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WBR > NetzkunstVersion1Beta r2 - 04 Jun 2004 - 14:31:29 - SaschaBuettner
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Netzkunst, Version 1.0 beta
01
Netzkunst ist zwischen Netzkritik und Netzwissenschaft angesiedelt.
Netzkunst kann ohne Netzwerk (egal ob off- oder online) nicht existieren.
Netzkunst (er)schafft, erforscht, bearbeitet bzw. zerstört Netz(Werke).
Dazu erfindet bzw. nutzt der Künstler/die Künstlerin Ausdrücke, Sprachen, Codes und Bezeichnungen.Netzkunst beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen den Elementen und Bedingungen des Netz(Werk)s.

Beispiel:
an einem Ort X findet ein Ereignis statt, welches ins Internet gestreamt wird: der Künstler/die Künstlerin wird sich mit den in der Streamingsoftware enthaltenen Codes beschäftigen, mit den Bezeichnungen/Ausdrücken/Sprachen des Ereignisses selbst, dem Ort, der Bildsprache, der akustischen Wahrnehmung, der Distributionswege, der Besitzverhältnisse, der Zeitverschiebungen, der optischen Bedingungen, der gesellschaftlichen Bedingungen, der ökonomischen Bedingungen, der Adressaten, der Interpreten, der Veranstalter, ...

02 Technik (Streaming Media) benötigt Spezialisten: für Akustik, Optik,
Software, Hardware, Distribution, Verwaltung, Interpretation,
Programmierung,....und für das Vernetzen der Spezialisten an sich: den Künstler/die Künstlerin. Es wäre jedoch töricht zu meinen, Netzkunst habe nur etwas mit "vernetzen" zu tun.

03
Um Kunst im Netz und Netzkunst zu unterscheiden merke Dir:
Netzkunst bringt nicht den Browser zum zappeln sondern das Netz zum wackeln

04
Streaming Media fällt hinter die Videokunst/Fernsehen zurück, wenn damit die "live" Übertragung eines Ereignisses via Internet gemeint ist. Kein Medium ist nun einmal so "live" wie das LIFE. Es ist eine ideologische Verdrehung zu meinen, dass Netz wäre authentischer als bsp. Fotografie. - media is message.


05
Eine weitere wirklich gefährliche Illusion ist, in diesem Zusammenhang das (Inter)Netz außerhalb der Gesellschaft definieren zu wollen - als Freiraum oder noch schlimmer: zu erwarten das durch das Internet die Gesellschaft sozusagen "ästhetisch"/esoterisch revolutioniert werden könnte. Damit wären wir wieder beim deutschen Idealismus / der Kunstgeschichte.

06
Gerade die physische Struktur des Netzes ( Speichermedien, Übertragungswege etc. ) bestimmen heute dessen ästhetische Ausdruckformen ( HTML, JAVA....etc)

07
Kunstproduktion hing schon immer an der Auseinandersetzung mit dem Material - insofern kann es Kunst im Netz geben, die durchaus nichts mit Netz(Werk)en bzw. Netzkunst zu tun hat.

08
Die Übertragung von Maschinensprache auf gesellschaftliche Abläufe/Apperzeption ( genetischer Code - Computer Code - System Theorie ) ist bestenfalls sprachliche Unbeholfenheit, wenn nicht sogar konservative Kacke.

09
Denk immer daran: Erst der Interpreter macht das Ereignis.


10
Netzkunst bedeutet klar und verständlich in jeder Kommunikationssituation zu agieren. Es gilt nicht, Bedeutungen und Beziehungsgeflechte zu verstecken, sondern das Konzept "unsichtbare Hirachien" zu liquidieren.

11
In der Netzkunst gibt es weder "KünstlerInnen" noch "PhilosophInnen", "Intelektuelle", "KritikerInnen". Dies bedeutet Beweglichkeit und widersetzt sich Klassifikationen und Zwängen eines stabilen, trägen (Zwangs)System.

12
Netzkunst bedeutet permanente Selbstkontrolle bei jeder Handlung, durch Exponieren und Bearbeiten der Arbeitbedingungen und Machtstrukturen vor einem selbst und dem Publikum, durch exakte Analyse der situation des konkreten Projektsund ein Aufzeigen der Abhängigkeitsverhältnisse, ohne jedoch dieses Bewusstsein eines Prozesses zur blossen Stilübung werden zu lassen.

13
Ein wesentlicher Zug der Netzkunst ist ihre mündliche und schriftliche Tradition, die mit anderen Translationsformen, Methoden und Möglichkeiten, im kulturellen Gedächtnis aufzuscheinen, verbunden ist. Man kann sagen, dass Netzkunst ausgetauscht wird wie Geschenke. Sie gehört all jenen, die sich ihrer bedienen. Sie existiert jenseits von AutorInnenschaft und Genre-Fixiertheit.

14
Identität, als Annahme bei gleichzeitiger Ablehnung der Identität oder gesellschaftlichen Rolle, als taktisches Gebilde der Netzkunst, das nicht essentialistisch gedacht wird, sondern als Konstruktion von Partikularitäten politisch handlungsfähig macht - Gayatari C. Spivak spricht von "strategischem Essentialismus", Juliane Rebentisch von einem "strategischen Provisorium" -, kann sich sehr schnell in fesselnde Fixiertheit wandeln. Allgemein gesprochen ist Netzkunst jedoch nicht für oder gegen das "Individuum" gerichtet, sondern sie ist eher Kampf gegen das, was Foucault "Regieren durch Individualisieren" nennt.

15
Es gilt nicht zu vergessen, dass Netzkunst mit Figuren wie Selbstbefragung und Kontemplation nicht vereinbar ist. Netzkunst ist immer Angriff, Einfall, Eindringen in feindliche Territorien mit dem Ziel der Eroberung. Es geht auch nicht darum, Plätze oder Positionen zu erkämpfen, sondern Veränderung kann nur dann eintreten, wenn die Umstände, unter denen die Vergabe von Positionen stattfindet, bearbeitet werden. Netzkunst ist also die Kunst des Krieges, die Kunst des Widerstandes, der Invasion und der Abtrennung.
Handlungsfähige künstlerische Praktiken basieren in ihren kriegerischen Strategien auf der Präsenz von Vielheiten, Tonalität, Kontextualität und Nicht-Adäquatheit. Netzkunst baut keine Festungen oder ewigwährende Institutionen, ist aber genausowenig Fastfood oder Papiertaschentuch: Netzkunst ist das Aufblitzen eines Säbels, ein direkter Blick, ein ausströmendes Aroma, eine unversöhnliche Umarmung.

Sascha Buettner

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