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WND / INTERNET Charaktermaske Kurator
Charaktermaske Kurator
Das Leben von Kuratoren ist genau wie das Leben anderer Menschen ein Kampf ums Dasein, weshalb es als Prozess der Anpassung beschrieben werden kann. Kuratoren führen ein geregeltes Leben, ihr "Erfolg" lässt sich an Teint, Taille und Tantiemen ablesen.
Die Entwicklung zum Kurator stellt einen Prozess der Auslese von Konventionen dar. Die in der Kunstszene von Kuratoren-Charaktermasken erzielten Karrieren können auf einen selbsterzwungenen Anpassungsprozess gegenüber ihrer Umwelt zurückgeführt werden, der mit dem Wandel der Institutionen kaum Schritt hielt. Die Kunstinstitutionen sind zwar das Ergebnis eines selbsterzwungenen Anpassungsprozesses, der die vorherrschende Geisteshaltung und die ästhetischen Neigungen von Kuratoren prägt, aber sie stellen zugleich Mittel zur Ausgestaltung von Diskursen bereit. Sie sind somit selbst wichtige Faktoren im Ausleseprozess des Kurators. Die konformistischen Institutionen - Zwiebelringe aus Eitelkeiten und Intrigen - begünstigen die Auswahl konformistischer Künstler sowie eine kulturelle Nivellierung von Produktion und Rezeption, und zwar durch die Bildung von Geschmacksinstanzen.
Man kann die Faktoren, welche die Entwicklung des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens prägen, direkt auf die materielle Umwelt zurückführen. Im Laufe des kulturellen Prozesses werden affirmative Variationen bewahrt und problematisierende ausgeschaltet, um sicher zu gehen, dass exakt die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit wieder gemacht werden können. Die große Auswahl an Variationen kommt einer Bewahrung bestimmter kultureller Typen gleich. Man kann in jeder Gesellschaft die Beobachtung machen, dass im Hinblick auf Anpassungsfähigkeit der hybride und libidinöse Typus dominiert. Die Kunstinstitutionen pflegen die Herrschaft des angepassten Typus zu begünstigen. Dessen Aufgabe würde eigentlich darin bestehen, die Institution weiterzuentwickeln statt in gewohnter Weise zu umarmen.
Die Institutionen müssten sich wandeln, weil sie kulturelle Instrumente sind, mit deren Hilfe gewohnheitsmäßig auf Reize reagiert wird, die von den sich jeweils wandelnden gesellschaftlichen Umständen ausgehen. Die Entwicklung der Institutionen sollte im idealen Fall identisch mit der Entwicklung der Gesellschaft sein. Die Museen stellen in erster Linie weitverbreitete Denkgewohnheiten aus, die besondere Beziehungen und Funktionen des Künstlers innerhalb des Marktes betreffen. Die aktuelle gesellschaftliche Situation bildet und prägt die Institutionen mittels Harmlosigkeit, indem sie das geschichtlich übermittelte tote Neuronengewicht geistiger Haltungen verstärkt. So werden Institutionen zu Zeugen eines obsoleten Prozesses, der nach altem Mann unterm Arm riecht, angepasst an den Erfordernissen der Gegenwart. Es ist trostlos, dass der Prozess des Affirmativen nie mit der progressiv sich wandelnden Situation mitkommt, in der sich eine aufgeklärte Gesellschaft jeweils befindet.
Denkgewohnheiten besitzen ein großes Beharrungsvermögen, wenn sie nicht zur Veränderung gezwungen werden. Die aus der Vergangenheit übernommenen Denkgewohnheiten, die geistigen Haltungen und Neigungen stellen also selbst konservative Faktoren dar, Faktoren einer gesellschaftlichen und psychologischen Trägheit. Konservativismus ist ein pathologischer Zustand, gewissermaßen der Schmerz, der uns vor Müßiggang warnt.
Das Soziale verändert und entwickelt sich, passt sich einer veränderten Situation durch einen Wandel in den Denkkategorien an, also durch eine Veränderung in der Wahrnehmung. Die soziale Entwicklung stellt einen Prozess geistiger Anpassung unter dem Druck der Verhältnisse dar, der bestimmte Missstände nicht länger akzeptabel macht. Der soziale Fortschritt bedeutet vor allem eine andauernde Annäherung der inneren an die äußeren Verhältnisse. Eine Veränderung der Denkgewohnheiten geht zögernd und widerwillig vor sich und kommt nur unter Zwang zustande, welcher die bestehenden Ansichten als untragbar erscheinen lässt.
Die Veränderung von Kunstinstitutionen geschieht nur auf Druck von außen. Sie hängst zunächst einmal vom Grad der geistigen Freiheit der jeweiligen InstitutionsleiterInnen? ab. Weil die Bildenden Künste von der Elite der Gesellschaft gegen die Einflüsse sozialer Veränderungen abgeschirmt werden, benötigen sie mehr Zeit, um sich der veränderten Situation anzupassen. Kunstinstitutionen neigen dazu, den Prozess des gesellschaftlichen Wandels zu verzögern. Jede Gesellschaftsschicht wird von materiellen und ökonomischen Mechanismen gesteuert. Die heutigen Papierpalisaden von Bildungsgut und Forschung dienen in der Regel nur noch dazu, den sogenannten gesellschaftlichen Fortschritt in Kontakt mit dem Materialismus zu halten. Die zu diesem Zweck entwickelten Methoden dienen der Gewohnheit, das Leben kulturell zu erleichtern.
Die Veränderung des Sozialen könnte das Leben in der Gesellschaft in seiner Gesamtheit verbessern, doch die Auseinandersetzung mit dieser sozialen Veränderung würde für die Kultur eine Verschlechterung bedeuten. Ein Wandel der sozialen Ordnung verlangt von der Kultur, dass sie ihre Gewohnheiten ändert. Jede Kunstinstitution, die zur Veränderung ihres Programms und ihrer Inhalte gezwungen wird, nimmt die Diskrepanz zwischen Progression und Tradition deutlich wahr. Diejenigen, die an den Veränderungen des Sozialen interessiert sind, werden den Wunsch nach Erneuerung verspüren und sich am leichtesten von der Notwendigkeit neuer Inhalte überzeugen lassen. Die finanzielle Lage der öffentlichen Hand müsste eigentlich eine Anpassung des Programms an soziale Inhalte erzwingen, doch das Gegenteil ist der Fall. Die Entwicklung der Kunstinstitutionen zu Freizeitanlagen resultiert aus der Ansicht, dass sich eine geistige Veränderung nur mit materiellen Vorraussetzungen umsetzen lässt oder aber an ihrer Abwesenheit scheitert.
Jede inhaltliche Neuorientierung der Institutionen tritt verzögernd oder verspätet ein. Der konservative Schritt der Wiederannäherung an tradierte Werte und Begriffe ist viel einfacher. Dies gilt vor allem für jene Institutionen, die nicht von einem neuen kuratorischen Typus getragen werden, dessen kulturelles Temperament den alten Standpunkten fremd ist. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die KuratorInnen? aufgrund ihrer privilegierten Stellung am wenigsten empfänglich für Veränderungen zeigen. Von Kunstinstitutions-LeiterInnen wird nicht erwartet, dass sie ihre kuratorische Praxis ändern und den Diskurs den sozialen Veränderungen anpassen, da sie ja nicht einen organischen Bestandteil der sozialen Gesellschaft bilden. Soziale Veränderungen erzeugen bei den Mitgliedern dieser elitären Klasse nur schwer einen Grad inhaltlicher Unbehaglichkeit gegenüber tradierten musealen Prinzipien. Die Aufgabe dieser Elite in der kulturellen Entwicklung besteht darin, eine nach öffentlicher Akzeptanz drängende Gegenbewegung zu verhindern und das Obsolete zu bewahren. Diese Elite ist nicht daran interessiert, eine Aussage über den Standort der zeitgenössischen Kunst in der sozialen Entwicklung zu machen. Die KuratorInnen? haben es sich im institutionellen Komfort ihres eigenen Scheiterns und Verfalls bequem gemacht.
Die konservative Haltung setzt allen Neuerungen Widerstand entgegen, weil sie ein alterworbenes Interesse asozialer Art am Fortbestehen des historisch Bewährten hat. Der Widerstand, den sie Veränderungen im kulturellen Sozialplan entgegensetzt, ist instinktiv und beruht auf der Wahrung materieller und symbolischer Vorteile. Jede Veränderung in den Arbeits- und Denkgewohnheiten ist lästig. Die konservative Haltung der kulturellen Elite liegt so offen da, dass sie sich mit der Zeit zu einem Merkmal der Ehrbarkeit entwickelte und einen dekorativen Wert erwarb. Der Umstand, dass die Ideen und Konzepte der High Culture den Charakter von Verhaltensvorschriften für die gesamte Kunstgemeinde annehmen, gibt dem konservativen Einfluss ein zusätzliches Gewicht und eine zusätzliche Reichweite bis in die Kunsthochschulen hinein. Der verzögernde Einfluss des Konservativisimus auf den Kunstbegriff ist überproportional im Verhältnis zur zahlenmäßigen Stärke mündiger KünstlerInnen. Liebe KünstlerInnen, aufgepasst: Wie in der Jakobinertragödie braucht die Frucht das Bewusstsein des Verlustes, um überleben zu können.
Wenn eine geplante Reform eine völlige Neugestaltung einer Institution bedingt, so ergibt sich daraus eine erhebliche Störung des ganzen Kunstsystems. Um sich der Schwierigkeit bewusst zu werden, die eine solche Veränderung mit sich bringt, sollte man sich die Diskussionen um die Ausstellung "German Open" im Kunstmuseum Wolfsburg vergegenwärtigen. Die Abneigung gegenüber der Erneuerung scheint in der Furcht vor einem fremden Diskurs zu gründen. Die Veränderung der kunsthistorischen Paradigmen erfordert eine intellektuelle Anstrengung, ein mehr oder weniger Bemühen, um unter veränderten Bedingungen wiederum einen Platz im Oberhaus der Institutionen zu finden und zu bewahren. Daraus folgt, dass geistige Unterernährung den Fortschritt nicht weniger hemmt als ein luxuriöses Museumsleben, das aus Mangel an Gelegenheit die mentale Unzufriedenheit nicht kennt.
Die freien Ausstellungsräume und all jene freien Kuratoren von der Stange, deren Energie im täglichen Kampf um Aufmerksamkeit vollständig aufgezehrt wird, sind konservativ, weil sie die Energieleistung nicht aufbringen können, über Morgen nachzudenken. Die kulturelle Elite ist deshalb konservativ, weil sie nie Gelegenheit hat, mit dem Status quo unzufrieden zu sein. Aus alledem können wir den Schluss ziehen, dass Institutionen dazu beitragen, die Stegreif-Chamäleons-KuratorInnen konservativ zu halten, indem sie ihre Energie verringern, bis sie in der Regel nach drei bis vier Jahren von der Bildfläche verschwunden sind.
Die Oberliga der Kunst legt die Prestigeregeln fest und fördert dadurch den demonstrativen Konsum. Die akzeptierten kulturellen Bewegungsmuster hemmen die kulturelle Entwicklung unmittelbar durch ihre eigene Unbeweglichkeit, durch ihr verbindliches und allgemein akzeptiertes Beispiel der demonstrativen Verschwendung und durch ihre konservative Haltung. Dazu kommt, dass die Protagonisten das materielle Interesse haben, die Dinge so zu belassen wie sie sind. Jedes Abweichen von der bestehenden Ordnung kann nur zu ihrem Nachteil sein. Wenn es um das eigene Schicksal geht, ist die Kurzsichtigkeit grenzenlos.
Unsere Generation wurde erwachsen, nur um die alten Stereotypen zu erfüllen. Warum dann die jahrelange Erziehung? Warum überhaupt eine Ausbildung? Warum Bücher lesen und versuchen, die Dinge neu zu verstehen, wenn am Ende alles beim alten bleibt?
Dank: Florian Waldvogel.
-- TWikiGuest - 10 Jun 2005
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