Eliot und ließ sie unfaßbare Sachen sagen, z.B.: „Monty! Ich habe kombiniert und festgestellt, daß das lateinische Verb 'inerat' die Schnittmenge bildet von 'Inverarity' und den Buchstaben meines eigenen Namens. Die restlichen Buchstaben, e-k-o-l, lese ich als 'école', was mich an meine Kindheit an der New York Correspondence School erinnert. Die Summe ihrer alphabetischen Werte - 5+11+14+12 - ist zweiunddreißig, in der Quersumme fünf, und ergibt mithin die Initiale meines Familiennamens; so daß 'Inverarity' als Code für 'Inerat école und 'Inerat Eliot' erschiene und die restlichen Buchstaben V-RI-Y gleichermaßen für 'verity' und 'variety' stehen“.

Na Prost! Darunter verleimte ich dann, damit's allen einleuchtete, eine ausgeschnittene Arschbacke mit Gurken, die ich selbst geknipst hatte. Das Buch sollte hervorstechen, dick sein und „Die Anatomie des Neoismus“ heißen: Eine in die Läufigkeit meines Lebens verfummelte Angelegenheit, mit viel angelesenem Unfug garniert, im Grunde aber gutartig und förderträchtig, um nicht zu sagen: begabt! Es ist klar, daß man sich für was Besonderes hält, wenn man groß herauskommt, obwohl man schlecht ist. Aber man hält sich auch für was Besonderes, wenn man nicht groß herauskommt, obwohl man Klasse hat!

Ich kopierte ein paar meiner Ansicht nach besonders starke Stellen und schickte sie ohne Rückporto mit wichtiger Nachricht an alle bedeutenden Verlagshäuser: „Liebe Frau Paris, lieber Herr Gente! Dies sind Ausschnitte aus 'Der Anatomie des Neoismus'. Das Manuskript wiegt 312 Seiten, enthält neben Orginalfotos orginal Montagen und ist heute um 15:30 Uhr an die wichtigsten deutschen Kleinverlage verschickt worden. Im Falle anständiger Vergütungsofferten werden Erstantworten mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtet. Kürzungen kann ich keinesfalls hinnehmen. Hojotoho! Monty Cantsin.“ Zu meinem Erstaunen reagierte keiner!

Damals dachte ich: Das gefällt keinem. Die Alten verstehen dich nicht! Heute vermute ich: Obwohl sie inzwischen jünger sind als ich, verstehn sie mich immer noch nicht, aber ich begreife, daß sie diese Einsendungen gar nicht lesen können. Sie stopfen sie in den Manuskriptmüllshredder, damit sie Ruhe für die Zeitung haben, woraus sie erfahren, was los ist in der Welt, auch des Buches. Und sie telefonieren den ganzen Tag, weil sie froh sind, wenn ihnen jemand fernmündlich steckt: Hier, druckt das mal, das ist gut! Da können sie gleich wieder rüber zum Italiener, Zeitungen lesen oder saufen. Hätte das Fatum damals telefonisch auch an mir protegierend gewirkt, dann bräuchte ich mich heute, mit fast vierzig, nicht als ewiger Jungtürke auf verderbende Weise unter Wiesbadener Subversivkünstler mischen und von Kongreßkritikern durchleuchten lassen.

Dennoch bin in ich froh, daß es nichts wurde. Man wußte damals nicht, daß man, zum Vorteil aller, noch langwierige Reifeprozesse würde durchstehn müssen. Man merkte, in dieser Branche läßt sich zwar auch viel Effekt in Affekt und Affekt in Effekt umzaubern, und es bedarf, um vorzurücken, immer auch einer gelungenen Ausdeutung und glücklichen Förderung durch gewisse Zelebritäten, aber im Kulturbetrieb sahen die sich den Blödsinn, und zwar den unfaßbarsten, im Wahne ihres ewigen Trendverpassens immer doch erst wohlwollend an, bevor sie die Daumen kippten.

In diese Verdrossenheit blinkte mein E-Mail-Programm. Eine Wiesbadener Künstlergruppe plante ein Kongreß-Festival über „Strategien und Taktiken für Kunst und soziale Bewegungen“, und sie hatten etwas über Neoismus gelesen: Das ist ganz keck, und da gibt's noch ein paar Leute, und nun schrieben sie mir, baten um ein Stück zur Lage des Neoismus früher in West-Berlin, dem subventionierten Irrenhaus der westlichen Welt. Also gut, man konnte wieder nicht richtig jein sagen und so erzählte ich vom Freunde Stiletto, dem großen Performer. Dabei war Stiletto gar kein Künstler, Stiletto war arbeitsloser Möbelpolsterer, aber er war auf naturwüchsig verschlagene Art jederzeit auch ein Alltagsaktionist und Situationsakrobat. Ich hatte mich mit ihm mal aus Gründen eines dringenden Durstes in irgendein vornehm blödes Restaurant verirrt. Wir standen im gleißenden Licht schicker Lampen, welche haushohe Langusten und ein hocherotisches Dienstpersonal bestrahlten, das uns ignorierte, weil sie bemerkten, Vorsicht!, die zwo neuen Herrschaften, die sind wohl ein bißchen angebraten. Wir blickten uns ratlos einäugig um. Da erfaßte Stiletto die Lage und brüllte plötzlich: „Frollein! Können Se mir mal einen Blasen?“ Und als sich der ganze Saal verschreckt umschaute, nach genialer Pause: „- - Und Nierentee bringen?!“ Sie hatten keinen, also durften wir gehen, und der Witz wurde geklaut. Nun hatten wir Freund Stiletto mal anläßlich eines Neoistenfestivals, wo sie gewöhnlich irgendwelche in Plastikfolie verpackten Peinlichkeiten zelebrierten, solange bearbeitet, bis er einwilligte, eine offizielle Nudel-mit-Tomatensoße-Aktion aufzuführen, wo er beim Essen dann eine Rede hielt, wieso es nämlich habe sein sollen, daß er in der Küche, vorhin beim Kochen, in die Tomatensoße habe wixen müssen. Bumm! Alle saßen sie in Kunststarre da und glotzten 'al dente' den Stiletto an; ein paar kotzten und ein paar freuten sich!

Davon wollte ich auch in Wiesbaden unter dem Titel „Kotzen-Nutzen-Rechnung“ erzählen. Ich war zwar unsicher, ob ich da hin paßte. Ich gehöre zu denen, denen irgendwelche Strategien und Taktiken schnurzegal sind und die, politisch gesehen, ihr Kreuzchen übers ganze Spektrum verteilen, jedesmal ne andere Partei. Da „Neoismus“ aber nun mal ein „Ismus“ ist, oder das zumindest behauptet, dachte ich: Gut, biste jetzt Taktiker und Stratege, fährste hin. Kommste mal wieder raus aus dem Kiez, erlebste mal wieder was! Dieser Strategiebetrieb wird nicht unergiebiger sein als das wundersame Neoismus-Wesen. Haste was zu erzählen, überholste langsam erzählerisch die zu erzählenden Ereignisse mit dem Zug. Man reiste nämlich auf Kongreßkosten mit dem ICE. Dann stieg man in Wiesbaden in einer brutalen Geranienanmache namens „Klee am Park“ ab, wo auch schon wieder neue Anweisungen vorlagen, wie und wann man abends zum Begrüßungs- und Bekanntschaftsfresserchen mit den Kongreßleuten in eine dieser Pizzerien verfrachtet werden würde.

Es blieb Zeit, um sich nach den Reisestrapazen zu erfrischen. Ich sah mich um in der Suite. Sie hatten sich nicht lumpen lassen! Eine nobel parfümierte Absteige. Ich inspizierte die Minibar und beschloß, daraus einen Teil meiner ehrlichen Steuerzahlungen, die jetzt über den Wiesbadener Kulturetat auch den Kongreß subventionierten, wieder in meinen Besitz zu überführen! Aufs erste in Gestalt eines Bocksbeutelchens. Dann knipste man wie üblich die Kiste an und entweihte mit einer Arschbombe die Kissen. Im Bad - welches in etwa so groß war, wie die Wohnung, in der ich mal sechs Jahre zu zweit gewohnt hatte - dröhnte einem die Sanitärpracht eines unter Waschzwang jauchzenden Kräutergartens entgegen, wo reihum schlohweiße, mit Kleeblättern bestickte Frotteevierpfünder an baumstammähnlichen Aufhängungen bammelten, und überall lagen kleine, dicke, flauschige Fußmatten herum, damit man sich beim Pullern die Füßchen nicht verkühlte. Am meisten verblüffte mich die Badewanne, ihre Geräumigkeit ließ vermuten, daß sie nur an Gäste mit Freischwimmer vergeben werden durfte. Darüber ein stattlicher Kran und: drei Paar Wasserhähne! Auf Messingschildern stand: Trinkwasser, Brauchwasser und - Thermalwasser! Jeweils rot und blau. Ich lutschte mal dran: Tatsächlich, leicht salzige Kurtunke, die sie auf vornehme Weise vom Erdinneren bis rauf ins Kleeklo sprudeln ließen. Ich bade sonst nie, aber hier hatte ich sofort den Fimmel: Du warst nie auf Kur, jetzt gehst du sofort mal auf Kur! Die zahlt der Kongreß! Zügig betankte ein armdicker Thermalstrahl den Badebottich und ich plantschte vergnügt mit Badethermometer und Bocksbeutel in dieser dampfenden Sole umher. Prachtvoll! Ich geriet erst in einen Zustand euphorischen, dann matten Wahnsinns. Ich bekam so eine Art Dachschaden der sowohl sedierenden als auch anfachenden Sorte. Als ich dem Zuber entstieg, stand ich krebsrot vor einem Spiegel und entdeckte mit Entsetzen darin mich und ein neuerliches Messingschild, in das sie eine spiegelverkehrte Warnung graviert hatten: „Verehrter Gast! Thermalbäder nicht ohne ärztliche Erlaubnis, nie wärmer als 35 Grad, nicht länger als fünf Minuten!“

Dampfend und altrosa aussehend kroch ich rüber aufs Bidet, hockte wie ein schwitzender Lappen auf dem Klodeckel während sich meine Zunge wie Auslegeware anfühlte. Ich hatte dreißig Minuten in dieser Lauge mariniert und jetzt war klar, warum es ein Badethermometer gab; ich hatte es beim Schiffchenspielen durch nachlaufende Dampfsole zum Schluß auf stolze 46 Grad getrieben! Im Liegen nahm ich ein Beruhigungsbier und fraß eine halbe Platine Aspirintabletten. Dann erwartete man unten die Taxe zum Kennlernfresserchen. An der Rezeption hielt sich ein altgedienter Hotelportier mit Zwitscherblick und überkämmter Glatze bereit. Schwitzend wie ein Gaul hielt ich mich am Tresen fest und fragte harmlos: „Sagen Sie mal, was bewirkt dieses Thermalwasser eigentlich?“ - Er sah mich entsetzt an: „Ist Ihnen schlecht?“ - Also, wenn er mich nun so fragte, war mir natürlich gleich noch schlechter! Um aber ihm und mir Umständlichkeiten zu ersparen, sagte ich: „Nein! Ich will nur mal so allgemein wissen, was das für 'ne Flüssigkeit ist.“ Da beugte er sich rüber und machte ein paar allgemeine Erklärungen: Es seien schon ältere Herrschaften und andere Idioten hier in den Bottichen am Herzkasper verendet, vor allem, weil die beim Baden söffen! - „Nee?“, sah ich ihn entrüstet an! - „Doch!“, beschwor er, und hohe Blutdrücke - hatte ich natürlich! - würden noch höher, während tiefe gewöhnlich weiter absackten. Abschließend behauptete er noch, das Thermalwasser sei leicht radioaktiv!

In solch strahlender Verfassung kutschierte ich mit zwei Kongreßveranstaltern namens Marcus und Renate im Taxi hinaus zum Pizzawirt. Hier begrüßte uns der Moderator Sascha Büttner, ne janz ne jute kölsche Jong, welcher ja morgen mit allen würde möglichst leger plaudern müssen und nun beim Essen und Trinken schon mal ausloten wollte, welch Temperamente uns zugeteilt waren. Und da saß ich nun, fraß leicht verstrahlt eine wortkarge Pizza Tonno mit Schafskäse und begrübelte mühsam, ob's besser wäre, für Herz, Gemüt und Fassade, wenn ich mir hier jetzt einen ansöffe, und wenn ja, womit? Das sah hübsch nachdenklich aus. Äußerlich ließ ich mir nichts anmerken, schwitzte nur stetig. Die müssen sich dennoch gewundert haben: Das ist nun also dieser ulkige Neoist?! In Wahrheit is er wohl ein dumpfer Stoffel. Eine taube Nuß! Sowas soll es geben. Ich spürte diesen Argwohn und versuchte wenigstens ab und an ein blöd verbindliches, an allen Gesprächen interessiertes Grinsen aufzusetzen. Dann hatte ich alles schön aufgegessen und erklärte, daß ich sofort mal wieder heim ins Hotel müsse! Alle waren verblüfft! Ich auch! Unter normalen Umständen gehe ich als letzter! Nun aber schloß ich mich - obwohl's mir ungeheuer peinlich war - dem Referenten Doktor Reinhold Grether an, welcher - nicht so der Säufertyp - zum Glück auch früh zu Bett wollte, damit er anderntags gewisse Theoriepapiere umso bedachter zu rezitieren in der Facon sein würde. Matt lief ich diesem mir völlig fremden Typus des Frühheimkehrers ins Taxi hinterher. Da guckten wieder alle verwundert: Das also soll dieser saufende Berliner Neoist sein?! In Wahrheit ein seniler Bettflüchter! Wir trafen gegen halb zehn im Hotel ein. „Ich leg mich hin“, sagte Grether. - „Ich auch.“ Ich legte mich vor den Fernseher. Dann stand ich immer mal auf und kotzte. Grün-Kotzen in Wies-Baden, im „Klee am Park“! Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich erwog, ob ich, als Gegengift, nochmal so ein strategisch und taktisch gesetztes Extrembad nehmen sollte, aber sie hatten die unberechenbare Lauge, wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen, bereits seit neun abgedreht.

Erschlagen und fiebrig zugleich spukte ich entgeistert die Nacht in meiner Suite herum. Um etwas Besinnung zu erlangen, trat ich gegen fünf Uhr früh einen elenden Latsch durchs geranienverhangene Wiesbaden an. Aber es half nichts. Mit solcher Gemütsfärbung, also doof bis halbtot, hockte man dann sechzehn Uhr nachmittags im Vortragssaal. Dann saß man mattrosa da und wartete aufs Startsignal. Auch war eine Verena Kuni eingetroffen, welche ebenfalls auf der Referentenliste stand, und welche ein wenig ratlos auf mich zutrat und, während wir uns schüttelten, zugab: „Ich kenne Dich gar nicht!“ - „Das macht gar nichts“, sagte ich, „ich kenne Dich doch auch nicht!“ Erleichtert ließen wir uns fortan in Ruhe. Derweil stritten sich im Bereich des Zentralgeschehens der Moderator Sascha Büttner und ein wichtig wirkender Hugenotte um allerhand Detailquatsch. Durch das Gezänk stellte - oder sollte sich herausstellen, daß er der Direktor des Museums war, in dem der Kongreß stattfand. Als ich etwas lauter: Wozu man für sowas hier denn einen Direktor brauche?, ins Auditorium sprach, sahen mich alle ganz erschrocken an. Ich erschrak ebenfalls und schlich zurück an den Rand, wo ich arg bedauerte. Es war scheißegal: Ich würde hier in Wiesbaden eben den kranken Kurgast geben, der Moderator würde zum Erstaunen des Publikums einen sprachlosen Schwitzer über seine Redezeit bugsieren und das Publikum würde eine neuerliche Niete kennenlernen. Alles nichts Ungewöhnliches! Und dann Feierabend! - Ich hatte es so gewollt! Ich wollte ja partout kein Stratege sein! Lieber wieder scheitern.

Doch plötzlich leuchtete in meiner inneren Ödnis ein geradezu gnostisches Fünklein auf! Moderator Sascha hatte mir an diesem desolaten Vorabend irgendwann erzählt, daß es im Museum im Café den berühmten ungarischen „Zwack Unicum“-Kräuterlikör gäbe, der übrigens auch in Neoistenkreisen traditionell geschätzt wird. Auf dieses Thema war ich prompt mit aufgesprungen! Vorübergehend geöffnet, hatte ich mit ihm eine kurze Strecke blitzgescheite Gespräche geführt, war dann allerdings schnell wieder weggeknickt; er wunderte sich kurz, fragte, ob es mir gut ginge und unterhielt sich, als ich gnadenlos bejahte, lieber mit wem anders weiter. Ich schlich also, da sich alles Kongreßtechnische und Mitmenschliche so endlos hinzog, fort ins Museumscafé, kaufte drei 'Zack Unicum' und einen 'Kümmerling' und soff alle vier unverzüglich, Stück um Stück, auf dem verriegelten Herrenklo, damit keine unnötige Besorgnis bei den Veranstaltern aufkommen konnte. Die Wirkung dieser Erfrischung war kolossal. An meinem Auftritt konnte sowieso nichts weiter vermatscht werden. Aber siehe da, mein Blutdruck regulierte sich, mein Geist frischte auf und da bekam ich dann doch noch eine recht gesunde Darbietung hin. Der Moderator setzte die Vermutung in die Öffentlichkeit, der Alkohol spiele eine gewisse Rolle im Neoismus. Ich erwiderte charmant, das könne man so nicht sagen. Und Schluß!

Hurtig wiesen sie mir die dreihundert Meter Fußweg zum Bahnhof und ich eilte zurück nach Berlin, denn ich hatte an diesem Abend schon wieder Verabredung auf ein Arbeitsessen. Was langsam ungemütlich wurde. Ständig muß irgendwas beim Essen besprochen werden, nur weil man Neoist ist. Wir hockten in einem gehobenen Berlin-Mitte-Imbiß und plötzlich gingen drüben in Kreuzberg eine Rakete hoch! Der SV Yesilyurt hatte beim Endspiel des Berliner Paul-Rusch-Pokal die TeBe-Oberligamannschaft mit eins zu null besiegt. Na gut! Meine Tischdame unter den Arbeitsesserinnen hatte es mir besonders angetan. Ich bot mich an, sie mit der Droschke daheim abzusetzten; wir entschlossen uns dann aber beide angesoffen noch eine Rentnerkneipe zwischen SPD-Haus und Jüdischem Museumszickzack im westlichen Kreuzberg aufzusuchen. Eine köstliche Stimmung dort! Mit Auffordern und Abklatschen betanzten ein paar Zahnlose aktuelle Schlager. Ein gutes Dutzend beladener Menschen war entschlossen zu feiern und seine Sozialhilfeschreie auf Morgen zu verschieben. Während ich beim Ententanz meiner Tischdame großspurig vom Auftritt in Wiesbaden erzählte, betraten ganz unerwartet drei junge Männer die Gaststätte und befahlen allen, sich auf den Boden zu legen. Man tat dies sofort wegen ihrer Masken und Revolver. Nun schlug einer von den dreien mit dem Brecheisen auf einen leider sehr störrischen Geldspielautomaten ein. Das steigerte den Zorn der drei. Der zweite Mann begann am anderen Ende der Kneipe Einzelbetreuungen vorzunehmen, indem er den Liegenden nach und nach und besonders intensiv auch der Wirtin seinen Adidas-Turnschuh in den Leib trat und einen jeden aufforderte: „Geld! Oder isch leg eusch um!“ Der dritte Mann stand in der Mitte, hielt mit einem verchromten Riesenpüster alle übrigen in Schach und brüllte sehr hysterisch, weil er am wenigsten zu tun hatte und voller Ungeduld mitansah, wie der erste Mann weiter erfolglos auf diesen Spielautomaten einschlug. Dann kam ich an die Reihe. Der Einzelbetreuer trat einsatzfreudig auf mir herum und ich übergab ihm meine Kongreßgage, wofür er sich mit „Scheiß deutsche Faschistenschwein!“ bedankte. Ich kroch zurück unter eine Bank, hatte gerade meine dritte Sterbeszene seit gestern überlebt und dachte: Mich kriegt irgendwie keiner tot!

Dann gab der Spielautomat nach, die Front flog auf, wobei Plastikschalen mit Geldstücken auf den Boden fielen. Meine Begleiterin wurde aufgefordert krauchend Münzen einzusammeln. Dabei trieb sie der Mann mit dem verchromten Revolver zur Eile an, indem er „Schnell, deutsche Nutte!“ und ihr in den Arsch tretend „Fotze!“ sprach. Da lag man nun - gottlob angesoffen! - unterm Tisch und schaute herzlos zu, wie drei miese Metöken die mir zugeteilte Tischdame entehrten. Unter den Stühlen klebten jede Menge Kaugummis, die man sonst nicht so bemerkte. Und dann standen alle langsam wieder auf, setzten sich aber gleich wieder hin und saßen nun da, wie alle blöden Opfer hinterher immer dasitzen. Fassungslos und lächerlich. Und dann kam man langsam in Rage, forderte Bewaffnung für Unbescholtene (ich nur Bewaffnung für Unbescholtene mit Hochschulreife) und Todesstrafe! „Ich knall die ab!“ kreischte ein Gasttrinker arabischer Herkunft: „Die scheiß Kanacken!“ Sie hatten ihm einen Ring abgezogen, an dem angeblich irgendwie die Ehre seiner Familie klebte. Ich mußte kichern. Meine Tischdame heulte vor Wut. Dann traf ein hilflos umhertappendes Polizistenpärchen in Plusterkleidung aus 'Goretex' ein und füllte mit uns Fragebogen mit drei Durchschlägen aus. Das beruhigte alle ein wenig. Als ich eine Anzeige wegen Inländerfeindlichkeit machen mochte, bedauerten beide, so etwas gäbe es so nicht. Na gut, da gehen wir eben alle mal nach Hause!

Man soll auch nicht alles so ernst nehmen im Leben! Morgens früh erst komme ich nach Hause, da steht auf einem Zettel: „Wiesbaden hat sich gemeldet, sie wollen Dein Honorar zurück wegen Betrug, Plagiat und Hochstapelei.“ Ich dachte: Jetzt wird's happig! Es ist immer schön, wenn man Steilvorlagen für die eigene Legendenfabrikation kriegt, und nun gleich mit den klassischen Neoismus-Attributen? Zuviel der Ehre!

cantsin {AT} neoism.net —

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